Ein sonderbares Alter

Francesca Segal

Francesca Segals heiß ersehnter zweiter Roman ist eine Geschichte über das Festhalten an Menschen, die wir lieben, auch wenn sie schwere Fehler begehen.

Als sich Julia und James ineinander verlieben und dann auch noch ihre Haushalte zusammenlegen, sind ihre beiden Kinder Gwen und Nathan gar nicht erfreut. Die beiden Teenager können sich nicht ausstehen und sehen sowieso keinen Grund, irgendetwas an ihrem bequemen Leben zu verändern. Auch Julias Ex-Schwiegereltern beobachten das neue Arrangement mit Argusaugen. Doch Julia und James sind sich sicher: Jetzt geht es einfach mal um sie selbst, auch sie haben sich ein Stück vom Glück verdient. Ihr Plan scheint aufzugehen – bis eine Nachricht plötzlich alles auf den Kopf stellt.

Format

  • Francesca Segal – Ein sonderbares Alter
    Roman

    Original: The Awkward Age

    Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 420 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5758-6

    05.Mai 2017
    24,00 EUR

  • Francesca Segal – Ein sonderbares Alter
    Roman

    Original: The Awkward Age

    Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
    eBook
    420 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9352-2

    05.Mai 2017
    19,99 EUR

Leseprobe

 

