Kopfüber zurück

Rebecca Wait

Mit ungewöhnlicher Leichtigkeit erzählt Rebecca Wait die bewegende Geschichte zweier Brüder

Fünf Jahre sind seit Kits Tod vergangen. Der jüngere Bruder Jamie lebt ein schattenhaftes Dasein, entfremdet von seiner Familie, gelähmt durch die Ereignisse der Vergangenheit und die unbeugsame Wut seines Vaters. Die Eltern sind in Schweigen versunken und froh, dass wenigstens Tochter Emma ein zufriedenes Leben zu führen scheint und offenbar gar nicht genau weiß, was damals geschehen ist. Doch als Emma älter wird, beginnt sie, unbequeme Fragen zu stellen, in der Hoffnung, das Geheimnis um Kits Tod endlich zu lüften. Als die Antworten ausbleiben, beschließt Emma, der Sache selbst auf den Grund zu gehen, und reißt von zu Hause aus, um ihren Bruder Jamie zur Rede zu stellen.

Format

  • Rebecca Wait – Kopfüber zurück
    Roman

    Original: The View on the Way Down

    Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5667-1

    19,90 EUR

  • Rebecca Wait – Kopfüber zurück
    Roman

    Original: Tew View on the Way Down

    Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
    eBook
    336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9228-0

    15,99 EUR

Leseprobe

Jetzt waren sie wieder zusammen. Später würden sie sich an diese Stunden erinnern. Sie würden, jeder für sich, nach Vorzeichen suchen. Es war abzusehen gewesen. Schon damals am Strand, Jahre zuvor, war es abzusehen gewesen – sie hatten es nur nicht gemerkt. Würden sie auf Hinweise stoßen, wenn sie sich diesen Tag ins Gedächtnis riefen? Vielleicht erinnerten sie sich daran, dass sich dunkleWolken am Horizont verdichteten. Dass der Wetterumschwung spürbar, die Hitze drückend wurde. Oder vielleicht blickten sie zurück und sahen nichts als den ausgewaschenen, gelben Sand und das rhythmische Brechen der Wellen. Das Paar suchte mit einer Thermoskanne Tee und Sandwiches in der Felsenbucht Schutz vor der Hitze. Joe hatte ein Buch aufgeschlagen, und Rose schaukelte ab und zu das Baby auf ihrem Schoß. Die Jungs standen ein Stück abseits, näher am Meer, zerzaust und glücklich in ihren verschlissenen T-Shirts und Badehosen. Sie hatten beschlossen, ein Loch zu graben, aber ihr Unterfangen ging nur langsam voran.
»Du musst die Seiten verstärken«, sagte Kit. »Die Wände brechen immer wieder ein.«
»Warum muss ich eigentlich die ganze Zeit graben?«, fragte Jamie.
»Weil ich den Bau beaufsichtige.« Ein Loch zu graben, war Jamies Idee gewesen, aber jetzt schien es, als stamme sie von Kit. Er hatte das Kommando übernommen, wie immer.
»Wir sind auf Wasser gestoßen, das ist ein gutes Zeichen«, verkündete Kit und spähte in das Loch.
»Zum Glück kennst du dich so gut aus.« Jamie hieb seinen Plastikspaten in den Grund und hievte Schlick zur Seite. Sofort rutschte neuer nach. Mit Mühe zog er die Füße aus dem Matsch.
»Das ist wie Treibsand hier unten«, rief er.
»Stell dich nicht so an. Das ist doch kein Treibsand.«
»Ich habe ja auch gesagt, wie Treibsand«, verteidigte sich Jamie.
»Los, mach weiter«, rief Kit, »wir müssen noch viel tiefer graben, sonst hat es keinen Zweck.«
»Bis nach Australien?«
»Japp.«
Sie lachten über den alten Witz.
»Dann gib mal her«, sagte Kit. »Ich löse dich ab.«
Er nahm den Spaten entgegen und packte Jamie am Arm, um ihn aus dem Loch zu ziehen. Jamie stemmte sich mit den Füßen gegen den empfindlichen Rand, und eine der Seitenwände brach ein.
»Jamie!«
»Du hast mich zu schnell hochgezogen.«
Kit sprang in das Loch und machte sich daran, den Schaden zu beheben.
»Wusstest du, dass in Amerika mehr Leute an Sand sterben als durch Haiangriffe?«, fragte Jamie, während Kit grub. »Die Menschen werden lebendig begraben. Es ist wahrscheinlicher, dass man im Sand verschüttet wird und erstickt, als von einem Hai gefressen zu werden.«
»Faszinierend, Jamie.«
»Ich meine ja nur. Man würde doch glauben, dass Haie gefährlicher sind. Und nicht, dass mehr Menschen sterben, weil sie im Sand versinken.«
»Das sind wahrscheinlich alles Dummköpfe wie du, die kein ordentliches Loch graben können.«
»Ich habe doch die meiste Arbeit gemacht!«
»Was zählt, ist Qualität, nicht Quantität, Jamie«, sagte Kit.
»Wir sollten bald aufbrechen«, sagte Joe ein Stück weiter oben am Strand.
»Ich will die beiden jetzt nicht stören«, meinte Rose. Sie kniete und spielte mit dem Baby, das damit beschäftigt war, sich den weichen Sand durch die Finger rieseln zu lassen. »Sieh nur – das erste Mal am Strand, und sie findet es toll. Stimmts, Emma?« Das Baby blickte seine Mutter ernst an und wendete sich dann wieder dem Sand zu.
»Nur noch ein bisschen«, bat Rose.
»Na gut.« Joe wollte sich gerade wieder seinem Buch widmen.
»Sind die Jungs nicht drollig?«, fragte sie. »Sie sind wieder wie kleine Kinder.«
»Haben sich zurückentwickelt bei den ganzen Kindheitserinnerungen an den Strand.«
»Schön, sie so zusammen spielen zu sehen.«
»Ich glaube nicht, dass die beiden es ›spielen‹ nennen würden.«
»Kit geht toll mit Jamie um, findest du nicht? Wie er ihm beim Graben hilft, ganz schön geduldig.«
Joe dachte darüber nach. »Geduldig« war nicht das Erste, das ihm einfiel, wenn er Kit beschreiben sollte.
»Ich habe mir ein bisschen Sorgen um Jamie gemacht«, gestand Rose. »Der Altersunterschied scheint plötzlich größer, findest du nicht? Jetzt, wo sie beide Teenager sind.«
»Jamie wird schon aufholen«, erwiderte Joe. »Gib ihm noch ein Jahr.«
»Du hast bestimmt recht.« Einen Augenblick sagte sie nichts, dann fügte sie hinzu: »Schön, dass wir noch mal alle zusammen einen Ausflug machen. Ehe wir’s uns versehen, sind nur noch du, ich und Em übrig.«
»Mhm.« Er war schon wieder in sein Buch vertieft. Rose wandte sich Emma zu. Sie half ihr, einen kleinen Eimer mit Sand zu füllen und auszukippen, wieder und wieder.
»Wie wäre es mit Fish and Chips zum Abendessen? Zur Feier des Tages«, schlug sie vor.
»Wie du willst.« Es klang, als würde er ihr zuliebe zustimmen, dabei dachte sie nur an die Jungs. Es war so friedlich zuzusehen, wie Emma im Sand spielte und ihre Söhne in der Ferne, ganz ernsthaft mit den Spaten. Rose wünschte sich, dass sie für immer hier bleiben könnten. (...)

