Einer von uns

Åsne Seierstad

Der Mensch hinter einer unfassbaren Tat

Wie konnte sich Anders Breivik, der im wohlhabenden Westen aufwuchs, zu einem perfiden Terroristen entwickeln? Åsne Seierstads ausgezeichnetes Buch ist gleichzeitig psychologische Studie und literarisches True Crime, gleichzeitig Würdigung der Opfer und eine messerscharfe Analyse einer Tat, die sich jederzeit und überall wiederholen könnte.

Format

  • Åsne Seierstad – Einer von uns
    Die Geschichte eines Massenmörders

    Original: En av oss

    Aus dem Norwegischen und Englischen von Frank Zuber, Nora Pröfrock
    Hardcover
    Format: 14,5 x 21,5 cm , 544 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5740-1

    26,00 EUR

  • Åsne Seierstad – Einer von uns
    Die Geschichte eines Massenmörders

    Original: En av oss

    Aus dem Norwegischen und Englischen von Frank Zuber, Nora Pröfrock
    eBook
    544 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9329-4

    19,99 EUR

Leseprobe


VORBEMERKUNG DER AUTORIN
 

Alles Geschriebene beruht auf Aussagen und Berichten von Augenzeugen und Betroffenen. Alle Szenen sind auf Grundlage ihrer Erzählungen rekonstruiert.
Für Anders Behring Breiviks Kindheit und Jugend gab es viele Quellen, unter anderem seine Mutter und seinen Vater, Freunde, Familienmitglieder sowie seine eigenen Aussagen im Verhör und vor Gericht. Ferner hatte ich Zugang zu allen Dokumenten der Osloer Sozialbehörden, die seine Kindheit betreffen.
Was die Planung des Terrorangriffs angeht, habe ich unter anderem Breiviks Tagebuch und Einträge aus seinem Manifest verwendet. Alle Angaben zu seinen Gedanken und Gefühlen in bestimmten Situationen beruhen auf seinen eigenen Aussagen. Dabei habe ich ihn sowohl wörtlich als auch sinngemäß zitiert.
Eine weitere, wichtige Quelle zu dem Massaker auf Utøya sind die überlebenden Opfer. Sie haben mir ihre Geschichten und Beobachtungen sowie ihre Gedanken und Gefühle erzählt. In Verbindung mit den Aussagen des Täters war es mir deshalb möglich, den Terror angriff minutiös zu rekonstruieren.
Am Ende des Buches befindet sich ein längerer Bericht über meine Arbeitsmethode.

 

Åsne Seierstad
Oslo, 12. November 2014

 

 

 

 

Sie rannte.
Den Hügel hinauf, durch das Moos. Die Gummistiefel sanken im nassen Boden ein. Der Waldboden gluckste unter den Füßen.
Sie hatte es gesehen.
Sie hatte gesehen, wie er geschossen hatte und ein Junge niedergesunken war.
»Wir werden nicht sterben«, hatte sie zu ihren Freundinnen gesagt.
»Nicht heute.«
Da hörte sie mehrere Schüsse. Eine Salve. Pause. Eine neue Salve. Sie hatte den Pfad der Verliebten erreicht. Ringsumher liefen Jugendliche und suchten nach Verstecken. Neben dem Pfad stand ein rostiger Drahtzaun, und auf der anderen Seite fielen steile Klippen in den Tyrifjord ab. Ein paar Maiglöckchen klammerten sich an den Abgrund. Sie waren verblüht, und aus den Blattkelchen tropfte Regenwasser auf den nackten Fels. Von oben betrachtet sah die Insel grün aus. Die Kronen der großen Kiefern gingen ineinander über, und die Laubbäume streckten ihre schmalen Äste in den Himmel. Doch hier unten am Boden war der Wald spärlich, nur an wenigen Stellen war das Gras hoch genug, um sich darin zu verstecken. An einem Abhang ragten flache Felsen aus der Erde, wie Schilde, unter die man kriechen konnte.
Die Schüsse wurden lauter.
Wer war das? Wie viele mochten es sein?
Sie duckte sich und kroch weiter. Alle suchten nach Verstecken.
Es war zu spät zum Davonlaufen.
»Wir müssen uns tot stellen«, sagte ein Junge. »Legt euch in einer komischen Stellung hin, dann glauben sie, wir sind tot!«

