Abschied für Anfänger

Abschied für Anfänger

Anne Tyler

»Realistisch und humorvoll.« The Independent

Als Aaron Dorothy kennenlernt, eine schlagfertige, selbstbewusste Ärztin, ist es für ihn, als ob ein frischer Wind durch sein Leben wehen würde. Die beiden heiraten bald und führen eine glückliche Ehe. Doch Dorothy wird von einem Baum, der auf ihr Haus stürzt, getroffen und stirbt – und Aaron, Mitte dreißig, erstarrt in Trauer. Nur ihre Rückkehr von den Toten – die erstaunlicherweise niemand sonst wahrzunehmen scheint – hilft ihm, über die Runden zu kommen. Während er seiner Arbeit als Lektor von »Handbüchern für Anfänger« nachgeht, beginnt er zu verstehen, dass er selbst ein Anfänger ist: Er muss Schritt für Schritt lernen, was es heißt, Abschied zu nehmen.

Format

  • Anne Tyler – Abschied für Anfänger
    Roman

    Original: The Beginner's Goodbye

    Aus dem Amerikanischen von Christine Frick-Gerke
    Hardcover
    Format: 12,0 x 18,9 cm , 240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5642-8

    19,90 EUR

  • Anne Tyler – Abschied für Anfänger
    Roman

    Original: The Beginner's Goodbye

    Aus dem Amerikanischen von Christine Frick-Gerke
    eBook
    240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9200-6

