Eine Nacht, Markowitz

Eine Nacht, Markowitz

Ayelet Gundar-Goshen

Ein psychologisches Meisterstück, prall gefüllt mit Originalität und unvergleichlichem Humor

Ausgerechnet der unscheinbare Jakob Markowitz soll die schöne Bella heiraten, um ihr die Flucht aus dem nationalsozialistischen Europa zu ermöglichen. Doch zurück in Palästina sieht Markowitz nicht ein, sein unverhofftes Glück wieder aufzugeben, und verweigert Bella die vorher vereinbarte Scheidung.

Format

  • Ayelet Gundar-Goshen – Eine Nacht, Markowitz
    Roman

    Original: Laila echad, Markowitz

    Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
    Hardcover
    Format: 12,5 x 18,8 cm , 432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5681-7

    22,90 EUR

  • Ayelet Gundar-Goshen – Eine Nacht, Markowitz
    Roman

    Original: Laila echad, Markowitz

    Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 426 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5926-9

    12,90 EUR

  • Ayelet Gundar-Goshen – Eine Nacht, Markowitz
    Roman

    Original: Laila echad, Markowitz

    Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
    eBook
    432 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9245-7

    11,99 EUR

Leseprobe

1

Jakob Markowitz war nicht hässlich. Was nicht heißen soll, dass er schön gewesen wäre. Kleine Mädchen plärrten bei seinem Anblick nicht los, lächelten ihn aber auch nicht an. Er war, kann man sagen, von brillanter Mittelmäßigkeit. Ja, mehr als das: Jakob Markowitz’ Gesichtszüge waren ausgesprochen nichtssagend. So nichtssagend, dass das Auge kaum darauf verharren konnte, sondern zu anderen Dingen weiterglitt. Zu einem Baum am Straßenrand. Einer Katze in einer Ecke. Um Jakob Markowitz’ langweilige Züge eingehender zu erforschen, waren ungeheure Anstrengungen erforderlich. Der Mensch reißt sich nicht um ungeheure Anstrengungen, und so kam es, dass ihm nur selten jemand lange ins Gesicht sah. Das hatte auch Vorteile. Der Gruppenführer erkannte sie. Er sah Jakob Markowitz genauso lange ins Gesicht, wie er brauchte, und wandte dann den Blick ab. Der Gruppenführer sagte: Du wirst Waffen schmuggeln. Bei so einem Gesicht wird das keinem auffallen. Und er hatte recht. Jakob Markowitz schmuggelte Waffen, vielleicht mehr als jedes andere Mitglied der Irgun, und nie geriet er in die geringste Gefahr, geschnappt zu werden. Der Blick der britischen Soldaten glitt an seinem Gesicht ab wie Öl an der Pistole. Ob die Kameraden der Irgun ihn wegen seines Wagemuts schätzten, wusste er nicht. Nur wenige sprachen ihn an.
Wenn er nicht gerade Waffen schmuggelte, bestellte er das Feld. Abends saß er hinter seinem Haus und fütterte die Tauben mit Brotresten. Sehr bald versammelte sich dort ein fester Schwarm, der ihm aus den Händen fraß und auf seinen Schultern landete. Hätten die Kinder der Moschawa das Schauspiel gesehen, wären sie in Gelächter ausgebrochen, aber kein Mensch kletterte über die steinerne Einfriedung. Nachts las er Jabotinskys Schriften. Einmal im Monat fuhr er nach Haifa und schlief mit einer Frau gegen Geld. Mal war es dieselbe, mal eine andere. Er vertiefte sich nicht in ihre Gesichtszüge und sie nicht in seine.
Einen Freund hatte Jakob Markowitz. Seev Feinberg war vor allem Schnauzer. Noch vor den blauen Augen, den dicken Brauen, den scharfen Zähnen. Seev Feinbergs Schnauzer war in der Gegend berühmt, manche meinten, sogar im ganzen Land. Als ein Irgun-Mann von einem Einsatz im Süden zurückkehrte, erzählte er von »einem rotbäckigen Mädel, das fragte, ob der schnauzbärtige Sultan noch bei uns ist«. Alle lachten, aber Seev Feinberg lachte am lautesten. Und wenn er lachte, wippte der Schnauzer über der Oberlippe, schlug Wellen über Wellen, so freudig vibrierend wie sein Besitzer seinerzeit zwischen den Schenkeln des Mädels. Es war klar, dass Seev Feinberg nicht dazu geschaffen war, Waffen zu schmuggeln, weil sein Schnauzbart ihm vorauseilte wie eine Kolonne schwarzer Ausrufezeichen. Man hätte blind und dumm sein müssen, um ihn nicht zu bemerken. Die Briten waren zwar dumm, aber es wäre doch zu optimistisch gewesen, sie dazu noch für blind zu halten. Aber wenn Seev Feinberg auch keine Waffen schmuggeln konnte, so konnte er umso besser Araber in die Flucht schlagen, und das tat er nächtelang rund um den Ort.
