Die zwölf Leben des Samuel Hawley

Hannah Tinti

Loo und ihr Vater Hawley brauchen nur einander. Aber nach Jahren des gemeinsamen Umherziehens beschließt Hawley, mit Loo in Olympus sesshaft zu werden. Doch die Geheimnisse um den Tod von Loos Mutter und Hawleys dunkle Vergangenheit machen sowohl die Bewohner von Olympus als auch Loo misstrauisch.

Als Samuel Hawley mit seiner Tochter Loo nach Olympus zieht, soll das kleine Küstenstädtchen ihr Zuhause werden. Doch auch nachdem das ständige Umherziehen ein Ende hat, finden die beiden nur schwer Anschluss. Die Geheimnisse um Hawleys Vergangenheit machen die Einwohner von Olympus misstrauisch. Wieder sind Vater und Tochter sich gegenseitig die einzigen Freunde. Als Loo ihrer Großmutter begegnet, erfährt sie, dass hinter dem Unfalltod ihrer Mutter mehr steckt, als sie bisher glaubte. Loo wird eigenständiger, verliebt sich zum ersten Mal und sucht selbst nach Antworten. Hawleys Narben zeugen von seiner geheimnisvollen Geschichte, lange bevor es Loo gab. Und so sehr er auch versucht, seine Tochter zu schützen: Sein früheres Leben als Krimineller holt die beiden wieder ein.

Format

  • Hannah Tinti – Die zwölf Leben des Samuel Hawley
    Roman

    Original: The Twelve Lives of Samuel Hawley

    Aus dem Amerikanischen von Verena Kilchling
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 576 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5769-2

    5. September 2017
    25,00 EUR

  • Hannah Tinti – Die zwölf Leben des Samuel Hawley
    Roman

    Original: The Twelve Lives of Samuel Hawley

    Aus dem Amerikanischen von Verena Kilchling
    eBook
    576 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9370-6

    5. September 2017
    19,99 EUR

Leseprobe

 

Hawley

 

Als Loo zwölf Jahre alt war, brachte ihr Vater ihr das Schießen bei. In seinem Zimmer hatte er einen Koffer voller Waffen, andere Schießeisen waren in Kisten im ganzen Haus verteilt. Loo hatte die Waffen schon oft gesehen, wenn ihr Vater sie abends am Küchentisch auseinandernahm und reinigte, sie stundenlang ölte, polierte und bürstete. Er hatte ihr verboten, sie anzufassen, und so versuchte Loo, möglichst viele Geheimnisse aus der Distanz zu lüften. Bis zu jenem Tag, an dem sie die Geburtstagskerzen auf zwölf gekauften Schokoladentörtchen ausblies, die sternförmig auf einem Teller arrangiert waren, und Hawley daraufhin die Holzkiste im Wohnzimmer öffnete und das Geschenk, auf das sie schon so lange gewartet hatte – das Gewehr ihres Großvaters –, in ihre Arme legte.

Jetzt wartete Loo im Flur, während ihr Vater einen Karton mit Munition vom Garderobenschrank hob. Daraus nahm er einige Randfeuerpatronen Kaliber 22 – lang für Büchsen sowie Winchester Magnum – und einige 9mm Hornady 7,45 g. Die Kugeln klapperten in ihren Pappschachteln, als er sie in seine Tasche schob. Loo achtete auf jedes Detail, als wäre die Patronenwahl ihres Vaters Teil eines Tests, den sie später bestehen musste. Hawley griff nach einer Remington Model 5, einer Winchester Model 52 und seinem Colt Python.

Wann immer Loos Vater das Haus verließ, trug er eine Waffe bei sich. Jede von ihnen hatte eine Geschichte. Da war zunächst das Gewehr, das Loos Großvater im Krieg getragen hatte und das jetzt Loo gehörte, mit einer Kerbe für jeden gefallenen Feind. Dann die Schrotflinte von einer Pferde-Ranch in Wyoming, auf der Hawley eine Zeit lang gearbeitet hatte. Außerdem die beiden silbernen Duellpistolen in ihrem glänzenden Holzkoffer, beim Pokern gewonnen in Arizona. Der Ruger-Revolver, den er in einer Tüte ganz hinten in seinem Kleiderschrank aufbewahrte. Die Sammlung Deringer-Taschenpistolen mit Perlmuttgriff, die er in der untersten Schublade seiner Kommode versteckte. Und der Colt mit dem Stempel »Hartford, Connecticut« auf der Seite.

