Der Unvollendete

Der Unvollendete

Lukas Linder

Mit seinem unverkennbaren Gespür fürs Tragisch-Komische erzählt Lukas Linder von einem Mann auf der Suche nach dem wahren Leben und der Liebe, was sich weder in der Heimat noch in der Fremde als einfach herausstellt.

Das Glück kennt Anatol nur vom Hörensagen. Trotzdem sucht er es unermüdlich und stellt dabei fest: Das Leben ist das, was man statt seiner Träume bekommt. Als sich ihm die Gelegenheit bietet, an einem neuen Ort ein neues Leben zu beginnen, wagt er den Schritt ins Unbekannte – und muss schon bald erkennen, wie schwierig es ist, plötzlich ein anderer sein zu wollen.

Format

  • Lukas Linder – Der Unvollendete
    Roman

    Hardcover
    288 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5834-7

    1. September 2020
    22,00 EUR

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    Bitte informieren Sie mich, sobald der Titel erhältlich ist.

  • Lukas Linder – Der Unvollendete
    Roman

    Ebook
    288 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9451-2

    1. September 2020
    17,99 EUR

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Leseprobe

Was war das?
Bestimmt nicht der Anfang von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Doch wie der naseweise Erzähler des hinlänglich bekannten Meisterwerks lag Anatol Fern im Bett und konnte nicht einschlafen. Grund dafür war jedoch nicht die Schwere der Erinnerung, die auf ihm lastete, sondern jene der Gegenwart. Mit anderen Worten: nicht nur eine – gleich zwei wuchtige Frauen, die unmittelbar neben ihm die Matratze belegten. Bei aller Melancholie fand Anatol trotzdem die Kraft, sich dafür zu gratulieren, dass er sich kürzlich vom mitleidigen Blick des Verkäufers nicht hatte einschüchtern lassen und die XXL-Comfort- Matratze gekauft hatte. Außerdem, und vermutlich war das auch der Grund, warum Anatol nicht einschlafen konnte, verhielten sich die beiden nicht gerade ruhig. Obwohl Pädagoginnen, Lehrerinnen, und damit im Alltag geforderte Wesen, die den Schlaf bitter nötig hatten, ließen sie sich nicht davon abhalten, dass Mitternacht seit Stunden vorbei war, im Gegenteil schien es sie sogar zusätzlich anzuspornen. Aber was taten sie überhaupt, hochgebildete Menschen, die sie waren? Spielten sie Schach? Diskutierten sie die Höhepunkte des Bücherherbsts? Lasen sie sich Reportagen aus der Lettre international vor? Falsch. Sie trieben es miteinander. Laut, nackt und gewaltig. Dabei entfachten sie eine Höllenhitze, die Anatol das Gefühl vermittelte, es würden direkt an seiner Seite die unglaublichsten Brotlaibe gebacken. Er selber lag ein paar Zentimeter neben diesem Liebesinferno. Nicht ganz so hitzig, nicht ganz so nackt und überhaupt nicht gewaltig. Von diesem Moment hast du immer geträumt, buchstabierte er für sich selber. Am Ende des Satzes kam ein Fragezeichen. Denn irgendwie war er sich nicht ganz sicher: Sahen so seine Träume aus? Gewiss, es war unglaublich, herrlich, einfach fantastisch: er und zwei Frauen. Purer Wahnsinn. Und dabei spielte es überhaupt keine Rolle, dass die beiden Lehrerinnen waren. Gabriela unterrichtete Physik und Florence Turnen – beides Fächer, mit denen Anatol keinerlei sinnliches Vergnügen assoziierte. Vielmehr verlieh es dem Wahnsinn zusätzlich den Charakter einer stilvollen Revanche. Das hier waren Lehrerinnen. Vertreterinnen jener Menschenart, die früher bei ihm zu Hause angerufen und Elterngespräche verlangt hatte. Furchterregende Gestalten, die sich aus den bleiernen Lehrmitteln zu materialisieren schienen, um ihm das Leben zur Hölle zu machen. Und nun lagen sie hier, auf seiner XXL-Deluxe-Matratze, nackt bis zu den Fußsohlen. Herrlich, stimmte Anatol in Gedanken einen Singsang an. Das ist doch mal ein Ereignis, das du den Jungs beim Bier erzählen kannst. Allerdings hatte Anatol keine Jungs. Und Max, sein einziger zumindest ansatzweise männlicher Freund, hielt sich gerade in einer Tinnitus-Klinik auf und war für Biergespräche eher nicht zu haben. Vielleicht war das ja auch besser so. Denn was hätte er ihm erzählen sollen: Letzte Nacht haben es in meinem Bett zwei Frauen miteinander getrieben, leider fand ich nicht die Gelegenheit mitzumachen?
