Der Letzte meiner Art

Lukas Linder

Lukas Linder schreibt mit einer solchen Genauigkeit, Schonungslosigkeit und mit viel Witz über das Alltägliche und über Familienkonstellationen, dass man zwischen den Lachern immer wieder etwas ertappt auf das eigene Leben schielt.

Alfred ist der jüngste Nachfahre der von Ärmels, doch die glanzvollen Zeiten der Familie sind vorbei. Neben seiner umschwärmten, aber abgedrehten Mutter, seinem genialen Bruder und seinem kauzigen Vater fühlt er sich wie eine Karikatur. Trotzdem hat er es sich zur Aufgabe gemacht, seine alteingesessene Familie zu neuem Ruhm zu führen. Ein Held möchte er werden. Dazu hat er verschiedene Möglichkeiten: Er könnte, wie sein Vorbild und Namensvetter, vierzig Franzosen erschlagen, einen Gesangswettbewerb gewinnen oder zusammen mit Ruth ein Hotel aufmachen, denn ja, die Liebe siegt immer! Doch ist Alfred wirklich zum Helden geboren?

Format

  • Lukas Linder – Der Letzte meiner Art

    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 272 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5785-2

    18. September 2018
    19,00 EUR

  • Lukas Linder – Der Letzte meiner Art

    eBook
    272 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9394-2

    18. September 2018
    15,99 EUR

Leseprobe

PERSÖNLICHES GELEIT

Ich stamme aus einer alten und sehr reichen Berner Familie. Uns gab es schon im vierzehnten Jahrhundert. Und das sieht man uns auch an. Wie die Wurzeln uralter Bäume sind unsere Gesichter in sich selbst verknorzt. Kein besonders schöner Anblick. Unsere Physiognomie hat sich zu lange am Wetzstein der Neutralität zerrieben, sodass heute kaum noch etwas von dem ursprünglichen triumphalen Ausdruck vorhanden ist. Erst vor dem Hintergrund ihrer langatmigen Vergangenheit fangen unsere Gesichter zu leuchten an. Und dann erkennt man: Das sind Gesichter, die gerahmt ins Museum gehören, nicht aber in die freie Wildbahn des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Meine Mutter hat sich in einen Dornröschenschlaf gerettet. Mein Vater in die geistige Umnachtung. Und mein älterer Bruder Thomas, der einzige kluge Kopf der Familie, hat sich schon vor Jahren aus dem Staub gemacht und nicht mehr von sich zurückgelassen als ein paar absolut unglaubwürdige Gerüchte.

So bleibt es mir überlassen, unsere denkmalgeschützten Gene in ein neues Zeitalter zu retten. Das ist bedauerlich. Für mich. Vor allem aber für die Gene, die in mir den denkbar schlechtesten Botschafter gefunden haben. Leider deutet so einiges darauf hin: Ich bin nicht jenes neue Kapitel in der Familienchronik, das man sich mit Genuss zu Gemüte führt. Vielmehr bin ich wohl eher die enttäuschende Pointe einer Geschichte, deren größtes Vergehen darin besteht, dass sie viel zu lange gedauert hat. Einer meiner Vorfahren soll in der Schlacht von Marignano vierzig Franzosen mit seiner Hellebarde erschlagen haben. Wer zählt so was? Es ist die Ironie unserer Geschichte, dass sie nicht von einem ihrer vielen Helden beendet wird. Nicht vom glorreichen Alfred von Ärmel, dem Schlächter von Marignano, sondern von mir, dem Familiengnom, der noch nicht einmal beim Militär gewesen ist. Ich heiße zwar auch Alfred, doch wäre ich niemals in der Lage, auch nur einen schütteren Franzosen zu erschlagen. Das letzte Bild einer Familie gerät immer zur Karikatur.

Und doch ist noch etwas in mir von dieser alten Glut. Es ist die unumstößliche Gewissheit, zu etwas Großem berufen zu sein. Und ich meine damit nicht irgendwelche Franzosen. Ich rede von etwas anderem, Modernerem, Poetischerem. Leider habe ich es noch nicht gefunden, doch spüre ich es an der Art und Weise, wie die Luft sich verdichtet, wenn ich meinen Träumen nachhänge. Ruth! Oh, Ruth! Wir waren so nahe dran, das Traumpaar des Jahrhunderts zu werden. Und haben dann doch nur ein Mal zusammen getanzt. Es gibt Leute, die behaupten: Weniger ist manchmal mehr. Ich frage mich, wie sie auf diese Idee kommen. Weniger ist immer weniger. Und mehr ist immer mehr. Auf Wiedersehen, Ruth. Jedes Mal, wenn ich Kartoffelpüree esse, denke ich an dich.

