Das Rachel-Tagebuch

Das Rachel-Tagebuch

Martin Amis

Der fulminante Startschuss einer unvergleichlichen Karriere: Das Debüt von Martin Amis erreichte auf Anhieb Kultstatus

Charles Highway, ein intellektuell präpotenter, vor Energie, besonders sexueller, nur so strotzender Neunzehnjähriger aus der englischen Provinz, kommt ins Swinging London und hat bald nur noch eins im Sinn: die coole Rachel in sein Bett zu kriegen. Das preisgekrönte Debüt eines unvergleichlichen Autors!

Format

  • Martin Amis – Das Rachel-Tagebuch
    Roman

    Original: The Rachel Papers

    Aus dem Englischen von Joachim Kalka
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5931-3

    12,00 EUR

  • Martin Amis – Das Rachel-Tagebuch
    Roman

    Original: The Rachel Papers

    Aus dem Englischen von Joachim Kalka
    eBook
    288 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9314-0

    11,99 EUR

Leseprobe

Sieben Uhr:
OXFORD


Ich heiße Charles Highway, obwohl man’s nicht meinen sollte, wenn man mich so sieht. Das ist so ein hochgewachsener, weit gereister, langpimmliger Name, und ich bin das alles ja nicht, so vom ersten Eindruck her. Zunächst mal habe ich eine Brille, schon immer, seit ich neun war. Und meine mittelgroße Figur, arschlos, hüftlos, mit dem Wellblechbrustkorb und den krummen Beinen, da hat sich alles verschworen, jede Spur von Grandezza zu vertreiben. (Man sollte dieses spezielle Modell übrigens auf keinen Fall mit den elastischen Chassis verwechseln, die bei meinen Altersgenossen so beliebt sind. Die sind ganz anders. Ich weiß noch, ich hab meinen Hosenbund fast doppelt übereinanderfalten müssen und den Hosenboden mit einem massiven Erwachsenenhemd ausgefüllt. Mitt lerweile kleide ich mich allerdings mit mehr Überlegung – nicht unbedingt geschmackvoll, aber umsichtig.) Was ich immerhin habe, das ist eine von diesen hell-quäkigen Stimmen, die jetzt schwer en vogue sind, so eine mit der eingebauten Ironie durch die Nase, sehr gut geeignet zur Verunsicherung älterer Herrschaften. Und mein Gesicht dürfte wohl auch etwas Imponierendes haben. Es ist eckig, aber sensibel; dünne lange Nase, breiter dünner Mund – und meine Augen! Üppig bewimpert, dunkles Ocker, eine Spur gebranntes Nussbraun … ach, wie unzureichend diese Worte sind. Die Hauptsache an mir ist aber, dass ich neunzehn Jahre alt bin und morgen zwanzig werde. Zwanzig, das ist natürlich der eigentliche Wendepunkt. Sechzehn, achtzehn, einundzwanzig, das sind alles so willkürliche Marksteine – es wird lediglich festgelegt, dass man verhaftet werden darf, wenn man die Raten längere Zeit nicht gezahlt hat, man darf heiraten, gevögelt werden oder hingerichtet: Äußerlichkeiten. – Natürlich muss man unbedingt so törichte Parolen ignorieren wie »Man ist so alt, wie man sich fühlt« – die zweifellos dazu geführt haben, dass unzählige stramme Fünfzigjährige im Jogginganzug umgekippt sind, fahle Hippies mit einer Überdosis dalagen, fragile Schwuchteln ihre Brücken und Kronen von irgendwelchen viehischen Anhaltern zertrampelt bekamen. Zwanzig, das mag nicht der Beginn der Reife sein, aber das Ende der Jugend, so darf man schon sagen. Um mit einem Schlag dramatische Spannung und inhaltliche Symmetrie herbeizuführen, möchte ich meine Geburt auf die Mitternacht legen. Tatsächlich war der Gebärvorgang bei meiner Mutter eine weitschweifi ge und insgesamt wenig elegante Angelegenheit; die Wehen begannen etwa um diese Zeit jetzt (das heißt gegen sieben Uhr abends am fünften Dezember vor zwanzig Jahren), und erst nach zwölf Uhr war das Ergebnis da: ein feuchtes Bündel von fünf Pfund, das ins Krankenhaus gebracht und dort vierzehn Tage lang gepäppelt werden musste. Mein Vater hatte – Gott weiß warum – eigentlich vorgehabt,

