Schöne Seelen

Philipp Tingler

Ein bitterböses Porträt der vom Leben Gestreichelten und dennoch Nimmersatten. Ein sarkastischer Blick in jene Kreise der Gesellschaft, wo Schein und Einbildung so real sind wie Botox-Spritzen und Diätpillen. Und wo man nichts mehr fürchtet als Peinlichkeit.

»Ich bin aufgewachsen in einer Sphäre, wo man nicht mal sagt, was man denkt, wenn das Haus in Flammen steht«, erklärt Lauren ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Oskar Canow. Denn Oskar will eine Therapie machen. Allerdings nicht für sich selbst, sondern anstelle seines Freundes Viktor, der wiederum von seiner Ehefrau Mildred dazu genötigt wird. Philipp Tinglers neuester Roman begleitet nicht nur Oskar Canow in das Behandlungszimmer von Doktor Leonid Hockstädder, Psychohilfe der besseren Kreise, sondern seziert die gute Gesellschaft, ein Milieu, in dem die Gesichter mit Hyaluronsäure gefüllt sind, Partygeschwätz das Leben ersetzt und der Psychotherapeut kleine Aufwallungen des Gemüts zu glätten hat wie der Schönheitschirurg die Haut. Die Herzen aber sind leer. Oder doch nicht? Ein sprachlich fulminantes Meisterwerk, amüsant und unterhaltsam, reich an Geist und Tempo!

Format

  • Philipp Tingler – Schöne Seelen
    Roman

    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5723-4

    22,00 EUR

  • Philipp Tingler – Schöne Seelen
    Roman

    eBook
    336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9315-7

    17,99 EUR

Leseprobe

1

DER LETZTE ZUG NACH OBEN


»Werde ich davon fett?« Unzählige Male in ihrem Leben, dessen genaue Dauer nur sehr wenige Leute kannten, hatte Millvina Van Runkle diese Frage gestellt. Denn Millvina, zu ihrem Leidwesen eher von kräftiger Statur, bewegte sich innerhalb jener Kohorte von Damen der Gesellschaft, die einer ihrer Kritiker einst als »social skeletons« bezeichnet hatte. Jene Schar, deren Mantra seit Geburt das Motto gewesen, das der Herzogin von Windsor zugeschrieben wurde: Man kann niemals zu reich sein und niemals zu dünn. Niemals.
»Das ist eine Glukose-Infusion«, erwiderte Schwester Hildegard mit einem verächtlichen Schnauben, »das gibts noch nicht mit Aspartam, Herzchen. Abgesehen davon werden Sie sterben.«
Als die Schwester, äußerlich herb wie auch von Naturell, diesen Ausspruch tat, fiel Gwendolyne Rosenstock, die in einem Louis-XV-Sessel am Fußende von Millvinas Krankenlager saß, der Unterkiefer runter. Und weil bisher nur wenig Empfindungen Gwendolynes kunstvoll gelähmtes Gesicht beansprucht hatten, ward es einfach grau. Grau wie der Stuck in den teuren Klinikzimmern, der alle Arten 
von Staub und Rauch und Heuchelei und Elend aufgesogen hatte.
Aber so war es: In einer Suite der Privatklinik »Le Retrait« vor den Toren der lieblichen Stadt Genf hauchte, im Kreise ihrer engsten Freinde und umgeben von Diptyque-Duftkerzen, Millvina Van Runkle ihr Leben aus – eine große Dame der Zürcher Gesellschaft, bei deren letztem Facelift sich Komplikationen eingestellt hatten: eine Thrombose, verbunden mit einer Infektion der Lunge und einer Verletzung von größeren Ästen der Gesichtsnerven. Das war nicht das Verschulden der Ärzte, die Ärzte hier waren ausgezeichnet. Sie waren sogar so ausgezeichnet, dass sie Millvina von dem Eingriff dringend abgeraten hatten. Nicht unter Bezugnahme auf ihr Alter, so weit würde man nicht gehen. Sondern unter Verweis auf die zahlreichen vorangegangenen Prozeduren, von denen die letzte nicht lange zurücklag, was von vornherein das Risiko erhöhte. Es war ebenfalls nicht hilfreich gewesen, dass die Patientin im Anschluss an die Operation das Tragen von Antithrombosestrümpfen strikt verweigert hatte. Mit der Begründung, sie passten nicht zu ihren Massaro-Pantoffeln.
Schwester Hildegard hatte also vollkommen recht: Millvina würde abtreten, es konnte jeden Moment so weit sein. Sie würde den Folgen der dauernden Raffung und Straffung und forcierten Verjüngung erliegen. Im Übrigen wäre es hochwahrscheinlich gewesen, dass Millvina auch bei jedem anderen Eingriff an Komplikationen zu leiden gehabt hätte, denn sie war alt. Viel älter, als selbst die meisten derer dachten, die sie nicht leiden konnten. Seit Jahren litt sie an einem Emphysem, an Rheumatismus und Arthritis; sie hatte mehr Privatkliniken von innen gesehen als Christina Onassis – aber sie lebte. Sie füllte ein Dasein, dessen Emblem und Leitmotiv für einige Beobachter mit dem Siegelbild graziöser Langeweile beschlossen zu sein schien, doch derlei Urteile sind schnell gefällt und schwer zu begründen.

