Der Buchhändler aus Kabul

Der Buchhändler aus Kabul. Eine Familiengeschichte

Åsne Seierstad

Åsne Seierstad ermöglicht einen einmaligen Einblick in den Alltag Afghanistans. Ihr Erfahrungsbericht wurde zu einem Welterfolg und liest sich wie ein Thriller mit feinem Gespür für die Figuren und die kritischen Umstände, in denen sie leben.

Als die Journalistin Åsne Seierstad von Sultan Khan, einem Buchhändler aus Kabul, eingeladen wird, für fünf Monate bei ihm und seiner Familie zu leben, ahnt sie nicht, was sie erwartet. Seit mehr als zwanzig Jahren trotzt Sultan Khan den Autoritäten – ob Kommunisten oder Taliban –, um die Bevölkerung von Kabul mit Büchern zu versorgen. Er wurde verhaftet und musste mit ansehen, wie seine Bücher auf offener Straße verbrannt wurden. Dennoch hat er seine Leidenschaft für das Lesen nie aufgegeben und Licht in einen der dunkelsten Orte der Welt gebracht, während er gleichzeitig mit harter Hand seinen Haushalt führte. Dies ist das intime Porträt eines Mannes und seiner Familie – zwei Ehefrauen, fünf Kinder und viele Verwandte – und ein einzigartiger Einblick in ein Land der extremen Widersprüche.

Format

  • Åsne Seierstad – Der Buchhändler aus Kabul. Eine Familiengeschichte
    Roman, Erzählendes Sachbuch

    Original: Bokhandleren i Kabul

    Aus dem Norwegischen von Holger Wolandt
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 352 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-6111-8

    1. September 2020
    13,00 EUR

  • Åsne Seierstad – Der Buchhändler aus Kabul. Eine Familiengeschichte
    Roman, Erzählendes Sachbuch

    Original: Bokhandleren i Kabul

    Aus dem Norwegischen von Holger Wolandt
    Ebook
    304 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9450-5

