Auf den Körper geschrieben

Auf den Körper geschrieben

Jeanette Winterson

Die britische Kultautorin erkundet die Phänomene Liebe und Erotik

Die Liebschaft der namenlosen Erzählerin – oder ist es doch ein Erzähler? – mit der verheirateten Louise überschattet an Intensität und Bedeutung alles bisher Gekannte. Als Louise jedoch nach nur kurzer gemeinsamer Zeit schwer erkrankt, gerät die gemeinsame Welt ins Wanken. Nur ihr verlassener Ehemann und Arzt kann sie retten, und ein existenzieller Kampf zwischen Liebe und Leben beginnt.

Format

  • Jeanette Winterson – Auf den Körper geschrieben
    Roman

    Original: Written on the Body

    Aus dem Englischen von Stefanie Schaffer-de Vries
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-6102-6

    12. Mai 2020
    13,00 EUR

  • Jeanette Winterson – Auf den Körper geschrieben
    Roman

    Original: Written on the Body

    Aus dem Englischen von Stefanie Schaffer-de Vries
    Ebook
    240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9436-9

    12. Mai 2020
    12,99 EUR

Leseprobe

Warum ist das Maß der Liebe Verlust?
Es hat seit drei Monaten nicht mehr geregnet. Die Bäume tun sich unterirdisch um und schicken Reservewurzeln in den trockenen Boden, Wurzeln scharf wie Rasiermesser, um vielleicht irgendwo eine wasserreiche Ader anzuzapfen.
Die Trauben sind auf den Weinstöcken verdorrt. Was prall und fest sein sollte, dem Druck der Finger Widerstand entgegensetzend, um auf der Zunge zu zergehen, ist matschig und verschrumpelt. Nichts mit dem Vergnügen, die blauen Trauben zwischen Daumen und Zeigefinger zu rollen und mir die Handfläche mit Moschus zu bespritzen. Sogar die Wespen machen dieses Jahr einen Bogen um das spärliche braune Geträufel. Sogar die Wespen. Es war nicht immer so.
Ich denke an einen bestimmten September: Ringeltaube Roter Admiral Gelbe Ernte Orange Nacht. Du sagtest: »Ich liebe dich«. Warum ist das Unoriginellste, was wir einander sagen können, immer noch das, was wir unbedingt hören wollen? »Ich liebe dich« ist stets ein Zitat. Du bist nicht der erste Mensch, der es gesagt hat, ich auch nicht, und dennoch: Wenn du es sagst und wenn ich es sage, sprechen wir wie Wilde, die drei Wörter entdeckt haben und sie anbeten. Ich habe sie angebetet, doch nun bin ich allein auf einem Fels, aus meinem eigenen Körper gehauen.


CALIBAN: Ihr lehrtet Sprache mich, und mein Gewinn ist, dass ich weiß zu fluchen. Hol die Pest Euch fürs Lehren Eurer Sprache.


Liebe verlangt nach Ausdruck. Sie will nicht still und stumm bleiben, brav und bescheiden, gesehen, aber nicht gehört, nein. Sie will in Zungen der Lobpreisung ausbrechen, in den hohen Ton, der das Glas splittern lässt und die Flüssigkeit zum Überlaufen bringt. Liebe ist kein Denkmalpfleger. Sie ist ein Großwildjäger, und du bist das Wild. Verflucht sei dieses Jagdspiel. Wie kann man ein Spiel spielen, wenn die Regeln sich ständig ändern? Ich werde mich Alice nennen und mit den Flamingos Krocket spielen. Im Wunderland mogeln alle, und die Liebe ist das Wunderland, nicht wahr? Liebe macht, dass die Welt sich dreht. Liebe ist blind. All you need is love. An einem gebrochenen Herzen ist noch keiner gestorben. Du wirst darüber hinwegkommen. Wenn du erst verheiratet bist, ist alles wieder gut. Denk an die Kinder. Die Zeit heilt alle Wunden. Du wartest immer noch auf Herrn Richtig? Auf Fräulein Richtig? Und vielleicht all die kleinen Richtigs? Es sind die Klischees, die schuld sind an der Misere. Ein präzises Gefühl verlangt nach einem präzisen Ausdruck. Wenn das, was ich fühle, nicht präzise ist, soll ich es dann Liebe nennen? Sie ist so erschreckend, die Liebe, dass ich nur eines tun kann: sie ganz tief in eine Truhe voller kuscheligem rosa Spielzeug stopfen und mir selbst eine Karte mit der Aufschrift »Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung « schicken. Aber ich bin nicht verlobt. Ich bin zutiefst verwirrt. Ich schaue verzweifelt in die andere Richtung, damit die Liebe mich nicht sieht. Ich will die verwässerte Version, die sentimentalen Sprüche, die bedeutungslosen Gesten. Den durchgesessenen Lehnstuhl der Klischees. Er ist in Ordnung, Millionen von Hinterteilen haben schon vor mir drin gesessen. Die Federn sind ausgeleiert, der Bezug riecht muffig und vertraut. Ich brauche keine Angst zu haben, meine Oma und mein Opa haben es getan, er in einem steifen Kragen mit einer Clubkrawatte, sie in weißem Musselin, der sich ein wenig über dem Leben darunter spannte. Sie haben es getan, meine Eltern haben es getan, und jetzt werde eben ich es tun, mit ausgestreckten Armen, nicht um dich festzuhalten, nur um mein Gleichgewicht zu halten, während ich wie ein Schlafwandler auf diesen Lehnstuhl zugehe. Wie glücklich wir sein werden. Wie glücklich alle sein werden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.


