Baum der Nacht

Truman Capotes Kurzgeschichten rühren noch das unsentimentalste Herz.

Wer den "vollkommensten Stilisten seiner Generation" (Norman Mailer) kennenlernen möchte, kommt an seinen Erzählungen nicht vorbei. In diesen schildert Capote die verschiedensten Wege, lieben zu lernen; beschreibt Verirrte und Verlassene, die zwischen Trotz und Traum straucheln; schafft es, Sonderlinge derart zu zeichnen, dass es unmöglich wird, nicht mit ihnen mitzufühlen. Seine Erzählungen verdanken ihren außergewöhnlichen Zauber vor allem einer Tatsache: Sie besitzen Seele. Capote war gerade mal neunzehn, als er für die Short Story Miriam den renommierten "O. Henry-Award" erhielt. Dieser Band versammelt Truman Capotes teils erstmals auf Deutsch erschienenen Erzählungen und wurde nun mit der neu entdeckten Geschichte Yachten und dergleichen ergänzt.

Format

  • Truman Capote, Anuschka Roshani (Hg.) – Baum der Nacht
    Erzählungen

    Original: The Complete Stories

    Inklusive der neu entdeckten Erzählung »Yachten und dergleichen«
    Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 464 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5920-7

    13,00 EUR

  • Truman Capote, Anuschka Roshani (Hg.) – Baum der Nacht
    Erzählungen

    Original: The Complete Stories

    Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner
    eBook
    464 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9246-4

