Die weiteren Aussichten

Die weiteren Aussichten

Robert Seethaler

Mit ungestümer Zärtlichkeit und entwaffnendem Humor erzählt Robert Seethaler in seinem zweiten Roman vom Glück am Rande der Landstraße

Inmitten der Provinzleere, am Rande einer kaum frequentierten Landstraße, führt Herbert Szevko gemeinsam mit seiner resoluten Mutter und unter Beobachtung des kleinen Zierfisches Georg eine alte Tankstelle. Eines Tages taucht im Hitzeflimmern der Straße eine lebenshungrige junge Frau auf. Sie heißt Hilde, spricht wenig, hat eine Stelle als Putzfrau im dörflichen Hallenbad und lächelt sich in Herberts Herz. Das Leben auf der Tankstelle und der dörfliche Alltag geraten aus den Fugen. Herbert bricht von zu Hause auf, stürzt sich als Nichtschwimmer vom Fünfmeterbrett und dann hinein in einen verrückten Wirbel aus Stolz, Verzweiflung und etwas ihm bisher völlig Unbekanntem: Liebe.

Format

  • Robert Seethaler – Die weiteren Aussichten
    Roman

    Taschenbuch
    Format: 11,5 x 18,5 cm , 320 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5947-4

    08. September 2016
    12,00 EUR

  • Robert Seethaler – Die weiteren Aussichten
    Roman

    eBook
    318 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9180-1

    11,99 EUR

Autor

Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, wurde 2007 für seinen Roman »Die Biene und der Kurt« mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche Stipendien, darunter das Alfred-Döblin Stipendium der Akademie der Künste. Der Film nach seinem Drehbuch »Die zweite Frau« wurde [...]

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Herbert Szevko steht nackt und gekrümmt da und schaut in ein kleines rundes Aquarium hinein. Grünlich spiegeln sich die Wellen in seinem Gesicht. Schön ist Herbert nicht. Aber lang. Schon damals im Kindergarten hat seine gelbe Pudelhaube bei Ausflügen in den Wald, in den Zoo, ins Heimatkundemuseum oder sonst wohin die anderen gelben Pudelhauben um eine Kopflänge überragt. Wie eine genetisch missratene, überlange gelbe Blume im Beet der Gutgewachsenen hat er ausgesehen. Sozusagen über das Normale hinausgeschossen. Und vielleicht hat ihm deshalb keines von den anderen Kindern die Hand geben wollen beim zweireihigen Marschieren durch den Straßenverkehr. Trotz der ganzen pädagogischen Einwirkungen verschiedener Kindergartentanten. Wo nämlich die Normalität beleidigt ist, kann die Pädagogik einpacken. Und deshalb, und weil in Herberts Kindergartengruppe eine ungerade Anzahl von Kindern war, und vielleicht auch weil Herberts Handflächen meistens glitschig verschwitzt waren vor lauter innerer Unruhe, deshalb also ist der kleine, viel zu große Herbert damals immer alleine hinter der Gruppe hermarschiert.
Aber das ist vorbei. An solche Sachen denkt Herbert Szevko jetzt nicht, während er nackt und gekrümmt vor dem kleinen runden Aquarium steht. Dämmerig ist es im Zimmer. So früh morgens schwächelt sich noch wenig Licht durch das einzige Fenster herein. Ein Bett, ein Stuhl, eine Kommode, ein Schrank, ein paar Regale, eine Lampe, das Aquarium, das grünliche Schimmern und Herbert.


Siebenundzwanzig Jahre alt ist Herbert jetzt. Und eben wirklich nicht schön. Die Füsse groß und schmal, die Beine gazellenhaft lang und dünn, die Knie spitz, das Glied kurz, der Bauch flach, die Brust flach, beide fein kräuselig behaart, die Schultern hoch, schnurschlanke Arme, große, knöchelige Hände.
Der Hals fügt sich auch stimmig ins Gesamtbild hinein. Es gibt Vögel, die haben solche Hälse. Die stehen in irgendwelchen Steppen oder salzigen Seen herum und sind der natürlichen Auslese wahrscheinlich auch nur durch einen blöden Zufall entkommen.
Herberts Kopf ist ein bisschen ausgebeult. Das Kinn eine Kante, der Mund klein und geschwungen, die Nase schief, Ohren sind noch nie aufgefallen, gibt es aber auch. Die Haare haben sich weit nach hinten verzogen, in den letzten Jahren von der Stirn verdrängt. Das einzig Schöne, das einzig wirklich Schöne an Herbert sind seine Augen. Hellblau sind die, glänzend, glatt und groß. Fast schon zu groß. Aber eben nur fast.


Im Aquarium sind weiße Kieselsteine, ein kleines hölzernes Schiffswrack und ein Fisch. Der Fisch heißt Georg. Vor ein paar Jahren hat Herbert den so getauft, als die Pubertät in ihm noch herumgewühlt hat. In einem kleinen Anfall von Einsamkeit hat er ihn damals einem Schulkollegen abgebettelt. Offiziell ist Georg ein Zierfisch. Wobei: Wo da eigentlich die Zierde sein soll, müsste man sich einmal von einem inspirierten Zoofachgeschäftverkäufer erklären lassen. Auch Georg ist nämlich nicht schön. Klein und rund und gelb, mit einem blässlichen Streifen an der Seite. Ob er sich etwas denkt, während er da jetzt zu dem nackten und gebückten Herbert über ihm hochschaut, lässt sich schwer sagen.


Jedenfalls schauen sich Herbert und Georg eine Weile so an. Und dann, ganz plötzlich, hebt Herbert eine Hand, lässt sie mit spitzen Fingern kreisen und verstreut ein bräunliches Pulver über den grünlichen Wasserspiegel. Wie brauner Schnee sinkt es langsam auf den Grund. Den Fisch Georg interessiert das nicht. Noch nicht.


So hat Herbert also seinem Fisch das Frühstück bereitet, hat sich ohne modische Überlegungen, wahrscheinlich ohne überhaupt irgendwas zu überlegen, angezogen, Socken, Schuhe, Hemd und kurze Hose, ist aus seinem Zimmer hinaus und die schmalen Treppen hinunter gelaufen, schnell vorbei an den vielen alten Wandfotos, und ist dann rechts abgebogen, in den Wohnraum hinein. Und da sitzt er jetzt, am kleinen Tisch, und schaut zu, wie sich die Sahne im Kaffee verflöckelt. Und noch jemand sitzt am Tisch. Ihm gegenüber nämlich. Das ist Herberts Mutter.


Frau Szevko hat ihre bunten Jahre schon lange hinter sich gelassen. Jetzt ist sie alt. Herbert ist ihr spät noch passiert, praktisch in letzter Sekunde vor Torschluss, ein Unfall, ein Ausrutscher, wie Frau Szevko selbst immer wieder erzählt, an der Kasse vom Supermarkt, im Wartezimmer beim Zahnarzt oder sonst wo.