Alles bleibt in der Familie

Alles bleibt in der Familie

Lynne Sharon Schwartz

Ein umwerfender Roman, der aufzeigt, dass Familie ein weitverzweigtes, kunterbuntes Geflecht sein kann. Lynne Sharon Schwartz ist eine Meisterin der genauen Beobachtung mit einem unnachahmlichen Talent für die liebenswerte Figuren

Eine Grossfamilie in der New Yorker Upper West Side. Roy, ein Psychotherapeut, und seine erste Frau, Bea, eine Gastronomin, leben zusammen mit ihren vier Kindern und deren Partnern und Geliebten, Roys weiteren zwei Ehefrauen, Beas Liebhaber, ihrer lesbischen Künstlerinnenschwester sowie ihrer nervtötenden Mutter in einem einzige Mehrfamilienhaus. Da ist wenig Platz für alle - und doch genug Raum für Missverständnisse, schlechte Gefühle, aber auch unerwartete Freude. Ein scharfsinniges Buch über eine moderne Familie und der lustigste Roman dieser grossen Autorin.

Format

  • Lynne Sharon Schwartz – Alles bleibt in der Familie
    Roman

    Original: In the Family Way

    Aus dem Amerikanischen Simone Jakob
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 480 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5756-2

    24,00 EUR

  • Lynne Sharon Schwartz – Alles bleibt in der Familie
    Roman

    Original: In the Family Way

    Aus dem Englischen von Simone Jakob
    eBook
    326 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9350-8