Ich gehe weiter. Die Menschen sitzen so satt in ihrem Leben, dass man glatt die Hoffnung verlieren kann. Gibt es da überhaupt noch ein schönes Plätzchen für mich? Zusammenrutschen, Leute! Je länger dieses Leben dauert, desto mehr frage ich mich: Wird es ein gutes Ende mit Alfred von Ärmel nehmen?

 

ERSTER TEIL

DIE TÄTOWIERUNG

Meine Mutter war eine Frau von Welt. Man erkannte es an ihrem duftenden Haar und dem Rudel schnuppernder Verehrer in ihrem Rücken. Die von Ärmels galten als eine der vornehmsten Berner Familien. In meiner Kindheit gab es noch Leute, die uns auf der Straße salbungsvoll zunickten oder sogar salutierten. Ich erinnere mich noch gut, wie an meinem ersten Schultag der Lehrer unsere Namen an die Tafel schrieb. Bei meinem Namen schnappte er sich eine Buntkreide.

Ihre Kindheit und Jugend hatte Mutter überwiegend in Privatschulen, verteilt über den ganzen Globus, verbracht. Sie behauptete immer, sieben Sprachen fließend zu beherrschen.

»Aber was nützt mir das? In Bern?«

Durch die lange Zeit in all den vielen Ländern war sie später zu einer Fremden im eigenen Leben geworden, was sich in einer kühlen Distanz allem und jedem gegenüber äußerte. Ihre Bewunderer wollten darin ein Zeichen ganz besonderer Vornehmheit erkennen. Sie galt als die schönste Frau der ganzen Stadt. Und sie wusste es. Wenn sie sich auch selten mit solchen Details beschäftigte. Mit Kleinigkeiten gab sie sich nicht ab, und auch mit dem Denken nicht wirklich. Für ihren Geschmack war das eine viel zu profane Angelegenheit.

Statt zu denken, zog sie es vor, zu wirken.

 

Mit sechzehn lief sie an Weihnachten von zu Hause weg. Die ersten paar Tage bemerkte es niemand. Großmutter war viel zu beschäftigt, um Subtilitäten wie eine entflohene Tochter wahrzunehmen. Sie hatte sich kürzlich eine Husky-Zucht zugelegt und erzählte nun überall herum, die Huskys seien der Grund, warum sie lebe. Großmutter war stets auf der Suche nach solchen Gründen. Sie sammelte sie wie andere Leute Schneekugeln.

Ihr Mann, mein späterer Großvater, hatte schon vor langer Zeit vergessen, dass er eine Tochter hatte. Er war ein knallharter Armeeoffizier gewesen, der sich im Krieg bei der Grenzsicherung hervorgetan hatte. Wegen seiner Vorliebe für Gewaltmärsche hatten ihm seine Soldaten den Beinamen »Der Gnadenlose« verliehen. Später wurde der Name von meiner Großmutter weiterverwendet. Nach dem Krieg verlor er dann relativ schnell den Verstand, wobei böse Zungen behaupteten, dass er sowieso nie einen gehabt hätte. »Ich kenne diesen Mann nicht. Keine Ahnung, wer das ist«, pflegte Mutter über ihn zu sagen. Sowieso sprach sie selten von ihm, was nicht weiter erstaunlich ist: Es muss seltsam sein, einen Vater zu haben, der alle militärischen Dienstgrade auswendig weiß, nicht aber, wer seine Tochter ist.

 

Wenn Großvater Geburtstag hatte, gingen wir zum Mittagessen zu ihnen. Es war immer eiskalt im Haus. Großmutter heizte nur, wenn jemand Besonderes vorbeikam. Ich mochte diese Besuche nicht, denn wir mussten die Schuhe ausziehen und stattdessen Pantoffeln überziehen, die einen säuerlichen Geruch verströmten, den ich auch an meiner Großmutter bemerkte. In den ersten Jahren beschäftigte sie noch einen ältlichen Diener, der sehr bleich war und auch sonst einen ungesunden Eindruck machte. Er hustete oft und war dauernd verschnupft. Wahrscheinlich ein Ergebnis der eisigen Kälte, in der er die ganze Zeit servieren musste. Auch der Diener hatte diesen säuerlichen Geruch. Niemand kannte seinen Namen, auch meine Großmutter nicht. Natürlich hätte man ihn fragen können, doch aus irgendeinem Grund kam damals niemand von uns auf den Gedanken.

Zu essen gab es immer den gleichen Fisch, den Großmutter mit den Worten »Er schmeckt zwar nicht besonders, aber er nährt« ankündigte.