Es war ein heißer Augustsonntag. Ich paddelte durch das seichte Wasser des Flusses, wo die kleinen Fische sich verwegen den Bauch sonnen. Zu beiden Seiten des Flusses war das saubere Grün des Rasens einer psychedelischen Spritzmalerei giftiger Lycra-Radlershorts und Hawaii-Shirts, made in Taiwan, gewichen. Sie waren gruppiert, wie Familien sich gerne gruppieren; Dad mit der Zeitung auf dem Bauch, Mum über die Thermosflasche gebeugt. Kinder, dünn und rot wie Zuckerstangen.
Mum sah dich ins Wasser gehen und stemmte sich aus dem gestreiften, zusammenklappbaren Campingstuhl hoch. »Sie sollten sich was schämen. Es sind Leute mit kleinen Kindern da.«
Du hast gelacht und gewunken, dein Körper schimmerte unter dem klaren grünen Wasser, seine Form passte dir wie angegossen, hielt dich, war dir treu. Du drehtest dich auf den Rücken, deine Brustwarzen streiften die Wasseroberfläche, und das Wasser schmückte dein Haar mit Perlen. Du bist cremefarben bis auf dein Haar, dein rotes Haar, das dich zu beiden Seiten umrahmt.
»Warten Sie, ich hol meinen Mann, der wird Ihnen Bescheid sagen. George, komm her. Komm her, George.«
»Siehst du nicht, dass ich fernsehe?«, sagte George, ohne sich umzudrehen.
Du bist aufgestanden, und das Wasser rieselte in silbernen Bächlein von dir herab. Ich überlegte nicht, ich watete hinein und küsste dich. Du schlangst deine Arme um meinen brennenden Rücken. Du sagtest, »Es ist keiner da außer uns«. Ich blickte auf, und die Ufer waren leer.


