Das Kapital bin ich

Das Kapital bin ich

Hannes Grassegger

"Holen wir uns, was uns gehört. Wir sind das Internet."

Das Manifest für alle Internet-Zweifler und Gegner der virtuellen Manipulation. Für alle, deren Fingerspitzen nur noch Touchscreens berühren, die in YouTube verloren gehen und sich Facebook ausgenommen fühlen. Für alle, die sich den AGBs von Google & Co nicht mehr fügen wollen. Es ist Zeit, sich aus der selbstverschuldeten "Digitalen Leibeigenschaft" zu befreien! Der Ökonom Hannes Grassegger zeigt auf, wie wir zu einem neuen Selbstbewusstsein im Umgang mit unseren Daten finden und auch noch Geld daran verdienen.

Format

  • Hannes Grassegger – Das Kapital bin ich
    Schluss mit der Digitalen Leibeigenschaft

    eBook
    64 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9274-7

    Alter Preis 4.99€|5.50CHF
    2,99 EUR

Leseprobe

Executive Summary

Vom Ausgang aus der selbst verschuldeten digitalen Unmündigkeit

 

Privacy-Probleme. Transparenz. Security-Lücke. Ich kann es nicht mehr hören. Es sind schlampige Verharmlosungen eines radikal neuen Zustandes: Wir gehören uns nicht mehr. Wir sind Digitale Leibeigene.
Sie wollen einen Beweis? Wenn persönliche Daten das Erdöl des 21. Jahrhunderts sind, wenn seit Jahren Abermilliarden Dollar dafür fließen – warum sind Sie, die Quelle dieser Daten, dann nicht auch der Ölscheich?
Das Erdöl, der Content, die persönlichen Daten, Big Data – das bin ich. Meine digitale Persönlichkeit. Heutzutage ist sie kein Dispositiv mehr, keine Option, sondern notwendige Daseinsbedingung. Teil von mir. Wir befinden uns in einer Post-Internet-Realität, wie Artie Vierkant kürzlich sagte, das Internet ist kein separater Raum mehr, sondern integral. Mein Ich ist unteilbar geblieben, aber teilweise digital geworden. Wir bestehen aus Atomen und aus Bits. Das Web ist der Außenraum meiner Innenwelt. Und diese Innenwelt ist eindeutig verknüpfbar mit dem Rest von uns.

Wir dürfen uns keiner Illusion mehr hingeben: Die Anonymität ist vorbei. Boris Becker hatte recht: »Ich bin drin.« Mein digitales Ich, das sind meine Gedanken (E-Mails), meine Gefühle (emoticons), meine Affekte (Twitter), meine Beziehungen (Facebook), meine Geschäftsbeziehungen (Xing). Das Internet wird von privaten Unternehmen geführt, trotzdem ist fast alles gratis.
Der Trick ist alt. Man lockte uns mit neuem Land, das wir beackern durften, mit Plattformen – und behielt im Gegenzug die Ernte – unsere schriftlich festgehaltenen Gedanken und Gefühle. Die schlachtet man jetzt aus mit Big-Data-Algorithmen und Sentiment Analysis. »The
Soul at Work«, sagt Franco Berardi dazu.
Alle haben geshared. Die Schlauen haben gesammelt – und uns in ihre Clouds gepackt. Neuerdings fordert Apple mich auf, all meine Kalenderdaten und Kontakte in die Cloud zu laden, um mein iPhone zu synchronisieren. Neue AGB: Apple weiß ab jetzt, mit wem ich wo, wann und warum bin. Und wen ich so kenne. Allgemeine Geschäftsbedingungen heißen die Gesetze jener Leibherren, denen wir uns heutzutage alle beugen müssen, um nicht alles zu verlieren. 