sich alles bis zum Schluss anzusehen, war aber nach ein, zwei Stunden die Sache leid. Ich habe schon lange das sichere Gefühl, dass diese Anekdote eine sehr tiefe Bedeutung hat, komme aber nicht drauf, welche es sein könnte. Vielleicht fi nde ich die Antwort genau zwanzig Jahre nachdem ich zum ersten Mal in meinem Leben Luft geschnuppert habe. Ich muss gestehen, dass ich mich seit Monaten auf den heutigen Abend gefreut habe. Als Rachel vor einer halben Stunde plötzlich ankam, dachte ich schon, sie würde mir alles verderben, aber sie ging rechtzeitig wieder. Ich muss diesen Übergang würdig hinter mich bringen, würdig und sozusagen offi ziell, und ich muss die Schlussphase meiner Jugend noch einmal nacherleben. Denn irgendetwas ist mit mir passiert, ganz eindeutig, und ich möchte unbedingt wissen, was. Also: Wenn ich nun die letzten, sagen wir, drei Monate noch einmal durchgehe und versuche, von meiner ganzen Altklugheit und Kinderei, meiner Primanergewitztheit und meiner Sekundanergemeinheit, meiner ganzen befangenen Selbstsucht, von Selbstekel, Selbstverliebtheit, Selbst-was-auch-immer, von all dem einen Begriff zu bekommen – vielleicht kann ich dann meine Hamartia herausfi nden, wie es die Alten nannten, meinen Wesensfehler, meinen falschen Zug, und erkennen, was für einen Erwachsenen ich abgeben sollte. Oder eben nicht. Jedenfalls dürfte der Versuch Spaß machen. Jetzt ist es – einen Moment – gerade sieben Uhr. Noch fünf Stunden meines Teenagerdaseins liegen vor mir. Fünf Stunden, dann wandere ich weiter in das grässliche Brobdingnag, welches das Kind als Erwachsenenalter sieht.

Ich lasse mein altes schwarzes Reiseköff erchen aufklacken und stülpe es auf dem Bett um; Aktendeckel, Notizhefte, Ordner, prall geblähte Umschläge, in Bindfadenfesseln geschlagene Zettelbündel, Briefe, Durchschläge, Tagebücher – die Marginalien meiner Jugend übersäen die bunte Steppdecke. Ich dränge all das Papier zu provisorischen Stapeln zusammen. Sollte ich es chronologisch ordnen, nach Personen, nach Themen? Ganz off ensichtlich ist heute Abend intensive Arbeit in der Registratur angesagt. Ich fische wahllos ein Tagebuch heraus, gehe ans andere Ende des Zimmers und lehne mich gegen das Bücherregal, das knarrt. Ich nehme ein Schlückchen von meinem Wein und blättere das Buch auf. Das zweite Wochenende im September. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur noch ein paar Tage daheim durchzustehen, ehe es nach London ging. Am Donnerstag hatte sich mein Vater, der zum ersten Mal seit Jahren ein Glas härteren Alkohol in der Hand hatte, plötzlich laut gefragt, weshalb ich nicht »mal versuchen wollte, ob ich in Oxford landen kann« – und ich hatte ihm bestätigend zugenickt und mich das ebenfalls gefragt. Ja, warum nicht? Bevor ich dann auf die Universität gehen würde, wollte ich ohnehin ein Jahr freinehmen. Mein Englischlehrer hatte mir immer eingehämmert, wie gottverdammt begabt ich war. Und für eine andere Uni hatte ich auch keine Pläne. Es war irgendwie logisch.
 

 

Autor

Martin Amis, geboren 1949 in Swansea, ist einer der bedeutendsten englischen Gegenwartsautoren. Er ist der Verfasser von vierzehn Romanen, sechs Sachbüchern und zwei Kurzgeschichtensammlungen. Für sein Romandebüt »Das Rachel-Tagebuch« (1973) erhielt er den Somerset Maugham Award. Zu seinen bekanntes [...]

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