Briefe aus Teheran

Briefe aus Teheran

Parsua Bashi

Islamische Republik, Gottesstaat, Atommacht - doch was wissen wir wirklich über die Menschen im Iran?

Iran kennt man im Westen vornehmlich unter Schlagwörtern: Islamische Republik, Gottesstaat, Atommacht. Viel zu wenig wissen wir dagegen über die Menschen in diesem Land und das Leben, das sie führen. Wie sieht ihr Alltag aus? Wie das Verhältnis von Frauen und Männern im täglichen Umgang? Welche gesellschaftlichen Regeln und Konventionen müssen eingehalten, welche dürfen auch mal überschritten werden? Wie schaffen es Künstler, stets von neuem der Zensur zu trotzen und Kritik zu üben? Und was denken die Jugendlichen über ihre Zukunft und die Zukunft des Landes? Was motiviert sie, noch vehementer für ihre Rechte zu kämpfen, als es ihre Eltern taten? Die Iranerin Parsua Bashi kehrte im Sommer 2009 nach sechs Jahren Europa nach Teheran zurück. In ihren Essays schildert sie nun jenseits politischer Vorurteile und westlicher Klischees den Alltag in Teheran zwischen Unterdrückung und Freiheit, erzählt von Hoffnung, Angst und einem unbeugsamen Willen zur Veränderung.

Format

  • Parsua Bashi – Briefe aus Teheran
    Sachbuch

    Aus dem Persischen von Susanne Baghestani
    Klappenbroschur
    Format: 12,6 x 20,5 cm , 208 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5275-8

    12,90 EUR

  • Parsua Bashi – Briefe aus Teheran
    Sachbuch

    Aus dem Persischen von Susanne Baghestani
    eBook
    208 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9115-3

    11,99 EUR

Leseprobe

Meine Fenster zur Welt


Ich habe zwei Fenster, das heißt, meine Wohnung hat zwei Fenster. Eines geht nach Süden, das andere nach Norden. Wenn ich am Morgen aufwache, meine beste Tageszeit übrigens, setze ich mich mit einer Tasse Kaffee und einer glimmenden Zigarette vor das große fünfflüglige Fenster meines Schlafzimmers, das sich nach Süden hin auf einen kleinen Hof öffnet. Dort stehen zwei Kakibäume, ein Apfelbaum, zwei Feigenbäume und ein Granatapfelstrauch, die jetzt im Winter kein Laub tragen. Außerdem hat der Hof ein kleines Becken mit blauen Kacheln, aus dem in dieser Jahreszeit aus Furcht vor Vereisung das Wasser abgelassen worden ist.
Jeden Morgen, wenn ich aufgestanden bin, nehme ich Hirsekörner und trockenes Brot und werfe beides auf die Fliesen im Hof, dorthin, wohin ich aus dem Fenster sehen kann. (Wir Iraner werfen Brot nicht weg, sondern bewahren die Reste sorgsam auf, weil wir überzeugt sind, dass Brot ein Segen der Erde ist; wir geben es entweder den Vögeln oder umherziehenden Brotsammlern, die es für das Vieh im Tausch gegen Salz in allen Teilen der Stadt einsammeln.) Nach und nach kommen die Vögel herbei und picken wachsam die Krümel auf. Es sind Spatzen und kleine, bläulichgraue Turteltauben. Im Herbst, als der Kakibaum noch Früchte trug, kamen außerdem zwei fruchtfressende Vogelarten, die ich in Teheran, der Stadt der Spatzen, Tauben und Krähen, noch nie gesehen hatte.
Der Wettstreit der Spatzen und Tauben um die Krümel gehört zu den sehenswerten Ereignissen meiner ruhigen Morgen. Eine Tasse Kaffee und eine Zigarette, danach noch einige Tassen Tee, bis die Krümel aufgezehrt sind und die Vögel davonfliegen.