    1. September 2020
    12,99 EUR

Leseprobe

Der Freier


Als Sultan Khan die Zeit für gekommen hielt, eine neue Frau zu finden, wollte ihm niemand helfen. Als Erstes ging er zu seiner Mutter.
»Die du hast, muss reichen«, sagte sie.
Dann ging er zu seiner ältesten Schwester. »Ich mag deine erste Frau so«, sagte sie. Dieselbe Antwort bekam er von seinen anderen Schwestern.
»Das ist eine Schande für Sharifa«, meinte seine Tante.
Sultan brauchte Hilfe. Der Freier kann nicht selbst um die Hand eines Mädchens anhalten. In Afghanistan ist es Sitte, dass eine der Frauen der Familie den Heiratswunsch vorbringt und das Mädchen näher in Augenschein nimmt, um zu sehen, ob sie tugendhaft und wohlerzogen ist und eine gute Ehefrau abgibt. Aber keine der Frauen in Sultans Nähe wollte etwas mit seiner Brautwerbung zu tun haben.
Sultan hatte drei junge Mädchen ausgewählt, die für ihn als neue Frau infrage kamen. Sie waren alle gesund und schön und aus seinem eigenen Clan. In Sultans Familie heiratet man nur ausnahmsweise außerhalb des eigenen Clans. Es gilt als das Klügste und Sicherste, Verwandte zu heiraten, vorzugsweise Cousins und Cousinen.
Als Erstes versuchte es Sultan mit der sechzehnjährigen Sonya. Sie hatte dunkle, mandelförmige Augen und schwarz glänzendes Haar. Eine gute Figur besaß sie auch, üppig, und war überdies, so hieß es, geschickt bei der Hausarbeit. Ihre Familie war arm und ausreichend nah verwandt. Die Großmutter ihrer Mutter und die von Sultans Mutter waren Schwestern.
Während Sultan noch überlegte, wie er ohne Hilfe der Frauen um die Hand seiner Auserwählten anhalten sollte, war seine erste Frau glücklicherweise ahnungslos, dass ein junges Mädchen, das in dem Jahr zur Welt gekommen war, in dem sie und Sultan geheiratet hatten, jetzt die Gedanken ihres Mannes vollkommen in Anspruch nahm. Sharifa begann, wie auch Sultan selbst, alt zu werden, sie war über fünfzig. Drei Söhne und eine Tochter hatte sie ihm geboren. Für einen Mann in Sultans Position war es an der Zeit, eine neue Frau zu finden.
»Geh halt selbst«, meinte sein Bruder zum Schluss.
Nachdem er nachgedacht hatte, befand Sultan, dass das die einzige Lösung war. Eines Morgens ging er zum Haus der Sechzehnjährigen. Ihre Eltern empfingen ihren Verwandten mit offenen Armen. Sultan galt als großzügig, und ein Besuch von ihm war immer willkommen. Sonyas Mutter machte Wasser heiß und servierte Tee. Sie saßen in dem einen Zimmer des Lehmhauses auf flachen Kissen an der Wand und tauschten Höflichkeiten und Grüße aus, bis Sultan fand, es sei an der Zeit, sein Anliegen vorzutragen.
»Ich habe einen Freund, der Sonya heiraten will«, sagte er zu den Eltern.
Es war nicht das erste Mal, dass jemand um die Hand der Tochter anhielt. Sie war schön und fleißig, aber die Eltern fanden, dass sie noch zu jung sei. Sonyas Vater konnte nicht mehr arbeiten. Er hinkte, seit bei einer Messerstecherei mehrere seiner Rückennerven durchtrennt worden waren. Die schöne Tochter konnte einen hohen Brautpreis einbringen, und die Eltern warteten die ganze Zeit auf ein höheres Gebot als die, die ihnen bisher unterbreitet worden waren.
»Er ist reich«, begann Sultan. »Er ist in derselben Branche wie ich. Er hat eine gute Ausbildung und drei Söhne. Aber seine Frau wird allmählich alt.«
»Wie sind seine Zähne?«, fragten die Eltern rasch, auf das Alter dieses Freundes anspielend.
»So wie meine«, antwortete Sultan. »Beurteilt die.«
»Alt«, dachten die Eltern. Aber das musste nicht unbedingt ein Nachteil sein. Je älter der Mann, desto höher der Preis, den sie für die Tochter erzielen konnten. Der Preis für eine Braut setzt sich aus Alter, Schönheit, Fähigkeiten und aus dem Status der Familie zusammen.
Als Sultan Khan sein Anliegen vorgebracht hatte, sagten die Eltern, wie es von ihnen erwartet wurde: »Sie ist zu jung.«
Es wäre ein Fehler gewesen, sie billig diesem reichen, unbekannten Freier zu verkaufen, von dem Sultan so warm sprach. Man durfte nicht zu interessiert erscheinen. Aber sie wussten, dass Sultan wiederkommen würde, denn Sonya war jung und schön.
Am Tag darauf erschien er wieder, um die Brautwerbung zu wiederholen. Dasselbe Gespräch, dieselbe Antwort. Aber jetzt durfte er auch Sonya treffen, die er nicht mehr gesehen hatte, seit sie ein Kind gewesen war.
Sie küsste aus Respekt vor ihrem älteren Verwandten seine Hand, und er segnete ihr Haar mit einem Kuss. Sonya bemerkte die geladene Stimmung und duckte sich unter dem prüfenden Blick Onkel Sultans.
»Ich habe einen reichen Mann für dich gefunden, was hältst du davon?«, fragte er. Sonya starrte auf den Fußboden. Zu antworten hätte gegen alle Regeln verstoßen. Ein junges Mädchen hatte zu einem Freier keine Ansicht zu haben.
Am dritten Tag erschien Sultan erneut, und dieses Mal unterbreitete er das Gebot des Freiers. Ein Ring, eine Kette, Ohrringe und Armband – alles aus Rotgold. So viele Kleider, wie sie wollte. Dreihundert Kilogramm Reis, hundertfünfzig Liter Speiseöl, eine Kuh, ein paar Schafe und fünfzehn Millionen Afghani, etwa dreihundert Euro.
