Die schöne Fanny

Pedro Lenz

Die Eifersucht ist ein Gift, das sich im ganzen Körper breitmachen kann, ähnlich wie eine Grippe, nur bleibt sie meist länger. Für den erfolglosen Schriftsteller Jackpot ist die Welt in Ordnung: Er hat seine Freunde, ein stimmiges Leben zwischen Wein, gutem Essen und Kunst. Nur die Suche nach dem roten Faden für seinen Roman treibt ihn hie und da um. Doch als er der schönen Fanny begegnet und seine Freunde plötzlich Rivalen werden, ist es mit dem geruhsamen Leben vorbei.

Drei Künstler und Tagediebe stolpern in dieser tragikomischen Geschichte durch die Kleinstadt: Jackpot, der erfolglose Schriftsteller, der auf Hunde und Pferde wettet und verzweifelt den roten Faden für seinen Roman sucht, und die beiden Maler Louis und Grunz, die das Leben und die Schönheit lieben. Ihre Hingabe zur Kunst und zu den kleinen Freuden des Alltags scheint die drei Freunde zu erfüllen, denn das Schicksal meint es gut mit denen, die wenig verlangen und viel geben. Doch dann tritt die schöne Fanny in ihr Leben. Allein durch ihre Präsenz bringt sie das scheinbar stabile Gleichgewicht der Männerfreundschaft ins Wanken. Mit der Leichtigkeit des Seins ist es nicht mehr ganz so weit her. Jeder begehrt Fanny, aber keiner scheint zu verstehen, was Fanny begehrt.

Format

  • Pedro Lenz – Die schöne Fanny
    Roman

    Original: Di schöni Fanny

    Aus dem Schweizerdeutschen von Raphael Urweider
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5767-8

    6. Dezember 2017
    20,00 EUR

  • Pedro Lenz – Die schöne Fanny
    Roman

    Original: Di schöni Fanny

    Aus dem Schweizerdeutschen von Raphael Urweider
    eBook
    256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9368-3