    19,99 EUR

Leseprobe


ERSTER TEIL

Die Familie stellt sich vor: Ein Tag und eine Nacht


»Vergiss es! Auf gar keinen Fall!«
»Jetzt komm schon, Roy!«, sagte Serena mit gewinnendem Lächeln. »Als wir noch verheiratet waren, hast du dich nie so geziert. Willst du nicht wenigstens mal darüber nachdenken?«
»Darüber nachdenken? Ich habe zwei Sekunden darüber nachgedacht, das reicht doch wohl. Es ist ja nicht so, als würde es nur um einen, ähm, um einen Quickie gehen, sondern um eine lebenslange Verantwortung.«
Bei dem Wort »Verantwortung« wurde ihr Lächeln uner- träglich nachsichtig. Seelenruhig saß Roys zweite Ehe- und jetzige Exfrau im Sessel, so wie sie es in den fünf Jahren ihrer Ehe oft getan hatte – die langen Beine von sich gestreckt, die Knöchel übereinandergeschlagen, und die Sandalen baumelten ihr von den perfekt geformten Füßen. Es war heiß, doch Roy konnte, wie der Rest der Familie, nichts mit Klimaanlagen anfangen: ein Sippenvorurteil. Eine Brise wehte durchs offene Fenster, streifte die schmalen, spitzen Blätter der Grünlilie und schlug die Seiten der Zeitschriften um wie ein unsichtbarer Leser. Serena trug Shorts und ein an der Taille geknotetes weißes Männerhemd – es war womöglich sogar seins. Gab es ein Wort für die Kriegsbeute aus einer Scheidung, das Gegenstück von trousseau, Aussteuer? Wenn ja, war es sicherlich ebenfalls ein französisches. Ihre Haut ließ einen an Sonnenmilchwerbung denken. Sie war eine Fitness-Fanatikerin und trainierte im örtlichen Fitnesscenter, wenn sie nicht gerade ihrer Arbeit als Massagetherapeutin nachging – ein Beruf, den Roy als echter Therapeut bestenfalls ganz am Rande der Heilberufe einordnete – oder als Personal Trainer ihre trägen Klienten auf Trab brachte, betrieb sie diverse andere Sportarten: Radfahren, Joggen oder Rollerbladen. Mit Rollerblades an den Füßen überragte sie sogar den nicht gerade kleinen Roy. Während er sie musterte, drohte er von einer Welle des Zorns über das Scheitern einer Ehe fortgerissen zu werden, die für ihn glücklich gewesen war – soweit man das über eine Ehe sagen kann; er war gern verheiratet und leicht zufriedenzustellen. Aber das war lange her, und alles, was zurückblieb, war ein müder Groll, und er schluckte ihn hinunter, um sich dieser neuesten Kränkung zu stellen.
»Na schön. Denken wir kurz darüber nach. Woher der plötzliche Wunsch nach Mutterschaft? Als wir verheiratet waren, wolltest du nie Kinder. Weißt du nicht mehr, als –«
»Wir wären zusammen einfach keine guten Eltern gewesen, Roy. Es hat sich nie, ich weiß auch nicht, nie richtig angefühlt.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Ich bin ein ausgezeichneter Vater.«
»Das bist du, keine Frage. So habe ich das nicht gemeint. Ich meinte uns als Paar.« Mit einer fließenden Bewegung erhob sie sich aus dem Sessel, schritt zur Couch und baute sich vor ihm auf, sodass ihr Becken sich auf seiner Augenhöhe befand. Er konnte den vertrauten Geruch ihres Schweißes und ihrer Haarspülung riechen, und noch etwas anderes, Neues, eine Art Veilchenduft.
»Damals war ich einfach noch nicht bereit. Und es wäre dir gegenüber nicht fair gewesen. Aber nun, mit May, liegen die Dinge eben anders. Wir sind jetzt seit fast drei Jahren zusammen – ich weiß, dass es halten wird. Es fühlt sich endgültig an. Wir wollen eine Familie sein. Eine kleine Familie innerhalb der großen, meine ich.«
»Na, das ist ja prima.« Roy sprang auf und ging zum Fenster; Jogger drehten unentwegt ihre Runden um das Central Park Reservoir, gefangen in einem ewigen Kreislauf, wie die Seelen der Verdammten. All das war nur sichtbar, weil das Nachbargebäude abgerissen worden war und den Blick auf den Central Park freigegeben hatte – zwar nur vorübergehend, aber das Bauwesen in New York war notorisch langsam. Die neue Aussicht war eine Wohltat, doch der Anblick der sich unablässig in Bewegung befindenden Jogger war bedrückend. Von der einen oder anderen tollkühnen Ausnahme abgesehen, verschwanden sie, sobald es dunkel wurde; aber egal, wie frühmorgens er hinausblickte, sie waren schon da. Gut möglich, dass sich auch Serena unter ihnen befand. Sie hatte die nötige Verbissenheit.
»Verstehst du denn nicht, wie ich mich fühle, wenn ich dich so reden höre?«
»Ach, Roy.« Sie ging um ihn herum und legte ihm von hinten die Hand auf die Schulter. »Leidest du etwa immer noch so darunter? Schließlich hast du doch jetzt … Lisa, richtig?«
»Darum gehts nicht. Eine Frau, Serena. Eine Frau. Nach so vielen gemeinsamen Jahren. Da komme ich mir doch wie ein Vollidiot vor.«

Autor

Lynne Sharon Schwartz ist eine New Yorker Autorin. Seit den Siebzigerjahren hat sie neunzehn Bücher veröffentlicht, darunter Romane, Sachbücher, Kurzgeschichten und Lyrik. Ihr Debüt »Für immer ist ganz schön lange(1980)« wurde bei Kein & Aber 2015 in einer Neuübersetzung veröffentlicht. »Alles bleib [...]

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Presse

Neue Presse

»Lynne Sharon Schwartz erzählt mit spitzer Zunge von einer kunterbunten Patchwork-Familie, die in der New Yorker Upper West Side lebt. Komisch, kurzweilig, kernig.«

Raymond Carver

»Ein atemberaubender, scharfsinniger Roman – verpassen Sie diese Lektüre keinesfalls!«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Die gnadenlos exakte Beobachtungsgabe einer Autorin, die jede Bemerkung und jede Geste registriert.«

Ursula K. Le Guin

»Lynne Sharon Schwartz widerlegt Tolstoi: Nicht alle glücklichen Familien sind gleich.«

Publisher's Weekly

»Die urkomische Chronik einer ungewöhnlichen New Yorker Großfamilie.«

Dan Wakefield

»Lynne Sharon Schwartz ist die Jane Austen des urbanen 20.Jahrhunderts.«