Großvater saß am Ende des Tisches. Immer trug er seine alte Armeeuniform, die voller Suppenflecken und anderer ominöser Kleckse war. Warum hat man die Uniform damals nie gewaschen? Jedenfalls sah er nicht mehr besonders gnadenlos aus, eher schien mir die Zeit gnadenlos mit ihm. War das nun die berühmte ausgleichende Gerechtigkeit?

Ich musste zu ihm gehen und ihm zum Geburtstag gratulieren. Wie jedes Mal, wenn er mich erkannte, nahm er meine Hand und fragte: »Wie viele Kilometer?«

Worauf ich antworten musste: »Fünfzig, Herr Kommandant. «

»Zu wenig«, kritisierte er. »Setzen.«

Mein zwei Jahre älterer Bruder Thomas, der schon damals raffinierter und mutiger war als ich, dachte sich jeweils eine originelle Antwort aus, um Großvater zu begeistern.

»Ich habe das Flugzeug genommen.«

»Sehr gut. Das gefällt mir«, lachte Großvater und klopfte Thomas anerkennend auf den Rücken. Daraufhin gab er ihm eine Zwanzigernote.

Wenn ich aber beim nächsten Mal »Ich habe das Flugzeug genommen« sagte, zog mich Großvater wütend am Ohr: »Du fauler Rotzbengel! Was fällt dir eigentlich ein?«

Ich mochte diese Besuche wirklich überhaupt nicht.

Während des Mittagessens war es mein Vater, der sich um Konversation bemühte. Dabei ignorierte er gekonnt, dass Großvater unmöglich in der Lage war, seinen Ausführungen zur Tagespolitik zu folgen, geschweige denn eine Ahnung hatte, wer mein Vater eigentlich war.

Mutter saß wortlos neben ihm und rührte ihre Suppe um. Sie rührte immer schneller, als ginge durch ihr Rühren die Zeit schneller vorbei.

Nachdem sie von zu Hause weggelaufen war, fehlte von ihr einen Monat lang jede Spur. Bis heute weiß keiner, wo sie in dieser Zeit gewesen ist. Doch als sie zurückkam, hatte sie eine riesige Tätowierung auf dem Rücken, die später der Grund dafür war, dass Vater nie mit uns ins Schwimmbad wollte. Die Tätowierung war ein gewaltiges Massaker, das das gesamte Farbspektrum abzudecken schien. Und dazu noch ein paar weitere Farben, die nur auf Mutters Rücken existierten. Trotzdem war ich der festen Überzeugung, dass die Tätowierung mehr darstellen musste. Ein Bild. Einen Gegenstand. Eine Geschichte.

Mit abstrakter Kunst konnte ich damals noch nicht viel anfangen.

»Was ist es, was ist es?«, fragte ich Mutter immer wieder. Und bettelte darum, mir die Tätowierung noch mal ansehen zu dürfen. Da stand ich schließlich und betrachtete das Massaker mit einer Akribie und Hingabe, wie sie mir kein Gemälde der Welt hätte entlocken können.

»Ist es ein Pfau?«

»Nein.«

»Aber diese Augen. Das ist doch ein Pfau.«

»Schluss damit! Anständige Kinder studieren nicht den Rücken ihrer Mutter.«

Sie mochte es nicht, wenn man sie auf diesen Monat in ihrer Vergangenheit ansprach. Diese Zeit blieb ihr Geheimnis. Dennoch gab es immer wieder kleine Zeichen, Bruchstücke, die eine, wenn auch unbefriedigende, Ahnung davon vermittelten, was sie damals möglicherweise gemacht haben könnte. Es waren gewisse Lieder, die sie manchmal vor sich hin sang, die eine Art Showcharakter hatten, so als singe sie auf einer Bühne und nicht in unserem Wohnzimmer.

Einmal äußerte ich kurz vor meinem Geburtstag den Wunsch nach einem Zauberkasten.

»Was fällt dir eigentlich ein?!«, schrie Mutter.

Zauberkasten, ein prima Geschenk für sympathische Kinder, würde man eigentlich denken. Doch offensichtlich vertrat Mutter da eine andere Position.

»Niemals!«

»Aber warum denn nicht?«

»Kinder wie du sollten nicht zaubern.«

Was blieb nach dieser ernüchternden Logik für einen im Leben noch zu tun? So hätte ich argumentieren können. Ich war so eingeschüchtert, dass ich nie wieder von Zauberkästen redete.

Einmal fragte ich sie direkt: »Was hast du in diesem Monat denn gemacht?«

Sie lächelte und sagte: »Ich habe wahnsinnig gut gegessen.«

Danach schmeckte mir eine Zeit lang das Essen nicht mehr.

