Ein kaltes Herz. Sarah Contis erster Fall

Fabio Lanz

Ermordete hat Sarah Conti als Ermittlerin der Zürcher Kriminalpolizei schon einige gesehen. Doch die furchtbar entstellte Leiche des stadtbekannten Anwalts am Ufer des Zürichsees sprengt alles Gewohnte. Wer ist zu solcher Grausamkeit fähig? Witwe und Sohn des Opfers hüllen sich in Schweigen, ein rätselhaftes Fundstück am Tatort wirft noch mehr Fragen auf. Während die gepflegte Fassade der Goldküste zu bröckeln beginnt, wird Sarah Conti zusehends von der Jägerin zur Gejagten.

Sarah Conti ist Spezialistin für besondere Mordfälle und die Beste auf ihrem Gebiet. Doch als die Ermittlerin in einer stürmischen Oktobernacht ins gediegene Zürcher Seefeld gerufen wird, findet sie eine Leiche vor, wie sie noch keine gesehen hat: Dem Opfer wurde das Herz herausgerissen. Als stadtbekannter Anwalt des Zürcher Establishments hatte sich das Opfer nicht nur Freunde gemacht – doch wer hatte ihn derart gehasst? Wo eben noch das Licht des Wohlstands und der Dekadenz zu glänzen schien, enthüllen die Ermittlungen nach und nach ein düsteres Netzwerk aus Gewalt, Lügen und gefährlichem Gedankengut, in das der Tote bis zum Hals verstrickt war. Für Sarah Conti und ihr Team beginnt ein steiniger Ermittlungsweg, denn neben der besseren Gesellschaft tritt auch eine geheimnisvolle Bruderschaft auf den Plan, die ihre Machenschaften um jeden Preis verborgen wissen will.

Format

  • Fabio Lanz – Ein kaltes Herz. Sarah Contis erster Fall

    Hardcover
    380 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5852-1

    5. Oktober 2021
    22,00 EUR

  • Fabio Lanz – Ein kaltes Herz. Sarah Contis erster Fall

    Ebook
    336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9475-8

    5. Oktober 2021
    16,99 EUR

Leseprobe

Zürich. Eine Stadt zum Verlieben. Im Sommer, wenn der See in Sonne schwamm und die Menschen für Wochen entspannt, ja lässig wurden. Oder im Winter, wenn die Kälte zwischen den Häusern lag, während es drinnen warm, gemütlich war. Überhaupt zum Verlieben – zu je der Jahreszeit –, weil die weite Welt hier freundlich zusammentraf und Ordnung herrschte. Kein Wunder, dachte Sarah, dass man in Zürich leben und arbeiten wollte, in diesem Eden der Rechtschaffenheit, der sicheren Verhältnisse. Manchmal schien alles regelrecht künstlich hergerichtet: ein Puppenhaus mit Puppenmöbeln und Puppenleuten.

Zürich, Stadt des Argwohns? Auch das. Einer ihrer letzten Fälle hatte Kriminalpolizistin Sarah Conti von den Gassen des Bahnhofviertels bis auf die Höhen des Zürichbergs gebracht. Sie hatte das Elend gesehen, das Miserable. Sie hatte auch Stolz gesehen, Kälte und Indifferenz. Allmählich kam eins zum anderen, bis sich die Linien kreuzten und niemand mehr wusste, was nun schlimmer war: die Verzweiflung in den Hinterzimmern des Barbetriebs oder der Wahnsinn in den Villen mit Aussicht auf die Berge. Sarah hatte den Beruf nicht aus einem ersten Impuls heraus gewählt. Eigentlich hatte sie Pianistin werden wollen. Konzertpianistin. Mozart, Schubert, Chopin. Große Gesten, Auftritte. Applaus. Jetzt war es umgekehrt. Sie musste das Unscheinbare zusammentragen, das Puzzle zusammenstellen. Dann, hoffentlich, die Lösung, die Überführung, das Finale. Nichts von Applaus. Niemals Publikum. Und Gerechtigkeit nur dann und wann, denn das Recht war das eine, doch Gerechtigkeit das andere. Allerdings, was hieß das schon, Gerechtigkeit?

