Die seltsame Berufung des Mr Heming

Die seltsame Berufung des Mr Heming

Phil Hogan

Hätten Sie vermutet, dass der sympathische Mr Heming eine Kopie Ihres Schlüssels anfertigt?

Dem Immobilienmakler William Heming sollte man sich auf keinen Fall anvertrauen, so einnehmend er auch ist. Kaum hat er einen Verkaufsvertrag abgeschlossen, lässt er den Schlüssel duplizieren und schleicht sich in Abwesenheit der Bewohner nicht nur in deren Häuser - wo er mit Vorliebe alles begutachtet, seinen Hunger stillt, aber gerne auch mal etwas repariert -, sondern er schleicht sich vor allem in deren Leben. Sein Hobby wird immer riskanter, seine Taktik immer ausgefeilter, seine Obsession immer dominanter - bis es zum ersten Toten kommt. Und Mr Heming sich verliebt. Ein absolut fesselnder, psychologisch raffinierter Roman voller rabenschwarzem Humor.

Format

  • Phil Hogan – Die seltsame Berufung des Mr Heming
    Spannungsroman

    Original: A Pleasure and a Calling

    Aus dem Englischen von Alexander Wagner
    Hardcover
    Format: 12,2 x 19,1 cm , 368 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5704-3

    19,90 EUR

Leseprobe

1

Wenn Sie mir eine Waffe an den Schädel halten und eine Erklärung verlangen, müsste ich vermutlich damit beginnen, dass wir alle Gewohnheitstiere sind. Sicher würden Sie dann wissen wollen, wieso sich ein Gewohnheitstier ausgerechnet zum Sklaven der Gewohnheiten anderer macht? Darauf kann ich nur erwidern, dass ich die Gewohnheit eben über alles liebe und dafür geschaffen bin; weshalb mir auch keine andere Wahl bleibt, als nicht aufzugeben und einfach darauf zu hoffen, dass der Windstoß, der kürzlich durch unsere unscheinbare, aber wohlgeordnete kleine Stadt fegte, bald vergessen sein wird und wieder Ruhe einkehrt. Im Moment bin ich vollauf damit zufrieden, meinem Atem zu lauschen. Die Luft ist gefährlich dünn. Sie rauscht in meinen Ohren. Und das, obwohl die ganze Szenerie im schläfrigen Halbdunkel der Morgendämmerung recht friedlich wirkt: eine weißlich schimmernde Bettdecke, eine abgelegte Perlenkette, ein Bücherbord, ein aufgeklapptes Buch auf dem Nachttisch, die Seiten nach unten, so als wäre es – ebenso wie die ganze Stadt um diese stille Stunde – für die übrige Welt gestorben. Ich kann den Titel nicht erkennen, aber der Anblick des vertrauten Umschlags (die Gestalt eines Mannes als Goldrelief ) erinnert mich an den nicht allzu weit zurückliegenden Tag, an dem der Wind plötzlich drehte, der Himmel sich schwarz bewölkte und das normale Leben – vom Donnerschlag des Außergewöhnlichen aufgeschreckt – wie ein Pferd scheute, die Stalllaterne umwarf und die ganze Scheune in ein flammendes Inferno verwandelte, sodass die hell emporlodernden Flammen noch in hundert Meilen Entfernung zu sehen waren.
Der Tag damals begann ebenso friedlich wie der heutige. Eine weitere Morgendämmerung, durchflutet von Liebe, wie ich zu sagen wage, auch wenn ich die im Mittelpunkt der Ereignisse stehende junge Frau hier ausschließlich des Kontrasts wegen erwähne, um zu zeigen, wie überraschend dicht Schönheit und Schrecken beieinanderwohnen; gerade noch liegt man geborgen in der Dunkelheit und wartet auf die Rückkehr eines geliebten Wesens (und da ist sie auch schon, heimgekehrt von einem frühen Lauf, ihr Schlüssel klappert im Schloss, dann das Geräusch einlaufenden Wassers in einer dampfenden Wanne), und im nächsten Augenblick steckt man bis zum Hals in Horror, Drama und Skandal.
Zumindest stellt es sich für mich im Rückblick so dar, obwohl ich die Nachricht in Wahrheit natürlich erst erfuhr, als die junge Frau bereits auf ihrem Rad in den kühlen, hellen Morgen hinausgefahren und ich zu meinem Büro gelaufen war. Ich denke, jeder in unserer grünen, prosperierenden Gemeinde erinnert sich auf seine ganz eigene Weise daran. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass an diesem Tag die Cooksons aus der Eastfield Lane von ihrem alljährlichen Frühjahrsurlaub auf den Seychellen zurückkehrten und eine sieben Tage alte Leiche vorfanden, die den Gesamteindruck ihres hübschen Gartens mit seinen Obstbäumen, gepflegten Rasenflächen und handgepflasterten Terrassen erheblich beeinträchtigte.