    12,99 EUR

Leseprobe

DIE WÄNDE SIND KALT

»…und Grant sagte einfach, dann kommt doch mit auf eine tolle Party, tja, und das war auch schon alles. Wirklich, ich finde, es war einfach genial, sie aufzugabeln, bei Gott, vielleicht bringen sie ja ein bisschen Leben in die Bude.« Das Mädchen, das sprach, schnippte Zigarettenasche auf den Perserteppich und sah die Gastgeberin leicht zerknirscht an.
Die Gastgeberin zog ihr adrettes schwarzes Kleid zurecht und schürzte nervös die Lippen. Sie war sehr jung und klein und makellos. Ihr Gesicht war blass und von glatten schwarzen Haaren umrahmt, und ihr Lippenstift war eine Spur zu dunkel. Es war schon nach zwei, und sie war müde und wünschte, alle würden gehen, aber es war gar nicht so einfach, an die dreißig Leute loszuwerden, besonders, da die meisten den Scotch ihres Vaters intus hatten. Der Fahrstuhlführer war schon zweimal oben gewesen, um sich über den Lärm zu beschweren; also mixte sie ihm einen Highball, weil es ihm ohnehin immer nur darum geht. Und jetzt auch noch Matrosen … ach, zum Teufel damit.
»Ist schon gut, Mildred, wirklich. Auf ein paar Matrosen mehr oder weniger kommt es nicht an. O Gott, hoffentlich machen sie nichts kaputt. Würdest du bitte kurz in die Küche gehen und dich um Eis kümmern? Ich will mal sehen, was ich für deine neuen Freunde tun kann.«
»Wirklich, Schätzchen, ich glaube nicht, dass das nötig ist. Soweit ich weiß, akklimatisieren sie sich sehr schnell.«
Die Gastgeberin ging zu ihren unerwarteten Gästen. Sie standen dicht zusammengedrängt in einer Ecke des Salons, machten große Augen und schienen sich nicht gerade wie zu Hause zu fühlen.
Der Gutaussehendste des Sextetts drehte nervös seine Mütze in der Hand und sagte: »Wir wussten ja nicht, dass es so ’ne Art von Party ist, Miss. Ich meine, Sie wollen uns hier doch gar nicht haben, stimmt’s?«
»Aber natürlich sind Sie willkommen. Warum in aller Welt wären Sie denn hier, wenn ich Sie nicht hier haben wollte?«
Der Matrose war verlegen.
»Das Mädchen da, diese Mildred, und ihr Freund haben uns einfach irgendwo in ’ner Bar aufgegabelt, und wir hatten ja keine Ahnung, dass wir in so ’n Haus wie das da kommen.«
»Das ist doch lächerlich, absolut lächerlich«, sagte die Gastgeberin. »Sie sind aus den Südstaaten, habe ich recht?«
Er klemmte die Mütze unter den Arm und wirkte weniger befangen. »Ich bin aus Mississippi. Ich nehm’ nicht an, dass Sie da schon mal waren, Miss, oder?«
Sie blickte hinüber zum Fenster und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie hatte das satt, so furchtbar satt. »O doch«, log sie. »Ein wunderschöner Staat.«
Er grinste. »Dann verwechseln Sie ihn bestimmt mit woanders, Miss. In Mississippi gibt’s nicht arg viel zu sehen, außer vielleicht um Natchez rum.«
»Natürlich, Natchez. Ich bin mit einem Mädchen aus Natchez zur Schule gegangen, Elizabeth Kimberly, kennen Sie sie?«
»Nein, nicht dass ich wüsste.«
Plötzlich merkte sie, dass sie und der Matrose allein waren; seine Kameraden hatten sich alle zum Klavier verzogen, wo Les gerade Cole Porter spielte. Mildred hatte recht mit dem Akklimatisieren.
»Kommen Sie«, sagte sie, »ich mache Ihnen einen Drink. Die anderen finden sich allein zurecht. Ich heiße Louise, also nennen Sie mich bitte nicht Miss.«
»Meine Schwester heißt auch Louise. Ich bin Jake.«
»Wirklich? Wie reizend! Ich meine, so ein Zufall.« Sie strich sich das Haar glatt und lächelte mit den zu dunklen Lippen.
Sie gingen in die Hausbar, und sie wusste, dass der Matrose beobachtete, wie ihr Kleid um ihre Hüften schwang. Sie duckte sich unter der Tür durch hinter die Bar.
»Nun«, sagte sie, »was darf’s sein? Verzeihung, wir haben Scotch und Bourbon und Rum; wie wär’s mit einem schönen Rum und Cola?«
»Wenn Sie meinen«, sagte er grinsend und ließ seine Hand über die verspiegelte Oberfläche der Theke gleiten, »also eine Wohnung wie die da hab ich noch nie gesehen. Die ist ja genau wie im Film.«
Sie wirbelte geschickt mit einem Rührstäbchen Eiswürfel in einem Glas herum. »Ich kann Sie ja ein wenig herumführen, wenn Sie möchten. Sie ist ziemlich geräumig, für eine Wohnung, meine ich. Wir haben ein Landhaus, das viel, viel größer ist.«
Das war nicht der richtige Ton. Es klang zu dünkelhaft. Die drehte sich um und stellte die Rumflasche wieder in ihre Nische. Sie konnte im Spiegel sehen, dass er sie anstarrte, vielleicht durch sie hindurchsah. 
»Wie alt sind Sie?«, fragte er.
Sie musste einen Moment nachdenken, wirklich nachdenken.Sie log diesbezüglich so konstant, dass sie gelegentlich selbst vergaß, wie alt sie war. Aber spielte es eine Rolle, ob er ihr wahres Alter kannte oder nicht? Also sagte sie es ihm. »Sechzehn.«
»Süße sechzehn und nie geküsst …?«
Sie lachte, nicht über das Klischee, sondern über ihre Antwort.
»Vergewaltigt, meinen Sie.«
Sie hatte ihm das Gesicht zugewandt und sah, dass er schockiert war und dann amüsiert und dann noch etwas anderes.
»Um Himmels willen, schauen Sie mich nicht so an, ich bin kein schlimmes Mädchen.« Er wurde rot, und sie kroch wieder durch die Tür und nahm seine Hand. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Wohnung.«
Sie führte ihn einen langen, in regelmäßigen Abständen mit Spiegeln versehenen Korridor hinunter und zeigte ihm Zimmer um Zimmer ...

Autoren

Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren; er wuchs in den Südstaaten auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen zu sich nach New York holte. Mit neunzehn Jahren erhielt er für seine Kurzgeschichte Miriam den »O.-Henry-Preis«. 1948 erschien sein Roman »Andere Stimmen, andere Räume«, der als da [...]

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Anuschka Roshani studierte Verhaltensbiologie und Germanistik in Berlin und besuchte anschließend die Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Danach war sie sieben Jahre lang Redakteurin und Reporterin im Kultur- und Gesellschaftsressort des »Spiegel«. Seit 2002 lebt sie in Zürich, wo sie als Redakteurin fü [...]

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Presse

Kulturmagazin

»Die Taschenausgabe seiner Erzählungen bietet Gelengeheit, diesen kühlen Stilisten und blendenden Erzähler wieder zu lesen.«

Die Welt

»Capotes Geschichten haben exakt die umgekehrte Wirkung: Durch sie betrachtet man die Erde durch die Lupe eines kleinen Kindes.«

Süddeutsche Zeitung

»Natürlich muss man sie gelesen haben und wiederlesen, die großartigen Erzählungen des großen Stilisten Truman Capote; und wenn eine Neuübersetzung lock, erst recht.«