Der Geruch des Paradieses

Elif Shafak

In ihrem neuen Roman widmet sich Elif Shafak den dringlichsten Themen der heutigen Zeit. Eine berührende und zugleich explosive Geschichte über Identität, Politik, Glauben und die Türkei.

Als Peri auf dem Weg zu einer Dinnerparty in Istanbul auf offener Straße überfallen wird, fällt ein Foto aus ihrer Handtasche ein Relikt aus ihrer Studienzeit in Oxford. Daraufhin wird sie von der Erinnerung an einen Skandal eingeholt, der ihre Welt für immer aus den Fugen gehoben hat. Elif Shafak verwebt meisterhaft Fragen der Liebe, der Schuld und des Glaubens und erzählt, wie der Kampf zwischen Tradition und Moderne die junge Frau zu zerreißen droht.

Format

  • Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses
    Roman

    Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 560 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5752-4

    25,00 EUR

  • Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses
    Roman

    Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
    eBook
    420 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9345-4

    19,99 EUR

Leseprobe


Die Handtasche

ISTANBUL, 2016

 

An einem ganz normalen Frühlingstag in Istanbul, einem langen, bleiernen Nachmittag, traf sie wie ein Faustschlag die Erkenntnis, dass sie fähig war zu töten. Dass unter Stress selbst die ruhigsten, fügsamsten Frauen die Kontrolle verlieren konnten, hatte sie immer schon geahnt, und da sie sich weder für ruhig noch für fügsam hielt, schätzte sie ihr eigenes Gewaltpotenzial weit größer ein. »Potenzial« war allerdings ein heikler Begriff . Die Türkei verfüge über ein großes Potenzial, hatte es einmal geheißen – und was war daraus geworden? Deshalb hatte sich Peri mit dem Gedanken beruhigt, auch ihr dunkles Potenzial würde sich am Ende nicht durchsetzen.
Und das Schicksal, diese gut erhaltene Tafel, in die alle vergangenen und künftigen Ereignisse eingemeißelt waren, hatte es ihr bisher zum Glück fast völlig erspart, Böses zu tun. Sie hatte ein anständiges Leben geführt und anderen zumindest willentlich kein Leid zugefügt, wenn man von dem gelegentlichen Klatsch und den damit einhergehenden Lästereien absah. Und das war zu vernachlässigen, weil das schließlich alle taten und die Hölle bis zum Rand gefüllt gewesen wäre, hätte es als Sünde gegolten. Wenn es überhaupt einen gab, dem sie Kummer bereitet hatte, dann Gott, doch der war zwar schnell ungehalten und notorisch launenhaft, aber niemals gekränkt. Kränken und Gekränktsein, das galt nur für Menschen.
In den Augen ihrer Freunde und Verwandten war Nazperi Nalbantoğlu – Peri, wie sie von allen genannt wurde – ein guter Mensch. Sie spendete für wohltätige Zwecke, engagierte sich für die Alzheimerforschung und sammelte Geld für notleidende Familien. Sie ging in Altenheime und ließ sich von den Bewohnern in Backgammonturnieren besiegen, hatte immer ein paar Leckerbissen für die vielen Istanbuler Straßenkatzen in der Handtasche und ließ hin und wieder eine auf eigene Kosten kastrieren. Sie hielt ein wachsames Auge auf die schulischen Leistungen ihrer drei Kinder, gab elegante Abendessen für den Chef und die Mitarbeiter ihres Mannes, fastete am ersten und am letzten Tag des Ramadan, meist aber nicht in der Zeit dazwischen. Zum Fest des Fastenbrechens, Eid, opferte sie ein mit Henna gefärbtes Schaf. Sie warf keinen Abfall auf den Gehweg, drängelte sich an der Supermarktschlange nicht vor, erhob nicht einmal gegen unhöfliche Menschen die Stimme. Sie war eine gute Ehefrau, gute Mutter, gute Hausfrau, gute Bürgerin und gute moderne Muslima.
Wie ein geschickter Schneider hatte die Zeit die beiden Stoffe, die Peris Leben umhüllten, scheinbar nahtlos zusammengenäht: das, was die anderen von ihr dachten, und das, was sie von sich hielt. Diese beiden Stoffe bildeten ein so perfektes Ganzes, dass sie nicht mehr sagen konnte, wie viele Stunden eines jeden Tages von den Erwartungen an sie bestimmt waren und wie viele von dem, was sie wirklich wollte. Manchmal hätte sie am liebsten einen Eimer genommen und die Straßen und Plätze, die Regierung, das Parlament, die Bürokratie mit Seifenlauge ausgeschwemmt und bei der Gelegenheit auch gleich ein paar Leuten den Mund durchgespült. Da war so viel Schmutz zu beseitigen, so viel Zerbrochenes zu kitten, so viel Falsches zu verbessern. Wenn sie morgens aus dem Haus ging, seufzte sie leise auf, als ließe sich der ganze Müll des Vortags mit diesem einen Atemstoß beseitigen. Doch obwohl sie einerseits die Welt konsequent infrage stellte und Ungerechtigkeit nie schweigend hinnahm, hatte sie andererseits schon vor Jahren beschlossen, zufrieden zu sein mit dem, was sie hatte. Umso größer war ihr Erstaunen, als sie mit fünfunddreißig Jahren an einem leidlich annehmbaren Tag unvermittelt in den Abgrund ihrer Seele blickte.
Schuld war der Verkehr, sagte sie sich später. Das Rumpeln und Dröhnen und Scheppern – wie das Gebrüll von tausend Kriegern. Die ganze Stadt war eine einzige gigantische Baustelle. Istanbul war unkontrolliert gewachsen und wuchs weiter wie ein überfressener Goldfisch, der unaufhörlich nach Nahrung suchte. Im Rückblick auf jenen verhängnisvollen Nachmittag sollte Peri zu der Überzeugung gelangen, dass es ohne den heillosen Verkehrskollaps niemals zu der Kette von Ereignissen gekommen wäre, die letzten Endes so viele tief in ihr vergrabene Erinnerungen geweckt hatten.