Meine Daten werden zu Cashflows, die ins Silicon Valley strömen. Nirgendwo fließt derzeit mehr Geld hinein als in die IT-Industrie. Die 19 Milliarden, die Facebook für WhatsApp zahlte, und die 3,2 Milliarden von Google für Nest waren nur ein Tröpfchen aus diesem Strom. Apple
hat 160 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln, Microsoft 84, Google 61, Cisco 48, Facebook und Amazon bilanzieren zusammen 25 Milliarden Cash. Es ist ein goldenes Datenmeer. Oder Gebirge. Noch nie zuvor gab es ähnlich hohe Gipfel.
Und niemals in der Geschichte hatte eine so kleine Anzahl von Menschen einen solchen Besitz. Zuckerberg, Brin, Schmidt & Co – wir gehören ihnen. Besuchen Sie die feudalen Feiern im Silicon Valley, bestaunen Sie die teuren Apartments in San Francisco: sehen Sie die Overlords
(Economist) der digitalen Epoche bei ihren spektakulären Demos auf den Bühnen. Keine Industrie gibt so wenig ab. Nirgendwo sind die Dividenden niedriger als in der IT-Industrie. Jeder Pharao wäre neidisch.
Und die Regierungen waren neidisch. So neidisch, dass sie ihre Agenten anwiesen zu handeln. Die Datenraub-Aktionen von NSA & Co und die anschließende Empörung der Unternehmen, das unerwartete gemeinsame Auftreten von Erzrivalen wie Microsoft und Apple, die im vergangenen Dezember mit Google, Twitter, LinkedIn und Facebook zusammen (!) in ganzseitigen Anzeigen in der New York Times eine Warnung »an die Regierungen der Welt« richteten – und seither weltweit lobbyieren –, sind nichts anderes als der Wutschrei eines Kindes:
»Hey, das sind meine Daten!« Aber wem gehören sie denn in Wirklichkeit?

»Who owns it?«, fragte kürzlich der Silicon-Valley-Guru Jaron Lanier ganz naiv. »Who owns me?« Das ist die richtige Frage.
Wie wenig wir uns derzeit selber besitzen, zeigt der Fall des österreichischen Studenten Schrems, der jahrelang vergeblich versuchte, von Facebook sein dort abgespeichertes Leben zurückzuerhalten.

Was für eine Macht die neuen Leibherren über uns haben, zeigt eine bescheidene Frage: Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Mailhost würde Ihnen plötzlich den Zugang zu all Ihren Mails verweigern. Was würden Sie dafür tun, um an Ihre Mails ranzukommen?
Anderswo ist das bereits Realität: »Virtual Kidnapping« nennt es sich in Mexiko, wenn Gangster mittels Zugangsdaten die virtuelle Identität ihres Opfers kapern, um dieses anschließend zu steuern wie Marionetten. Wie weit würden Sie gehen, damit Ihre Frau Ihren Pornokonsum nicht
nachverfolgen kann? Oder damit Ihr Mann keine Textnachrichten lesen muss, die von Ihren grauenhaften Schmerzen berichten? Alles virtuell?
Ich schenke Ihnen den Plot für den nächsten James Bond: Dr. No kauft sich Facebook. Und nimmt 1,2 Milliarden virtuelle Geiseln.
Was uns droht, wissen wir nicht genau. Daten, Drohnen, Disziplin, titelte Zygmunt Bauman. Und Mathias Doepfner hat Angst vor einem neuen Totalitarismus. Aber es kann noch schlimmer kommen.
Persönliche Daten sind ein rares Gut. Jedes Individuum gestaltet sein eigenes digitales Profil – genau wie jeder Maler seinen Handstrich hat. Das Ziel all der Analysen und Algorithmen ist es, darin unsere innersten Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen. Und wenn persönliche
Daten der Rohstoff des 21. Jahrhunderts sind, wehe uns, wenn die neuen Rohstoffunternehmen bei ihren Bohrungen und Explorationen genauso vorgehen wie die Ressourcenplünderer aller anderen Zeitalter.

Schmeißen Sie ruhig Ihr Handy und Ihren Laptop weg, es gibt kein Opt-Out mehr. Denn in der Zwischenzeit wird unsere Umgebung smart. Sensoren in Autos, TVs, Kühlschränken oder auch Smart Cities wie Rio de Janeiro oder Stockholm: Sie erfassen uns – wie sich kürzlich
bei Samsung Fernsehern herausstellte. »Watching us just as we watch them«, rappte einst der Wu-Tang Clan 1998. Damals war das noch Verschwörungstheorie ...

Autor

Hannes Grassegger, geboren 1980, vor dem Computerscreen aufgewachsen, ist Reporter und Ökonom. Seine Texte, häufig zum Leben im Digitalen Kapitalismus, erscheinen unter anderem in der NZZ, dem ZEIT-Magazin, bei REPORTAGEN und Magazin der Süddeutschen Zeitung. Während seines Studiums in Berlin und Zü [...]

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