Der Bastard von Istanbul

Elif Shafak

Elif Shafaks großes Familienepos über die Türkei heute und vor 100 Jahren

Im heutigen Istanbul teilt die neunzehnjährige Asya Kazanci ihr Zuhause mit ihrer Großfamilie, einer bunten Ansammlung eigenwilliger Charaktere. Als Armanoush, Asyas armenisch-amerikanische Cousine, die Familie besucht, geraten jedoch die Grundmauern des Hauses ins Wanken. Denn sie hat keine Scheu, sich dem Familiengeheimnis zu widmen, das eng mit einem der dunkelsten Kapitel des Landes verbunden ist.

Format

  • Elif Shafak – Der Bastard von Istanbul
    Roman

    Original: The Bastard of Istanbul

    Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 464 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5924-5

    13,00 EUR

  • Elif Shafak – Der Bastard von Istanbul
    Roman

    Original: The Bastard of Istanbul

    Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller
    eBook
    464 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9307-2

    11,99 EUR

Leseprobe

                                                              
Du sollst nicht verfluchen, was vom Himmel fällt. Dazu gehört auch der Regen. Egal was herabregnet, egal wie heftig der Wolkenbruch oder wie eisig der Schneeregen, du sollst niemals Flüche aussprechen gegen egal was der Himmel für uns bereithält. Jeder weiß das. Auch Zeliha. Und dennoch ging sie an diesem ersten Freitag im Juli fluchend auf einem Bürgersteig, der eine hoffnungslos verstopfte Straße entlangführte; sie hastete zu einem Termin, zu dem sie jetzt schon spät dran war, fluchte wie ein Kutscher und ließ eine Schimpfkanonade nach der anderen los, über das kaputte Pfl aster, ihre Stöckelschuhe, den Mann, der ihr folgte, über jeden dieser Autofahrer, die wie wild hupten, obwohl doch jeder wusste, dass Lärm die Auflösung von Verkehrsstaus nicht befördert, über die ganze Dynastie der Osmanen, weil die vor langer Zeit die Stadt Konstantinopel erobert und aus Versehen geblieben war, und ja, über den Regen …, diesen verdammten Sommerregen.
Hier ist Regen eine Qual. In anderen Teilen der Welt gilt ein Wolkenbruch wahrscheinlich als Segen für nahezu alles und jedes – gut für die Landwirtschaft, gut für Flora und Fauna und, mit einem Extraschuss Romantik, gut für Verliebte. In Istanbul ist das nicht so. Für uns hat Regen nicht unbedingt mit Nasswerden zu tun. Ja nicht einmal mit Schmutzigwerden. Wenn überhaupt, dann mit Wütendwerden. Er bedeutet Schlamm und Chaos und Zorn, als hätten wir nicht schon genug von all dem. Und Kämpfen. Er hat immer mit Kämpfen zu tun. Wie Kätzchen in einem Eimer Wasser kämpfen alle fünf Millionen von uns vergeblich gegen die Tropfen. Man kann nicht sagen, dass wir dabei ganz alleine wären, betroffen sind auch die Straßen mit ihren vorsintfl utlichen Namen, die mit Schablonen auf Blechschilder geschrieben sind, die überall verstreuten Grabsteine aller möglichen Heiligen, die Müllhaufen, die an fast jeder Ecke warten, die überdimensionalen Baugruben, die sich bald in moderne Prachtbauten verwandeln sollen, und die Seemöwen … Uns alle macht es wütend, wenn der Himmel sich auftut und uns auf die Köpfe spuckt. Wenn aber die letzten Tropfen den Erdboden erreichen und noch viele weitere unsicher auf den nun vom Staub befreiten Blättern balancieren, in diesem ungeschützten Augenblick, wenn man nicht ganz sicher ist, ob der Regen endlich aufgehört hat, ja nicht einmal er selbst es weiß, genau in diesem Moment wird alles heiter. Eine ganze Minute lang scheint der Himmel sich für das zu entschuldigen, was er da angerichtet hat. Und wir, immer noch Tröpfchen im Haar, Matsch im Hosenaufschlag und Trostlosigkeit im Blick, starren in den Himmel, der jetzt in einem etwas helleren Tiefblau und klarer denn je erstrahlt. Wir blicken auf und lächeln unwillkürlich zurück. Wir vergeben ihm; das tun wir immer. Im Augenblick schüttete es allerdings noch, und Zeliha empfand