Bekenntnisse einer Maske

Yukio Mishima

Der Sensationserfolg, der Yukio Mishima über Nacht zum Star der japanischen Literatur machte

Kochan wächst, abgeschirmt von Jungen seines Alters, im imperialistischen Japan auf. Doch er merkt, dass er nicht das ist, was man von ihm erwartet: Nicht nur ist er körperlich schwächer als andere, er entwickelt auch eine Faszination für Tod, Gewalt, Sex und den männlichen Körper. Unter den strengen Blicken der japanischen Gesellschaft beginnt er, sich eine Maske zu formen, die sein wahres Selbst verbergen soll. Mehr noch: Er will sie sich als neue Identität aufzwingen. Das Mädchen Sonoko und die Heirat mit ihr soll alle, einschließlich ihn selbst, hinters Licht führen.

Format

  • Yukio Mishima – Bekenntnisse einer Maske
    Original: Kamen no Kokuhaku

    Aus dem Japanischen von Nora Bierich
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 224 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5784-5

    13. November 2018
    20,00 EUR

  • Yukio Mishima – Bekenntnisse einer Maske
    Original: Kamen no Kokuhaku

    Aus dem Japanischen von Nora Bierich
    eBook
    224 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9393-5

    13. November 2018
    16,99 EUR

Leseprobe

1


Lange Zeit habe ich behauptet, ich könnte mich an meine Geburt erinnern. Bei den Erwachsenen hat das immer für Gelächter gesorgt, doch letztlich glaubten sie, ich würde mich über sie lustig machen. Sie musterten den blassen Knaben, dessen Gesicht so gar nichts Kindliches an sich hatte, mit einem Blick leichten Abscheus. Als ich meine Behauptung einmal vor nicht so vertrauten Besuchern kundtat, unterbrach mich meine Großmutter, die fürchtete, man könnte mich für einen Idioten halten, und schickte mich nach draußen zum Spielen.
Meistens lachten die Erwachsenen und versuchten, mich mit wissenschaftlichen Erklärungen zu widerlegen. Damit auch ein Kind ihren Ausführungen folgen konnte, redeten sie mit theatralischem Eifer auf mich ein: Neugeborene hätten bei ihrer Geburt noch gar nicht die Augen geöffnet, und sollte dies ausnahmsweise doch einmal der Fall sein, gelangten sie mit Sicherheit zu keiner so klaren Anschauung, dass sie sich später daran erinnerten. »Hab ich nicht recht?«, sagten sie und schüttelten mich, zutiefst misstrauisch, wie ich noch immer war, an meinen schmalen Schultern. Sie schienen zu glauben, mir fast auf den Leim gegangen zu sein. Er ist zwar ein Kind, aber wir müssen auf der Hut sein, bestimmt will uns der Junge in eine Falle locken und uns »darüber« ausfragen. Warum fragt er denn nicht in kindlicher Unschuld: »Woher komme ich? Warum wurde ich geboren?« Also schwiegen die Erwachsenen und blickten mich mit einem dünnen Lächeln an, als fühlten sie sich zutiefst verletzt, auch wenn sie nicht wussten, warum.
Doch ihre Sorge war unbegründet. Ich hatte überhaupt nicht vor, etwas »darüber« zu erfahren. Ohnehin wäre ich nie auf die Idee gekommen, sie in eine Falle zu locken, ich hatte viel zu große Angst, sie zu kränken.
Aber all den Erklärungen zum Trotz, und obwohl sie über mich lachten, glaubte ich fest daran, mich an meine Geburt zu erinnern. Wahrscheinlich hatte mir jemand, der dabei gewesen war, davon erzählt, oder ich hatte mir alles ausgedacht. Eines aber, da war ich mir ganz sicher, hatte ich mit eigenen Augen genau gesehen: den Rand der Wanne, in der ich zum ersten Mal gebadet wurde. Es war eine nagelneue Holzwanne gewesen, und aus dem Innern hatte ich einen Lichtstrahl wahrgenommen, der auf ihren Rand fiel. Allein diese eine Stelle war in gleißendes Licht getaucht, sie schien wie aus Gold. Das Wasser schwappte mit seinen kleinen Zungen empor, als wollte es den Lichtfleck lecken, doch es gelang ihm nicht. Unter dem Wannenrand aber, vielleicht weil sich das Licht darin spiegelte oder sogar direkt dort einfiel, leuchtete das Wasser sanft, es sah aus, als würden kleine schimmernde Wellen unablässig mit ihren Köpfen aneinanderstoßen …
Was am stärksten gegen meine Erinnerung sprach, war, dass ich nicht tagsüber zur Welt gekommen bin. Ich wurde abends um neun Uhr geboren. Die Sonne konnte unmöglich geschienen haben. Als sie mich damit neckten, dass es sich wohl um das Licht einer elektrischen Lampe gehandelt haben müsse, verstieg ich mich problemlos in den absurden Gedanken, dass auch bei Nacht nur diese eine Stelle noch von der Sonne beschienen worden sein könnte. Und so hielt sich der im Licht flackernde Wannenrand in meiner Erinnerung als etwas, das ich tatsächlich beim ersten Bad nach meiner Geburt gesehen hatte.

Autor

Yukio Mishima wurde 1925 in Tokio geboren und war Autor zahlreicher Romane, Dramen, Kurzgeschichten, Essays und Gedichte. Nobelpreisträger Yasunari Kawabata war sein Mentor. Sein Werk überschreitet bis heute inhaltliche und stilistische Grenzen und macht ihn zu einem der wichtigsten japanischen Auto [...]

mehr zum Autor

Presse

Tagesspiegel

»Minutiös seziert Mishima jede Regung seines Protagonisten. Nora Bierichs Übersetzung erstmals direkt aus dem Original ist hervorragend.«

Deutsche Welle

»Das Erzähler-Ich, analysiert sich selbst unablässig. Das macht das Werk zu einer stilistisch glänzenden, Thomas Manns Tonio Kröger wesensverwandten psychologischen Studie.«

SRF Literaturclub Nicola Steiner

»Ein Klassiker der Weltliteratur.«

in magazin

»Ein unterschlagener Klassiker. Er eignet sich perfekt, um den Vorsatz „Mehr Lesen!“ für 2019 mit etwas Besonderem einzuläuten.«

Radio Bremen

»Wenn man verstehen will, wie Mishima sein philosophisches Konzept einer Ästhetisierung von Tod und Blut entwickelte und woher seine Ideen stammen, dann erweist sich sein Roman »Bekenntnisse einer Maske« als Schlüsselwerk, das den Zugang zu seiner Gedankenwelt eröffnet.«

Rolling Stone

»Lange waren seine stilistisch eleganten Werke in Deutschland vergriffen oder blieben unübersetzt. Mit Nora Bierichs Neuübersetzung könnte sich das ändern.«