Deadline

Der Leser muss begeistert werden - Pflichtlektüre für jeden, der schreibt

Wohin wollen wir? Was wollen wir und was nicht? Und wie zur Hölle machen wir das am klügsten? Zeitungen scheuen diese Debatte: Naturgemäß interessiert sie weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern nur die nächste Nummer. Was fehlt, ist eine Strategie für den Journalismus im 21. Jahrhundert. Denn dieser verabschiedet sich in hohem Tempo von der traditionellen Nachrichtenmaschinerie. Gefragt sind neue Qualitäten: Ehrlichkeit, Haltung, Ideen, Stil. Dieses Buch gibt Tipps, wie man einen zeitgemäßen Journalismus macht. Wie man Witz, Klarheit, Spannung und bisher Unbekanntes aufs Papier bringt. Wie man mit Kritik umgeht, mit Scheitern und mit Macht. Schließlich geht es in der Pressekrise nicht nur ums Überleben im eigenen Job. Sondern auch um das Überleben einer ganzen Institution.

Format

  • Constantin Seibt – Deadline
    Wie man besser schreibt

    Hardcover
    Format: 13,5 x 20,9 cm , 320 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5685-5

    24,90 EUR

  • Constantin Seibt – Deadline
    Wie man besser schreibt

    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 320 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5922-1

    12,90 EUR

  • Constantin Seibt – Deadline
    Wie man besser schreibt

    eBook
    320 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9237-2

    11,99 EUR

Leseprobe

Vorwort

Eine Menge Ärger


Seit drei Nächten versuche ich, dieses Vorwort hinzukriegen. Bis jetzt vergeblich.
Es ist nicht gerade eine Empfehlung für ein Buch mit Tricks zum Schreiben, wenn der Autor schon bei den ersten Sätzen aus der Kurve fliegt. Aber Scheitern gehört zum Job.
Aus der Ferne ist Schreiben ein eleganter Beruf: Man braucht wenig Material dafür, lediglich einen Computer und etwas Frechheit. Und was zu tun ist, ist einfach: Sieh hin und schreibs auf.
Nur ist es verblüffend schwierig, das Wesentliche zu sehen. Und es hinzuschreiben, auch.
Dieses Buch handelt von allem Ärger, den man als professioneller Schreiber vor dem Computer hat: mit Ideen, Dramaturgie eines Texts, Redigieren und der eigenen Blindheit. Und von allem Ärger, den man als Journalist in seinem Job hat: mit Karriere, Geld, Lesern und der Pressekrise.
Aus der Ferne ist Journalismus ein erfreulicher Beruf. Er besteht aus einer Kette von kleinen Abenteuern. Und die Freiheit ist groß. Wie kaum ein anderer Büroangestellter hat ein Journalist die Kontrolle über sein Produkt. Zwar gibt es in jeder Redaktion eine Menge Chefs, doch mit etwas Erfahrung lassen diese sich austricksen. Die einzige Kompassnadel, die zählt, ist die eigene Nase.
Aber manchmal ist es eine schreckliche Freiheit. Für einen längeren Artikel muss man mehrere Dutzend Entscheidungen treffen. Trifft man zu viele falsch, oder trifft man sie nicht, passiert immer das Schlimmste, was einem als Autor passieren kann: Aus einer lebendigen Geschichte wird ein lebloses Stück Text. Man produziert eine Leiche.
Und wenn das passiert, gibt es keinen anderen Schuldigen als: ihn. Er hat es vermasselt. Kein Wunder, dass sich zuweilen selbst Profis wünschen, sie hätten einen angenehmeren Job gelernt, etwa Kanalreiniger.
Doch das ist nur die Hälfte des Ärgers. Das Internet hat den Journalismus radikal verändert.  Traditionelle Nachrichtenorganisationen haben große Teile ihrer Einnahmen ans Netz verloren. Und das Verhältnis zum Publikum hat sich um 180 Grad gedreht. Früher schrieb ein Journalist für abhängige Abonnenten. Heute konkurriert er im Netz mit der weltweiten Unterhaltungsindustrie.
Der verschärfte Kampf um Aufmerksamkeit bedeutet, dass die eingespielte Maschinerie der Tageszeitung neu gedacht werden muss: von den Artikeln bis zur Strategie. Die bisherigen Produkte und Routinen sind nicht mehr zeitgemäß. Sie zielen alle auf das traditionelle Publikum: auf die nun langsam aussterbenden Abonnenten ohne Alternative. Für den Journalismus im 21. Jahrhundert braucht man neue Konzepte.
In der Chefetage findet man dafür kaum Interesse. Die meisten Verlage haben als zentrales Gegenmittel zur Zeitungskrise das Sparen entdeckt. Und wurden süchtig danach. Erst schnitten sie das Fett weg, dann Muskeln und Blutbahnen.
Tatsächlich ist es erstaunlich, wie wenig selbst große Medienkonzerne trotz der Krise über Journalismus nachdenken. Und etwa systematisch Entwicklungsabteilungen ins Leben rufen: für neue Produkte und eine neue Haltung bei den alten. Sie haben für den Journalismus im 21. Jahrhundert nicht nur kein Konzept, sie haben nicht einmal die Melancholie, keins zu haben. Doch damit sind sie nicht allein. Auch die meisten Redaktionen reagieren erstaunlich defensiv: Sie machen lieber das Blatt für morgen früh statt das Konzept für morgen.
Für den einzelnen Journalisten bedeutet das: Auf Hilfe von oben kann man nicht hoffen. Deshalb macht sich dieses Buch nicht nur Überlegungen zum journalistischen Handwerk. Sondern auch zur Frage: Mit welcher Strategie überlebt man als einzelner Journalist im 21. Jahrhundert?