Wie aber hatte das passieren können? Es war schon sehr spät und sie alle waren ziemlich betrunken gewesen, als seine beiden Begleiterinnen aus einer Kehle verkündeten, sie seien zu müde, um den weiten Weg nach Hause zu gehen. Drei Stunden früher hatten sie ihn an der Bar aufgerissen, mit der einigermaßen verrucht gehauchten Bemerkung, er habe einen sexy Hintern. Anatol wusste, dass er keinen sexy Hintern hatte. Am Grad der Lüge erkannte er das Ausmaß ihrer Verzweiflung. Sie waren wohl in diese Bar gekommen, um Männer abzuschleppen, egal, was für welche. Und da er der Einzige war, der nicht völlig zugedröhnt oder sonst wie weggetreten wirkte, war die Wahl auf ihn gefallen. Es war also ein Sieg durch Enthaltsamkeit. Das klang irgendwie nicht besonders ruhmvoll, doch stellte Anatol, was Siege anbelangte, schon lange keine Ansprüche mehr. Zu Beginn war das Gespräch ziemlich harzig verlaufen. Man redete über die Schule, obwohl niemand das wollte. Aus purer Verzweiflung. Trauriger Tiefpunkt war der Moment, als Florence von einer Hallenbadsanierung zu reden begann. Obwohl Anatol beim Flirten keine große Erfahrung hatte, wusste er, dass Gespräche über Hallenbadsanierungen zu vermeiden waren, und so versuchte er das Thema zu wechseln:
»Übrigens, mein Vater hat sich neulich beim Kneippen den Fuß verstaucht.«
Weder Florence noch Gabriela mochten das Thema vertiefen.
Doch je mehr Bier sie bestellten und je hartnäckiger sie es mit Wodka oder Kleiner Feigling mischten, desto virtuoser wurden die Gespräche. Nachdem die Stimmung erst an ein Lehrerzimmer am Montagmorgen erinnert hatte, verkündeten die Frauen schließlich weit nach Mitternacht, nicht nach Hause gehen zu wollen, worauf Anatol scharfsinnig anbot:
»Ihr könnt gern bei mir schlafen. Ich habe eine XXL-Deluxe- Matratze.«
»Na dann nichts wie los«, meinte Florence. Als Turnlehrerin schien sie selbst nach sieben Bieren noch in der Lage zu sein, ein fehlerfreies Geräteturnen zu absolvieren. Anatol hatte erfahren, dass sie jeden Morgen einen Kilometer schwimmen ging. So war es auch Florence, die nun auf der XXL-Deluxe-Matratze den größten Brocken der Arbeit übernahm. Anatol beglückwünschte sich dazu, an diesem Morgen das Bett frisch bezogen zu haben, als hätte ihm eine wissende Stimme zugeraunt: »Heute Nacht geht bei dir die Post ab.«
Die Wahrheit war: Er wechselte seine Bettwäsche sowieso öfter als notwendig, denn er wollte stets bereit sein, falls das Unwahrscheinliche doch mal geschehen sollte.
Anatol war ein eingefleischter Pessimist. Aus diesem Grund zwang er sich, besonders optimistisch zu denken. Er musste einfach daran glauben, dass alles gut wurde, da schlichtweg nichts darauf hindeutete. Darum hatte er das Bett frisch bezogen. Darum hatte er damals die XXLDeluxe- Matratze gekauft, obwohl der Blick des Verkäufers ihm zu sagen schien: Wenn ich du wäre, würde ich das Solo-Mio-Modell nehmen.
Diesmal aber zahlte es sich aus. Diesmal ging bei ihm wirklich die Post ab. Zwei Frauen schliefen in seinem Bett. Nur leider nicht mit ihm.
Sie waren gegen halb zwei in seiner Wohnung angekommen, wo er den grotesken Vorschlag machte, noch einen Happen zubereiten zu wollen. Einen Moment lag das Wort »Happen« in der Luft wie ein peinlicher Geruch, der in einem das dringende Bedürfnis auslöste, alle Fenster zu öffnen, damit er so rasch wie möglich entschwände. Zuvor in der Bar hatte Anatol in einem Anfall von Übermut angefangen, von seinen Kochkünsten zu reden. Damals hatten die Frauen noch regelrecht an seinen Lippen gehangen, nun aber schien es auf der ganzen Welt nichts zu geben, wofür sie sich weniger erwärmen konnten, als von Anatol Fern bekocht zu werden.