Die Teenager würden wieder alles kaputt machen. Zumindest versuchten sie es immer. Abgesehen von ihrer gegenseitigen Abneigung war es das Einzige, was Gwen und Nathan gleichermaßen antrieb. Heute Morgen hatte Julia bei dem Gedanken daran, ihre Tochter zu wecken, ein besonders ungutes Gefühl. Sie würden alle zusammen in die USA reisen. Das Ziel war James’ Heimatstadt Boston, die Julia sich schon ausmalte, seit sie James kennengelernt hatte. Sie hatten sich eine gemeinsame Zukunft versprochen, aber nun machte seine Vergangenheit sie neugierig. Sie würde ihn nie als jungen Mann erleben, und Boston kennenzulernen schien ihr das Nächstbeste – ein Notbehelf für die unmöglich aufzuholende Zeit, in der sie ihn noch nicht gekannt hatte. Sie wollte die Orte sehen, die ihn geformt hatten. Sie wollte nach Harvard, wo er seinen Abschluss gemacht hatte, Arzt, Ehemann und Vater geworden war, wo er vom jugendlichen Niemand zu dem allseits geschätzten Erwachsenen geworden war, der jetzt neben ihr auf dem Bauch lag und gleichmäßig in sein Kissen atmete, und das in ihrem Bett unter dem Dach des gemeinsamen Zuhauses, eines schmalen 10 viktorianischen Reihenhauses in Gospel Oak, London. Sie freute sich auf Boston. Andererseits bedeutete dieser Urlaub auch drei intensive Tage mit Nathan, der zweifellos jede Chance nutzen würde, sie mit beiläufi gen Anekdoten über die glücklichen Tage zu quälen, in denen seine Eltern noch verheiratet gewesen waren. Wobei Julias Tochter Gwen es ihnen sicher noch schwerer machen würde. So war es zumindest bislang immer gewesen. James wachte auf, lächelte Julia verschlafen an und legte einen Arm um ihre Taille. Er zog sie zu sich und brummte etwas in ihr Haar, ein muskulöser Schenkel klappte warm und marmorschwer auf ihren, und sie war festgenagelt. »Das Taxi ist in einer Stunde hier, wir müssen die Kinder wecken. Und der Hund muss noch mal raus.« Er schloss die Augen und schüttelte den Kopf. »Lass die Kinder ohne uns fahren, wir bleiben hier. Das würde den Nervensägen recht geschehen.« Wie aufs Stichwort ertönte aus der Etage unter ihnen ein dröhnender Bass – zu dieser und auch jeder anderen Uhrzeit viel zu laut für ein Reihenhaus. Nathan war wach. Wenn er sonst übers Wochenende aus dem Internat in Westminster kam, war er meist nicht aus den Federn zu bekommen, aber wenn es nach Boston ging – und hinaus aus ihrem Haus, vermutete Julia –, hüpfte er vor dem ersten Sonnenstrahl aus dem Bett. Gwens lautstarke Beschwerde, die sie mit schlafschwerer Zunge vorbrachte, ließ nicht lange auf sich warten. Und weil so frühmorgens schon so viele Menschen wach waren, fing auch Mole freudig an zu bellen. »Mach den Scheiß aus!«, war das Letzte, was sie hörten, bevor Na than die Lautstärke noch weiter aufdrehte. »Wann werden die beiden endlich nett zueinander sein?« James hatte sich aus dem Bett gelehnt und angelte nach dem T-Shirt vom Vortag. »Wahrscheinlich nie« , sagte er gelassen. »Aber bald sind wir sie los. College. Wehrdienst. Wir verkaufen sie einfach ans Militär.« Als keine Reaktion kam, setzte er sich auf und sagte sanfter: »Gib ihnen Zeit, sie müssen sich aneinander gewöhnen. Das ist schließlich eine ganz schöne Umstellung.« »Aber Saskia kann sich doch auch benehmen. Warum ist deine Tochter ein Engel und meine so ein Albtraum?« »Saskia muss ja auch nicht hier wohnen«, wandte James ein. Er schielte auf seine Uhr. »Das Taxi kommt erst in anderthalb Stunden. Hab ich noch Zeit, laufen zu gehen?« Er stand jetzt neben ihr, reckte sich und gähnte, und Julia hielt inne und betrachtete ihn. Es war schon erstaunlich, dass dieser Mann das Bett mit ihr teilte. Er hatte eine massive, sehr ansehnliche Brust und war mit seinen fünfundfünfzig Jahren noch immer überwiegend blond – er war groß und kantig, wie es nur Amerikaner sein konnten. In ihrer englischen Fantasie sah sie ihn mit einem Strohhalm zwischen den weißen Zähnen in Latzhose auf einem Traktor sitzen oder unterwegs zum Training auf dem sonnengebleichten Baseballfeld klischeehaft die Kappe heben. Die Reise in die USA würde ihr Fantasiebild korrigieren – dass er in Wirklichkeit jüdischer Gynäkologe aus einem Arbeiterviertel Bostons war, bliebe wohl ein wunderbar unlogischer Kontrast. Im OP-Kittel wirkte er übergroß und irgendwie bedrohlich. Er rettete Frauenleben. Und Julias Leben rettete er jeden Tag. Als James in ihr Leben trat, hatten Julia und Gwen bereits fünf Jahre lang alleine gelebt – Mutter und Tochter wie Geiseln, die lange gefangen gehalten worden waren. Er hatte Klavierstunden bei ihr genommen, und ihr war irgendwann klar geworden, dass sich ihre Woche mehr und mehr um diese gemeinsame Zeit zu drehen begonnen hatte. Er besaß einen lässigen Charme und brachte sie zum Lachen. Unter zahlreichen Vorbehalten hatte sie sich schließlich auf eine Verabredung zum Kaffee eingelassen, bei der es vorgeblich um seinen musikalischen Fortschritt gehen sollte (der trotz seiner Hartnäckigkeit dürftig war). Bei ihrem ersten richtigen Date, das zeitlich auf Gwens Erdkunde-Exkursion nach Keswick fiel, hatte Julia verkrampft dagesessen, wenig gesprochen, dabei allerdings jede Menge Rotwein getrunken und sich schließlich im Taxi nach Hause mit erschreckendem, eruptivem Hunger auf James gestürzt. Die ersten ehrlichen, zwanglosen Worte hatte sie verkatert und beschämt am nächsten Morgen mit ihm gewechselt. Ein echtes englisches Date, wie früher. Auf James’ Seite festigte die Geschwindigkeit, mit der das Ganze geschah, seine Überzeugung, dass sie füreinander bestimmt seien. Und das waren sie wirklich. Er war all das, was sie sich niemals zu träumen gewagt hatte. Gwen war James bis zu diesem Zeitpunkt höflich aus dem Weg gegangen, wenn er einmal die Woche zu seiner Stunde kam – ein weiterer Schüler ihrer Mutter, der mit Chopins Nocturnes und mittelmäßiger Handspanne in das Musikzimmer im ersten Stock tappte, doch über Nacht war er ihr Todfeind geworden, Rivale bis aufs Blut, erbitterter Gegner ihres Vaters und ihrer selbst. Einen Elternteil hatte Gwen bereits verloren, und ihre Mutter würde sie nicht kampflos hergeben. Julia fürchtete Gwen, und sie fürchtete um sie. 