wenig bis gar keine Versöhnlichkeit in ihrem Herzen. Sie besaß keinen Schirm, denn sie hatte sich geschworen, dass es ihr, wenn sie so blöd wäre, noch einmal einem Straßenhändler Geld für noch einen weiteren Schirm hinzublättern, den sie, sobald die Sonne herauskäme, wieder irgendwo liegen ließe, ganz recht geschähe, bis auf die Haut nass zu werden. Im Übrigen wäre es jetzt sowieso zu spät. Sie war bereits triefnass. Hierin glich Regen der Traurigkeit: Man tat alles, um unberührt, sicher und trocken zu bleiben, aber wenn einem das nicht gelang, kam ein Punkt, wo man das Ganze nicht mehr als Problem einzelner Tropfen, sondern als unaufhörlichen Schwall betrachtete und beschloss, dass man dann genauso gut auch richtig nass werden konnte. Regen tropfte von ihren dunklen Locken auf ihre breiten Schultern. Wie alle Frauen in der Familie Kazancı war Zeliha mit rabenschwarzem krausem Haar zur Welt gekommen, aber im Gegensatz zu den anderen mochte sie es so. Von Zeit zu Zeit verengten sich ihre normalerweise weit geöff neten und eine messerscharfe Intelligenz ausstrahlenden jadegrünen Augen zu zwei Strichen unverhohlener Gleichgültigkeit, die nur drei Gruppen von Leuten zu eigen ist: den hoff nungslos Naiven, den hoff nungslos Zurückhaltenden und den hoff nungslos Hoff nungsvollen. Da sie zu keiner dieser Gruppen gehörte, war es schwer, diese Gleichgültigkeit zu verstehen, selbst wenn es eine so flüchtige war. Plötzlich war sie da und umgab ihre Seele mit narkotisierter Gefühllosigkeit, dann war sie weg und ließ ihre Seele allein in ihrem Körper zurück.
So fühlte sie sich an diesem ersten Freitag im Juli abgestumpft, als stünde sie unter Drogen, ein außerordentlich quälender Zustand für einen so energiegeladenen Menschen wie sie. Konnte das der Grund sein, weshalb sie heute absolut keine Lust gehabt hatte, es mit der Stadt oder gar dem Regen aufzunehmen? Während die Gleichgültigkeit sich wie ein Jo-Jo im ganz eigenen Rhythmus auf und ab bewegte, schwang ihr Stimmungspendel zwischen erstarren und kochen hin und her. Als Zeliha vorbeieilte, wurde sie amüsiert von den Straßenhändlern beäugt, die Schirme, Regenmäntel und Regenhauben aus Plastik in leuchtenden Farben feilboten. Es gelang ihr, deren Blicke zu ignorieren, ebenso wie es ihr gelang, die Blicke all der Männer zu ignorieren, die ihren Körper begehrlich anstarrten. Die Straßenhändler betrachteten auch missbilligend ihren glänzenden Nasenring, als sei er ein Hinweis auf unschickliches Verhalten und damit ein Zeichen ihrer Lüsternheit. Auf ihr Piercing war Zeliha besonders stolz, weil sie es selbst gemacht hatte. Es hatte wehgetan, aber das Piercing würde bleiben und ihr Stil ebenfalls. Egal wie sehr Männer sie belästigten oder Frauen sie missbilligten, die gesprungenen Pfl astersteine sie behinderten oder das Hüpfen in Fährboote erschwert wurde, egal auch wie penetrant ihre Mutter nörgelte …, keine Macht der Welt konnte Zeliha, die größer war als die meisten Frauen dieser Stadt, davon abhalten, grellbunte Miniröcke, knappe Blusen, die ihre üppigen Brüste hervorhoben, seidig glänzende Nylonstrümpfe und, jawohl, diese turmhohen Stöckelschuhe zu tragen.

Autor

Elif Shafak, in Straßburg geboren, gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei. Die preisgekrönte Autorin von vierzehn Büchern, darunter »Die Geheimnisse der Liebe«(2013, »Ehre«(2014) und »Der Geruch des Paradieses«(2016), schreibt auf Türkisch und Englisch. Elif Shafak lebt in Lo [...]

mehr zum Autor

Presse

Neue Zürcher Zeitung

»Eine Art Mondlandung der türkischen Literaturgeschichte.«

Cicero

»Unverarbeitete Traumata pflanzen sich fort – diese Grundthese durchwirkt den Roman und sättigt ihn mit der ganzen farbigen Widersprüchlichkeit des Lebens.«

The Times

»Wenn Sie von diesem Buch gehört haben, dann wahrscheinlich aus den falschen Gründen.«

Der Spiegel

»Elif Shafak ist der Star der türkischen Literaturszene.«