Ein Andermal fragte ich sie: »Was ist passiert, als du wieder nach Hause kamst? Waren sie böse? Haben sie dich verprügelt?«

Ich fragte nicht ohne Grund. Als ich Großmutter zu Weihnachten ein paar selbst gehäkelte Topflappen geschenkt hatte, hatte sie in einer leidenschaftlichen Rede die Prügelstrafe für Kinder gefordert. Es konnte natürlich sein, dass sie diese Rede ganz ohne Bezug zu den Topflappen gehalten hatte. Manchmal hatte man ja einfach Lust auf eine leidenschaftliche Rede.

»Verprügelt?«

Mutter lachte ihr unwirkliches Lachen.

Als sie damals nach einem Monat zurückgekommen war, hatte in der Einfahrt ein rostrot funkelnder Viehtransporter gestanden. Einer der Husksys hatte Großmutter in den Oberschenkel gebissen. Nach diesem Eklat waren die Hunde natürlich nicht mehr der Grund, warum sie lebte. Sie kamen nach St. Moritz, wo sie bis zum Rest ihrer Tage gelangweilte Russen in Schlitten durch den Schnee ziehen mussten. Großmutter legte sich ein Aquarium mit kostbaren Fischen zu. Die Fische bissen sie zwar nicht in den Oberschenkel, waren aber, wie Großmutter bald herausfinden sollte, auch nicht der Grund, warum sie lebte.

In ihrem Zimmer fand Mutter den Abschiedsbrief, den sie einen Monat zuvor geschrieben hatte. Er lag ungeöffnet auf dem Kissen. Dort, wo sie ihn selber hingelegt hatte.

Autor

Lukas Linder, geboren 1984 im Kanton Zürich, studierte Germanistik und Philosophie in Basel. Er ist Dramatiker, schrieb unter anderem für das Theater Basel und wurde mit mehreren Preisen, darunter dem Kleist-Förderpreis und dem Publikumspreis des Heidelberger Stückemarkts, ausgezeichnet. »Der Letzt [...]

mehr zum Autor

Presse

Aargauer Zeitung

»Das ist brüllend komisch. Lukas Linder ist das seltene Kunststück eines komischen Romans durchaus gelungen.«

ZEIT Schweiz

»Lukas Linders Der Letzte meiner Art ist das hervorragende Debüt eines unangepassten Kopfes.«

NZZ am Sonntag

»Dieser Erstling hat Pfiff. Seine sprachliche Sicherheit beeindruckt ebenso wie die Stärke seiner eigenwilligen Metaphorik.«

buchmedia magazin

»Lukas Linder reiht Anekdoten und Geschichten aneinander, lustige und absurde. Ein grosser Spass.«

20 Minuten

»Hier kann man gar nicht genug loben, dass ein Schweizer Autor einen komischen Roman schreibt.«

Öko-Test Magazin

»Eine herrlich abgedrehte Familiengeschichte und ein großer Lesespaß!«

Buchkultur

»Linder schreibt rasant, mit Verve, pointiert, mit einem Händchen für Situationskomik, Skurriles und Wortwitz.«

Schaffhauser Nachrichten

»Der Letzte meiner Art ist ein Buch mit Figuren, die einem noch lange im Kopf herumtanzen. Oder sich Einlass in die Träume verschaffen.«

Style

»Ein Romandebüt voller schräger Figuren, Witz und etwas Sex.«

DLF Büchermarkt

»Lukas Linder ist vor allem ein eigener kluger Kopf, der mit Herz und Verstand schreibt. Es wäre jammerschade, wäre sein erster Roman zugleich der letzte seiner Art.«

Literaturblatt

»Der Reiz der Lektüre ist das Absonderliche, das Groteske. Gekonnt inszeniert von einem preisgekrönten Theaterautor. So erfrischend erzählt, wie man es auf der kleinen Bühne der Schweizer Literatur sonst nie antrifft.«

Buchkultur

»Linder schreibt rasant, mit Verve, pointiert, mit einem Händchen für Situationskomik, Skurriles und Wortwitz.«

ZDF-Morgenmagazin

»Der Letzte meiner Art ist ein saukomisches Portrait einer wunderlichen Sippe. Lukas Linder ist ein feiner Beobachter menschlicher Schwächen. Sein Witz erinnert in den besten Momenten an den Großmeister Loriot.«

Viktor Giacobbo

»Als Theaterautor hat Linder einen geschärften Sinn für Timing und Pointen, und so ist ihm ein sehr lustiges Romandebüt mit einem Hauch von Melancholie gelungen.«

WDR 4, Elke Heidenreich

»Das ist der ganz seltene Fall eines durch und durch komischen Buches, bei dessen Lektüre man dauernd laut lacht.«