»Kommst du heute Abend noch schwimmen?«

Nein, das war leider nicht drin. »Ich will ein wenig üben, später noch lesen.«

»Wie langweilig«, sagte Fred am anderen Ende der Leitung, enttäuscht über Sarahs Reaktion.

»Ach, komm. Ganz im Gegenteil.« Sarah blickte aus dem Fenster ihres Büros und sah, wie im Haus schräg gegenüber dem Kommissariat zwei Männer heftig diskutierten, während sie mit den Armen in der Luft ruderten.

»Also gut, nicht langweilig. Aber verschlossen. Einsam und abgekapselt.« Fred konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken.

Sarah verstand ihn. Sie verstand alle, die der Meinung waren, dass sie zu sehr nach innen lebte. Dass sie gegen die verbreitete Spaßkultur eine gewisse Disziplin erhob. Dass sie Dinge tun wollte, die man schwerlich teilen konnte – wer wollte ihr schon zuhören, wenn sie sich einmal mehr durch Chopins erste Etüde in C-Dur kämpfte?

»Du bist eine Masochistin. Und eine Sadistin dazu«, sagte Fred. »Zuerst quälst du dich selbst, dann deine Nachbarn und Chopin. Aber vor allem quälst du mich.«

Sarah musste lachen. »Allein schwimmt es sich besser«, sagte sie, und gleich darauf: »Und überhaupt, ich bin in einer melancholischen Phase. Chopin, du verstehst.«

Natürlich verstand Fred, denn er war ein echter Freund mit viel Empathie, was Sarah einerseits schätzte, andererseits etwas dröge fand. Die beiden kannten sich seit mehr als zehn Jahren, und manchmal hatten sie auch eine Art Beziehung, die allerdings selten mehr als zwei, drei Wochen anhielt, worauf sowohl Fred wie Sarah fanden, dass das Singledasein beträchtliche Vorteile mit sich brachte. Ein einziges Mal hatte Fred versucht, diese Beziehung zu festigen, es hatte nicht funktioniert, er war abgeblitzt.

»Früher warst du mutiger. Die abenteuerlustige Sarah. Weißt du noch? Du und ich, nur wir zwei, quer durch Marokko? Oder in Schottland? Mit viel Whisky und langen Nächten?« Fred war in Fahrt gekommen.

»Früher war früher. Aber wenn du meinst, dass ich eine fade Tante geworden bin, wirst du dich noch wundern.« Sie lachte und verabschiedete sich.

Sarah war vierzig. Ein gutes Alter: Dummheiten hinter sich, zumindest die meisten. Die Kriminalpolizistin war auch alt genug, um zu erkennen, wie Menschen logen, wie sie sich in Pose warfen. Ging es solchen Menschen an den Kragen, bewiesen sie nicht selten eine instinktive Artistik. Dies konnte Sarah als Pianistin beurteilen. Das Leben war kein Spiel, aber die Menschen lernten immer besser, sich zu verstellen.

Nach ersten Kindheitsjahren im Tessin, an die sich Sarah kaum erinnern konnte, folgte das Aufwachsen in Zürich. Kindergarten, Grundschule, Gymnasium in Zürich Hottingen, Studium in Musik und Jura, dann sogar Promotion. Die Eltern waren stolz auf das »Fräulein Doktor«, wie sie gesagt hatten, obwohl dieser Titel längst abgeschafft war. Frau Doktor Sarah Conti, bitte sehr. Es war, dachte Sarah immer öfter, ein Glück, dass sie nicht bis zum Letzten versucht hatte, Pianistin zu werden.

Stattdessen war sie Polizistin geworden, hatte sich bis zur Ermittlungsabteilung Gewaltkriminalität hochgearbeitet. Schon als Kind hatte sie sich oft Gedanken über Gut und Böse, über Recht und Unrecht gemacht. Und schließlich erkannte sie, dass die Gesellschaft eine fragile Angelegenheit war, deren Ordnung wesentlich davon abhing, ob und wie man sich auf die Durchsetzung des Rechts verlassen konnte. Bei der Polizei fand sie später Gefallen an komplizierten Fällen, an düsteren oder merkwürdigen Verbrechen.

