Eine Linie ist ein Punkt, der spazieren geht

Eine Linie ist ein Punkt, der spazieren geht. Alles, was du in der Schule nicht lernst

Verena Friederike Hasel

Es ist nie zu spät für eine glückliche Schulzeit

Ein Buch, das Kindern in 39 Mitmach-Kapiteln alles beibringt, was fürs Leben wichtig ist. Kinder und Teenager von heute haben einen durchgetakteten Alltag. Ihre Schultage sind lang, und nachmittags hetzen sie zum Geigenunterricht und Basketballtraining. Dabei bleibt vieles auf der Strecke. Zum Beispiel auf welche Weise man ein echtes Lächeln von einem falschen unterscheidet, wie man aus einem Apfel einen Frosch schnitzt und dass es manchmal gut ist, richtig wütend zu sein. Und nicht zuletzt: Wie man Lust auf die Welt bekommt und den Mut, sie zu verändern. Die Autorin des erfolgreichen Buches Der tanzende Direktor hat ihre Erfahrungen mit den besten Lehr- und Lernmethoden umgesetzt und daraus ein Mitmachbuch für Kinder und Jugendliche gemacht, das aus Geschichten und Aufgaben besteht und die Schüler wie eine Wundertüte durch das Jahr begleitet.

Format

  • Verena Friederike Hasel – Eine Linie ist ein Punkt, der spazieren geht. Alles, was du in der Schule nicht lernst
    Erzählendes Sachbuch, Geschenkbuch

    Illustrator: Alice Mollon
    broschiert
    224 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5867-5

    22. Februar 2022
    23,00 EUR

Leseprobe

Vorwort

Du spielst Hockey, tanzt und skatest, hältst Elfmeter und bist in einer Schauspielgruppe. Du weißt, wie man eine Geige stimmt, und kannst auf einem Klavier eine Dur-Tonleiter spielen. Du lernst Englisch, kürzt mühelos jeden Bruch, kennst Bilder von Picasso und weißt, wie man perfekte Selfies macht (und natürlich auch, wie man verbirgt, dass eine WhatsApp-Nachricht gelesen wurde).

Aber weißt du, wie Schmetterlingsflügel klingen, wenn sie sich auf und ab bewegen?

Weißt du, dass im Roten Meer ein Herz liegt?

Und weißt du, wie die Monarchfalter ihren Weg nach Mexiko finden, während so viele Menschen keine Ahnung haben, wo sie hingehören?

Hast du gelernt, wie du dir die Welt zu deinem Zuhause machst?

Und kannst du ein echtes Lächeln von einem falschen unterscheiden?

Um all das geht es in diesem Buch. Es soll dir Glück bringen und alles beibringen, was du in der Schule nicht lernst. Zum Beispiel, wie man wütend wird. Oder wie man sich ein Sonnentattoo macht und aus einem Apfel einen Frosch schnitzt. Und wie man ein Wunder in die Welt setzt.

Im Japanischen gibt es ein schönes Wort. Ikigai bezeichnet alles, wofür es sich zu leben lohnt. Das kann ein bedeutendes Ziel sein oder eine kleine Alltagsfreude. Dieses Buch soll dir helfen, dein Leben mit Ikigai zu füllen, mit großen und kleinen Wundern, und dafür habe ich Geschichten und Aufgaben gesammelt. Insgesamt hat das Buch 39 Kapitel, und wenn du dir für jedes Kapitel ein bis zwei Wochen Zeit nimmst, dann begleitet dich dieses Buch ein ganzes Jahr lang.

Eine Linie ist ein Punkt, der spazieren geht, hat der Maler Paul Klee gesagt. Deine Mathelehrerin würde vielleicht nicht zustimmen. Aber ich bin mir sicher, dass Paul Klee recht hat. Wenn ein Punkt spazieren geht, wird daraus eine Linie, ein Weg, und genauso kannst du auch deinen Geist spazieren lassen, du kannst deine Fantasie vorausrennen lassen, dein Herz kann hüpfen und Saltos schlagen und du kannst getrost folgen.