Der Colt hatte keinen fixen Aufbewahrungsort. Loo hatte ihn schon überall liegen sehen, unter der Matratze ihres Vaters, offen auf dem Küchentisch, auf dem Kühlschrank und einmal sogar auf dem Badewannenrand. Der Colt war der Schatten ihres Vaters. Er lag immer da, wo dieser gerade gewesen war. Wenn Hawley nicht im Zimmer war, berührte sie manchmal den Griff. Er war aus Palisanderholz und fühlte sich glatt an, aber sie nahm den Colt nie in die Hand oder entfernte ihn von dem Ort, an dem ihr Vater ihn abgelegt hatte.

Nun steckte Hawley ihn in seinen Gürtel, bevor er sich die Gewehre über die Schulter hängte. »Na komm, du Unruhestifterin« , sagte er und hielt für sie beide die Tür auf. Er führte seine Tochter in den Wald hinter dem Haus, hinunter in die Schlucht, in der ein Flüsschen über moosbewachsene Felsen rauschte und sich anschließend ins Meer ergoss.

Es war ein klarer Tag. Die Blätter waren von den Ästen gefallen und bildeten auf dem Waldboden einen raschelnden Teppich aus Purpur, Gelb und Orange. Loos Vater blieb vor einem alten Ahornbaum stehen, an dem ein rostiger Farbtopf hing. Er band ihn los, brach den Deckel mit einem Messer auf und nutzte den am Henkel befestigten Pinsel, um den Stamm einer etwa hundert Meter entfernten Kiefer mit einem weißen Farbtupfer zu markieren, bevor er zurück zu seiner Tochter und den Waffen ging.

Hawley war Mitte vierzig, sah jedoch jünger aus. Seine Hüften waren immer noch schmal, seine Beine kräftig. Er war groß, wie ein Langschiff, mit breiten Schultern, die ein wenig hingen von all den Jahren, in denen er mit Loo auf dem Beifahrersitz seinen Pick-up kreuz und quer durchs Land gelenkt hatte. Seine Hände waren schwielig von seinen Gelegenheitsjobs – Autos reparieren oder Häuser anstreichen. Entlang seiner Fingernägel hatten sich Öl und Schmutz eingegraben, und seine dunklen Haare waren immer ein wenig zu lang und ungekämmt. Aber seine Augen waren tiefblau, und sein kantiges Gesicht war auf eine sehr attraktive Weise verlebt. Wo auch immer sie während ihrer jahrelangen Odyssee angehalten hatten, ob zum Frühstück in einem Diner am Highway oder in einer Kleinstadt, in der sie eine Weile Station machten – überall konnte Loo beobachten, wie die Frauen sich unwiderstehlich von ihm angezogen fühlten. Doch ihr Vater presste stets die Lippen zusammen und spannte die Kieferknochen an und hielt damit jede und jeden davon ab, ihm zu nahe zu kommen …

Autor

Hannah Tinti wuchs in Salem, Massachusetts, auf. Sie studierte Literatur an der New York University und ist Herausgeberin der Zeitschrift One Story. 2004 veröffentlichte sie den Erzählband Tanz der Tiere, der für den PEN/Hemingway Award nominiert und in mehr als sechzehn Sprachen übersetzt wurde. Ih [...]

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Presse

Aachener Zeitung

»Gleichzeitig empfindsamer Coming-of-Age- Roman, kompromisslose Gangsterstory, zarte Liebesgeschichte und wunderbare Vater-Tochter-Erzählung. Sprachlich auf dem schmalen Grat zwischen realistisch hart und poetisch schön balancierend.«

BRF 1

»Ein großartiges Buch über eine innige Vater-Tochter-Beziehung.«

Frankfurter Rundschau

»Erst bei der zwölften Kugel finden alle losen Enden dieses fantastischen Romans zusammen. Es bricht einem das Herz.«

Berliner Zeitung

»Die Amerikanerin Hannah Tinti hat aus den Kernfragen des Seins eine raffinierte Vater-Tochter-Geschichte konstruiert.«

Brigitte

»Hannah Tinti erzählt eine zärtlich-harte Gangsterballade mit vielen Schusswechseln aus einem Amerika, das so ganz anders ist als das Intellektuellenmilieu vieler bekannter US-Erzähler.«