Seit zehn Jahren stand Sarah im Dienst der Zürcher Kantonspolizei. Während eines Praktikums in einer großen Anwaltskanzlei, wo sie sich wenig zu Hause gefühlt hatte, war sie auf eine Stellenanzeige gestoßen. Die Kriminalabteilung der Kantonspolizei hatte eine Fachkraft für besondere Fälle gesucht. Sarah war eingestellt worden und hatte sich mit Wirtschaftskriminalität befasst. Dort war sie als Kollegin von rascher Auffassungsgabe und hoher Effizienz aufgefallen. Eines Tages hatte ihr der Leiter der Kriminalpolizei, Erwin Sonderegger, einen Job in seiner Abteilung angeboten. Sarah hatte nicht lange überlegen müssen.

Zuerst hatten die Kollegen gelächelt, Männerwitze kursierten. Aber Sonderegger hatte ihr Talent schnell erkannt, zum einen rasch und mit Stil zum Kern der Dinge vorzudringen, zum anderen ihre Begabung, hinter die Fassade der Leute zu sehen, sowohl die Opfer als auch die Täter in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen. So war aus der Novizin Stufe um Stufe eine herausragende Ermittlerin geworden.

»Du bist zu klug für unseren Job«, hatte ihr Sonderegger gesagt, kurz bevor er in Pension gegangen war. »Du denkst zu viel. Dabei ist alles viel einfacher. Täter, Opfer, Fahndung, Erfolg.« Sarah hatte widersprochen. »Motive können komplex sein, sie lassen den Menschen erkennen.« Sie wusste, dass sie recht hatte. Aber sie wusste auch, dass Polizeiarbeit wenig Spielraum für psychologische Erkundungen bot. Effizienz war angesagt. Sarah war hungrig. Sie holte den Regenmantel, lief das Treppenhaus hinunter. Draußen war es schon dunkel. Sie hatte nichts gegen den Herbst, im Gegenteil, der Sommer war ihr häufig zu grell, zu heiß. Vom See her kamen starke Böen, die in die Platanen fuhren, sodass es knackte und knirschte. Das sterbende Tageslicht ließ die Wolken noch schwerer hervortreten. Recht so, dachte Sarah, es lebe das Drama. Horvath war von einem Ast erschlagen worden, als er auf den Champs-Élysées spazierte.

»Ah, Frau Conti. Guten Abend.« Der Feinkosthändler begrüßte sie, als ob er sie erwartet hätte. Er war Mitte fünfzig, beleibt und hatte eine Glatze, die unter der Deckenleuchte wie eine Milchglaslampe glänzte.

»Guten Abend, Don Pasquale«, erwiderte sie, eine Spur verschmitzt.

»Ich bin doch keine Oper, Madame!« Pasquale schnitt vom Parmaschinken ab, füllte einen Becher mit Oliven, gab ein Stück Pecorino hinzu und ein Nussbrot. Das übliche Ritual.

»Ich bin sicher Ihre langweiligste Kundin, immer dasselbe, wenn ich in Eile bin.«

»Sie sind immer in Eile«, sagte Pasquale, lachte und reichte ihr die Plastiktüte. »Schönen Abend, Frau Conti«, fügte er an, worauf er sich wieder nach hinten verzog. Das Geschäft war klein, die Auswahl exzellent.

Das war ihre Zürcher Lebenswelt. Hottingen, das Seefeld-Quartier, die Seepromenade, alles anständig, sogar gediegen. Früher war es im Seefeld ärmlich gewesen. Reiche Herren hatten das leichte Gewerbe besucht, während ihre Gattinnen bei Sprüngli am Paradeplatz die Torten lobten. Jetzt war es schick, im Seefeld zu wohnen, die Häuser waren elegant und renoviert.