    15,99 EUR

Leseprobe

1


Das Eigentümlichste an der Wiederkehr meiner Frau nach ihrem Tod waren die Reaktionen der Leute.
Wir machten zum Beispiel an einem Frühjahrsnachmittag einen Spaziergang über den Belvedere Square, bei dem wir unseren alten Nachbarn Jim Rust trafen. »Na, was sagt man dazu«, rief er. »Aaron!« Dann bemerkte er Dorothy neben mir. Sie stand da, sah zu ihm hoch und hielt eine Hand an die Stirn, um die Sonne abzuschirmen. Er machte große Augen und wandte sich wieder mir zu.
Ich sagte: »Wie gehts, Jim?«
Er nahm sich sichtbar zusammen. »Oh … bestens«, sagte er. »Ich meine … na ja … natürlich fehlst du uns. Ohne dich ist das Viertel nicht, was es war!«
Er richtete seinen Blick nur auf mich – auf meinen Mund, genau genommen, als würde ich sprechen, nicht er. Dorothy sah er nicht an. Er hatte sich ein Stückchen gedreht, um sie aus seinem Gesichtskreis auszublenden.
Er tat mir leid. Ich sagte: »Na, bestell allen einen schönen Gruß«, und wir gingen weiter. Dorothy neben mir lachte ihr trockenes Lachen.
Andere taten, als sähen sie keinen von uns beiden. Sie erkannten uns von Ferne, mit einem Ruck änderte sich ihre Miene, und dann verschwanden sie blitzschnell in einer Seitenstraße, extrem in Eile, viel zu tun, alles sehr wichtig. Ich wusste, dass es schwierig war, mit dieser Geschichte umzugehen. Vielleicht hätte ich mich an ihrer Stelle auch so verhalten. Vielleicht auch nicht, hoffentlich nicht, vielleicht aber doch.
Laut lachen musste ich hingegen über diejenigen, die ganz vergessen hatten, dass sie gestorben war. Zugegeben, es waren nur zwei oder drei – alles Leute, die uns kaum kannten. Mr. von Sant etwa, der vor einigen Jahren unseren Hypothekenantrag bearbeitet hatte, sichtete uns einmal in der Schlange vor dem Bankschalter. Er durchquerte die Eingangshalle, blieb stehen und fragte: »Genießen Sie beide noch Ihr Haus?«
»Oh ja«, sagte ich zu ihm.
Nur um die Sache zu vereinfachen.
Ich malte mir aus, wie es ihm ein paar Minuten später schlagartig einfallen würde. Warte!, würde er denken, wenn er wieder am Schreibtisch saß. Ist mir da nicht irgendetwas zu Ohren gekommen …?
Falls er sich überhaupt Gedanken über uns machen würde. Oder er wusste die Neuigkeit tatsächlich nicht. Er ging einfach weiter davon aus, dass unser Haus noch heil sei, Dorothy noch lebte und wir beide nach wie vor glücklich und unspektakulär verheiratet seien.
Da war ich bereits zu meiner Schwester gezogen, die in unserem Elternhaus in Nord-Baltimore wohnte. War das der Grund, warum Dorothy gerade zu jener Zeit zurückkam? Sie hatte Nandina nicht besonders gemocht. Sie fand, dass sie gern herumkommandierte. Na gut, sie tat es wirklich gern. Tut. Mich kommandiert sie besonders gern, weil ich ein paar Behinderungen habe. Das habe ich vielleicht noch nicht erwähnt. Ich habe einen gelähmten Arm und ein gelähmtes Bein. Nicht, dass es mich wirklich beeinträchtigen würde, aber man weiß ja, wie ältere Schwestern manchmal sind.
Oh, und ich habe eine Sprachbehinderung, allerdings nur dann und wann. Ich selbst merke das kaum. Tatsächlich habe ich mich oft gefragt, warum Dorothy jenen Zeitpunkt wählte, um wiederzukommen. Es war nicht gleich nach ihrem Tod, wie man erwarten würde. Es war viele Monate später. Fast ein Jahr. Natürlich hätte ich sie fragen können, aber irgendwie, ich weiß nicht, kam mir die Frage unhöflich vor. Ich kann nicht genau erklären, warum.
Einmal lief uns Irene Lance aus meinem Verlag über den Weg. Sie ist dort für die Gestaltung zuständig. Dorothy und ich waren auf dem Rückweg vom Mittagessen. Oder vielmehr, ich hatte zu Mittag gegessen, und Dorothy ging mit einem Mal im Gleichschritt neben mir. Plötzlich sahen wir unweit der Sankt-Pauls-Kirche Irene auf uns zukommen. Irene war schwer zu übersehen. Sie war immer die eleganteste Frau weit und breit, was allerdings in Baltimore nicht viel hieß. Doch sie hätte überall elegant ausgesehen. Sie war groß und eisblond, trug einen langen, fließenden Mantel; den Kragen hatte sie hochgestellt, und
der Saum umwirbelte in der Frühlingsbrise ihre Beine. Ich war neugierig. Wie würde ein Mensch wie Irene mit so einer Situation umgehen? Ich ging also langsamer, woraufhin auch Dorothy langsamer wurde, und als Irene uns erkannte, standen wir beide beinahe still und warteten, was sie wohl tun würde.
Ein, zwei Meter vor uns machte sie abrupt halt. »Oh… mein … Gott«, sagte sie.
Wir lächelten.
»UPS«, sagte sie.
Ich sagte: »Was?«
»Ich habe UPS angerufen, weil sie etwas abholen sollen, und im Büro ist niemand.«
»Ach, macht nichts. Wir sind schon auf dem Rückweg«, beruhigte ich sie.
Ich benutzte bewusst das »wir«, obwohl Dorothy vermutlich weggehen würde, bevor ich das Gebäude betrat.
Aber Irene sagte nur: »Danke, Aaron. Ich bin ein Alzheimer-Kandidat.«
Und dann ging sie davon, ohne ein weiteres Wort.
Sie würde sich, was Alzheimer anbetraf, wirklich Sorgen machen, hätte sie gewusst, was sie gerade übersehen hatte.
Ich warf Dorothy einen Blick zu – sie fand das sicher auch komisch –, aber sie war tief in Gedanken. »Wilde Erdbeeren«, sagte sie geistesabwesend.
»Wie bitte?«
»Daran erinnert mich Irene. An die Frau in dem alten Bergman-Film – die Schwiegertochter mit dem Nackenknoten. Weißt du noch?« ...

Autor

Anne Tyler wurde 1941 in Minneapolis, Minnesota, geboren und ist »eine der erfolgreichsten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur« (ZEITmagazin). Sie ist Preisträgerin des Pulitzerpreises und des Sunday Times Awards für ihr Lebenswerk. Bei Kein & Aber erschienen bislang ihre Romane »Verlo [...]

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Presse

Woman

»Gefühlvolles Abschiednehmen ohne Kitsch!«

 

HR 1

»Abschied für Anfänger ist mein aktuelles Sommerlieblingsbuch, denn wie Anne Tyler das macht, uns ihre Figuren nahezubringen, sensibel, aber ohne psychologisches Brimborium und mit viel Witz, das ist erstklassig.«

 

BÜCHER

»Ein berührendes Buch.«