Der Grund, warum die Nachrichtenindustrie so konservativ ist, lässt sich in vier Worten beschreiben: über hundert Jahre Erfolg. Kein Wunder, dass die Branche auch unter Druck wenig nachdenkt. Und das ist auch der Ansatzpunkt für jede zeitgemäße publizistische Strategie. Nach hundert Jahren Erfolg kann man mit einer Menge Kalk im System rechnen: mit erstarrten Routinen, übersät mit blinden Flecken.
Der Konservativismus der eigenen Branche ist die verlässlichste Ressource, die man als Journalist in der Krise hat. Und die Rebellion dagegen ist die vernünftigste Strategie, auf die man setzen kann. Nicht zuletzt, weil man sich in der Aufmerksamkeitsbranche befindet. In dieser wird die Abweichung honoriert, nicht die Norm.
Deshalb lautet die zentrale Frage in diesem Buch: »Wie wäre es, wenn wir es ganz anders machten?« Sie ist die entscheidende Überlegung in jeder Situation: beim Schreiben eines Artikels, beim Nachdenken über die eigene Haltung, bei der Konzeption der gesamten Zeitung.
Wie man das in der Praxis macht, darum dreht sich dieses Buch. Es geht um praktische Tricks beim Schreiben. Um die Haltung zur Welt, zu Texten, zum Publikum, zur Karriere. Und im letzten Kapitel um eine publizistische Strategie, wie die Tageszeitung in der heutigen Zeit zu machen wäre. 

Fast alle Kapitel dieses Buchs wurden neben meinem Job als Reporter beim Tages-Anzeiger in Zürich geschrieben, meist nach Mitternacht, wenn das Kindchen schlief. Sie erschienen ursprünglich als Blog auf der Website der Zeitung. Für dieses Buch wurde das Material geordnet, gekürzt, ergänzt, verschlagwortet. 
Die meisten dieser Kapitel behandeln meine eigenen sowie die berufsüblichen Katastrophen. Also die Momente, in denen ich beim Schreiben im Sumpf landete und nachdenken musste, was schieflief. Und wie ich mich und den Artikel retten könnte. 
Deshalb ist der Journalismus auch ein abenteuerlicher Beruf: Es geht im Kleinen immer darum, dass man überlebt. Und im Großen auch.

 

Die Lage

Fünfzehn Thesen zum Journalismus im 21. Jahrhundert


Ladies and Gentlemen,
willkommen an Bord der prächtigen, aber sinkenden Galeere des Printjournalismus. Zwar herrscht in Zeitungen seit Jahrhunderten dieselbe Zeit wie auf dem Meer oder im Totenreich: eine ewige Gegenwart. Aber irgendwann findet auch diese ihr Ende.
Jedenfalls ist es fast Selbstmord, in diesem Gewerbe zu arbeiten, ohne über dessen Zukunft nachzudenken. Die Gründe sind bekannt: Das traditionelle Geschäftsmodell zerfällt. Es bestand darin, Zeitungen an die Leser und die Leser an die Werber zu verkaufen. Nun verschwindet die Werbung ins Netz und die jüngeren Leser auch. Printjournalisten sind längst – wie alternde Schlagersänger – zum größten Teil in der Seniorenunterhaltung tätig.
Als die Einnahmen sanken, verfolgten die Galeereneigner – die Verleger – im Kern zwei Strategien. Erstens das Zusammenstreichen und Zusammenlegen von Abteilungen. Zweitens versuchten sie, ihr Produkt irgendwie im Netz zu vermarkten.
Die Sparmaßnahmen hatten einen gewissen Erfolg. Denn das Internet erwischte die Zeitungsbranche 2001 auf ihrem Höhepunkt. In den zehn Jahren davor waren die Zeitungen Gelddruckmaschinen
gewesen. Sie waren – ironischerweise gemästet durch die Anzeigen der Internet-Start-up-Unternehmen – fetter denn je: in Sachen Umfang, Redaktion, Etats, Teppichetage, Overhead. Entsprechend orgiastisch konnte gestrichen werden. Eine Zukunftsstrategie ist die fortgesetzte Synergie- und ...

 

Autor

Constantin Seibt, geboren 1966 in Frankfurt am Main, ist ein Schweizer Journalist und Autor. Zehn Jahre lang verfasste er vor allem Kolumnen, bevor er 1997 Inlandredakteur bei der WOZ wurde. Seit 2006 arbeitet er als Reporter für den Tages-Anzeiger in Zürich, zuständig vor allem für die Grauzone zwi [...]

mehr zum Autor

Presse

Zeitpunkt

»Mit Seibt plädiert endlich mal einer für eine farbenfrohe Vielfalt von Textarten, die aus Zeitungen der Zukunft eine artenreiche Blumenwiese machen könnte.«

Medienkritik

»Während ein Teil der Medienbranche auf Panik macht oder sich in Verdrängung übt, besinnt sich einer zurück aufs Wesentliche. Constantin Seibt nimmt das journalistische Handwerk schonungslos unter die Lupe.«

Sebastian Langer, Nordkurier

»Tipp für Menschen mit Schreibblockade: Deadline von Constantin Seibt durchlesen. Wenn das nix hilft, hilft nix mehr.«