Autor

Francesca Segal, 1980 in London geboren, studierte in Oxford und Harvard und ist Journalistin und Kritikerin. Sie veröffentlichte unter anderem im »Granta Magazine«,»Guardian« und »Daily Telegraph«, war Kolumnistin für den »Observer« und Feuilletonistin für das »Tatler Magazine«. Ihr Debütroman »Die [...]

mehr zum Autor

Presse

Peter Nichols, Autor von Die Sommer mit Lulu

»Zärtlich, schonungslos, lustig und herzzerreißend – das ist Wissen über Liebe im jungen, mittleren und fortgeschrittenem Alter in Romanform. Ein Buch, wie ich es schon lange nicht mehr gelesen habe. Francesca Segal ist eine bedeutende Schriftstellerin.«

Emma Straub, Autorin von Ein Sommer wie kein anderer

»Messerscharfe, lustige und meisterhafte Beobachtungen.«

Booklist

»Leserinnen und Leser von Meg Wolitzer werden diesen ehrlichen und ungefilterten Blick auf die Hochs und Tiefs einer Familie heiß und innig lieben.«

The Times

»Klug, witzig und weitsichtig.«

The Observer

»Francesca Segal schreibt mit einer fast unauffälligen Eleganz.«

The Independent

»In Francesca Segals großartigem neuen Roman nimmt die Autorin eine allzu bekannte Verstrickung und entlockt ihr durch ihre Erzählweise feinsten Humor und Tragödie.«

Bookseller

»Das Schreiben Segals ist die reine Freude – witzig, weise und haarscharf beobachtet.«

InStyle

»Ein fesselndes Buch!«

Bustle

»Wenn Ihnen so richtig nach Drama ist, dann ist dieses Buch genau das Richtige für Sie!«

Library Journal

»Die preisgekrönte Autorin liefert keine einfachen Antworten in diesem einfühlsamen Roman, der bis zum Ende überrascht.«

Publishers Weekly

»Gekonnt zeigt Segal, dass Jugend von Sonderbarkeit erfüllt ist – und Erwachsensein auch.«

Financial Times

»Eine genau beobachtete Geschichte über die Ziehkraft der Loyalität in sich neu zusammensetzenden Familien.«

Emotion

»Psychologisch genau fühlt sich das Buch in ein ganzes Ensemble von Figuren ein.«

Öko-Test

»Eine Geschichte über das Festhalten an Menschen, die wir trotz aller Fehler lieben – mit viel Gespür für leise Zwischentöne.«

SWR2

»Lebensechte Dialoge, präzise gezeichnete Nebenfiguren und ein stimmiges Setting in London und Boston machen den spannenden Roma zu einer intelligenten, unterhaltsamen Lektüre.«

The Guardian, Nick Hornby

»Ein sehr geschickter, gefühlvoller, zwingender und elegant geschriebener Roman über eine fest verkeilte Familie und über die Katastrophen, die Teenager auslösen, wenn sie ihren eigenen Kopf (und ihre Hormone) entdecken.«

Freundin

»Francesca Segal hat ein nachdenkliches Buch geschrieben, das auch brüllend komisch ist.«

Radio BRF1

»Humorvoll und bewegend erzählt die Autorin von den Tücken des Familienlebens und dem lebenslangen Projekt des Erwachsenwerdens.«