Der Trafikant

Robert Seethaler

Die Geschichte des jungen Franz, seiner Liebe zu Anezka und seine Freundschaft mit Sigmund Freud im Wien der Dreißigerjahre.

Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafik - einem kleinen Tabak- und Zeitungsgeschäft - sein Glück zu suchen. Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von ihm. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern. Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt, sucht er bei dem alten Professor Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse. Und schon bald werden Franz, Freud und Anezka jäh vom Strudel der Ereignisse mitgerissen.

Format

  • Robert Seethaler – Der Trafikant
    Roman

    Hardcover
    Format: 12,4 x 19,0 cm , 256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5645-9

    19,90 EUR

  • Robert Seethaler – Der Trafikant
    Roman

    Taschenbuch
    Format: 11,7 x 18,6 cm , 256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5909-2

    11,00 EUR

  • Robert Seethaler – Der Trafikant
    Roman

    eBook
    256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9201-3

    9,49 EUR

Leseprobe

An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte. Schon beim ersten fernen Donnergrollen war Franz in das kleine Fischerhaus gelaufen, das er und seine Mutter in dem Örtchen Nußdorf am Attersee bewohnten, und hatte sich tief ins Bett verkrochen, um in der Sicherheit seiner armen Daunenhöhle dem unheimlichen Tosen zuzuhören. Von allen Seiten rüttelte das Wetter an der Hütte. Die Balken ächzten, draußen knallten die Fensterläden, und auf dem Dach flatterten die vom dichten Moos überwachsenen Holzschindeln im Sturm. Von Böen getrieben, prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben, vor denen ein paar geköpfte Geranien in ihren Kübeln ersoffen. An der Wand über der Altkleiderkiste wackelte der eiserne Jesus, als könnte er sich jeden Augenblick von seinen Nägeln losreißen und vom Kreuz springen, und vom nahen Ufer war das Krachen der Fischerboote zu hören, die von den aufgepeitschten Wellen gegen ihre Uferpflöcke geschleudert wurden.
Als sich das Gewitter endlich ausgetobt hatte und sich ein erster zaghafter Sonnenstrahl über die rußschwarzen, von Generationen schwerer Fischerstiefel ausgetretenen Dielen bis an sein Bett heranzitterte, rollte sich Franz in einem kleinen Wohligkeitsanfall zusammen, nur um gleich darauf seinen Kopf unter der Decke hervorzustrecken und sich umzuschauen. Die Hütte war stehen geblieben, Jesus hing noch immer am Kreuz und durch das mit Wassertropfen besprenkelte Fenster leuchtete ein einzelnes Geranienblütenblatt wie ein zartroter Hoffnungsschimmer.
Franz kroch aus dem Bett und ging zur Kochnische, um einen Topf Kaffee mit fetter Milch aufzukochen. Das Brennholz unter dem Herd war trocken geblieben und flammte auf wie Stroh. Eine Weile starrte er in das helle Flackern hinein, als mit einem jähen Kracher die Tür aufflog. Im niedrigen Türrahmen stand die Mutter. Frau Huchel war eine schmale Frau in den Vierzigern, immer noch ganz ansehnlich, wenngleich auch schon etwas ausgemergelt wie die meisten Einheimischen, denen die Arbeit in den umliegenden Salzminen, den Viehställen oder den Küchen der Sommerfrischlerwirtshäuser zugesetzt hatte. Sie stand einfach nur da, eine Hand an den Türpfosten gelehnt, keuchend und mit leicht gesenktem Kopf. Die Schürze klebte an ihrem Körper, über ihre Stirn liefen die Haare in wirren Strähnen, und von ihrer Nasenspitze lösten sich einzelne Wassertropfen. Im Hintergrund ragte düster der Schafberg ins Wolkengrau, in dem da und dort schon wieder blaue Flecken auftauchten. Franz musste an das schief verschnitzte Marienbild denken, das irgendjemand in alten Zeiten an den Türstock der Nußdorfer Kapelle genagelt hatte und das mittlerweile fast bis zur völligen Unkenntlichkeit verwittert war.
»Bist nass geworden, Mama?«, fragte er und stocherte mit einem grünen Zweig im Herdfeuer herum. Die Mutter hob den Kopf, und da sah er, dass sie weinte. Die Tränen vermischten sich mit dem Regenwasser, und ihre Schultern bebten.
»Was ist denn passiert?«, fragte er erschrocken und stopfte den Zweig ins aufqualmende Feuer. Statt einer Antwort stieß sich die Mutter vom Türrahmen ab, kam mit ein paar unsicheren Schritten auf ihn zu, blieb dann aber mitten im Raum wieder stehen. Für einen Moment schien sie sich suchend umzusehen, dann hob sie mit einer hilflosen Geste ihre Hände und ließ sich nach vorne auf die Knie fallen. 
Franz tat einen zögerlichen Schritt, legte seine Hand auf ihren Kopf und begann ungeschickt über ihr Haar zu streicheln.
»Was ist denn passiert?«, wiederholte er heiser. Plötzlich kam er sich seltsam und dumm vor. Bislang war es umgekehrt gewesen: Er hatte geheult, und die Mutter hatte ihn gestreichelt. Ihr Kopf unter seiner Handfläche fühlte sich zart und zerbrechlich an, unter ihrer Kopfhaut spürte er das warme Pulsieren.
»Er ist ertrunken«, sagte sie leise.
»Wer?«
»Der Preininger.«
Franz hielt inne. Ein paar Augenblicke ließ er seine Hand noch auf ihrem Kopf liegen, dann zog er sie zurück. Die Mutter strich sich die Strähnen aus der Stirn. Dann stand sie auf, nahm einen Zipfel ihrer Schürze und wischte sich damit übers Gesicht.
»Du verräucherst uns ja die ganze Hütte!«, sagte sie, nahm den grünen Zweig aus dem Herd und schürte das Feuer.