Sie ließ sich auf den Bauch fallen und drehte das Gesicht zur Seite.
Ein Junge legte sich neben sie, den Arm um ihre Hüfte.
Sie waren elf.
Alle taten, was der Junge gesagt hatte.
Hätte er »Lauft!« gerufen, wären sie vielleicht um ihr Leben gerannt. Aber er sagte »Legt euch hin.« So lagen sie dicht beisammen und drehten die Köpfe zum Wald und den dunklen Baumstämmen, die Füße am Zaun. Manche lagen sogar übereinander. Zwei beste Freundinnen hielten sich an den Händen.
»Alles wird gut«, sagte einer der elf.
Der schlimmste Regen hatte sich gelegt, aber das Wasser lief ihnen noch immer über die verschwitzten Wangen in die Krägen.
Sie atmeten so flach und lautlos wie möglich.
Auf den Klippen wuchs ein verirrter Himbeerbusch, Wildrosen mit blassrosa, fast weißen Blüten rankten um den Zaun.
Dann hörten sie seine Schritte.
Er streifte ruhig durchs Gestrüpp, über Glockenblumen und gelben Hornklee. Seine Stiefel stampften fest auf, trockene Zweige knackten. Er hatte bleiche, feuchte Haut und hellblaue Augen. Das dünne Haar war über der Halbglatze zurückgekämmt. Sein Kreislauf war voller Koffein, Ephedrin und Aspirin.
Bis jetzt hatte er zweiundzwanzig Menschen auf der Insel getötet. Nach dem ersten Schuss war alles leichter. Der erste Schuss hatte Überwindung gekostet. Es war fast unmöglich gewesen, aber nun schritt er entspannt voran, die Pistole in der Hand. Auf der Anhöhe, hinter der die elf Jugendlichen lagen, blieb er stehen. Er blickte auf sie herab und fragte: »Wo zum Teufel ist er?«
Seine Stimme war laut und klar.
Keiner antwortete, keiner rührte sich.
Der Arm des Jungen lag schwer auf ihr. Sie trug eine rote Regen jacke und Gummistiefel, er karierte Shorts und ein T-Shirt. Sie war sonnengebräunt, er bleich.
Der Mann auf der Anhöhe begann von rechts.
Der erste Schuss traf den Jungen, der außen lag, in den Kopf.
Dann zielte er auf ihren Hinterkopf. Ihr lockiges, kastanienbraunes Haar schimmerte im Regen. Die Kugel drang durch den Schädel ins Hirn. Er schoss noch einmal, diesmal in die Stirn. Wieder drang das Geschoss durchs Hirn und weiter durch Hals und Brusthöhle, bis es neben dem Herzen stecken blieb. Blut rann über den jungen Körper, lief auf den Pfad und sammelte sich in kleinen Pfützen.
Sekunden später wurde der Junge, der den Arm um sie gelegt hatte, getroffen. Der Schuss durchschlug seinen Hinterkopf, die Kugel splitterte beim Eindringen auf, traf das Kleinhirn und zerfetzte den Hirnstamm.
Sein Herz hörte auf zu schlagen.
Das Blut mischte sich mit Regenwasser und sickerte in den Boden.
In einer Tasche klingelte ein Handy. Ein anderes piepte, als eine SMS ankam.
Ein Mädchen flüsterte kaum hörbar »nein …«, als auch sie in den Kopf getroffen wurde. Sie zog das Wort in die Länge, bis sie verstummte.
Die Schüsse fielen innerhalb weniger Sekunden.Er hatte Waffen mit Laserschussprüfer. Die Pistole schickte einen grünen Strahl aus, das Gewehr einen roten, und die Kugeln trafen genau auf die Lichtpunkte.
Am Ende der Reihe sah ein Mädchen zu seinen schwarzen, schlammigen Stiefeln auf. An den Absätzen steckten spitze Sporen.
Ein kariertes Reflektorband schimmerte am Hosenbein.
Sie hielt ihre beste Freundin an der Hand. Ihre Gesichter waren einander zugewendet.
Ein Schuss knallte und traf die Stirn ihrer Freundin. Sie zuckte, und ihre Hand wurde schlaff.
Siebzehn Jahre sind kein langes Leben, dachte das Mädchen, das noch am Leben war.
Dann knallte es wieder.

Autor

Åsne Seierstad, geboren 1970 in Oslo, als Korrespondentin und Kriegsberichterstatterin für verschiedene internationale Zeitungen und ist Autorin mehrerer Sachbücher. Sowohl als Journalistin als auch für ihren weltweiten Bestseller »Der Buchhändler aus Kabul« (2002) wurde sie vielfach ausgezeichnet. [...]

mehr zum Autor

Presse

Das Magazin

»Einer von uns ist vielleicht eines der besten Bücher dieses Jahres. Ganz sicher aber ist es das grausamste.«

DIE WELT

»Was dieses Buch zu einem Meisterstück literarischer Reportage macht, ist aber etwas anderes: Es nimmt sich wirklich Zeit, die Geschichten der Opfer zu erzählen.«

SPIEGEL

»Wahrscheinlich ist kein Autor seit Trumann Capote einem Mörder so nahegekommen wie Seierstad. Was manchmal erstaunlich ist und auch schwer auszuhalten.«

EMMA

»Sie entlässt die Gesellschaft nicht aus der Verantwortung, indem sie Breivik pathologisiert, sondern sucht auch nach den sozialen Hintergründen seiner Tat.«