Für immer ist ganz schön lange

Lynne Schwartz

Erbarmungslos, witzig und zeitlos seziert Lynne Schwartz eine langjährige Ehe – ein leidenschaftliches Plädoyer fürs Durchhalten im Beziehungsleben

Als Ivan vom Joggen nicht nach Hause zurückkehrt, die Minuten nur langsam verstreichen und das Warten immer unerträglicher wird, spielen sich in Carolines Kopf die verschiedensten Szenarien ab. Sollte dies nun tatsächlich das Ende ihrer zwanzigjährigen Beziehung sein? Er macht sich einfach aus dem Staub, ohne ein Wort? Wieso ist überhaupt er derjenige, der geht – hatte sie nicht selbst oft genug darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen und ohne ihn neu anzufangen? Andererseits: Haben sie sich nicht trotz aller Krisen und Affären immer wieder zusammengerauft? Vielleicht wurde er auch überfallen, liegt irgendwo in Manhattan am Straßenrand und wartet auf Hilfe? Lynne Schwartz nimmt uns mit auf eine mitreißende, emotionale Achterbahnfahrt, die durch alle Höhen und Tiefen einer langjährigen Beziehung führt – eine literarische Wiederentdeckung und ein packendes, intelligentes und zeitloses Plädoyer für das Durchhalten im Beziehungsleben.

Format

  • Lynne Schwartz – Für immer ist ganz schön lange
    Roman

    Original: Rough Strife

    Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5725-8

    20,00 EUR

  • Lynne Schwartz – Für immer ist ganz schön lange
    Roman

    Original: Rough Strife

    Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner
    eBook
    256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9316-4

    15,99 EUR

Leseprobe

Grenzte es nicht an ein Wunder, dass sie nach all den Jahren noch so etwas empfinden konnte? Verlangen nämlich, und dessen Befriedigung. Ivan lag erschöpft auf ihr, glitt langsam aus ihr heraus. Sie bemühte sich nicht, ihn festzuhalten. Gleich würde sie die Augen aufschlagen und die Schlafzimmerdecke sehen, gebrochenes Weiß mit körnigen, alten Unvollkommenheiten an der Oberfläche. Sie würde ihre Identität wieder annehmen, ein von den Wechselfällen des Lebens geformtes Gebilde. Doch bis dahin würde sie sich dieser größeren Daseinsform hingeben: der Unermesslichkeit von Ozeanen, der Weite von Kontinenten! Eine Täuschung, gewiss, aber welch extravaganter geografischer Vergleich, und das dank Ivan. Caroline musste lächeln. Er drehte sich von ihr weg. Eine Weile lagen sie Seite an Seite, bis Ivan sich aufsetzte und verkündete: »Und jetzt muss ich joggen gehen.« Caroline seufzte. »Vermutlich ist es nur fair, auch andere Körperteile zu trainieren. Die Beine zum Beispiel.« »Herz und Lunge, um genau zu sein.« »Verstehe. Damit wären also Fortpflanzungsapparat, Kreislauf und die Atmungsorgane abgedeckt. Wirklich gründlich.

