Der Architekt des Sultans

Elif Shafak

Ein Junge, sein Elefant und der größte Architekt des Osmanischen Reichs. Elif Shafak lässt eine farbenprächtige Zeit voller Geheimnisse und Gefahren aufleben, in der Istanbul der kulturelle Mittelpunkt der Welt war.

Es ist einfacher, eine Brücke einzureißen, als eine zu bauen. Istanbul im 16. Jahrhundert. Es ist die Blütezeit des Osmanischen Reichs, die Stadt das wimmelnde Zentrum des Orients, als Jahan auf einem Schiff im Hafen anlegt. Aus dem fernen Indien angereist, führt er einen weißen Elefanten mit sich, ein Geschenk seines Schahs für die Menagerie des Sultanspalasts. So beginnt ein episches Abenteuer, in dem sich der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Junge plötzlich im Herzen des mächtigen Reichs wiederfindet, inmitten des Prunks und des Reichtums. Ihm begegnen hinterlistige Höflinge, falsche Freunde, Zigeuner, Tierbändiger und die schöne Prinzessin Mihrimah. Doch es ist die Begegnung mit dem Hofarchitekten Sinan – dem berühmtesten Baumeister der islamischen Welt –, welche Jahans Schicksal für immer verändern wird. Gemeinsam bauen sie Moscheen und Paläste, Mausoleen und Aquädukte, die alle Zeiten überdauern sollen. Doch hinter Jahans neuem Glück lauern Intrigen und Kriege, deren Zerstörungswut größer scheint als alles Bestreben, Neues zu schaffen.

Format

  • Elif Shafak – Der Architekt des Sultans
    Roman

    Original: The Architect's Apprentice

    Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm, 656 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5715-9

    24,90 EUR

  • Elif Shafak – Der Architekt des Sultans
    Roman

    Original: The Architect's Apprentice

    Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
    eBook
    600 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9301-0

