INTERVIEW MIT AYELET GUNDAR-GOSHEN ZU IHREM NEUEN ROMAN


Ihrem ersten Roman Eine Nacht, Markowitz wurde in Israel und in Deutschland sehr viel Beachtung geschenkt. Er wird zudem ins Englische und in vier weitere Sprachen übersetzt und von der BBC als Fernsehserie verfilmt. Nach einem solchen Erfolg: Wie schwierig ist da die Entscheidung, einen zweiten Roman zu schreiben?

Die Entscheidung, einen Roman zu schreiben, unterscheidet sich generell nicht allzu sehr von der Entscheidung, einen Drachen zu reiten. Da steht dieses riesige, beängstigende Ding vor dir, und anstatt schnellstens die Flucht zu ergreifen, sollst du auf seinen Rücken springen. Er ist größer als du, hat gewaltige Flügel, und du musst ihn zähmen, ansonsten wirft er dich ab. Das Schlimme an Drachen wie an Büchern ist, dass wenn du sie ein Mal gezähmt hast, du es nicht zwangsläufig ein zweites Mal schaffst. Aber wenn du an deinem zweiten Roman sitzt, und der Drache beginnt, Feuer in deine Richtung zu spucken, dann kann man sich an der Erinnerung festhalten, das erste Mal überlebt zu haben.


Die Geschichte von Hauptfigur Etan Grien ist eine Abwärtsspirale. Waren Sie sich selbst am Anfang des Schreibprozesses bereits der Richtung bewusst, in die sich die Geschichte entwickeln würde?

Ich war zwanzig Jahre alt, als ich die Hauptfigur dieses Romans getroffen habe. Ich machte gerade eine Reise durch Indien und traf dort einen jungen Israeli, der tage- und nächtelang nur im Hostel saß und vor sich hin starrte. Irgendwann ging ich zu ihm und fragte, ob alles in Ordnung sei. Er antwortete, dass er vor ein paar Tagen einen Inder mit seinem Motorrad überfahren hatte und daraufhin geflohen sei. Diese Geschichte faszinierte mich zehn Jahre lange, bevor ich anfing, sie aufzuschreiben. Lange Zeit fehlte mir noch eine wichtige weitere Zutat: Ich wollte keinen Roman einzig über einen weißen Typen schreiben, der in seinem schön eingerichteten Wohnzimmer sitzt und über seine Tat nachsinnt. Erst als ich verstanden habe, dass diese Person von der Frau des Opfers erpresst werden muss, konnte ich mit dem Schreiben beginnen. Ich brauchte den Blick einer Außenseiterin, einer jener Personen, die immer um uns herum sind, die wir aber nicht wirklich beachten. Wie viele Male habe ich bereits in Restaurants gesessen, beim Essen, beim Küssen, beim Diskutieren, während ein illegaler Einwanderer meinen Tisch abwischte, von mir komplett unbeachtet? Ich wollte herausfinden, was passiert, wenn ein solcher unbeachteter Mensch plötzlich etwas in der Hand hält, das das Gleichgewicht zwischen uns verändert. Wie die Geschichte ausgehen würde, wusste ich jedoch erst, als ich tatsächlich am Ende des Romans angekommen war.


Die liebenswürdige Art, wie Sie die Figuren zeichnen, ist ein roter Faden durch Ihr Werk. Woher kommt Ihr Interesse selbst an Nebenfiguren?

So etwas wie »Nebenfiguren« gibt es für mich nicht. Angenommen, du schreibst über einen Mann, der gerade mit dem Bus zu seiner Geliebten unterwegs ist. Der Busfahrer ist zwar nur eine Nebenfigur, aber er kann genauso gut gerade den Plan aushecken, am Abend seine Frau umzubringen. Oder er denkt sich eine Gutenachtgeschichte für seine Kinder aus – die beste, die sie jemals gehört haben. Wenn man sich nur auf eine Figur konzentriert, kann man irrtümlich annehmen, dass diese Figur spezieller wäre als andere. Das trifft auf die Literatur genauso zu wie auf das richtige Leben: Wir konzentrieren uns auf uns selbst und betrachten unsere Mitmenschen als Nebenfiguren. Doch jede dieser Figuren kann Stoff für eine Geschichte sein. Vielleicht nicht immer für einen Thriller, aber möglicherweise für eine Geschichte über Verlust oder Liebe. Als Psychologin arbeite ich viel mit Menschen, und am meisten fasziniert mich daran, dass sie einen immer wieder aufs Neue überraschen. In Momenten der Überheblichkeit, wenn ich gerade wieder einmal denke, ich hätte jemanden verstanden, werde ich binnen zwei Sitzungen widerlegt. Manch einer starrt gerne in die Ferne, auf Berge oder Seen, und ich starre nun mal gerne auf Menschen. Mich interessiert der Moment, in dem sie sich vor deinen Augen verändern. Zum Beispiel die schlecht gelaunte Frau im Supermarkt, die dich gerade noch angerempelt hat und deren Gesicht plötzlich weiche Züge annimmt, wenn sie ihr winkendes Kind bemerkt.