Du hast es sorgsam vermieden, jene Worte zu sagen, die bald zu unserem Privataltar wurden. Ich hatte sie vorher oft gesagt, sie fallen lassen wie Münzen in einen Wunschbrunnen, in der Hoffnung, sie würden mich wahr werden lassen. Ich hatte sie oft gesagt, aber nicht zu dir. Ich hatte sie als Vergissmeinnichts an Mädchen verschenkt, die es besser hätten wissen müssen. Ich hatte sie als Geschosse benutzt und als Tauschobjekt. Ich betrachte mich nicht gerne als unaufrichtigen Menschen, aber wenn ich sage, ich liebe dich, und es nicht meine, was bin ich dann?
Werde ich dich ehren und lieben, für dich zur Seite stehen, mich dir zuliebe bessern, dich immer sehen, wenn ich dich anschaue, dir die Wahrheit sagen? Und wenn Liebe nicht all das ist, was dann?
August. Wir diskutierten. Du willst, dass die Liebe immer so ist, jeden Tag, nicht wahr? Über 30 Grad, sogar im Schatten. Diese Intensität, diese Hitze, die Sonne, die sich wie eine Kreissäge in den Körper schneidet. Liegt es daran, dass du aus Australien kommst?
Du hast nicht geantwortet, hast nur meine heiße Hand in deinen kühlen Fingern gehalten und bist leichtfüßig dahingeschritten in Leinen und Seide. Ich kam mir lächerlich vor. Ich trug Shorts, die auf einem Bein das Wort recycle aufgedruckt hatten. Ich erinnerte mich dunkel an eine ehemalige Freundin, die es ungehörig fand, in Shorts vor öffentliche Denkmäler zu treten. Wenn wir uns trafen, band ich mein Rad am Charing Cross an und zog mich in der Toilette um, bevor ich mich bei der Nelsonsäule mit ihr traf.
»Wozu die Mühe?«, sagte ich. »Er hatte nur ein Auge.«
»Ich habe zwei«, sagte sie und küsste mich. Es ist ein Fehler, Unlogik mit einem Kuss zu besiegeln, aber ich mache es selbst immer wieder.
Du hast nicht geantwortet. Warum brauchen Menschen Antworten? Zum Teil wohl, weil eine Frage ohne Antwort, und sei es auch nur irgendeine, dumm klingt. Versuch es einmal. Stell dich vor eine Klasse und frag: Wie heißt die Hauptstadt von Kanada? Die Augen starren dich an, gleichgültig, feindlich, manche blicken in die andere Richtung. Du wiederholst: »Wie heißt die Hauptstadt von Kanada?« Und während du in dem Schweigen wartest, ganz entschieden das Opfer, beginnt dein eigener Geist zu zweifeln. Wie heißt sie wirklich, die Hauptstadt von Kanada? Warum Quebec und nicht Montreal? Montreal ist viel hübscher, sie machen einen besseren Espresso, du hast einen Freund dort. Und überhaupt, wen kümmert es schon, welche Stadt die Hauptstadt ist, nächstes Jahr ändern sie es wahrscheinlich. Vielleicht kommt Gloria heute Abend zum Swimmingpool. Etc. etc.
Größere Fragen, Fragen mit mehr als einer Antwort, Fragen ohne Antwort, sind schwerer zu bewältigen, wenn sie auf Schweigen stoßen. Einmal gestellt, lösen sie sich nicht in nichts auf, um den Geist seinen gelasseneren Betrachtungen zu überlassen. Einmal gestellt, gewinnen sie an Dimension und Substanz, bringen dich auf der Treppe zum Stolpern, wecken dich des Nachts. Ein schwarzes Loch schluckt ihre gesamte Umgebung, und nicht einmal das Licht entkommt ihm. Ist es also besser, keine Fragen zu stellen? Besser, ein zufriedenes Schwein zu sein als ein unglücklicher Sokrates? Da die Großmästerei für Schweine härter ist als für Philosophen, will ich es darauf ankommen lassen.
Wir kehrten zurück in unser gemietetes Zimmer und legten uns auf eines der Einzelbetten. In Mietzimmern von Brighton bis Bangkok passt die Bettdecke nie zum Teppich, und die Handtücher sind zu dünn. Ich legte eines unter dich, um das Laken zu schonen. Du hast geblutet.
Wir hatten dieses Zimmer gemietet, deine Idee, um mehr als bloß für ein Abendessen oder eine Nacht oder eine Tasse Tee hinter der Bibliothek zusammen sein zu können. Du warst immer noch verheiratet, und wenn ich auch nicht viele Skrupel kenne, habe ich es doch gelernt, mir einige zu machen, was diesen geheiligten Zustand angeht. Früher betrachtete ich die Ehe als ein Fenster aus Tafelglas, das nur um einen Ziegelstein bittet. Die Selbstdarstellung, die Selbstzufriedenheit, die Scheinheiligkeit, die Enge, die Kleinkariertheit. Die Art und Weise, in der Ehepaare zu viert ausgehen wie ein Pantomimenpferd, die beiden Männer vorne, die Frauen ein Stückchen weiter hinten. Die Männer holen die Gin Tonics von der Bar, und die Frauen führen inzwischen ihre Handtaschen auf die Toilette. Es muss nicht immer so sein, aber meistens ist es so. Ich habe viele Ehen durchgemacht. Nicht auf dem Weg zum Altar hinunter, immer die Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Und mit der Zeit fiel mir auf, dass ich jedes Mal die gleiche Geschichte hörte.

Autorin

Jeanette Winterson, 1959 in Manchester geboren und in Lancashire bei evangelikalen Adoptiveltern aufgewachsen, veröffentlichte mit fünfundzwanzig Jahren ihren preisgekrönten Debütroman Orangen ...

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Presse

WELT am Sonntag

»Ein höchst sinnliches Erlebnis.«