Doch die morgendliche Stille und meine Seelenruhe werden allmählich von den Geräuschen aus dem Fenster auf der Nordseite meiner kleinen Wohnung gestört. Durch das Nordfenster dringen nämlich der Lärm vorbeirasender Mopeds, gelegentlich auch der Alarm parkender Autos, ausgelöst durch die unabsichtliche Berührung eines Vorbeigehenden, die Stimmen weiterer Passanten, die laut in ihre Mobiltelefone sprechen, oder das Geplauder von Kindern auf dem Weg zur Schule. Außerdem erinnern mich die Rufe der Straßenhändler und die anderen Geräusche einer überfüllten, hektischen Großstadt daran, dass ich in Teheran lebe. Sie erinnern mich daran, dass ich vom Südfenster meiner Wohnung zum Nordfenster gehen muss, wo mein Schreibtisch steht, dass ich in passender Auf machung arbeiten muss, wie es sich für eine Bewohnerin dieser Metropole gehört, und daran, dass ich meine Aufträge erledigen muss, die allerdings vorhanden sein müssten, damit ich sie erledigen könnte: zum Beispiel Grafi ken für Buchumschläge. Layouts für Poster von Theaterstücken, Konzerten und Filmen. Umschläge für Musikalben.
Die Gestaltung von Grafi ken für kulturelle Produktionen, die in Teheran derzeit eingefroren sind, ist meine einzige Einnahmequelle. Ich nenne mich eine kulturelle Tagelöhnerin, einen Kuli. Ich bin keine Künstlerin, sondern eine technische Arbeiterin.
In den kulturellen Bereich bin ich durch eine Kombination aus Zufällen und Wahl gekommen. Ich entwerfe Buchumschläge für Romane, Gedichte, philosophische Schriften, Literatur sowie Plakate für Theateraufführungen und Konzerte. Normalerweise wird mir die Arbeit von Verlegern, Regisseuren oder Programmgestaltern angetragen, doch im Moment ist das nur selten der Fall. In den vergangenen Jahren, der Ära des Präsidenten Chatami, war das noch anders, da hatten die Grafiker noch reichlich zu tun. Jetzt aber verstauben die Bücher der Verleger in der langen Schlange bei der Zensurbehörde des Erschad, des Ministeriums für islamische Führung und Kultur, während sie auf eine Druck erlaubnis warten. Die Theaterleute geraten ins Schwitzen, wenn sie durch Lektorat und Manipu lation ihrer Stücke versuchen, sie der Klinge der Zensur unversehrt zu ent reißen. Und die verschlungenen Wege der Filme und Drehbücher sind ein Thema für sich.
Es sind so viele Konzerte und Theaterstücke am Ende abgesetzt worden, dass kein Künstler mehr bereit ist, ein Programm zu bestreiten, an dem staatliche Institutionen beteiligt sind; und beinahe jeder Theater- oder Konzertsalon in Teheran ist auf die eine oder andere Art mit Regierungsstellen verbunden. Schließlich muss man bei den Ministerien eine Spielgenehmigung einholen, und wenn man nicht auf der Hut ist, kann es einem passieren, dass sie ein Konzert oder Theaterstück, das man unter großen Mühen aus eigener Tasche bezahlt und selbst zur Aufführung gebracht hat, für sich requirieren. Dann ist man vor den eigenen Landsleuten blamiert, die in den Monaten nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl verprügelt, inhaftiert oder getötet worden sind.
Daher ist es besser, vorläufi g nichts zu tun. Und so verweigern sich die meisten iranischen Künstler seit dem 12. Juni 2009 – eine Art Boykott. Glücklicherweise kann man noch immer niemanden dazu zwingen, ein künstlerisches Programm aufzuführen.
Ein Buch zu verlegen, ist ebenfalls eine komplizierte Angelegenheit. Bücher sind das kritischste Printmedium in diesem Land – nach den Zeitungen, von denen eine um die andere verboten und deren Produzenten verhaftet oder in die Arbeitslosigkeit getrieben worden sind. Für jedes Buch muss zunächst das Manuskript bei der Zensurbehörde des Erschad-Ministeriums eingereicht werden. Dort lesen es eine Reihe Leute Zeile für Zeile und durchlöchern es mit ihren erbarmungslosen und besessenen Stiften.
Man stelle sich nur einmal die Schlange der auf Genehmigung wartenden Bücher vor. Der gebeutelte Verleger wird ein ums andere Mal vorgeladen, um eine Zeile, einen Absatz oder gar ein ganzes Kapitel herauszuschneiden und fort zuwerfen. Nicht selten verzichten der verzweifelte Autor und sein Verleger am Ende gar ganz darauf, das verstümmelte Buch zu veröffentlichen, oder sie warten, wie zurzeit wegen der Flaute, ab, was sich im Land sonst noch ereignet.
So kommt es, dass ein Glied dieser Kette der Verlagsindustrie, eine Coverdesignerin wie ich, lange auf einen Auftrag warten muss, um sich ihr täglich Brot zu verdienen – was ihr nicht mal immer gelingt ...

Autor

Parsua Bashi wurde 1966 in Teheran geboren, wo sie Grafikdesign studierte und anschließend eine Karriere als freie Grafikerin begann. Ihre Arbeiten, darunter viele Buchcover, waren in diversen Ausstellungen zu sehen und wurden mehrfach ausgezeichnet. Parsua Bashi ist auch Modedesignerin und Kinderbu [...]

mehr zum Autor

Presse

Cicero

»Ihre Briefe gewähren einen dringend notwendigen Blick in ein verschlossenes Land.«

Der Tagesspiegel

»Angriffslustig und beklemmend: Briefe aus Teheran vermitteln einen tiefen, nachhaltigen Einblick in das Leben der iranischen Metropole unter den gegenwärtigen politisch-religiösen Bedingungen.«

Die Welt

»Bashi schildert ihren Teheraner Alltag - und zuweilen reiben wir uns die Augen über so viel Offenheit. Ohne Verbitterung schreibt Bashi über die Widersprüche im Leben der Iraner.«

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

»Sehr anschaulich und spannend. Ein starkes Buch!«