Ehre

Ein opulenter Roman über Liebe, Familie und eine Tat, deren Wucht niemanden unberührt lässt

Die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila sind ein Herz und eine Seele. Doch während Jamila ihre Zukunft in einem kleinen kurdischen Dorf sieht, strebt Pembe nach mehr und zieht mit ihrem Mann und ihren drei Kindern nach London. Sie ahnt noch nicht, dass über ihrer Familie ein unfassbares Unheil schwebt. Ein bewegender Roman über Hoffnung und Verlust, Vertrauen und Verrat, Liebe und Ehre.

Format

  • Elif Shafak – Ehre
    Roman

    Original: Honour

    Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
    Hardcover
    Format: 12,6 x 19,0 cm , 528 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5676-3

    24,90 EUR

  • Elif Shafak – Ehre
    Roman

    Original: Honour

    Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 528 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5932-0

    14,00 EUR

  • Elif Shafak – Ehre
    Roman

    Original: Honour

    Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
    eBook
    528 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9242-6

    13,99 EUR

Leseprobe

Esma
London, 12. September 1992


Meine Mutter starb zwei Mal. Ich habe mir geschworen, ihre Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, habe aber nie die Zeit oder den Willen oder den Mut aufgebracht, sie niederzuschreiben. Bis vor Kurzem. Ich glaube nicht, dass jemals eine echte Schriftstellerin aus mir wird, aber das ist in Ordnung. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich meine Grenzen und Fehler besser akzeptieren kann. Aber ich musste die Geschichte erzählen, und sei es nur einem einzigen Menschen. Ich musste sie in die Welt hinausschicken, damit sie losgelöst von uns frei davonschweben konnte. Diese Freiheit war ich Mum schuldig. Und ich musste noch dieses Jahr fertig werden, noch vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis.
In ein paar Stunden werde ich das Sesamhalwa vom Herd nehmen und neben dem Spülbecken abkühlen lassen, ich werde meinem Mann einen Kuss geben und so tun, als sähe ich seinen besorgten Blick nicht. Dann werde ich meine Zwillingstöchter – sieben Jahre alt, im Abstand von vier Minuten geboren – zu einem Kindergeburtstag fahren. Sie werden unterwegs streiten, aber ich werde ausnahmsweise nicht schimpfen. Es wird darum gehen, ob bei der Party ein Clown oder, noch besser, ein Zauberer auftritt.
»Wie Harry Houdini«, werde ich sagen.
»Wer?«
»Huu-diini hat sie gesagt, Blödfrau!«
»Wer ist das, Mummy?«
Es wird wehtun. Ein Schmerz wie nach einem Bienenstich. Äußerlich nicht viel zu sehen, aber innen brennt es und brennt. Wie so oft wird mir bewusst, dass sie ihre eigene Familiengeschichte nicht kennen, weil ich ihnen kaum etwas erzählt habe. Irgendwann, wenn sie so weit sind. Wenn ich so weit bin.
Nachdem ich die Mädchen abgesetzt habe, werde ich mich noch ein bisschen mit den anderen Müttern unterhalten. Ich werde die Gastgeberin daran erinnern, dass eine meiner Töchter eine Nussallergie hat, dass sie aber, weil sie so schwer auseinanderzuhalten sind, besser bei allen zweien aufpassen und keiner von ihnen etwas mit Nüssen zu essen geben soll, auch nichts vom Geburtstagskuchen. Das ist zwar meiner anderen Tochter gegenüber ein bisschen ungerecht, aber so geht es eben manchmal zu zwischen Geschwistern – ungerecht.
Dann werde ich mich wieder ins Auto setzen, einen roten Austin Montego, den sich mein Mann und ich teilen. Die Fahrt von London nach Shrewsbury dauert dreieinhalb Stunden. Kurz vor Birmingham werde ich wohl einen Boxenstopp einlegen müssen. Die ganze Zeit über wird das Radio laufen – die Musik wird die Gespenster vertreiben.
Ich habe oft daran gedacht, ihn zu töten. Ich habe ausgeklügelte Pläne geschmiedet, in denen Pistolen, Gift oder, am allerbesten, ein Schnappmesser vorkamen – eine symbolische Gerechtigkeit gewissermaßen. Ich habe auch daran gedacht, ihm ganz und aus vollem Herzen zu verzeihen. Letztlich habe ich beides nicht geschafft.