»Ich kann auch Sandwiches machen.«
Woher kam dieses fast schon pathologische Bedürfnis, seine Besucherinnen um halb zwei in der Nacht bekochen zu wollen? Fürchtete er sich vor dem, was in der Luft lag? Ahnte er da bereits, kurz vor der schlimmsten Niederlage seines Lebens zu stehen? War das der Grund, warum er plötzlich auf eine Hausführung bestand und, nachdem sie widerwillig eingewilligt hatten, die beiden Frauen gefühlte Stunden in der Abstellkammer festhielt, wo er ihnen das Funktionsprinzip seines Staubsaugers erläuterte?
»Wenn ich noch länger diesen Staubsauger anschauen muss, kotze ich«, gelang es Gabriela schließlich die Hausführung zu beenden.
Sie war es auch, die den Wunsch nach einem Hörbuch äußerte. Sie sei daran gewöhnt und könne ohne die beruhigende Stimme einer Tonaufnahme nicht einschlafen.
»Ich auch nicht«, sagte Anatol, was umso bemerkenswerter war, da er gar keine Hörbücher besaß – bis auf die vom Verfasser selber eingelesene Autobiografie eines Alt-Bundesrats mit dem Titel Ich habe mit dem Dalai Lama sinniert. Sein Vater, ein glühender Anhänger dieses Doyens der europäischen Linken, hatte ihm das Hörbuch zum Geburtstag geschenkt.
»Hör dir das an. Das ist ein Mann, der wirklich etwas bewirken konnte«, hatte sein Vater gemeint und gleichzeitig zu verstehen gegeben, wie sehr es ihn betrübte, dass sich Anatol für eine Laufbahn entschieden hatte, mit der man weder etwas bewirkte noch mit dem Dalai Lama sinnierte und schon gar keine Hörbücher zu dem Thema einlas.
Er drückte auf Play. Für einen kurzen Augenblick kam er sich vor wie ein Mann, der alles im Griff hatte. Einer, der in der Lage war, komplizierte Dinge zu reparieren oder Erklärungen über physikalische Phänomene abzuliefern. Dieses Gefühl hatte er immer, wenn er die Stereoanlage
bediente, doch hier, in Anwesenheit zweier betrunkener Pädagoginnen, verspürte er es besonders stark. Als er sich umdrehte, waren Florence und Gabriela bereits in sein Bett geschlüpft. Da lagen sie, Kopf an Kopf, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, die Augen geschlossen. Wie zwei Nonnen, dachte Anatol, der was Nonnen anbelangte eine eigenwillige Vorstellung hatte. Schliefen sie? Es machte allen Anschein. Sie mussten sehr müde sein. Es war spät in der Nacht, und unmittelbar im Anschluss an seinen Staubsaugervortrag hatte er gesehen, wie grau und depressiv ihre Gesichter plötzlich wirkten. Auf Zehenspitzen tapste er zum Bett, löschte das Licht und legte sich vorsichtig neben sie. Es mochte etwa eine Minute vergangen sein, da hörte er diese Geräusche, und wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er gedacht: Da küssen sich zwei Menschen, und zwar voller Leidenschaft. Dies aber war unmöglich. Nicht in seinem Bett. In seinem Bett küsste sich überhaupt niemand. In seinem Bett hörte man sich die Erinnerungen von Alt-Bundesräten an und machte sich ein paar gedankliche Notizen. Andererseits: So atmete doch kein Mensch, der einem Alt-Bundesrat zuhörte. Oder waren die beiden etwa Verfechterinnen der Tibet-Frage und es war die angekündigte Begegnung mit dem Dalai Lama, die sie vorfreudig keuchen und stöhnen ließ? Wohl kaum. Wie aber hatte er die Zeichen nicht deuten können? Er erinnerte sich, wie Florence früher am Abend die Figur ihrer Kollegin gelobt hatte.

Autor

Lukas Linder, geboren 1984, studierte Germanistik und Philosophie. Er ist Dramatiker, schrieb u. a. für das Theater Basel und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet ...

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