SAMMLE SCHÖNE MOMENTE

An einem kalten, nassen Januarmorgen steigt ein Mann in Washington aus der U-Bahn, stellt sich neben einen Mülleimer, holt seine Geige hervor und beginnt zu spielen. Der Mann trägt eine Baseballkappe und in seinen Geigenkasten hat er ein paar Münzen gelegt. Er hofft, dass es noch mehr werden. Viel Glück hat er nicht. Er spielt sechs Stücke, aber von den mehr als tausend Menschen, die an ihm vorbeikommen, bleiben nur sieben ganz kurz stehen. Als er nach einer knappen Dreiviertelstunde seine Geige einpackt, liegen im Kasten nicht einmal 30 Euro.

Der Mann hat die Baseballkappe aus einem bestimmten Grund auf. Er will nicht erkannt werden. Es ist nämlich nicht irgendein Straßenmusiker, der an diesem Januarmorgen in Washington spielt, sondern Joshua Bell, einer der berühmtesten Geiger der Welt. Sein Instrument ist eine echte Stradivari und fast drei Millionen Euro wert. Nur zwei Tage zuvor hat er ein Konzert gegeben, für das eine Eintrittskarte mehr als 80 Euro gekostet hat.

Jetzt auf dem U-Bahnhof will er wissen, ob Menschen auf seine Musik auch reagieren, wenn sie nicht wissen, wer er ist. Das erste Stück, das er spielt, ist die Chaconne von Johann Sebastian Bach. Sie gilt als eines der schwersten Musikstücke überhaupt, und Johannes Brahms, ein anderer Komponist, hat einmal gesagt, dass er verrückt geworden wäre, wenn er es geschafft hätte, so etwas Tolles zu komponieren. Das Besondere an der Chaconne ist, dass sie extrem viele Gefühle auf einmal ausdrückt. Die Geige klingt tieftraurig und sehnsüchtig, und zugleich flirren die Töne wie in einem schnellen Tanz. Doch all das hören die Menschen auf ihrem Weg zur U-Bahn nicht. Sie hetzen vorbei, sie tippen auf ihren Telefonen herum, sie sprechen manchmal sogar absichtlich lauter in die Geräte hinein, um den Klang von Joshua Bells Geige zu übertönen.

Sie verpassen also einen magischen Moment. Aber warum?

Manchmal nehmen wir nicht das wahr, was wirklich passiert, sondern nur das, was wir erwarten. Wir erkennen Schönheit, wenn sie einen Rahmen hat wie ein Bild in einem Museum, und wir bemerken etwas Besonderes, wenn es uns angekündigt wurde, aber stiehlt sich das Schöne und Besondere wie an diesem kalten, nassen Januarmorgen unverhofft in unser Leben, dann entgeht es uns.

»Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen!«, schrieb Ludwig van Beethoven über Bach. Wenn du den Reichtum von Bachs Musik erleben willst, setz dich eine Viertelstunde aufs Sofa und hör dir seine Chaconne an.

1. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Menschen in einem ganz bestimmten Moment der Woche am glücklichsten sind: Samstags um 19 Uhr 26. Was hast du an diesem Tag um diese Uhrzeit gemacht?

2. Wusstest du, dass man schöne Momente sammeln kann? Alles, was du brauchst, ist ein Glas mit einem Deckel, zum Beispiel ein leeres Marmeladenglas. Wann immer du einen besonderen Augenblick erlebst, schreibst du ihn auf einen kleinen Zettel und steckst ihn ins Glas. Im Laufe der kommenden Monate wird sich dieses Glas immer mehr füllen, und in einem Jahr kannst du es öffnen und all die schönen Momente nachlesen (oder du machst es zwischendurch mal auf, wenn du Aufheiterung brauchst).

Was hast du auf den ersten Zetteln notiert?