Sarah wohnte an der Dufourstrasse, zum See waren es kaum fünf Minuten. Die Wohnung war geräumig, vier Zimmer, gut isoliert. Isolation war ihr wichtig, wer wollte schon jede falsche Note einer Freizeitpianistin mithören? Die übrigen Bewohner des Hauses verhielten sich diskret – ein älteres Ehepaar, zwei jüngere Männer, die kurz vor der Heirat standen, ein Banker, der sich selten zeigte, und die farbigste Figur von allen, Gretchen Schulze, die schon vor Jahren aus Bayern zugezogen war und mit ihrem Hund Rico ein starkes Duo bildete.

Sarah traf die zur Freundin gewordene Nachbarin im Flur an, kaum hatte sie die Tür geöffnet.

»Du bist heute Abend früh dran«, sagte Gretchen.

»Ja, ich habe um fünf Uhr Schluss gemacht. Heute war nicht viel los, Papierkram, weder Leichen noch Mörder.« Sarah lächelte.

Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinauf. Als Gretchen ihre Wohnungstür öffnete, stürzte ihr Hund Rico auf die beiden Frauen zu und begrüßte sie mit stürmischem Gebell.

Konnten Tiere böse sein? Das fragte sich Sarah hie und da. Sie kam immer wieder zu demselben Schluss: Bei Tieren war das Böse eine Projektion.

Sarah verabschiedete sich von Gretchen und Rico, versprach, am Wochenende auf einen Hundespaziergang mitzukommen. In ihrer Wohnung stellte sie die Lebensmittel auf den Küchentisch und öffnete eine Flasche Weißwein. Das hatte sie sich verdient. Wieso war es eigentlich in der arbeitsamen Gesellschaft so, dass alles, was nicht mit Verdienst zusammenhing, irgendwie verdächtig blieb? Sie legte eine Schallplatte auf den Plattenteller, so viel Nostalgie durfte sein. Sie liebte den alten Apparat, den sie von ihrer Mutter übernommen hatte. Bald erfüllte Musik von Miles Davis das Wohnzimmer.

Sarah freute sich auf diesen Abend ohne Gesellschaft und Ablenkungen. Sie war und blieb eine Einzelgängerin. Gesellschaft hatte sie auf dem Kommissariat und in der Gerichtsmedizin genug. Freundinnen waren ihr wichtiger als feste Partner. Hatte man die richtigen gefunden, ging es weder um Eifersucht und Wettbewerb noch um Begehren.

Schon als Kind konnte Sarah während Stunden mit sich allein spielen, indem sie ganze Welten um sich herum erfand. Alleinsein war weder Strafe noch Schande. Es war eine Chance. Nähe hingegen war ein Minenfeld. Beziehungen blieben auch dann fragil, wenn es die Menschen gut meinten.

Autor

Fabio Lanz, geboren in Zürich, durchlief eine Karriere in diversen Tätigkeiten, bevor er das Schreiben entdeckte. Dabei entwickelte sich sein Blick für ...

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Presse

Hamburger Abendblatt

»Ein kaltes Herz ist ein überaus gelungenes Debüt, spannend, stilistisch elegant, dramaturgisch gut gebaut und mit einer facettenreichen, sympathischen Kommissarin als Protagonistin.«

Maxi

»Ein kaltes Herz von Fabio Lanz ist eine atemlose Jagd auf der Suche nach Wahrheit.«

BÜCHERmagazin

»Fabio Lanz kennt die Zürcher Kulturbürger und die Rituale, die die Gesellschaft zusammenhalten. Das macht den Reiz seines ersten Kriminalromans aus, ebenso wie die Begegnungen mit dieser gebildeten, feinfühligen Polizistin.«

NZZ Bücher am Sonntag

»Eine Krimiserie, die bis in den hintersten Winkel Zürich-Atmosphäre atmet.«

Krimi Couch

»Fabio Lanz gelingt ein wunderbarer, feingeistiger Roman, der durch eine ganz besondere Ermittlerin vor der beeindruckenden Kulisse Zürichs zu überzeugen weiß. Dabei ist die Erzählung weit mehr als ein klassischer Kriminalroman. Es ist eine wahre Freude, der Geschichte zu folgen.«