Die Arglosen

Die Arglosen

Francesca Segal

Ein Roman, der das moderne jüdische Leben mit viel Witz und Emapthie porträtiert und bereits mit zahlreichen wichtigen Preisen ausgezeichnet wurde

Zwölf glückliche Jahre sind Adam und Rachel schon zusammen, und niemand ist überrascht, als sie ihre Verlobung bekannt geben. Alles ist perfekt: Sie haben einen gemeinsamen Freundeskreis, Adam arbeitet in der Anwaltskanzlei seines Schwiegervaters, und sie werden in jener jüdischen Gemeinde im Nordwesten Londons eine Familie gründen, in der sie selbst aufgewachsen sind. Doch plötzlich taucht Rachels Cousine Ellie auf, und Adam fühlt sich gefährlich hingezogen zu der gleichzeitig wilden und verletzlichen jungen Frau. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er gezwungen, seine Welt infrage zu stellen und alle bisherigen Entscheidungen neu zu bewerten. Francesca Segal erweckt ihre Figuren anschaulich zum Leben und lässt sie sofort warm, lustig, komplex und sehr vertraut erscheinen. Der mehrfach ausgezeichnete Roman einer begnadeten Newcomerin, die das moderne jüdische Leben mit viel Humor und Empathie porträtiert.

Format

  • Francesca Segal – Die Arglosen
    Roman

    Original: The Innocents

    Aus dem Englischen von Verena Kilchling
    Hardcover
    Format: 12,5 x 19,0 cm , 432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5675-6

    22,90 EUR

  • Francesca Segal – Die Arglosen
    Roman

    Original: The Innocents

    Aus dem Englischen von Verena Kilchling
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5914-6

    12,90 EUR

  • Francesca Segal – Die Arglosen
    Roman

    Original: The Innocents

    Aus dem Englischen von Verena Kilchling
    eBook
    432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9241-9

