Bewahren Sie Ruhe

Maile Meloy

Nichts geht so durch Mark und Bein wie das Verschwinden der eigenen Kinder. In Maile Meloys Roman erlebt man Angst und Schuldzuweisungen der Eltern genauso mit wie den Mut und die Abenteuerlust der Kinder.

Eigentlich war die Kreuzfahrt eine großartige Idee: Während Liv und Nora mit ihren Ehemännern entspannen, toben sich die vier Kinder im Kids-Club aus. Doch was bei einem Ausflug an Land passiert, ist der Albtraum so ziemlich jeder Familie: Wegen eines Moments der Unachtsamkeit der Mütter sind die Kinder plötzlich spurlos verschwunden. Während die Eltern zunächst sich selbst und dann sich gegenseitig beschuldigen, geht es bei den Kindern ums blanke Überleben.

Format

  • Maile Meloy – Bewahren Sie Ruhe
    Roman

    Original: Do Not Become Alarmed

    Aus dem Amerikanischen von Anna-Christin Kramer und Jenny Merling Jenny Merling, Anna-Christin Kramer
    Hardcover
    Format: 11,8 x 18,5 cm , 432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5776-0

    16. März 2018
    23,00 EUR

  • Maile Meloy – Bewahren Sie Ruhe
    Roman

    eBook
    432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9383-6

    16. März 2018
    16,99 EUR

Leseprobe

1.

 

Das Kreuzfahrtschiff ragte riesig über dem Dock in San Pedro auf. Es sah aus wie eine überdimensionale Hochzeitstorte, oder vielleicht auch wie ein schwimmender Häuserblock, jedenfalls nicht wie ein Schiff.

Liv und ihre Familie gaben den Portiers die Koffer und nahmen nur das Handgepäck mit ins Terminal. Ihr Mann Benjamin betrachtete fasziniert den Kai, der Tausende von Menschen auf Schiffe mit bis zu fünfzehn Decks brachte. Beim Check-in beantwortete Liv die Frage auf dem Formular, ob sie oder ihre Kinder während der letzten zwei Wochen krank gewesen seien, mit Nein. Das war gelogen. Sebastian und Penny waren acht und elf, und es war Dezember. Die beiden waren praktisch wandelnde Bazillenschleudern.

»Du kreuzt auch Nein an, oder?«, fragte ihre Cousine Nora im Flüsterton. Noras Sohn Marcus war genauso alt wie Penny, und beide kämpften gerade mit der gleichen Erkältung. Noras sechsjährige Tochter June hatte Husten.

»Klar«, flüsterte Liv zurück. Bestimmt logen alle anderen bei dieser Frage auch, und der Veranstalter rechnete ohnehin damit. Ein Mitarbeiter mit hellgrünem Brillengestell nahm ihre Pässe in Verwahrung und händigte ihnen dafür Plastikkarten zum Öffnen der Türen und als Zahlungsmittel aus.

Penny drehte ihre Karte hin und her. »Kann ich mir damit was kaufen?«

»Ja, wenn deine Mutter es erlaubt«, antwortete der Mann.

»Erlaubst du es mir? Bitte!«, rief Penny und wedelte Liv mit der Karte vor dem Gesicht herum.

»Was willst du denn überhaupt kaufen?«, fragte Liv.

»Na, so Sachen«, gab Penny zurück.

Zwei adrette junge Australierinnen in weißen Uniformen baten sie, sich für ein Foto vor einem Rettungsring aufzustellen. Benjamin legte den Arm um Liv, Penny und Sebastian stellten sich vor ihnen auf. Diese Familienfotos sahen immer blöd aus. Liv war genauso groß wie Benjamin und versuchte, sich auf Fotos stets ein bisschen kleiner zu machen, obwohl sie es eigentlich lächerlich fand, überhaupt darauf zu achten. Es war ungewöhnlich warm, sie fuhr sich mit der Hand über den schweißnassen Nacken. Ihre Haare trug sie meistens kurz, damit sie vor der Arbeit schwimmen gehen konnte und keine wertvolle Zeit mit Haarpflege vergeudete. Doch wenn sie sich auf Fotos sah, musste sie stets an die Worte ihrer Mutter denken, sie solle sie lieber wieder wachsen lassen.

Sebastian, genauso blond wie Liv, wirkte auf Fotos immer ein wenig erschrocken, der Blitz überraschte ihn jedes Mal. Penny hingegen posierte, als wäre die ganze Welt ihr roter Teppich.

Als das Foto im Kasten war, nahmen Raymond und Nora mit Marcus und June ihre Plätze vor dem Rettungsring ein. Liv betrachtete die vier. Die beiden Erwachsenen waren ausgesprochen gutaussehend, Raymond mit seiner dunklen, glatten Haut, Nora blass, die braunen, seidigen Haare im Pferdeschwanz, die Kinder eine perfekte Mischung der beiden. Sie sahen aus wie die glückliche, bunt gemischte Familie aus einem Werbespot, der online einen Shitstorm auslösen würde. Marcus war groß für seine elf Jahre und ließ sich die Haare gerade zu einem Afro wachsen, Junie trug den Kopf voller dünner Zöpfchen. Raymond hatte sich für die Rolle eines Polizisten die Haare sehr kurz schneiden lassen.

»Wird das das Vorher-Bild, oder was?«, fragte er eine der Australierinnen.

»Könnte man so sagen, ja.« Sie lächelte. »Aber Sie sehen ja jetzt schon aus wie das Nachher-Bild.«

Liv war sich nicht sicher, ob die beiden Raymond erkannt hatten oder nicht. Wahrscheinlich nicht.

»Tut er immer«, sagte sie.

»Glaub ich gern«, antwortete die junge Frau.

»Meine Güte«, stöhnte Nora, als sie mit den Fotos fertig waren. »Wir sind noch nicht mal richtig auf dem Schiff, da geht die Flirterei schon los.«

Sie bahnten sich einen Weg durch das Menschengewühl und überquerten eine Art Atrium mit gemustertem Marmorboden. Ein großer Weihnachtsbaum wuchs durch die Decke.

»Wow!«, staunte Sebastian.

»Wie im Nussknacker«, meinte Penny. »Nur in echt.« …

 

Autor

Maile Meloy, 1972 in Montana geboren, ist die Autorin der Romane Tochter einer Familie (2010) und Lügner und Heilige (2011) und mehrerer Erzählbände. Meloys mehrfach ausgezeichnete Kurzgeschichten wurden im New Yorker, der Paris Review, Granta und Best American Short Stories veröffentlicht. 2007 wur [...]

mehr zum Autor

Presse

Annemarie Stoltenberg

»Maile Meloy hat einen großen, atemberaubenden Roman geschrieben.«

woman

»Echter Pageturner!«

Brigitte

»Ein Pageturner mit mehr Tiefgang als das tonnenschwere Schiff, auf dem er spielt.«

emotion

»Maile Meloys Roman ist ein Pageturner.«

Helen Fielding

»Eine brillante Autorin mit einer packenden Geschichte und so lebensnahen Personen, dass ich keine wieder vergessen kann. Für alle, die wissen, was es heißt, sich um geliebte Menschen zu sorgen.«

The New York Times Book Review

»Maile Meloy ist eine derart talentierte und unberechenbare Autorin, dass ich offiziell ihrem Fanclub beitrete; was auch immer sie als Nächstes schreibt – ich werde es lesen.«

Ann Patchett

»Das ist ein Buch, nach dem man sich sehnt: intelligent, spannend und unmöglich beiseite zu legen. Ein beunruhigend gutes Buch.«