Sonyas Vater war mit dem Brautpreis mehr als zufrieden und bat, den geheimnisvollen Mann treffen zu dürfen, der so viel für seine Tochter biete. Sultan hatte ihnen sogar versichert, dass der Mann zum Clan gehöre, ohne dass es ihnen gelungen wäre, ihn einzuordnen oder sich daran zu erinnern, ihm schon einmal begegnet zu sein.
»Morgen«, sagte Sultan, »sollt ihr ein Bild von ihm sehen.«
Am Tag darauf erklärte sich Sultans Tante, nach einer kleinen Bestechung, einverstanden, den Eltern Sonyas zu enthüllen, wer der wirkliche Freier sei. Sie nahm ein Bild mit – ein Foto von Sultan Khan – und gab ihnen den strengen Bescheid, dass sie eine Stunde Zeit hätten, sich zu entscheiden. Wenn sie Ja sagen würden, dann sei er sehr dankbar, aber falls sie Nein sagten, würde es deswegen auch kein böses Blut zwischen ihnen geben. Das Einzige, was er nicht wünsche, seien ewig dauernde Verhandlungen nach dem Muster: vielleicht doch, vielleicht nicht.
Die Eltern waren einverstanden, noch bevor die Stunde um war. Beiden gefiel Sultan Khan, sein Geld und seine Stellung. Sonya saß weinend auf dem Speicher. Als das Geheimnis, das den Bräutigam umgeben hatte, gelüftet war und sich die Eltern entschlossen hatten, zuzustimmen, kam der Bruder ihres Vaters zu ihr hoch. »Onkel Sultan ist der Freier«, sagte er. »Stimmst du zu?«
Kein Laut kam über Sonyas Lippen. Sie saß mit Tränen in den Augen und gebeugtem Haupt da, versteckt hinter ihrem langen Schleier.
»Deine Eltern haben den Freier gutgeheißen«, sagte der Onkel. »Jetzt ist die einzige Gelegenheit, zu sagen, was du willst.«
Sie saß da wie ein Stein, in Todesangst gelähmt. Sie wusste, dass sie den Mann nicht wollte, aber sie wusste auch, dass sie sich dem Wunsch der Eltern beugen musste. Als Sultans Frau würde sie mehrere Stufen in der afghanischen Gesellschaft nach oben steigen. Der hohe Brautpreis würde viele Probleme der Familie lösen. Das Geld, das die Eltern bekamen, würde den Brüdern helfen, sich gute Frauen zu kaufen.
Sonya schwieg. Und damit war ihr Schicksal besiegelt: Schweigen bedeutete Zustimmung. Die Vereinbarung wurde getroffen und das Hochzeitsdatum festgesetzt.
Sultan ging nach Hause, um der Familie die große Neuigkeit mitzuteilen. Seine Frau Sharifa, seine Mutter und Schwestern saßen auf dem Fußboden um eine Schüssel Reis und Spinat. Sharifa glaubte, er mache Witze, und lachte und scherzte. Auch seine Mutter lachte über Sultans Scherz. Sie konnte es sich nicht im Traum vorstellen, dass er ohne ihre Zustimmung gefreit hatte.
Seine Schwestern waren sprachlos.
Niemand wollte ihm glauben, bis er das Taschentuch und die Süßigkeiten vorzeigte, die der Freier von den Eltern als Beweis der Verlobung erhält.
Sharifa weinte zwanzig Tage lang. »Was habe ich nur falsch gemacht? Was für eine Schande! Warum bist du mit mir nicht zufrieden?«
Sultan bat sie, sich zusammenzunehmen. Niemand aus der Familie war auf Sultans Seite, nicht einmal seine Söhne. Trotzdem wagte niemand, etwas zu sagen. Sultans Wille war oberstes Gebot.
Sharifa war untröstlich. Ein schwerer Schlag für sie war, dass ihr Mann eine Analphabetin gewählt hatte, die nicht einmal die erste Klasse beendet hatte. Sie selbst war Lehrerin für Persisch.
»Was hat sie, was ich nicht habe?«, schluchzte sie.
Sultan ignorierte die Tränen seiner Frau.
Keiner hatte Lust, zum Verlobungsfest zu kommen. Aber Sharifa musste tapfer die Scham herunterschlucken und sich für die Gesellschaft feinmachen.
»Ich will, dass alle sehen, dass du zustimmst und mir beistehst. In Zukunft wohnen wir alle zusammen, und du musst zeigen, dass Sonya willkommen ist«, befahl er. Sharifa 27 hatte sich immer ihrem Mann gefügt, und auch jetzt tat sie das wieder, in der für sie schlimmsten Stunde, ihn einer anderen zu geben. Er verlangte sogar, dass Sharifa ihm und Sonya die Ringe auf die Finger stecken sollte.
Zwanzig Tage nach der Brautwerbung folgte die feierliche Verlobung. Sharifa riss sich zusammen und verzog keine Miene. Ihre weiblichen Verwandten taten alles, um ihre Gesichtszüge entgleisen zu sehen. »Wie schrecklich für dich«, sagten sie. »Wie gemein von ihm. Dir muss es fürchterlich gehen.«
Zwei Monate nach der Verlobung fand am mohammedanischen Silvesterabend die Hochzeit statt. Aber jetzt weigerte sich Sharifa zu erscheinen.
»Ich ertrage das nicht«, sagte sie zu ihrem Mann.
Die Frauen der Familie unterstützten sie. Keine kaufte neue Kleider oder schminkte sich so stark, wie es eine Hochzeit erforderte. Sie trugen einfache Frisuren und lächelten gezwungen – aus Respekt für die Abgedankte, die ihr Bett nicht mehr mit Sultan Khan teilen würde. Das war jetzt der jungen, total verängstigten Braut vorbehalten. Aber das Dach würden sie alle teilen, bis zum Tod.

Autorin

Åsne Seierstad, geboren 1970 in Oslo, arbeitete als Korrespondentin und Kriegsberichterstatterin für verschiedene internationale Zeitungen und ist Autorin mehrerer Sachbücher. Sowohl als Journalistin als auch ...

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Presse

WDR 4 Bücher

»Es ist ein großartiges Buch, ganz packend und dicht erzählt, sehr menschlich und lebensnah.«