Der Zug ist voll

Der Zug ist voll

Thomas Haemmerli

Die Schweiz ist ein kleines, sauberes und gut funktionierendes Land. Doch langsam wird es etwas eng

Jetzt wirds eng. Die Schweizer werden zum Volk ohne Raum. Und leiden deshalb an "Dichtestress". Das behaupten die Befürworter von Ecopop und der Masseneinwanderungsinitative. Notwendige Horizonterweiterung von Peter Bodenmann, Wolfgang Bortlik, Renata Burckhardt, Köbi Gantenbein, Thomas Haemmerli, Dieter Meier, Gerhard Meister, Manfred Papst, Michèle Roten, Peter Schneider, Constantin Seibt, Philipp Tingler, Christoph Virchow, Brida von Castelberg und Susanne Zahnd.

Format

  • Thomas Haemmerli – Der Zug ist voll
    Die Schweiz im Dichtestress

    Broschur
    Format: 10,5 x 17,3 cm , 64 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5696-1

    7,90 EUR

  • Thomas Haemmerli – Der Zug ist voll
    Die Schweiz im Dichtestress

    eBook
    64 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9272-3

    Alter Preis 4.99€|5.50CHF
    2,99 EUR

Leseprobe

 

Thomas Haemmerli

Reaktion und aufgestellte Schwanzhaare


Ein paar Mal musste ich den Begriff buchstabieren. D-I-C-H-T-E! Etwa bei Dieter Meier. Das lag nicht daran, dass der Mann in einem seiner Hauptberufe Popstar ist und nicht mehr richtig hörte. Nein, Dichtestress mäandert zwar recht penetrant durch die Zeitungsspalten, aber zum allseits bekannten Begriff hat er es deshalb noch längst nicht gebracht. Kunststück! Er entstammt einem Randgebiet: der Stress-Forschung eines bayrischen Labors mit Tupajas. Die Versuchstiere eignen sich aus zwei Gründen: 1. Man braucht keine Elektroden an sie anzuschliessen: Echauffieren sie sich, lässt sich das an den aufgestellten Schwanzhaaren ablesen. 2. Kaum sind sie der Auffassung, Artgenossen beträten ihr Territorium, reagieren sie heftiger als Schrebergärtner, denen man durch die frisch bestellten Rabatten trampelt.
1976 hatte Dichtestress einen ersten grossen öffentlichen Auftritt, als der Biologe und Kybernetiker Frederic Vester in einer TV-Sendung zum Thema Stress mit den Tupajas seine ökologische Apokalyptik illustrierte. Der Spiegel legte nach mit einer Titelgeschichte zum Thema Jahrhundertkrankheit Stress.
Danach versank Dichtestress wieder in der Bedeutungslosigkeit und überlebte vor allem in Traktaten vom ganz rechten Rand, wo man von jeher eine Vorliebe für biologistische Argumente hat.
Dabei blieb es. Bis in der Schweiz der Begriff plötzlich durch die Medien zu geistern begann und zum verbalen Knüppel aller wurde, die glauben, die Schweiz sei kurz vor dem Untergang durch Übervölkerung oder gar Überfremdung.
Allerdings wird Dichtestress nicht nur aus xenophobem Ressentiment verwendet, sondern beim Nörgeljournalismus auch aus purer Dummheit und Mangel an Sprachsensibilität.
Kolumnisten wie der Satiriker Peter Schneider oder der ehemalige SPS-Chef Bodenmann registrierten das früh und geisselten Dichtestress als reaktionären Quatsch.
Nun ist es ja meist egal, was die Leute so daherschnurren oder publizieren. Aber in der Schweiz folgen drei wichtige Abstimmungen mit dem gleichen Hintergrund: die Neuauflage der Schwarzenbach-Initiative gegen Überfremdung aus den siebziger Jahren, mit der man die «wesensfremden» Italiener aus der Schweiz werfen wollte.
Heute sind die Sündenböcke nicht mehr die Italiener, sondern Zuwanderer aus der gesamten EU. Und die sollen mit der Masseneinwanderungsinitiative der SVP ebenso ferngehalten werden wie mit der ökologisch verbrämten Ecopop-Initiative. Das Ziel dabei ist die Abschaffung der Personenfreizügigkeit mit der EU. Genauso wie bei der dritten Abstimmung, bei der sich SVP und Konsorten gegen die Ausweitung des freien Personenverkehrs auf Kroatien sperren.
Argumente und Details mögen sich ändern, stets aber geht es um die Richtungswahl zwischen einer reaktionär xenophoben und einer weltoffen modernen Schweiz. Deutlich zeigte sich das, als SVP-Bundespräsident Ueli Maurer behauptete, die Schweiz könne die Zuwanderung «kulturell nicht mehr verkraften». Da war es wieder, das Schwarzenbachsche Hadern mit dem Fremden, das immer dort besonders virulent ist, wo wenig oder gar keine Ausländer wohnen.
Man kann sich in guten Treuen darüber streiten, wie voll Züge sein dürfen, ob es mehr flankierenden Arbeitsmarktschutz braucht oder wie viele Wohnungen in den Zentren fehlen und warum. Aber nicht mit pseudoobjektiven Unsinnsbegriffen wie Dichtestress

Dank gebührt den Autorinnen und Autoren, die alle ehrenamtlich und aus Überzeugung in die Tasten gehauen haben. Und die eine klare Trennlinie ziehen: Da die Ausländerfeinde, die sich in Biologismen wie dem Dichtestress ergehen mögen. Hier alle anderen, die den Begriff nicht ahnungslos verwenden.
Das ist der Zweck dieser Sammlung, die sich im Besonderen an die Kollegen der Journaille richtet und die wir zur Mithilfe aufrufen, alle der Lächerlichkeit preiszugeben, die fürderhin ausserhalb der Tupaja-Forschung noch von Dichtestress sprechen.

 

Autor

Thomas Haemmerli führt eine verstreute Existenz zwischen Tiflis, Mexiko-Stadt, São Paulo und Zürich. Zuweilen gibt er sich als Dokumentarfilmer, dann wieder als Autor, Künstler, Journalist oder schwerstrategischer Kommunikationsberater. Er ist Gründer des Abstimmungsservice votez.ch und Präsident de [...]

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Presse

Buchrezensionen.com

»Eine vielseitige Sammlung anregender Texte. Eine bereichernde Lektüre.«

Saldo

»Ein fabelhaftes Büchlein für eine offene, moderne Schweiz.«

Luzerner Rundschau

»Ein kleines, aber gelungenes Werk zur Horizonterweiterung vor der Meinungsbildung.«