    6. Dezember 2017
    16,99 EUR

Leseprobe

1

Weshalb ich genau an diesem Tag, genau um diese Zeit, genau bei Louis klingelte, möchte ich manchmal gerne selber wissen.
Auf jeden Fall tat ich es. Hätte ich damals all das gewusst, was ich heute weiß, hätte ich es möglicherweise bleiben lassen. Nun ja, hätte, würde, könnte …
Kann man sagen im Nachhinein. Hätte, hätte, Fahrradkette … Entschuldigung fürs Abschweifen. Bin wegen »hätte« draufgekommen. Hätte, hätte, hätte, nützt mir jetzt so viel wie ein alter Hut. Und Fahrrad fahre ich schon gar nicht. Ich war damals dort, wo ich meistens rumschleiche, in Olten, Jurasüdfuss, Mittelland, Unterland, Hochnebelland, Eisenbahnerland, Postindustrieland, Aggloland, Zwischenland, Heimatland. Montagabend nach sechs, hinten in der Von-Roll-Straße, klingelte ich bei Louis.
Gut. So fing das an. Ich klingelte. Wartete. Klingelte erneut. Wartete weiter. Wollte schon aufgeben. Und in dem Moment kommt diese Frau zur Tür raus. Es war, als hätte jemand irgendwo ein Licht angeknipst. Ich musste einen Schritt zurücktreten, damit es mich nicht zu sehr blendete. Ohne Quatsch. So eine Frau war mir in meinem Leben noch nie begegnet, und ganz sicher nicht in Olten. Ich glaubte zu träumen. Auch wenn es solche Träume gar nicht gibt. Sie schaute mich kurz an, sagte »Sorry« und ging an mir vorbei Richtung Bahnhof.
Wahrscheinlich steht mein Mund noch immer offen, als Louis endlich an die Tür kommt, in einer Hand ein Tuch, in der anderen ein paar Pinsel, zwischen den Zähnen eine krumme Zigarre.
Jackpot! Was machst du hier, an einem Montag?
Nichts. Wollte bloß mal fragen, was bei dir so läuft.
Machst du einen Kaffee?
Klar. Natürlich. Komm hoch. Erzähl, erzähl.
Ich gehe hinter Louis ein paar Schritte die Treppe hoch. Seine Lunge rauscht und pfeift wie ein Teekocher, wenn das Wasser siedet. Aber die Zigarre nimmt er trotzdem nicht aus dem Mund. Rauchen kann ihr ungeborenes Kind töten. Sag das mal Louis. Über ungeborene Kinder hat er noch nie groß nachgedacht. Er raucht, seit er denken kann, und führt mich nun in sein Atelier, nicht zum ersten Mal.
Keine großen Gesten. Keine Fanfaren. Nur ein Scharnier, das einen Tropfen Öl brauchen könnte, und ein Raum voller Papier, Leinwände, Bleistifte und Farben.
Warte, ich mach Platz. Schau, setz dich hier aufs Sofa, sagt er.
Ich strecke die Nase in die Luft.
Riech mal, Louis, riech. Riechst du es auch? In diesem Atelier riecht es nach einer schönen nackten Frau.
Louis hustet nur, während er ein paar Blätter in eine Pappmappe legt und diese an die Wand lehnt.
Weißt du was, Jackpot? Das mit der nackten Frau sagst du jedes Mal, wenn du hier reinkommst. Dabei habe ich eben erst gelüftet. Aber wer weiß, vielleicht stimmts ja. Naked women and beer. We got it all in here.
Hank Williams Junior.
Bravo, Jackpot! Der ists, ganz genau der. Hank Williams Junior himself, sagt Louis und macht Kaffee auf dem Campinggasherd, der nur zu diesem Zweck im Atelier steht. Dann scheucht er mit einer Zeitung die Katze vom Sessel.
Putz dich, blödes Viech!
Die Katze protestiert, aber das interessiert im Moment keine Sau.
Jetzt nimmt Louis, zum ersten Mal seit ich da bin, die krumme Zigarre aus dem Mund und legt sie auf einen flachen Porzellanteller. Sieht schön aus, wie das Räuchlein fadengerade hochsteigt.
Also, leg los, sagt er zu mir und stellt zwei Tassen und Zucker auf einen Salontisch neben dem Sofa.
Doch ich sage noch nichts, tue erst so, als hätte ich ewig Zeit. Schaue mir Skizzen an, die überall herumliegen, nehme eine Gipsfigur in die Hand, die auf einem Tisch steht, halte sie gegen das Licht, als hätte ich irgendwann im Leben irgendwas von Gipsfiguren verstanden. Dann gehe ich etwas auf und ab. Und als ich das Gefühl hab, ich hätte lange genug gewartet, sage ich:
Weißt du was, ich habe den roten Faden gefunden. Ich weiß jetzt haargenau, wie der Roman werden soll.
Dann mache ich eine Pause, eine rhetorische Pause, wie Fachleute sagen würden, eine schön pointierte Kunstpause, gut gesetzt. Ich will sehen, wie Louis reagiert. Hab aber das Gefühl, er reagiert gar nicht. Er steht einfach bei der Gasflamme und wartet auf den Moment, in dem der Kaffee in den oberen Teil der Kanne hinaufkocht. Er ist ganz bei der Kaffeekanne und sonst nirgends. Ich versuche, irgendetwas aus diesem verlebten Gesicht zu lesen, sehe ihn aber nur von der Seite und im Schatten. So kann ich wenig herauslesen.
Sagst du nichts, Louis?
Was soll ich sagen? Erzähl doch erst mal von diesem roten Faden …

Autor

Pedro Lenz, geboren 1965, ist Dichter, Schriftsteller, Kolumnist und Mitglied des Bühnenprojekts Hohe Stirnen und der Spoken-Word-Gruppe Bern ist überall. Er schreibt auf Berndeutsch und hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht. Sein Roman Der Goalie bin ich gewann den Schillerpreis für Literatu [...]

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Presse

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»Ein schöner Roman über die Eifersucht.«

Lebensart

»Pedro Lenz entführt hier seine LeserInnen auf unterhaltsame Weise ins Milieu von interessanten gesellschaftlichen Außenseitern.«