Auf einer zweispurigen Straße, die von einem umgekippten Laster blockiert war, krochen sie zwischen den anderen Fahrzeugen voran. Peri trommelte mit ihren Fingern aufs Lenkrad und wechselte alle paar Minuten den Radiosender, während ihre Tochter, Kopfhörer in den Ohren, gelangweilt auf dem Beifahrersitz saß. Wie ein in falsche Hände gelangter Zauberstab verwandelte der Verkehr die Minuten in Stunden, Menschen in Ungeheuer und jeden Hauch von Vernunft in reinen Wahnsinn. Istanbul störte das nicht. An Zeit, Ungeheuern und Wahnsinn herrschte in der Stadt kein Mangel. Eine Stunde mehr oder weniger, ein Ungeheuer mehr, ein Wahnsinniger weniger – ab einem bestimmten Punkt spielte es keine Rolle mehr.
Wie eine berauschende Droge strömte der Irrwitz durch die Straßen dieser Stadt, und Millionen Bewohner verpassten sich tagtäglich eine Dosis, ohne zu bemerken, wie sehr sie dadurch aus dem Gleichgewicht gerieten. Menschen, die sich weigerten, ihr Brot mit anderen zu teilen, teilten bereitwillig ihren Wahnsinn – und fanden es völlig normal. Denn das war das Problem, wenn der Verstand gemeinschaftlich verloren ging: Sobald genug Leute derselben Sinnestäuschung unterlagen, so wurde diese zur Realität. Sobald genug Leute über dasselbe Elend lachten, wurde ein lustiger kleiner Witz daraus.

Autor

Elif Shafak, in Straßburg geboren, gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei. Die preisgekrönte Autorin von dreizehn Büchern, darunter »Die vierzig Geheimnisse der Liebe« (2013) , »Ehre« (2014) und »Der Architekt des Sultans« (2015), schreibt auf Türkisch und auf Englisch. Ihre [...]

mehr zum Autor

Presse

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Wer die Romane Elif Shafaks mit denselben Augen wie ihre Essays und Interviews als politische Stellungnahme liest, verpasst die Frechheit und den Witz, mit denen die Autorin erzählt, die fein beschreibenen Momente, in denen sich Befremdung und Befreiung ihrer Figuren die Waage halten, die gesellschaftlichen Panoramen, die sie etwa hinter ihrer Heldin Peri aufzieht.«

ttt - titel thesen temperamente

»Auch in ihrem neuen Roman ›Der Geruch des Paradieses‹ lässt Elif Shafak traditionelle und moderne Werte meisterhaft aufeinanderprallen.«

heute-Journal

»Eine Geschichte über bemerkenswerte Frauen, geschrieben von einer besonderen Frau.«

NDR Kultur

»Eine sehr berührende und kritische Geschichte über Glauben, Identität und Politik.«

der Freitag Blog

»Shafak nutzt Erzählchancen, wie sie nur Umwälzungen bieten.«

Deutschlandradio Kultur

»Ein Buch, das die Schwierigkeiten der modernen Türkei gekonnt in eine Romanhandlung verwebt und dabei keine Seite und keine Meinung verurteilt.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

»Für den Spiegel ist Elif Shafak ›die emotionale Stimme einer gespaltenen Nation‹, für die NZZ die ›wichtigste weibliche Stimme der türkischen Gegenwartsliteratur‹. Im Independent wurde die Schriftstellerin ›die Stimme der türkischen Literatur‹ genannt, in der New York Times die ›bedeutendste weibliche literarische Stimme der Türkei‹.«

Neue Zürcher Zeitung

»Eine grosse Parabel auf die Zustände in der heutigen Türkei.«

Aachener Zeitung

»Fesselnde Lektüre – Politik, Privates und die witzigen und klugen Dialoge machen dieses Buch zu etwas Besonderem.«

Annabelle

»Elif Shafak, die wichtigste Autorin der Türkei, zeigt den Werte-Clash in der muslimischen Gesellschaf.«

Nürnberger Nachrichten

»Shafak wirft wichtige und existenzielle Fragen auf.«

Freundin

»Ein fesselndes Frauenporträt.«

Bild.de

»Nach der letzten Seite klappt man diesen Roman am besten kurz zu und fängt ihn gleich wieder von vorne an, um noch mehr darin zu entdecken.«

WDR 1

»Elif Shafak ist eine große Erzählerin; sie versteht es einen zu packen, mitzunehmen und nicht mehr loszulassen.«

Brigitte

»Ein bis zum dramatischen Finale tiefgehender und vielschichtiger Roman über weibliche Selbstbestimmung und das Verhältnis von Orient und Okzident.«

Fuldaer Zeitung

»Ein treffsicher formuliertes, tiefgründiges, manchmal verwirrendes aber bis zuletzt spannendes Buch.«

Gala

»Ein sehr berührender, aber auch kritischer Roman über Glaube, Identität und Politik.«

LITERATUR SPIEGEL

»In elegant übersetzten Szenen entfaltet Shafak ein zeitgemässes Dilemma der weiblichen Emanzipation im Tschadorschatten.«

ZDF aspekte

»Elif Shafak ist nicht nur ein spannender Frauenroman gelungen, sondern zugleich ein Psychogramm der gegenwärtigen Türkei.«