Jeder Immobilienmakler kennt solche Klienten wie die Cooksons, urteilen Sie also bitte nicht zu streng über mich, wenn ich Ihnen jetzt verrate, dass ich ein Lächeln unterdrücken musste, als mir meine Angestellte Zoe die Nachricht überbrachte, die Augen vor Schreck und Besorgnis weit aufgerissen. Wir versuchten seit achtzehn Monaten, das Haus der Cooksons an den Mann zu bringen – eine hübsche, stilvolle Stadtrand-Immobilie, umgeben von Feldern und Wäldern und nur zehn Fußminuten vom Tennis- und Cricketclub entfernt. Trotz des ungünstigen Marktes hatte meine leitende Verkaufsberaterin Katya, eine extrem effiziente Litauerin, die Immobilie bereits zweimal beinahe losgekriegt – an Käufer, die sie erst unbedingt haben wollten, sich dann aber mit großem Bedauern wieder zurückzogen und ihr Geld woanders anlegten, weil die Cooksons es seit Wochen und Monaten nicht zuwege brachten, für sich selbst ein neues Traumhaus zu finden. Ja, sie hatten es brüsk von sich gewiesen, vorübergehend in eine Mietwohnung zu ziehen, um den Verkauf zu retten, und darüber hinaus durch beständiges, nervenaufreibendes Verhandeln über winzige Details die Vertragsabschlüsse torpediert. Ich selbst hatte den Überblick über die Immobilien verloren, bei denen die Cooksons im letzten Moment abgesprungen waren – exklusive Objekte, die im Grunde keinerlei Wünsche offen ließen. Gemeinsam hatten wir uns raffiniert umgebaute Windmühlen und Fabriketagen angesehen, ein luxuriöses Stadthaus, ein Apartment am Fluss mit fantastischer Aussicht und einer Innenausstattung aus Eiche und Granit, das Landhaus eines Wollhändlers mit riesigem Gemüsegarten ein Stück außerhalb der Stadt in Richtung Wodestringham. Doch die persönlichen Vorlieben des Paars – sie schwärmte beispielsweise für eine Gruppe alter Buchen, während er sich für eine echte Profiküche mit Weinkeller erwärmte – stimmten nur selten überein. Was den einen begeisterte, stieß den anderen ab. Oft sah ich sie leise in ihrem Wagen streiten. Einmal hörte ich, wie Mrs Cookson mich »diesen gruseligen Fiesling Heming« nannte, was mir ein wenig übertrieben vorkam, obwohl sie natürlich in Anbetracht der Umstände – ich belauschte sie gerade aus einer Nische unten im Flur, während sie sich oben im ersten Stock über die ästhetischen Vorzüge von Bullaugenfenstern stritten – nicht ganz unrecht hatte.
»Glauben Sie, die Cooksons wollen überhaupt umziehen?«, hatte mich Katya schon häufig gefragt. Heute denke ich: Jetzt wollen sie es wohl.
Doch wer konnte das schon so genau sagen? Sie wohnten inzwischen seit sechzehn Jahren in diesem Haus. Ihre Kinder waren ausgeflogen. Er war Zahnarzt, ihr gehörten fünf Apotheken. Sie waren jetzt beide Mitte vierzig und wohlhabender denn je, gleichzeitig schienen sie mir in der Klemme zu stecken: Sie mussten nicht nur entscheiden, ob sie sich vergrößern oder verkleinern sollten, sondern vor allem auch, ob sie diese Ehe bis ans Ende ihres Lebens weiterführen oder doch lieber ausbrechen sollten. Ihre heftigen Auseinandersetzungen über Innenausstattungen oder Raumgrößen waren im Grunde gegenstandslos. Ganz offenkundig suchten die beiden nach irgendetwas ... 

Autor

Phil Hogan wurde in Yorkshire geboren und lebt in Hertfordshire. Er arbeitet als Kolumnist und Journalist beim »Observer«, ist verheiratet und hat vier Kinder. Auf Englisch sind bereits drei Romane und ein Kolumnenband von ihm erschienen. »Die seltsame Berufung des Mr Heming« ist sein neuster Roman [...]

mehr zum Autor

Presse

Neues Deutschland

»Wie er den noch jungen, früh erfolgreichen Immobilienmakler Heming auf die vielfältigste Art zu den Schlüsseln fremder Häuser gelangen lässt, damit er dort eindringen und die Intimsphäre der Besitzer erforschen kann, ist erstaunlich.«

Maxi

»Mit tiefschwarzem Humor erzählt der Brite Phil Hogan von den haarsträubenden Verwicklungen […]. Zugleich zeichnet er das faszinierende Psychogramm eines Besessenen.«

Nürnberger Zeitung

»Phil Hogan versteht es, die Spannung ins Unerträgliche zu treiben.«

Westfälischer Anzeiger

»Phil Hogan legt einen  Thriller vor, dessen kriminalistische Seite man erst nach und nach entdeckt. Und er führt uns seinen Helden mit jenem trockenen, makabren Humor vor, der Briten offenbar in den Genen steckt.«

WDR 5

»Ein skurriles Meisterwerk.«