Ein Junge zieht aus, um die Wahrheit über seine Eltern zu erfahren. Abenteuer und Heimweh liegen hier ganz dicht beieinander.

Bianca Bellová, die spannendste neue Stimme der tschechischen Literatur, erzählt bildgewaltig und schonungslos – eine Geschichte wie ein Traum. Nami wächst bei seinen Großeltern in einem Fischerdorf am Ende der Welt auf. Die Bewohner glauben an einen Seegeist, der über ihr Schicksal bestimmt. Doch als der See Nami das bisschen nimmt, das er hatte, beschließt er, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Er will seine Mutter finden und bricht in die Hauptstadt auf. Nami begegnet tiefer Grausamkeit neben echter Freundschaft. Doch dem See entkommt er nicht.

Format

  • Bianca Bellová – Am See
    Roman

    Original: Jezero

    Aus dem Tschechischen von: Mirko Kraetsch
    Hardcover
    Format: 12,8 x 19,4 cm , 240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5778-4

    16. Februar 2018
    20,00 EUR

  • Bianca Bellová – Am See
    Roman

    Original: Jezero

    Aus dem Tschechischen von: Mirko Kraetsch
    eBook
    240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9385-0

    16. Februar 2018
    16,99 EUR

Leseprobe

Nami schwitzt. Er hält Großmutters fleischige Hand. Die Wellen des Sees klatschen regelmäßig an den Betonpier. Vom Stadtstrand dringt Geschrei herüber, oder eher ein schrilles Kreischen. Es muss Sonntag sein, wenn er mit Großmutter und Großvater hier auf der Decke sitzt. Und noch jemand ist da, Nami erinnert sich an drei rote Flecken, die Dreiecke eines Bikinis und darüber ein auftoupierter Pferdeschwanz aus schwarzem Haar, wie der Schweif eines Hengstes, und zwei dunkle Haarbüschel unter den Achseln. Die drei Dreiecke bewegen sich langsam in der Sonne, drehen sich um, sodass nur noch eins zu sehen ist. Ein Stück vom Ufer entfernt schlägt ein Wels träge mit der Schwanzflosse.
»Der Wasserstand kommt mir irgendwie niedriger vor als früher«, sagt Großmutter und schlägt mit einem Klatschen eine Fliege tot, die sich auf ihrem Bauch niedergelassen hat. Großmutter kaut geröstete Sonnenblumenkerne vom Strandkiosk und spuckt die Schalen auf den Beton vor sich.
»Was du wieder redest«, sagt Großvater. »Weiberverstand – das Zweitschlimmste auf der Welt, gleich nach einem Kater am Morgen!«
Großvater lacht, wiegt sich vor und zurück, die Hände auf den Oberschenkeln, zwischen den Fingern, in die sich der Dreck eingefressen hat, eine filterlose Zigarette.
Die drei Dreiecke greifen zur Thermoskanne, bewegen sich auf Nami zu und reichen ihm Pfefferminztee.
»Trink was, mein Täubchen.« Schau an, die drei Dreiecke haben eine Stimme. Angenehm tief, wie der alte Brunnen hinterm Haus. Nami trinkt, der Tee ist köstlich, mit Honig gesüßt, ganz ohne Widerstand rinnt er in seine Kehle.
»Na komm, du Täubchen«, sagt Großvater friedfertig, »soll keiner von dir behaupten, du bist ein Schisshase. Mit drei muss hier jeder Junge schwimmen können.«
Großvater fährt sich mit der Hand über den runden Bauch. Die Kippe schnippt er ins Wasser, wo sie mit einem Zischen verschwindet. Nami hat keine Lust, ins Wasser zu gehen. Er will auf der Decke liegen, sich an Großmutters weichen Bauch lehnen und den drei roten Dreiecken zuschauen. Er hebt einen Arm an, aber er fällt ihm schlaff wieder zurück in den Schoß.
»Los, Nami«, versucht Großmutter, ihn zu überzeugen. »Ich kauf dir auch einen Lutscher.«
Lutscher kleben am Zellophan fest, nie kriegt man sie richtig da raus. Nami bekommt nur selten einen, bloß zum Tag des Friedens und wenn die drei Dreiecke zu Besuch sind. Die Lutscher schmecken nach gebranntem Zucker und Veilchen. Besonders lecker findet Nami sie nicht, aber sie sind etwas so Rares, dass er sich jedes Mal darauf freut und alles dafür tut, was von ihm verlangt wird.
Er steht langsam auf, doch noch bevor er in der Senkrechten angekommen ist, merkt er, wie er durch die Luft fliegt.
»Schwimm, du Stör«, ruft Großvater ihm nach und lacht los. Die drei Dreiecke stoßen einen Schrei aus, Großmutter auch. Nami schlägt schmerzhaft mit der Hüfte auf, durchbricht die Wasseroberfläche und sinkt in die dunkle Tiefe. Über sich sieht er die Sonne in einem Schwarm aus Bläschen funkeln. Die Luft bleibt ihm weg, seine Lunge tut weh. Während er hinabgleitet, wird das Wasser immer kälter. Nami sinkt reglos weiter, die zur Seite gestreckten Arme wehen neben seinem Körper. Gleich wird er den Seegeist zu Gesicht bekommen, der am Grund lebt. Der Druck auf die Lunge wächst, die Ohren explodieren. Instinktiv schnappt er nach Luft und schluckt Wasser. Er sieht nichts mehr, rudert jetzt panisch mit Armen und Beinen, was ihn wieder in Richtung Oberfläche bringt. Alles ist schwarz und glitzert.
»Du Kanaille«, schimpft Großmutter, als Nami endlich wieder Luft holt und wie wild das Dreckwasser aushustet. »Alter Hornochse, dich darf man nicht mal auf eine Büchse Regenwürmer aufpassen lassen!«
»Was denn? Macht er doch gut, oder? Hast du nicht gesehen, wie er von selbst wieder aufgetaucht ist?«, hält Großvater dagegen. Seine Stimme zittert leicht. »Das ist ein Krieger!«
»Komm her, mein Täubchen«, sagen die drei Dreiecke wie tief aus dem Erdinnern und drücken ihn sanft an sich. Ein hämmernder Brustkorb am anderen. Nami beruhigt sich, das Husten lässt nach. Unter den Dreiecken ist warme gebräunte Haut, die duftet. Die drei Dreiecke drücken ihn, küssen sein Haar und flüstern etwas. Nami ist ruhig, ihre Haare kitzeln ihn im Gesicht, und die drei Dreiecke fangen an zu singen.
»Hör auf, ihm was vorzusingen«, fährt Großmutter sie an. Nami zuckt zusammen, aber dann liegt er still da, reglos. Tut so, als wäre er tot, als wäre er überhaupt nicht hier. Der Gesang verstummt, mit jedem Ausatmen ertönt nur noch ein satter Ton, als würde eine Glocke nachhallen, wenn ihr Herz schon zur Ruhe gekommen ist. Nami würde am liebsten für immer so bleiben. Er wirft einen verstohlenen Blick in das Gesicht über den Dreiecken, sieht aber nur die Nasenspitze und die hervortretenden Wangenknochen. Auf dem Weg nach Hause wird Nami ohnmächtig, und Großvater muss ihn tragen.
Sie gehen nicht über den Marktplatz mit dem Staatslenkerdenkmal und der Grube, die die Russen für Abfälle ausgebaggert haben, sondern hintenrum, hinter den Plattenbauten entlang.
»Bist ’n ganz schöner Brocken, Junge«, murmelt Großvater und bleibt kurz stocksteif stehen, als ihm ein Fuß wegrutscht und er es nur mit Ach und Krach schafft, das Gleichgewicht zu halten …

