Unsere Namen

Dinaw Mengestu

Eine der stärksten jungen Stimmen Amerikas erzählt aus zwei gegensätzlichen Welten

Es ist ein unaufgeregtes Leben, das die Sozialarbeiterin Helen in ihrer Heimatstadt im Mittleren Westen führt. Als sie die Gelegenheit bekommt, sich um Isaac zu kümmern, sagt sie sofort zu. Etwas Geheimnisvolles geht von dem Afrikaner aus, dessen Akte nichts von ihm verrät als seinen Namen. Helen fängt an, in seiner Vergangenheit zu forschen, und kommt ihm dabei immer näher. Doch je mehr sie über Isaac in Erfahrung bringt, desto größer wird das Verwirrspiel um seine Person. Ein paar Monate zuvor in Kampala, Uganda: In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche hoffen auch Isaac und sein Freund Langston auf eine bessere Zukunft. Für einen Umsturz sind sie bereit, große Opfer zu bringen. Mit schonungsloser Schärfe und Präzision seziert Mengestu Unterschiede wie Parallelen der westlichen und der afrikanischen Identität und formt daraus eine unerschrockene und ergreifende Liebesgeschichte.

Format

  • Dinaw Mengestu – Unsere Namen
    Roman

    Original: All Our Names

    Aus dem Amerikanischen von Verena Kilchling
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5702-9

    22,90 EUR

  • Dinaw Mengestu – Unsere Namen
    Roman

    Original: All Our Names

    Aus dem Amerikanischen von Verena Kilchling
    eBook
    336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9282-2

    18,99 EUR

Leseprobe

ISAAC


Als Isaac und ich uns an der Universität zum ersten Mal begegneten, taten wir beide so, als wären uns der Campus und die Straßen der Hauptstadt so vertraut wie die staubigen Pfade der Dörfer, in denen wir aufgewachsen waren und bis vor wenigen Monaten gelebt hatten. Dabei hatte keiner von uns jemals zuvor eine Stadt betreten oder eine Ahnung davon, was es bedeutete, auf derart engem Raum mit so vielen Menschen zusammenzuleben, deren Gesichter, geschweige denn Namen, wir niemals alle kennen würden. Die Hauptstadt boomte damals, war voller Menschen, Geld, neuer Autos und Gebäude, die man nach der Unabhängigkeit eilig hochgezogen hatte, in einem ekstatischen Rausch, der von der Aussicht auf einen sozialistischen, panafrikanischen Traum befeuert wurde. Laut Präsident und Radio konnte dieser Traum noch immer, fast zehn Jahre später, jeden Moment Realität werden. Als Isaac und ich in die Hauptstadt kamen, wiesen viele neu errichtete Gebäude bereits erste Zersetzungserscheinungen auf, weil man sie vernachlässigt oder ganz vergessen hatte, doch es lag immer noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in der Luft, und wir waren wie alle anderen da, um unseren Anteil daran einzufordern.
Auf der Busfahrt in die Hauptstadt legte ich alle Namen ab, die meine Eltern mir gegeben hatten. Ich war fast fünfundzwanzig, jedoch in jeglicher Hinsicht sehr viel jünger. In dem Moment, in dem der Bus die Grenze nach Uganda überquerte, ließ ich meine Namen hinter mir zurück. Wir näherten uns dem Victoriasee, und ich wusste, dass Kampala nun nicht mehr weit war. Schon damals hatte ich beschlossen, diese Stadt in Gedanken nur »die Hauptstadt« zu nennen. Kampala klang zu klein für die Metropole, die ich mir vorstellte, und war zudem eindeutig mit Uganda verknüpft. »Die Hauptstadt« hingegen war namenlos und keinem Land verpflichtet. Wie ich gehörte sie niemandem, also konnte sie auch jeder für sich beanspruchen.
Die ersten Wochen in der Hauptstadt verbrachte ich damit, die jungen Männer zu imitieren, die in Grüppchen auf dem Universitätsgelände und in den angrenzenden Cafés und Bars herumlungerten. Damals wollte jeder ein Revolutionär sein. Auf dem Campus und in den ärmeren Vierteln, wo Isaac und ich lebten, gab es Dutzende Lumumbas, Marleys, Malcolms, Césaires, Kenyattas, Senghors und Selassies, junge Männer, die jeden Morgen nach dem Aufwachen als Erstes die schwarzen Hüte und olivgrünen Anzüge ihrer Helden anlegten. Da ich mich nicht mit ihnen messen konnte, ließ ich mir zumindest die wenigen Haarstoppel am Kinn wachsen, kaufte eine gebrauchte grüne Hose, die ich jeden Tag anzog, auch nachdem der Stoff an den Knien eingerissen war, und betrachtete mich als »Revolutionär im Werden«, auch wenn ich ursprünglich mit ganz anderen Ambitionen in die Hauptstadt gekommen war. Ein Jahrzehnt zuvor hatte nämlich an der dortigen Universität eine wichtige Zusammenkunft afrikanischer Schriftsteller und Gelehrter stattgefunden, von der ich in der Zeitung gelesen hatte, einer Zeitung, die bereits eine Woche alt war, als sie endlich unser Dorf erreichte. Von da an hatte jenes Schriftstellertreffen meine jugendlichen Träume und Pläne beflügelt, die bis dahin nur darin bestanden hatten, die ländliche Provinz so bald wie möglich hinter mir zu lassen. Endlich wusste ich, wohin ich gehen und was ich dort werden wollte: ein berühmter Autor, der, umgeben von Gleichgesinnten, im Herzen der wohl großartigsten Stadt des ganzen Kontinents lebte.
Ich traf schlecht vorbereitet in der Hauptstadt ein. Nachdem ich ein Dutzend Mal die immer gleichen viktorianischen Romane gelesen hatte, ging ich davon aus, dass die Sprache dieser Bücher das richtige Englisch war, und sagte »Sir« bei jeder Gelegenheit. Niemand, dem ich begegnete, nahm mir den Revolutionär ab, und ich brachte nicht den Mut auf, öffentlich meinen Plan zu verkünden, Schriftsteller zu werden. Bis ich Isaac kennenlernte, hatte ich keinen einzigen Freund in der Hauptstadt gefunden. Mit meinen langen dünnen Beinen und dem schmalen Gesicht würde ich eher einem Professor ähneln als einem Kämpfer, behauptete er. Deshalb nannte er mich anfangs auch so: »Professor«, beziehungsweise »der Professor«. Es war nicht der letzte Spitzname, den er mir verpasste.
»Und was ist mit dir?«, fragte ich ihn. Ich ging davon aus, dass er wie so viele andere einen zweiten, offiziellen Namen hatte, bei dem er gerufen werden wollte. Er war kleiner und breiter als ich und hatte muskulöse Arme, über die sich ein dichtes Netz aus Adern zog. Zwar besaß er den Körperbau eines Soldaten, nicht jedoch das Gesicht und das Auftreten, dazu lächelte und lachte er zu oft. Es war für mich nicht vorstellbar, dass er jemals jemanden verletzen könnte.
»Fürs Erste bleibt es bei Isaac«, antwortete er.
Isaac war der Name, den ihm seine Eltern gegeben hatten. Bis wir aus der Hauptstadt fliehen mussten, blieb es der einzige Name, den er tragen wollte. Seine Eltern waren in der letzten Gefechtswelle kurz vor der Unabhängigkeit gestorben. »Isaac« war ihr Vermächtnis an ihn, und als seine Revolutionsträume ihr Ende fanden und er vor der Entscheidung stand, das Land zu verlassen oder zu bleiben, war dieser Name sein letztes und wertvollstes Geschenk an mich.