    11,99 EUR

Leseprobe

EINS

Adam hatte sich für den Anlass einen neuen Anzug gekauft. Er hatte zwischen einem Nadelstreifen-Zweireiher in dandyhaftem Schwarz und einem etwas traditionelleren Modell aus dunkelblauer Wolle mit zwei Knöpfen geschwankt und sich nach reiflicher Überlegung für die dunkelblaue Variante entschieden, die ihm angemessener erschien für einen frisch verlobten Mann.
Jetzt saß er in diesem Anzug in der Synagoge und betrachtete die Buntglasfenster, die ein gesprenkeltes Lichtmuster in hellem Rosé und noch hellerem Saphirblau auf die stark geschminkten Gesichter der Frauen auf der Empore warfen. Es gab drei Fenster: Auf einem war ein goldener Chanukka-Leuchter mit roten Flammen zu sehen, auf einem ein Regenbogen vor kobaltblauem Himmel, unter dem weiße Bleiglastauben hindurchflatterten, und auf dem dritten die zwei abgerundeten silberglänzenden Tafeln der Zehn Gebote, erleuchtet von einem orangefarbenen und einem zitronengelben Sonnenstrahl und umrahmt von giftgrünen Palmen. Unter diesem dritten Fenster saß Rachel Gilbert zwischen ihrer Mutter und ihrer Großmutter und hatte den Blick aufmerksam zur Kanzel gerichtet. Adam wiederum senkte seinen Blick von den Fenstern herab und betrachtete seine Verlobte eingehend.
Sie waren seit ihrem sechzehnten Lebensjahr ein Paar, im Sommer waren es zwölf Jahre. Zwölf ganze Jahre lang war sie seine Freundin gewesen, und jetzt war sie seit einer Woche seine Verlobte. Alles fühlte sich plötzlich ganz anders an. Er hatte sie unmöglich vorausahnen können, diese tiefgreifende, nicht in Worte zu fassende Veränderung, die der funkelnde Ring an Rachels Finger in ihm auslöste, der Ring, über dessen Auswahl er sich so den Kopf zerbrochen hatte. Es war mehr als ein Gefühl von Besitz, von Verbundenheit, von Liebe. Was sich zwischen ihnen eingestellt hatte, war vollkommenes Vertrauen, war Gewissheit und die Aussicht darauf, dass diese Gewissheit für immer andauern würde.
Neben ihm verlagerte Jasper Cohen plötzlich seinen massigen Körper unter dem Gebetsmantel. »Rachels Cousine ist hier!« Er stieß Adam unsanft seinen Ellbogen in die Rippen und wies mit dem Kinn zur Empore hinauf, wo auf einer Mahagonibank in Reih und Glied die Frauen der Gilbert-Familie saßen, ordentlich frisiert und mit besinnlichen Mienen. Rachels Mutter Jaffa Gilbert saß dem Rabbiner am nächsten. Ihre kurz geschnittenen, hennagefärbten Haare waren unter einem grünen Hut verborgen, und ihre rote, an einer Plastikkette befestigte Brille ruhte auf ihrer ausladenden, samtverhüllten Brust. Neben ihr saß Rachel, die ihrerseits sittsam in hochgeschlossene dunkelgraue Seide gekleidet war und auf ihre Hände hinunterblickte. Ihr Gesicht wurde halb von einer breiten, dunklen Haarsträhne verdeckt, die ihr in die Stirn gefallen war. Rachels Großmutter Ziva Schneider saß auf der an deren Seite und starrte mit konzentriertem oder vielleicht auch skeptischem Ausdruck auf den Text in ihrem Schoß. Neben ihr komplettierte Rachels Cousine Ellie Schneider die Reihe.
»Ja. Und?«
»Du hast mir gar nicht von ihrer Rückkehr aus New York erzählt.«
»Ich wusste ja nicht, dass dich das interessiert.«
»Wenn es bedeutet, dass wir in Zukunft öfter ein halb nacktes Fotomodell in der Synagoge bestaunen dürfen, interessiert es mich auf jeden Fall.« Jasper beugte sich über Adam, um besser sehen zu können. »Mein Gott, ist die groß. Da braucht man ja eine Leiter.«
»Eins achtzig.«
»Zu groß für mich. Du würdest vielleicht mit ihr klarkommen.« Jasper blätterte einige Seiten in seinem Gebetbuch um, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen. »Wann kriegen wir endlich diesen Porno in die Finger, in dem sie mitgespielt hat?«
»Arthouse, nicht Porno«, zischte Adam. An Jaspers mangelndes Feingefühl war er seit vielen Jahren gewöhnt, heute jedoch beunruhigte es ihn. Er wollte auf keinen Fall, dass in der Gemeinde das Gerücht herumging, seine Verlobte sei mit einem Pornostar verwandt.
Jasper schnaubte laut. An ihm war alles laut, weil er fest davon überzeugt war, ihm würde niemand Beachtung schenken, wenn er sich nicht aufdrängte.
»Arsch House trifft es eher. Ich habe Auszüge auf You-Tube gesehen, Alter. Glaub mir: Das ist ein Pornofilm. Wir müssen uns das Ding bestellen.«
»Nein.«
»Nein, es ist kein Pornofilm, oder nein, wir bestellen es nicht? Gideon hat erzählt, die zensierte Version  sei eine halbe Stunde kürzer als das Original, aber in den Staaten komme man immer noch an die unzensierte Fassung.«
»Das war nicht Gideon, der das erzählt hat, sondern ich. Rachel war stinksauer deswegen.«
»Na ja, jedenfalls hat die Columbia University sie deswegen relegiert, also gibt es auf jeden Fall was zu sehen.«
»Pssst«, machte Adam und runzelte die Stirn. Er war nicht der Einzige, der sich an Jaspers Getuschel störte. Im Flüsterton stattfindende Gespräche zwischen den Männern in den hinteren Sitzreihen wurden normalerweise toleriert oder sogar ermuntert, wenn der Inhalt interessant genug war. Vor allem Fußball war ein beliebtes Thema. Während der Hohen Feiertage zogen sich die Gottesdienste endlos in die Länge, und es galt als völlig normal, sich ein wenig die Zeit zu vertreiben. Doch während des Kol Nidre – eines wichtigen Gebets zur Einleitung von Jom Kippur – eine anhaltende Diskussion über Pornografie zu führen, ging eindeutig zu weit. Schließlich sollte die Gemeinde bis zum Sonnenuntergang des morgigen Tages fasten und sühnen. Auch Adam hatte die Clips von Ellie Schneiders Schauspieldebüt im Internet gesehen. In einem davon blickte sie, nur mit einem befleckten T-Shirt der Columbia University bekleidet, in die Kamera und hielt einen gehauchten, auf hypnotische Weise rhythmischen Monolog, während ihr Unterleib von einem bedrohlich wirkenden Filmpartner entkleidet und bearbeitet wurde. Die Synagoge war nicht gerade der Ort, an dem sich Adam an diese Szene erinnern wollte. Die anderen Gemeindemitglieder sprachen gerade das Al-Chet-Bekenntnis: Für die Sünde, die wir vor dir durch unanständige Gedanken begangen haben, für die Sünde, die wir durch unflätige Sprache begangen haben. Verzeih uns, vergib uns, büße für uns ...

Autor

Francesca Segal, 1980 in London geboren, studierte in Oxford und Harvard und ist Journalistin und Kritikerin. Sie veröffentlichte unter anderem im Granta Magazine, Guardian und Daily Telegraph. Drei Jahre lang schrieb sie für den Observer eine Prosakolumne, bis vor Kurzem war sie Feuilletonistin für [...]

mehr zum Autor

Presse

Brigitte

»Segals Buch ist ein herrlich kritischer und doch liebevoller Blick auf eine eingeschworene Gemeinde, die zwar nervt, aber auch da ist, wenn man sie braucht.«

Süddeutsche Zeitung

»Ein Buch wie ein Sommercocktail: bisschen pricklend, süßlich, leicht erheiternd.«

Neues Deutschland

»Die feine Ironie in den liebevollen Beschreibungen ihrer Charaktere macht ihr spritziges Debüt zu einer vergnüglichen Lektüre.«