Das Huhn, das vom Fliegen träumte

Das Huhn, das vom Fliegen träumte

Sun-Mi Hwang

Ein Huhn erobert die Herzen der Leser.

Gelangweilt von ihrem monotonen Dasein, bricht die Legehenne Sprosse eines Tages aus ihrem Gehege aus. Doch das Leben in Freiheit ist viel härter und unbarmherziger, als sie es sich vorgestellt hat. Bis sie in einem verlassenen Nest ein Ei findet und neue Hoffnung schöpft: Die Freiheit birgt nämlich auch das größte Glück. Eine wunderschöne Geschichte über das Träumen und die Liebe - und den Mut, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Format

  • Sun-Mi Hwang – Das Huhn, das vom Fliegen träumte
    Roman

    Original: The Hen Who Dreamed She Could Fly

    Auch als Hörbuch mit Senta Berger erhältlich
    Aus dem Englischen von Simone Jakob
    Klappenbroschur
    Format: 12,6 x 20,6 cm , 160 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5699-2

    16,00 EUR

  • Sun-Mi Hwang – Das Huhn, das vom Fliegen träumte
    Roman

    Original: The Hen Who Dreamed She Could Fly

    Aus dem Englischen von Simone Jakob
    eBook
    160 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9275-4

    12,99 EUR

  • Sun-Mi Hwang – Das Huhn, das vom Fliegen träumte
    Roman

    Original: The Hen Who Dreamed She Could Fly

    3 CDs, Spieldauer: 3 Std. 40 Min.
    Gesprochen von Senta Berger
    Hörbuch

    ISBN: 978-3-0369-1291-2

    19,90 EUR

Leseprobe

Das Ei rollte über den Käfigboden und blieb hinter der Barriere liegen. Sprosse sah es an – es war kalkweiß und blutbefleckt. Sie hatte seit zwei Tagen keines mehr gelegt und hätte nicht geglaubt, dass sie überhaupt noch dazu in der Lage war. Und doch, hier war es – ein kleines, trauriges Ei.
Das darf nicht wieder vorkommen, dachte sie. Würde ihr die Bäuerin auch dieses Ei wegnehmen? Die anderen hatte sie auch eingesammelt und sich beschwert, dass sie kleiner und kleiner wurden. Dieses hier würde man ihr wohl kaum lassen, nur weil es hässlich war, oder?
Sprosse war zu schwach, um aufzustehen. Kein Wunder – irgendwie hatte sie es geschafft, ein Ei zu legen, ohne etwas gefressen zu haben. Sie fragte sich, wie viele sie noch in sich hatte, und hoffte, dass dieses das letzte gewesen war. Seufzend warf sie einen Blick durch den Maschendraht. Weil ihr Käfig in der Nähe des Eingangs stand, konnte sie nach draußen schauen. Die Stalltür hing schief in ihrem Rahmen, und durch einen Spalt sah Sprosse einen Akazienbaum. Sie liebte diesen Baum so sehr, dass ihr weder der kalte Wind, der im Winter durch den Spalt pfiff, noch der prasselnde Sommerregen, dessen Spritzer bis zu ihr gelangten, etwas ausmachten.
Sprosse war eine Legehenne. Sie war vor über einem Jahr in den Hühnerstall gekommen und hatte seitdem nichts anderes getan, als Eier zu legen. Sie konnte weder herumlaufen noch mit den Flügeln schlagen, geschweige denn ihre eigenen Eier ausbrüten. Sie hatte den Stall zwar noch nie verlassen, aber seit sie im Hof vor dem Gebäude eine Henne mit ihren hinreißenden Küken erspäht hatte, hegte sie insgeheim einen Wunsch: ein Ei auszubrüten und ein Küken schlüpfen zu sehen. Aber das war nur ein Traum. Der Käfig war nach vorne hin abschüssig, sodass die Eier nach dem Legen sofort hinter eine Absperrung rollten, die sie von ihren Müttern trennte.
Die Tür öffnete sich, und der Bauer kam mit einer Schubkarre in den Stall. Die Hühner gackerten ungeduldig und machten einen Riesenlärm.
»Frühstück!«
»Kohldampf, her damit, her damit!«
Mit einem Eimer teilte der Bauer das Futter aus. »Immer hungrig! Sorgt dafür, dass es sich lohnt. Das Futter ist nicht billig.«