Inwiefern beeinflussen sich Ihre beiden Berufe als Psychologin und Schriftstellerin?

Beide Berufe erfordern, dass man seine Haut für eine Zeit verlässt und sich in einen anderen Menschen hineinversetzt. Wenn man mit einem Patienten spricht, der etwas getan hat, was man selbst moralisch verurteilt, muss man trotzdem versuchen, seine Motivationen zu verstehen. Weder als Psychologe noch als Schriftsteller hat man das Privileg, jemanden zu verurteilen. Wenn jemand seinen Vermieter umbringt, musst du nach dem Grund suchen. Und um das zu tun, musst du den Teil in dir selbst finden, der zu einem Mord fähig wäre. Trotz dieser ähnlichen Ausgangslage versuche ich, das Therapieren und das Schreiben voneinander zu trennen. Als Schriftsteller bist du Herrscher über die Welt, die du geschaffen hast. Die Geschichte eines Patienten jedoch ist nicht deine: Er ist der Erzähler, und du hilfst ihm nur, sie zu einem Besseren zu wenden.
 

Eine zentrale Frage des Romans ist: Hätte Etan Grien auch Fahrerflucht begangen, wenn er anstelle eines illegalen Einwanderers einen Israeli überfahren hätte? Oder, etwas abstrakter: Was ist der Wert von »illegalem Leben« in unseren Köpfen? Das ist eine provokante Frage – wie waren die Reaktionen in Israel darauf?

Mein Ziel war es, dass sich der Leser nach Beenden des Buchs genau diese Frage stellt: Wenn das dir selbst passiert wäre – mitten in der Nacht ohne Zeugen einen namenlosen Flüchtling zu überfahren, jemanden, der für dich aussieht wie eintausend andere Menschen – , wie hättest du gehandelt? Der junge Mann, den ich in Indien getroffen habe, war kein schlechter Mensch. Hätte er ein junges israelisches Mädchen überfahren, hätte er es bestimmt sofort ins Krankenhaus gebracht. Aber er hat kein israelisches Mädchen überfahren, und genau darin liegt der Unterschied. Eine bemerkenswerte Rückmeldung habe ich von einem Journalisten erhalten, der zugab, im Verlauf des Buchs immer stärker gehofft zu haben, dass Etan mit seiner Tat ungestraft davonkommt. Er konnte sich mit ihm identifizieren. Etan als Opfer, der von der Einwanderin erpresst wird. Als Leser unserer Gesellschaft wünscht man sich meistens, dass der Held zwar dem Abgrund nahe kommt und mit seinen Dämonen konfrontiert wird – aber am Ende soll er obsiegen, er soll aus der Dunkelheit treten und die süße Morgensonne erblicken.


Der Roman als politisches Statement?

Ein Roman ist kein politisches Statement. Er ist ein Roman. Er kann natürlich politische Aspekte behandeln, wie es auch  Löwen wecken tut. Löwen wecken versucht, Menschen nicht nur emotional zu bewegen, sondern auch in einem sozialen oder politischen Sinn. Aber zusammengefasst geht es eigentlich nur darum, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Tragen wir eine moralische Verantwortung in uns und wenn ja, wie definiert sie sich? Es ist wohl Aufgabe des Schriftstellers, den Blick des Lesers dorthin zu lenken, wo er normalerweise nicht hinschauen würde. Literatur ist ein Akt des Sehens, aber ein anderer als das Herumschauen im Alltag. Als ich noch als Zeitungsredakteurin gearbeitet habe, wurde jeder Beitrag daran gemessen, wie viel Realität man den Lesern beim Morgenkaffee zumuten kann. Solange der Leser sein Müsli herunterbekommt, macht die Zeitung einen guten Job. Als Schriftstellerin lege ich es darauf an, dass die Leser ihren Kaffee über den Tisch spucken.


Der Titel funktioniert auf einer metaphorischen Ebene. Wie sind Sie darauf gekommen?

Er spielt auf ein Gedicht von Yona Wallach an: »Wir waren wie verrückt / Löwen schrien in uns die ganze Nacht«. An einer ganz bestimmten Stelle im Roman, so denke ich, sind die Löwen tatsächlich erwacht. Mir gefällt die Vorstellung eines inneren Löwen, eines versteckten Raubtiers in jedem von uns, sogar im Arzt mit seinem weißen Kittel.


Eine Nacht, Markowitz ist eine Art Schelmenroman vor historischem Hintergrund. Löwen wecken ist teils Kriminalgeschichte, teils Liebesroman, teils Thriller. Haben Sie bereits Pläne für einen dritten Roman? Wagen Sie sich wieder an etwas ganz anderes?

Ich liebe das Schreiben, weil es der einzige Spielplatz ist, auf dem sich auch Erwachsene ausleben dürfen. Ein Ort, an dem du keinen Gepflogenheiten unterworfen bist, an dem du auch einmal etwas Unerwartetes tun darfst. Du kannst machen, was du willst, du kannst sein, wer du willst und wann du willst. Ich arbeite bereits an meinem neuen Buch, und ich mache darin wieder von genau diesem Recht Gebrauch, so viel kann ich schon verraten.

Zürich/Tel Aviv im November 2014