WUSSTEST DU, DASS …?
Fast acht Jahre später hat Joshua Bell sein Konzert auf dem U-Bahnhof wiederholt. Allerdings ohne Baseballkappe und dafür mit Hemd, Notenständer, Mikrofon und anderen Musikern, die in feiner Kleidung um ihn herum saßen. Und dieses Mal blieben sehr viele Leute stehen.


RUF DEN EISVOGEL

Eichel.

Stell dir vor, niemand würde deinen Namen kennen.

Otter.

Man könnte dich nicht rufen.

Eisvogel.

Und auch nicht suchen, wenn du nicht da wärst.

Butterblume.

Keiner könnte sagen: »Wo ist eigentlich …?«

Brombeere.

Keiner könnte sagen, dass er dich vermisst.

So ist es natürlich nicht. Du hast einen Namen, du bist Menschen wichtig. Aber die Eichel, der Otter, der Eisvogel, die Butterblume, die Brombeere scheinen nicht wichtig genug zu sein. In Oxford, einer englischen Stadt mit einer der berühmtesten Universitäten der Welt, erscheint jedes Jahr das Oxford Junior Dictionary, das alle wichtigen Wörter auflistet.
Liebe. Kaugummi. Federtasche. Schwester. Bauchschmerzen. Trampolin.

All so etwas. Ständig kommen neue Wörter dazu. Chatroom zum Beispiel. Sprachnachricht. Oder Blog. Und jedes Jahr verschwinden Wörter aus dem Lexikon.
Zum Beispiel Eichel, Otter, Butterblume und alle anderen, die oben stehen, aber auch die Weide, der Farn, die Buche, das Weidenkätzchen, die Elster, der Rabe, das Moos.

Weil die Natur verschwindet und Platz machen muss für andere Dinge.

Aber ist eine Sprachnachricht wirklich wichtiger als der Ruf einer Elster?

Und wann hast du das letzte Mal Brombeeren gepflückt?

Erinnerst du dich noch, wie weich Weidenkätzchen sind (und wie verlockend der Gedanke ist, sie sich in die Nase zu stecken)?

Und weißt du eigentlich, wie ein Eisvogel aussieht?

1. Mach einen Brombeer-Smoothie. Hier ist das Rezept.
Du brauchst 250 Gramm Brombeeren, eine sehr reife Banane, 100 Gramm Naturjoghurt und 200 Milliliter Milch. Schäl die Banane und schneide sie in Scheiben. Dann püriere sie zusammen mit Beeren, Joghurt und Milch. Füge nach Belieben etwas braunen Zucker hinzu.

Welche anderen Smoothies könnte man noch machen? Hier ist Platz für deine eigenen Rezepte.

2. Mach eine Naturrallye im Wald, Park oder Garten und suche:
• Etwas Rotes
• Etwas Gelbes
• Etwas Dreifarbiges
• Etwas Gezacktes
• Etwas, das größer als du ist
• Etwas, das glänzt
• Etwas, das dich zum Lachen bringt
• Etwas Weiches
• Etwas, das du als Bürste benutzen könntest
• Etwas, das ein Geräusch macht
• Etwas, auf dem gekaut wurde
• Etwas, das du behalten willst

Was hast du gefunden?

3. Nimm einen Käfer in Zeitlupe auf.


WUSSTEST DU, DASS …?
Vögel wie Stare, Dohlen und Eichelhäher zwitschern inzwischen die Klingeltöne von Mobiltelefonen nach und machen das so gut, dass selbst Experten unsicher sind: Singt da ein Vogel oder ruft gerade jemand an?

Blick ins Buch

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Autorin

Verena Friederike Hasel, geboren 1978 in Berlin, ist Psychologin, Drehbuchautorin und Journalistin. Sie war für den Theodor-Wolff-Preis nominiert und erhielt 2018 den Deutschen Reporterpreis. Sie ...

mehr zur Autorin

Presse

Wiener Zeitung

»Hasel hat [in Eine Linie ist ein Punkt, der spazieren geht] inspirierende Geschichten gesammelt.«

Stuttgarter Zeitung

»Es ist toll illustriert und bietet Platz für ganz viele eigene Gedanken.«