Alois Preininger war nach eigenen Angaben der reichste Mann im Salzkammergut. Tatsächlich war er nur der drittreichste, was ihn zwar maßlos ärgerte, ihn aber zu dem ehrgeizigen Stierschädel hatte werden lassen, als der er bekannt und berüchtigt war. Ihm gehörten ein paar Hektar Wald- und Weidefläche, ein Sägewerk, eine Papierfabrik, die vier letzten Fischereibetriebe der Gegend, eine unbekannte Anzahl größerer und kleinerer Seegrundstücke mitsamt dazugehörender Bebauung sowie zwei Fährschiffe, ein Ausflugsdampfer und das einzige Auto im Umkreis von angeblich über vier Kilometern: ein prächtiger, champagnerroter Wagen der Firma Austro-Daimler, der allerdings wegen der salzkammerguttypischen Dauerregen ständig ausgewaschenen Straßen in einer rostigen Blechbaracke vor sich hin dauerte.
Alois Preininger waren seine sechzig Jahre nicht anzusehen, immer noch stand er voll im Saft. er liebte sich selbst, seine Heimat, gutes Essen, starke Getränke und schöne Frauen. Wobei das mit der Schönheit eher subjektiv und daher relativ war. im Grunde genommen liebte er alle Frauen, weil er eben auch alle Frauen schön fand. Franz’ Mutter hatte er vor Jahren beim großen Seefest kennengelernt. Sie stand unter der alten Linde, trug ein himmelblaues Kleid, und ihre Unterschenkel waren so hellbraun, glatt und makellos wie das mit Holz verkleidete Lenkrad des Austro-Daimler. Er bestellte frischen Bratfisch, einen Krug Most und eine Flasche Kirsch, und während sie aßen und tranken, versuchten sie erst gar nicht, aneinander vorbeizuschauen. Kurz danach tanzte sie Polka und später sogar Walzer und flüsterten sich dabei kleine Geheimnisse ins Ohr ...

Autor

Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, wurde 2007 für seinen Roman »Die Biene und der Kurt« mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche Stipendien, darunter das Alfred-Döblin Stipendium der Akademie der Künste. Der Film nach seinem Drehbuch »Die zweite Frau« wurde [...]

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Presse

NZZ am Sonntag

»Seethaler ist mit dem Roman etwas Unheimliches gelungen. Er erzählt ungeschminkt und schnörkellos aus der Mitte eines gewaltigen Verhältnisses - aber er tut das mit einer Leichtigkeit, die uns seit Jurek Beckers fulminantem Romanerstling Jakob der Lügner nicht mehr begegnet ist.«

Die Presse

»Robert Seethaler ist mit dem Buch ein rundum stimmiger, kompakter Coming-of-Age-Roman gelungen. Da ist kein Wort zu viel. Und ganz sicher keines zu wenig.«

Elke Heidenreich

»Zart, leise, sanft, poetisch - eine kleine Kostbarkeit.«

SWR2

»Ich habe seit Jahren kein schöneres Buch gelesen.«

Der Spiegel

»Mit großer Leichtigkeit erzählt Seethaler, wie Belesenheit und wachsende Klugheit das Leben zwar reicher, aber auch komplizierter machen.«

Anschauliches