Millvina Van Runkle, die hier, wie immer viel zu bombastisch gekleidet, in dem Bett lag, das ihr Totenbett werden sollte, in einer schillernden Seidenrobe, deren gepuffte Ärmel die untere Hälfte ihrer inzwischen kalten und blutleeren Oberarme entblößten, Millvina Van Runkle hatte ein Leben für die Gesellschaft geführt. Und solche Existenzen sind, wiewohl scheinbar leicht zu fassen, doch im Grunde rätselhaft. Zum Beispiel ließ sich schwerlich sagen oder vermuten, ob sich nun ihre besten Freunde oder flüchtigsten Bekanntschaften hier zu Besuchen einfanden. Denn derartige Prädikate waren einigermaßen beliebig und auswechselbar in jener Sphäre, in der unsere Geschichte spielt, in jenen Kreisen, wo man Leute, denen man Pest und Cholera an den Hals wünscht, Mimi und Chessy nennt.
Fest hingegen steht, dass sich an Millvinas Bett nur jene Charaktere sehen ließen, die noch nicht verbannt und vergrault worden waren durch Alwine Smid, Millvinas Anwältin und Treuhänderin, die in den letzten Wochen ihre eigene Art von Auswahl und Auskehrung betrieben hatte, indem sie jedem aus Millvinas Kreis, den sie für bedenklich oder unzuträglich hielt, den Zugang zu Millvinas schlossähnlichem Anwesen an der Zürcher Neumünsterallee gesperrt und bisweilen sogar persönlich die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Obendrein hatte sie Millvinas alten Anwalt, Doktor Alois Martersteig, gefeuert; ebenso die Haushälterin und den Koch und Ferdinand, den treuen Fahrer, der selbstverständlich auch nach seiner Entlassung noch täglich in der Neu10 münsterallee angerufen und sich bei den Dienstmädchen, Floriana und Ascension, nach Madames Zustand und Befinden erkundigt hatte. Bis Floriana und Ascension von Alwine ebenfalls erledigt wurden, ungefähr zur gleichen Zeit wie Trooper, Impy und Trouble, Millvinas geliebte Malteser, die Alwine wegen eines vermeintlichen Infektionsrisikos entfernen ließ, und aus demselben Grund verbot sie Blumen, sodass die wöchentlichen Lieferungen von Binder im Oberdorf storniert wurden. Und es gab Gerüchte, dass Alwine Smid genau in diesen letzten Tagen und Stunden ihrer Mandantin eine ganz eigene Art von Inventur an der Neumünsterallee durchführte, dabei Möbel und preislose Dekorationsgegenstände systematisch wegschaffend, darunter ein idyllisches Landschaftsbild von Elisabeth Vigée Le Brun, Millvinas Lieblingsstück in ihrer Gemäldesammlung. Genaueres wusste niemand, obschon einiges geredet wurde, doch geredet wurde schließlich immer.
Wie dem auch sei: Millvina würde alsbald das Zeitliche segnen; alle jetzigen ärztlichen Maßnahmen und Vorkehrungen waren rein palliativer Natur; sie dienten dazu, Schmerz und Leid zu vermeiden. (Ein Unterfangen, auf das übrigens Millvinas gesamtes Dasein ausgelegt gewesen war.) Und obschon Gwendolyne Rosenstock dies wusste oder zumindest doch sehr deutlich ahnte, entschloss sie sich, den Umstand des nahen Endes und die Bemerkung von Schwester Hildegard, nachdem die Türe hinter derselben mit einem kleinen Knall ins Schloss gefallen war, zu ignorieren. 

Autor

Philipp Tingler wurde 1970 in Berlin (West) geboren und studierte Wirtschaftswissenschaften und Philosophie in St. Gallen, London und Zürich. Die Liste seiner Veröffentlichungen umfasst neben Belletristik und Sachbüchern diverse Arbeiten für Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen, u. a. fü [...]

mehr zum Autor

Anschauliches