Sprosse schaute durch die weit geöffnete Stalltür auf die Welt dort draußen. Sie hatte schon lange keinen Appetit mehr, und sie wollte nie wieder ein Ei legen. Jedes Mal, wenn die Bäuerin ihr eines wegnahm, blieb Sprosse mit leerem Herzen zurück: Ihr Stolz über das gelegte Ei verwandelte sich in Traurigkeit. Jetzt, nach über einem Jahr im Hühnerstall, fühlte sie sich ausgebrannt. Sie konnte ihre eigenen Eier nicht einmal mit den ausgestreckten Krallen berühren. Und sie wusste nicht, was mit ihnen geschah, nachdem die Bäuerin sie in einem Korb aus dem Hühnerstall trug.
Draußen war es hell. Die Akazie am Rande des Hofs war voller weißer Blüten, und ihr süßer Duft wurde von einer Brise eingefangen und in den Stall getragen. Er berührte Sprosse zutiefst. Sie erhob sich, schob den Kopf durch die Drahtmaschen und scheuerte sich dabei den nackten, federlosen Hals wund. Die Blätter haben wieder Blüten ausgebrütet! Sprosse beneidete sie. Wenn sie die Augen zusammenkniff, konnte sie die hellgrünen Blätter ausmachen, die herangereift waren und schließlich duftende Blüten geboren hatten. Die Akazie hatte auch an dem Tag geblüht, an dem man sie in den Hühnerstall gesperrt hatte. Ein paar Tage später waren die Blüten wie Schneeflocken heruntergerieselt, und nur die grünen Blätter waren am Baum zurückgeblieben, bis sie sich im Spätherbst gelb gefärbt hatten und lautlos zu Boden geschwebt waren. Staunend hatte Sprosse beobachtet, wie die Blätter bis dahin rauen Winden und schweren Regentropfen getrotzt hatten. Als Sprosse in diesem Frühling bemerkt hatte, wie die Blätter in leuchtendem Grün wiedergeboren wurden, war sie vor Freude ganz aufgeregt gewesen.
Sprosse war der beste Name der Welt. Sprossen bildeten Blätter heraus, die von Wind und Sonne berührt wurden, bevor sie abfielen, vermoderten und zu Erde wurden, auf der wohlriechende Blumen wachsen konnten. Sie wollte etwas aus ihrem Leben machen, wie die Sprossen, die sich zu Akazien entwickelten. Deshalb hatte sie sich diesen Namen gegeben. Zwar rief sie niemand so, und sie wusste, dass ihr Leben anders war als das von Sprossen, aber der Name gab ihr ein gutes Gefühl. Er war ihr Geheimnis. Seitdem sie sich so nannte, hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, alles zu beobachten, was außerhalb des Stalls vor sich ging, vom Zu- und Abnehmen des Mondes über das Auf- und Untergehen der Sonne bis hin zum Gezänk der Tiere auf dem Scheunenhof.
»Nur zu, fresst, damit ihr viele große Eier legen könnt!«, knurrte der Bauer. Das sagte er bei jeder Fütterung, und Sprosse konnte es nicht mehr hören. Sie ignorierte ihn und spähte in den Hof.
Auch die Tiere außerhalb des Stalls waren beim Frühstück. Eine große Entenfamilie drängte sich mit himmelwärts gereckten Schwänzen um den Trog und schlang das Futter in sich hinein, ohne auch nur ein Mal die Köpfe zu heben. Der alte Hund schlug sich ebenfalls den Bauch voll ...

Blick ins Buch

  • Huhn_S.60
  • Huhn_S.158
  • Huhn_S.8
  • Huhn_S.34
  • Huhn_S.52

Autor

Sun-Mi Hwang ist Autorin und Professorin für Literatur in Seoul. Sie veröffentlichte bereits zahlreiche Bücher und erhielt diverse Preise. Der internationale Durchbruch gelang der Autorin mit ihrem Roman »Das Huhn, das vom Fliegen träumte« (2014). Es wurde in neunzehn Sprachen übersetzt, prägte zehn [...]

mehr zum Autor

Presse

Freiburger Nachrichten

»Kein Roman über die Liebe und rührende Aufopferung einer Mutter zu ihrem Kind könnte diese zu Herzen gehende Fabel besser erzählen. Eine wunderschöne Lektüre, die lange nachklingt.«

Jolie

»Ohne Kitsch zeigt die Autorin aus Seoul, wie hart das Leben und wie stark die Liebe ist. Fabelhaft.«

BÜCHER

»Eine Hymne auf das Leben, die Kinder und Erwachsene gleichermaßen begeistern wird.«

WDR 5

»Dieses Hörbuch hat das Zeug zu einem Klassiker für Kinder und Erwachsene.«