    19,99 EUR

Leseprobe

Von allen Menschen, die Gott erschuf und Schaitan auf Abwege führte, haben nur wenige den Mittelpunkt des Universums entdeckt, wo es weder Gut noch Böse gibt, keine Vergangenheit und keine Zukunft, kein »Ich« und kein »Du«, keinen Krieg und keinen Grund, Krieg zu führen, sondern nur ein unendliches Meer der Ruhe. Was diese wenigen dort fanden, war so schön, dass sie die Gabe des Sprechens verloren.
Die Engel empfanden Mitleid mit ihnen und ließen ihnen die Wahl. Wollten sie ihre Stimme wiederhaben, müssten sie alles Gesehene vergessen, und tief in ihrem Herzen bliebe ein Gefühl des Mangels. Zögen sie es aber vor, das Schöne im Gedächtnis zu behalten, würde ihr Geist so verwirrt, dass sie Wahrheit und Trug niemals mehr unterscheiden könnten. So kehrten von der Handvoll Menschen, die auf diesen geheimen, in keiner Landkarte verzeichneten Ort gestoßen waren, die einen mit der Sehnsucht nach etwas zurück, das sie selbst nicht kannten, die anderen aber mit unzähligen Fragen. Der, welcher sich nach Vollständigkeit sehnte, wurde ein »Liebender« genannt, derjenige, der nach Wissen strebte, ein »Lernender«.
Dies pflegte Meister Sinan uns, seinen vier Schülern, zu erzählen. Er sah uns dabei eindringlich an, den Kopf geneigt, als wollte er direkt in unsere Seelen schauen. Ich wusste, dass ich selbstgefällig war und Selbstgefälligkeit einem einfachen Jungen nicht anstand, doch immer wenn mein Meister diese Geschichte erzählte, glaubte ich, seine Worte seien eher an mich als an die anderen gerichtet. Auf meinem Gesicht ruhte sein Auge immer ein Weilchen länger, als würde er etwas von mir erwarten. Dann senkte ich den Blick aus Angst, ihn zu enttäuschen, aus Angst vor dem, was ich ihm nicht geben konnte, obwohl ich nie herausfand, was das war. Ich frage mich, was er in meinen Augen erkannte. Wusste er damals schon, dass ich im Lernen alle übertreffen, in der Liebe aber ungeschickt sein und kläglich versagen würde?
Könnte ich nur in der Rückschau behaupten, ich hätte ebenso sehr zu lieben gelernt wie das Lernen geliebt! Doch wenn ich lüge, erwartet mich vielleicht morgen ein glühender Kessel in der Hölle, und wer sichert mir zu, dass mein Morgen nicht schon ganz nah ist? Alt wie ein Eichbaum bin ich und noch immer nicht dem Grab übergeben.
Wir waren zu sechst: der Meister, seine Schüler und der weiße Elefant. Wir bauten alles gemeinsam. Moscheen, Brücken, Medresen, Karawansereien, Armenhäuser, Aquädukte … Das ist so lange her, dass mein Gedächtnis die härtesten Züge weich macht, die Erinnerungen zu flüssigem Schmerz schmelzen lässt. Doch was ich in Gedanken an jene Tage sehe, wurde vielleicht auch erst später gezeichnet, um die Schuld zu mindern, diese Gesichter vergessen zu haben. An unsere Versprechen aber erinnere ich mich, an jedes einzelne; keines von ihnen konnten wir halten. Seltsam, dass sich Gesichter verflüchtigen, obwohl sie fest und sichtbar sind, während die Worte, aus Atem gemacht, bleiben.
Sie sind verschwunden, einer nach dem anderen. Warum sie zugrunde gingen, während ich, ein Greis, noch immer lebe, weiß nur Gott allein. Ich denke jeden Tag an Istanbul. In ebendiesem Augenblick gehen die Menschen durch die Höfe der Moscheen und wissen nicht und sehen nicht. Wahrscheinlich glauben sie, die Bauten rings um sie stammten aus Noahs Zeiten, doch so ist es nicht. Wir haben sie errichtet: Muslime und Christen, Handwerker und Sklaven, Mensch und Tier, Tag für Tag. Aber Istanbul ist eine Stadt, die schnell vergisst. Dort ist alles in Wasser geschrieben; nur die Werke meines Meisters, die sind in Stein geschrieben.
Unter einem Stein habe ich ein Geheimnis begraben. Viel Zeit ist vergangen, und doch ist es bestimmt noch da und wartet auf seine Entdeckung. Ob es jemals gefunden wird? Und wenn es einer findet, wird er es verstehen? Das weiß niemand zu sagen, aber am Fuße eines der Bauwerke von den Hunderten, die mein Meister errichtet hat, verbirgt sich der Mittelpunkt des Universums.

                                                                                                                                Agra, Indien, 1632

 