 

Autor

Rebecca Wait, 1988 geboren, schloss 2010 ihr Englischstudium an der Oxford Universität mit Bestnote ab. Dort wurde sie vom Lyriker und Romanautor Craig Raine unterrichtet. Sie schreibt seit ihrer Kindheit und hat zahlreiche Preise für ihre Kurzgeschichten und Theaterstücke gewonnen. »Kopfüber zurück [...]

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Presse

SWR 2

»Ein beeindruckendes Debüt! Rebecca Wait fächert nicht nur den Verlauf einer Depression auf, sie beschreibt in einfacher, eindringlicher Sprache auch die Folgen für das Familiensystem. Wie ein ansteckender Virus infiziert die Krankheit alle Mitglieder in unterschiedlicher Weise.«

1LIVE

»Wir haben zwar gerade mal Februar, aber es gehört zu denen die mich in diesem Jahr bisher am meisten beeindruckt haben.Die Autorin erzwingt kein Mitgefühl künstlich durch eine gefühlsduselige Sprache. Hier wird ganz schlicht erzählt, was es aber echter und härter macht. Es ist ein Buch über Trauer und Depression und trotz dieser tragischen Themen gibt es hier aber auch Hoffnung. Unheimlich fesselnd geschrieben.«

The Bookseller

»Wunderbar geschrieben, höchst einfühlsam und äußerst anregend.«