Autor

Bianca Bellová wurde 1970 in Prag geboren und ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Dolmetscherin. Sie ist die Autorin mehrerer in ihrem Heimatland gefeierter Romane und Novellen. Für ihren neusten Roman "Am See" wurde sie mit dem tschechischen Buchpreis "Magnesia Litera" sowie mit dem European Uni [...]

mehr zum Autor

Presse

Cosmo

»Ein kraftvoller, nüchterner, zugleich bildstarker Roman über Bindung und Entwurzelung – und zugleich eine packende Abenteuer- und Entwicklungsgeschichte.«

Prager Zeitung

»Ein Werk voller Bild- und Sprachkraft.«

Die Presse

»Klar und wortgewaltig erzählt sie hier eine tieftraurige Geschichte.«

radio bremen

»Fantastisch geschrieben.«

Neues Deutschland

»Was da erzählt wird, ist brennend aktuell.«

Andrea Drescher, Badische Zeitung

»So spannend, so bild- und sprachgewaltig ist dieses Werk, so verstörend, düster und eindringlich.«

Wiener Zeitung

»Eine berührende Coming-of-Age-Geschichte, in einer schillernden Sprache erzählt.«

emotion

»Ein Buch, das lange nachhallt.«

Die Rheinpfalz

»Eine unvergessliche Erzählung, so schmerz- wie liebevoll.«

Tagesspiegel

»Bildstark«

Börsenblatt

»Das Debüt der tschechischen Autorin Bianca Bellová ist eine düstere Coming-of-Age-Geschichte mit existenzieller Wucht.«

BOLERO Style

»Bianca Bellová gehört zu den gefeierten Schriftstellern ihres Landes. Zu Recht, wie die bewegende Lebensgeschichte des Jungen Nami zeigt.«

Mittelbayrische Sonntagszeitung

»Ein schönes, wenn auch verstörendes Buch über einen Heranwachsenden, der seinen Weg sucht und sich in einer rauen Gesellschaft zurechtfinden muss.«

Falter

»Wasserklar und eindringlich sind Bellovás Sätze, changierend zwischen derb-sexuellen Ausdrücken und starken Ausdrücken.«

NZZ Bücher am Sonntag

»Bianca Bellová schreibt spannend, anschaulich und frisch, aber auch mit Mut zur Knappheit und zum Eigensinn.«

Weltexpress

»Ein Menetekel, das man nicht so schnell vergessen wird!«

emotion

»Bellová legt weder Zeit noch Orte eindeutig fest, was ihrem Buch eine archaische Wucht verleiht. Ein Buch, das lange nachhallt.«

Barbara

»Man hält den Atem an, wenn Bianca Bellová das ärmliche Leben des Jungen Nami mit sprachlicher Wucht beschreibt. Ein Buch, das Aufmerksamkeit verdient.«

Deutschlandfunk Kultur

»In einer schlichten, aber ungeheuer bildreichen Sprache erzählt Bianca Bellová. Ein unglaublich starker Roman und meine Empfehlung!«

SWR2

»Bianca Bellovás Sprache erzeugt in ihrer Schnörkellosigkeit kraftvolle Bilder.«