In Shrewsbury werde ich den Wagen vor dem Bahnhof parken und nach fünfminütigem Fußmarsch den heruntergekommenen Gefängnisbau erreichen. Ich werde auf der Straße auf und ab gehen oder mich an die Mauer gegenüber dem Haupteingang lehnen und warten, dass er herauskommt. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird. Und ich weiß auch nicht, wie er reagieren wird, wenn er mich sieht. Ich habe ihn seit über einem Jahr nicht mehr besucht. Früher bin ich regelmäßig zu ihm, doch als der Entlassungstermin näher rückte, habe ich einfach aufgehört.
Irgendwann wird man die massive Tür von innen öffnen, und er wird heraustreten. Er wird in den bewölkten Himmel blicken, weil er die riesige Weite über sich nach vierzehn Jahren Haft nicht mehr gewohnt ist. Ich stelle mir vor, dass er ins Tageslicht blinzelt wie ein Nachttier. Ich werde mich die ganze Zeit über nicht vom Fleck rühren und bis zehn oder bis hundert oder bis dreitausend zählen. Wir werden uns nicht umarmen. Wir werden uns nicht die Hand geben. Nur ein kurzes Nicken und eine knappe Begrüßung mit leiser, belegter Stimme. Am Bahnhof wird er schwungvoll ins Auto steigen. Ich werde erstaunt feststellen, wie athletisch er ist. Er ist eben immer noch ein junger Mann.
Wenn er rauchen möchte, werde ich nichts dagegen haben, obwohl ich den Geruch widerlich finde und meinen Mann weder im Wagen noch im Haus rauchen lasse. Wir werden durch die englische Landschaft fahren, vorbei an sanften Wiesen und weiten Feldern. Er wird sich nach meinen Töchtern erkundigen. Ich werde ihm sagen, dass es ihnen gut geht, dass sie schnell wachsen. Er wird lächeln, obwohl er nicht die leiseste Ahnung von Kindern hat. Ich dagegen werde ihm keine Fragen stellen.
Ich werde eine Musikkassette dabeihaben. Die größten Hits von ABBA – die Songs, die meine Mutter beim Kochen oder Putzen oder Nähen vor sich hin summte. Take a Chance on Me, Mamma Mia, Dancing Queen, The Name of the Game … Denn sie wird uns zusehen, ich bin mir ganz sicher. Mütter kommen nicht in den Himmel, wenn sie gestorben sind. Sie erhalten eine Sondererlaubnis von Gott und dürfen noch ein bisschen bleiben und über ihre Kinder wachen, egal, was sich in ihrem Leben zwischen ihnen abgespielt hat.
Wenn wir dann wieder in London und in der Nähe des Barnsbury Square sind, werde ich leise murrend einen Parkplatz suchen. Es wird anfangen zu regnen – winzige, kristallklare Tropfen. Irgendwann werden wir eine Lücke finden, in die ich den Wagen nach endlosem Manövrieren hineinzwänge. Ich kann mir zwar meistens einreden, eine gute Autofahrerin zu sein, aber beim Einparken funktioniert das nicht. Ob er sich über die in seinen Augen typisch weibliche Fahrweise lustig machen wird? Früher hätte er es getan.
Wir werden durch die stille, helle Straße, die sich vor und hinter uns erstreckt, zum Haus gehen. Einen Moment lang werden wir die Umgebung mit unserer alten Wohngegend in Hackney vergleichen, mit dem Haus in der Lavender Grove, ...

Autor

Elif Shafak, in Straßburg geboren, gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei. Sie studierte Internationale Beziehungen an der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara, erhielt einen »Master of Sciences in Gender and Women's Studies« und promovierte an derselben Univers [...]

mehr zum Autor

Presse

Freundin

»Toller Familienroman. (...) Aufwühlend. Für alle, die Lust auf große Themen wie Hoffnung, Verlust, Vertrauen, Verrat und Liebe haben.«

Brigitte

»Düster, schön und voller Überraschungen ist diese Familiensaga. Elif Shafak wird verehrt, verachtet – auf alle Fälle aber wie verrückt gelesen.«

Deutschlandradio

»Ihr Roman ist sensibel, klug und offenherzig - Shafaks reifster Roman.«

ZDF Morgenmagazin

»Es passiert nicht so oft, dass mich ein Roman vom Fleck weg so begeistert! Meisterhaft.«

Das blaue Sofa - Wolfgang Herles

»Elif Shafak kann das Unverstehbare verständlich machen.«

Der Spiegel

»Shafak hat ein feines Gespür für szenische Dramaturgie, das richtige Tempo und die Ökonomie von Geheimnis und Verrat. Und sie urteilt nicht über ihre Figuren. Shafaks fiktive Chronik eines Ehrenmordes, sehr fein übersetzt, kommt der europäischen Realität eindringlich und ungemütlich nahe.«

WDR frauTV - Christine Westermann

»Immer schwingt ein feiner Humor mit, große Spannung, ein Familienepos, das einen tief in eine andere Kultur blicken lässt. Ich hätte nie gedacht, dass mich das so fesseln würde, aber ich habe das Buch beinahe atemlos gelesen.«

Anschauliches