Von Anfang an war das Leben in der Hauptstadt für Isaac schwieriger als für mich. Diese Stadt war nicht meine Heimat und würde es – wie ich mit der Zeit verstand – auch nie werden. Bei Isaac lag der Fall ein wenig anders. Uganda war sein Land, und Kampala dessen Mittelpunkt. Seine Familie kam aus dem Norden und gehörte einem jener Stämme an, deren Mitglieder besonders groß und dunkel waren, und von denen ein Mann in Cambridge beschlossen hatte, dass sie kriegerischer waren als ihre kleineren Cousins im Süden. Wären die Briten im Land geblieben, wäre es ihm gut ergangen. Als Kind war er so aufgeweckt gewesen, dass man erwogen hatte, ihn später ins Ausland zu schicken, vielleicht mit einem Staatsstipendium auf eine Privatschule in London. Doch dann schien das gesamte koloniale Experiment in einem einzigen langen, blutigen Nachmittag zu enden, und Jungen wie Isaac wurden zum zweiten Mal zu Waisen. Obwohl er nur wenige Wochen vor mir in der Hauptstadt eingetroffen war, hatte er vom Hörensagen und aus Geschichten genug über sie erfahren ...

Autor

Dinaw Mengestu, 1978 in Addis Abeba geboren, emigrierte 1980 mit seiner Mutter und seiner Schwester in die USA. Für seine zwei bisherigen Romane Zum Wiedersehen der Sterne und Die Melodie der Luft erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und wurde vom New Yorker auf der renommierten Liste »20 Under 40« [...]

mehr zum Autor

Presse

Süddeutsche Zeitung

»Die Geschichte ist berührend und knallhart zugleich – in jeder Hinsicht vielschichtig.«

Sigrid Löffler

»Mit dieser Romangestalt ist Dinaw Mengestu ein faszinierendes Porträt gelungen.«

SRF Literaturclub

»Das Großartige an diesem Roman ist, dass er die Frage stellt, wie kann man jemand sein, wenn man alles zurücklassen muss. Es ist ein beeindruckendes Buch.«

Deutschlandfunk

»Ein überwältigender Roman.«

NZZ

»In Mengestus Buch besticht der stete Wechsel der Erzähler. Erstklassiges Erzählstück, verständlich und packend geschrieben, realistisch, nicht magisch-realistisch.«

SRF Kultur

»Dinaw Mengestu berührt weit über die Migrationserfahrung hinaus universelle Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit und Identität. Seine Geschichten lassen uns die westliche Welt durch die Augen der afrikanischen Flüchtlinge in einem neuen - und nicht unbedingt schmeichelhaften - Licht sehen. Dinaw Mengestu ist ein hellwacher Intellektueller, der überzeugende Geschichten und Bilder für komplexe Zusammenhänge findet.«

Nürnberger Nachrichten

»Unsere Namen handelt vom prekären Zustand der Heimat- und Ichlosigkeit und davon, wie die historische Realität die Beziehung zwischen Menschen bestimmt.«

BÜCHER Magazin

»Schonungslos stellt Mengestu die Frage: Wer sind wir noch, wenn wir alles hinter uns gelassen haben?«

 

SRF1

»Dinaw Mengestu gehört zu den interessantesten jungen Stimmen der Weltliteratur.«