                                                                ISTANBUL, 22. DEZEMBER 1574
Nach Mitternacht ertönte in den Tiefen der Dunkelheit ein grimmiges Knurren. Er wusste sofort, dass es von der größten Katze im Sultanspalast kam, einem Kaspischen Tiger mit bernsteingelben Augen und goldenem Fell. Sein Herz klopfte heftig, während er überlegte, was oder wer das Tier aufgestört haben könnte. Zu solch später Stunde schlief alles tief und fest – die Menschen, die Tiere, der Dschinn. Auf den Beinen war zu dieser Zeit in der Stadt der sieben Hügel außer den Wächtern auf ihren Runden durch die Straßen nur mehr, wer betete oder sündigte.
Und Jahan, denn er saß bei der Arbeit.
»Die Arbeit ist unser Gebet«, sagte sein Meister oft.
»Durch die Arbeit sprechen wir mit Gott.«
»Und wie spricht Gott mit uns?«, hatte Jahan einmal gefragt, als er noch viel jünger war.
»Indem er uns immer neue Arbeit gibt.«
Wenn das stimmte, dann knüpfte er gerade eine recht enge Verbindung mit dem Allmächtigen; schließlich schuftete er doppelt so schwer, übte nicht einen Beruf aus, sondern zwei, war Elefantenführer und Bauzeichner. Zwei Künsten ging er nach, doch er hatte nur einen Lehrer, den er achtete, bewunderte und insgeheim übertreffen wollte. Sein Meister war Sinan, der Hofarchitekt.
Sinan hatte Hunderte von Schülern, Tausende von Arbeitern und noch weit mehr Anhänger und Gefolgsleute, aber nur vier Schüler, die ihn ständig begleiten durften. Jahan war stolz, einer von ihnen zu sein, stolz, aber auch verwirrt. Der Meister hatte ihn erwählt, einen gewöhnlichen Diener, einen kleinen Elefantenführer, obwohl in der Palastschule mehr als genug begabte Anfänger saßen. Dieses Wissen stärkte nicht etwa sein Selbstvertrauen, sondern erfüllte ihn mit Sorge. Es quälte ihn, dass er den einzigen Menschen in seinem Leben, der an ihn glaubte, enttäuschen könnte.
Sein nächster Auftrag war der Entwurf eines hamam. Der Meister hatte klare Vorgaben gemacht: ein erhöhtes Marmorbecken, von unten beheizt, Röhren in den Wänden, durch die der Rauch abziehen konnte, eine Trompenkuppel, zwei Eingänge von zwei verschiedenen Straßen, damit sich Männer und Frauen nicht begegneten. Das war es, womit sich Jahan in dieser verhängnisvollen Nacht an einem roh gezimmerten Tisch in seiner Hütte in der Menagerie des Sultans beschäftigte.
Er lehnte sich zurück und betrachtete missfällig den Entwurf. Er fand ihn unelegant, ohne Grazie und Harmonie. Wie immer war es viel einfacher gewesen, den Grundriss zu entwerfen, als die Kuppel zu zeichnen. Er zählte nun schon über vierzig Jahre – so viele wie Mohammed, als er Prophet wurde – und beherrschte sein Handwerk, aber noch immer hätte er lieber mit bloßen Händen Fundamente ausgehoben, als sich mit Decken und Gewölben abzugeben. Am liebsten hätte er sie ganz weggelassen – könnten die Menschen doch nur offen und furchtlos unter dem freien Himmel wohnen, die Sterne betrachtend und von ihnen bewacht, ohne etwas verbergen zu müssen!
Verdrossen setzte er zu einer neuen Skizze an – das Papier hatte er den Palastschreibern stibitzt –, als er den Tiger wieder hörte. Er hielt inne, verharrte mit gerecktem Kinn und lauschte. Es klang, als wollte das Tier einen Feind auf unmissverständliche, schaurige Weise vor dem Näherkommen warnen.
Leise öffnete er die Tür und starrte in die Finsternis. Wieder ertönte ein Fauchen, nicht ganz so laut wie zuvor, aber nicht weniger bedrohlich. Und plötzlich waren alle Tiere in heller Aufregung. Der Papagei krächzte im Dunkeln, das Nashorn plärrte, der Bär brummte wütend dagegen an. Ganz in der Nähe brüllte der Löwe auf und wurde sofort vom Leoparden niedergezischt. Weiter hinten klopften die verängstigten Kaninchen ohne Unterlass hektisch mit den Hinterläufen. Die Affen machten mit ihrem Gekreisch ein Getöse wie ein ganzes Bataillon, obwohl sie nur zu fünft waren. Nun begannen auch die Pferde in den Stallungen zu wiehern und mit den Hufen zu scharren. Inmitten des Aufruhrs hörte Jahan kurz das träge Grollen des Elefanten, der offensichtlich nichts mit dem Tumult zu tun haben wollte. Irgendetwas ängstigte die Tiere. Jahan warf sich einen Umhang über, ergriff die Öllampe und schlich sich in den Hof hinaus.

Autor

Elif Shafak, in Straßburg geboren, gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei. Die preisgekrönte Autorin von dreizehn Büchern, darunter »Der Bastard von Istanbul« (2007), »Die vierzig Geheimnisse der Liebe« (2013) und »Ehre« (2014), schreibt auf Türkisch und auf Englisch. Ihre in [...]

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Presse

Der Spiegel

»Elif Shafak ist der Star der türkischen Literaturszene.«

Focus

»Obwohl die Türkin, deren Romane in mehr als vierzig Sprachen übersetzt wurden, polarisiert, eint Elif Shafak ihre LeserInnen weltweit und in ihrem weltanschaulich zweigeteilten Heimatland auf nicht geahnte Art und Weise.«