Und anschließend musst du nur noch etwas essen, damit auch die Verdauung nicht zu kurz kommt.« »Hör schon auf«, bat er und täuschte sanft einen Schlag auf ihre Wange vor. Sie streckte sich flach aus, damit er über sie hinweg aus dem Bett steigen konnte, und verfolgte, wie sich sein Körper durch die Luft schwang. »Ich bin in etwa einer halben Stunde wieder da«, sagte er. »Hörst du es, wenn ich klingle?« Wie diskret er war, dieser Liebhaber. Übersetzt bedeutete die Frage, ob sie die Absicht hatte, aufzustehen oder weiterzuschlafen. Ivan war der Meinung, dass man im Leben zu viel kostbare Zeit mit Schlafen verbrachte. Und er klingelte, weil er behauptete, das Gewicht und das Klimpern der Schlüssel störe die leichte Euphorie, die sich beim Joggen einstelle. »Ich höre dich bestimmt. Bis du zurückkommst, bin ich
längst aus der Dusche.« Erst neulich war sie in der Morgenzeitung auf einige Zeilen über die Liebe gestoßen. » ›Liebe‹ «, hatte sie Ivan vorgelesen, der, mit der Krawatte in der Hand, konzentriert vor der Glasscheibe des Geschirrschranks stand, » ›Liebe ist das gebräuchliche Wort für die sexuelle Erregung der Jugend, die Gewohnheit der mittleren Jahre und die gegenseitige Abhängigkeit im Alter.‹ « Sie hielt inne. »Gewöhnung? Trifft das auf
uns zu?«
»Wir gehören noch zur Kategorie Jugend«, sagte Ivan mit einem Lächeln, die Augen, nicht den Kopf, in ihre Richtung gedreht. Ein nettes, anzügliches Grinsen. Gut. Die Einstellung des Autors gefiel ihr ohnehin nicht. Sie grinste zurück und biss mit jugendlichem Appetit in ihr Käsebrot. Ivan schlug das lange Ende der königsblauen Krawatte über das kurze, zog es von unten durch und bewältigte den Knoten mit gequälten ruckartigen Halsbewegungen, als versuchte sein Kopf, dunkel und gedankenvoll, sich aus der erzwungenen Enge zu befreien. Er hasste Geschäftsanzüge und behauptete, dass er in einem Lendentuch am glücklichsten wäre, aber er ging zu einem Treffen mit den Geldgebern. Ivan hatte eine einflussreiche Position am Metropolitan Museum, wo seine ganz speziellen Talente endlich ihre Nische gefunden hatten: untadeliger Geschmack, ein geschultes Auge und ein brillantes, scheinbar natürliches diplomatisches Geschick im Umgang mit potenziellen Geldlieferanten. Während Caroline das Binden der Krawatte verfolgte, dachte sie gleichmütig: Er opfert seine Bequemlichkeit, um unser täglich Brot zu verdienen. Sie verdiente es ebenfalls, aber die höhere Mathematik konnte man in Hose und Pullover unterrichten, erhaben, wie diese von Natur aus war. Ivan zwängte sich in eine Anzugjacke. »Sehr schön«, bemerkte sie vom Küchentisch aus. »Die erraten nie, dass du Unternehmensstrukturen verabscheust.« Er verzog das Gesicht, fuhr mit dem Finger unter dem Kragen durch und verließ das Zimmer. Stimmte es? Gehörten sie wirklich noch zu den Jungen? Sie hatte geduscht und war mitten in ihrer Morgengymnastik, als ihr auffiel, dass Ivan noch nicht zurück war. Er kam sonst nach dem Joggen immer direkt nach Hause, da er zu verschwitzt war, um irgendwo anders hinzugehen. Sie war nie besitzergreifend gewesen, was seine Zeit betraf – Freiheit war Teil ihrer stillschweigenden Vereinbarung, ihrer dauerhaften Beziehung. Aber sie fürchtete die Gefahren des Parks,insbesondere an unbelebten Wochentagen und grauen Vormittagen. Und heute war ein grauer Dienstag. Ivan hatte Urlaub und hätte ihre Ängste als Unsinn abgetan. Wahrscheinlich war er einem Nachbarn begegnet und mal wieder zu einer guten Tat verpflichtet worden, musste hilflosen Kindern den verbogenen Hausschlüssel richten oder älteren Witwen den Einkaufswagen ziehen, Schweiß hin oder her. Sie konzentrierte sich bewusst wieder auf ihre Morgengymnastik, anstrengende Ballett-Aufwärmübungen, damit ihr Körper jung und beweglich blieb. (Für wen?, fragte sie sich gelegentlich. Für sich selbst? Ivan? Etwas zwingend Notwendiges in der Zukunft?) Sie war der Ansicht, dass Gymnastik die Übergriffe der Zeit aufhalten konnte, so wie eine disziplinierte Armee eine zerstörerische Horde aufhält. Außerdem glaubte sie an die Geschichte von dem Jungen, der ein Rind hochheben konnte. Er begann damit, kaum dass das Rind geboren war, und hob es jeden Tag hoch. Sie durfte auf keinen Fall eines Tages alt aufwachen und nicht mehr imstande sein, die Dehnungen, Schwünge und Gleichgewichtsübungen auszuführen, die ihr noch am Tag davor so leichtgefallen waren. In Zenons Paradox, das das Vorstellungsvermögen ihrer Studenten überstieg, erreichte der Pfeil nie sein Ziel, da die einzelnen Schritte eine unendlich teilbare Aufeinanderfolge darstellen. Die dahinrasende Zeit bewegte sich in winzigen Etappen. Caroline war fünfundvierzig, aber wie ihre Freunde ihr gelegentlich sagten und wie sie selbst glaubte, sah sie Jahre jünger aus. Als sie fertig war, schaute sie auf die Küchenuhr. Er war nun seit über einer Stunde weg. Plötzlich erschien ihr, auf das viereckige Zifferblatt der Uhr projiziert, eine Vision von Ivan, der auf einem einsamen Weg von drei großspurigen Burschen mit Messern angegriffen wird. Dass er kein Geld bei sich trug, machte die drei wütend; sie gingen auf ihn los und verschwanden, während er blutend im schlaffen Juligras liegen blieb.

Autor

Lynne Schwartz ist eine New Yorker Autorin. Seit den Siebzigerjahren hat sie neunzehn Bücher veröffentlicht, darunter Romane, Sachbücher, Kurzgeschichten und Lyrik. Mit »Für immer ist ganz schön lange« erschien 1980 ihr erster Roman, mit dem Lynne Schwartz viel Aufmerksamkeit erregte und der nun in [...]

mehr zum Autor

Presse

Deutschlandradio Kultur

»Eindrucksvoll, höchst unterhaltsam und noch immer zeitgemäß«

Frankfurter Rundschau

»Kein & Aber legt jetzt eine komplette, überzeugende Neuübersetzung von Ursula-Maria Mössner vor. Wertschätzung für einen Roman, der kein bisschen gealtert erscheint – vielleicht weil er so nüchtern und hundertprozentig kitschfrei von einer doch beachtlichen Liebe erzählt.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Eine wichtige Wiederentdeckung [...] eines erstaunlichen Romandebüts, das heute, eine Generation später, nichts von seiner Intensität seiner psychologischen Raffinesse und seiner Gültigkeit eingebüßt hat.«