Nur wenige Nächte verbrachte Seev Feinberg allein. Wenn sich herumsprach, dass er den Abend Nachdienst hatte, liefen gleich ein paar Kameraden zusammen. Die einen wollten von den Abenteuern seines Schnauzers zwischen Frauenschenkeln hören, die anderen wollten über die politische Lage und über die verfluchten Deutschen reden, und wieder andere wollten sich nur über die Rinderzucht und das Jäten der Felder und das Ziehen von Weisheitszähnen beraten – einige der Gebiete, auf denen Seev Feinberg sich als Fachmann betrachtete. Auch Mädchen kamen. Seev Feinberg war zwar ein treuer Wächter, den Finger immer am Abzug, aber man muss ja bedenken, dass Gott dem Menschen zehn Finger geschenkt hat, und das nicht umsonst. Der Geruch der Felder nach dem Regen, ein Quäntchen Gefahr (das Rascheln dort – Araber oder Wildschwein?). Das Ächzen und Stöhnen drang manchmal bis an die Häuserwände. Zuweilen gesellte sich Jakob Markowitz zu Seev Feinberg und seinen Kameraden, unterm Arm den zerlesenen Band von Jabotinsky, dem schon Schweißgeruch anhaftete. Seev Feinberg begrüßte ihn freundlich wie jeden anderen. Er war so sehr an menschliche Gesellschaft gewöhnt,  dass er gar nicht ungesellig sein konnte, selbst wenn er es gewollt hätte. Nicht mal die Briten verabscheute er wirklich, und tötete er einen Menschen, so tat er es ungern, wenn auch höchst effizient. Das erste Mal hatten sie miteinander geredet, als Jakob Markowitz mitten in der Nacht von seinem Besuch in Haifa heimkehrte. »Halt«, herrschte Seev Feinbergs Stimme ihn im Dunkeln an. »Wer bist du, und woher kommst du?« Jakob Markowitz zitterten die Beine, aber er antwortete mit fester Stimme: »Ich bin Jakob Markowitz. Ich war bei einer Frau.« Seev Feinbergs Lachen weckte die Hühner in den Ställen. Dann fragte er weiter, und Jakob Markowitz antwortete von Herzen gern. Er erzählte von den Nippeln der Frau, die allerliebst gewesen waren, und fand sich sogar bereit, ihren Po und ihre Beine ausführlich zu beschreiben, ohne Seev Feinberg auch nur ein einziges Pfund für das Wissen abzuverlangen, das ihn die Hälfte seines Wocheneinkommens gekostet hatte. Schließlich beugte sich Seev Feinberg zu Jakob Markowitz vor und fragte: »Sag mal, wie feucht war es dort?« Seev Feinbergs Schnauzer kitzelte Jakob Markowitz’ Wange, aber er wagte nicht, sich zu rühren. Noch nie hatte ihn jemand so lange angeschaut. Schließlich begriff er, dass er nicht länger zaudern konnte, und erwiderte: »Was meinst du damit?«
»Was ich damit meine?« Seev Feinbergs Schnauzer peitschte Jakob Markowitz und ließ ihn zurückzucken. Seine blauen Augen weiteten sich in solcher Verblüffung, dass sie Jakob Markowitz um ein Haar mitsamt Jabotinskys Schriften verschlungen hätten. »Ich meine die Vagina, Kamerad. Wie feucht war die Vagina?« Bei Vernehmen des göttlichen Worts schwindelte es Jakob Markowitz, und er sank auf einen Felsblock. Seev Feinberg setzte sich neben ihn. »Dir ist doch hoffentlich klar, dass es unterschiedliche Feuchtigkeitsgrade gibt? Es gibt die Feuchten, und es gibt Tropfnasse, und es gibt welche – ei, ei, ei –, in denen du ertrinken kannst wie im Schwarzen Meer. Das hängt natürlich von der Ernährung des Mädels und vom Wetter ab, vor allem aber von der Leidenschaft, die zwischen dem Mann und der Frau entflammt.« Danach fragte Seev Feinberg erneut, wie feucht es dort gewesen sei, und Jakob Markowitz musste eingestehen, kein bisschen Feuchtigkeit festgestellt zu haben. »Gar nichts?« »Gar nichts. So trocken wie die Felder Ende August.« Nun schwieg Seev Feinberg eine lange Weile und sagte schließlich ...

 

Autor

Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, studierte Psychologie in Tel Aviv, später Film und Drehbuch in Jerusalem. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihrem ersten Roman, Eine Nacht, Markowitz (2013), wurde der renommierte Sapir-Preis für das beste [...]

mehr zum Autor

Presse

Marie-Luise Scherer

»Ein Glück, wenn nicht ein Wunder, dieses Debüt.«

Kleine Zeitung

»Ein beachtliches Debüt.«

WDR frauTV - Christine Westermann

»Ein Roman wie ein Donnerhall. Ich habe die erste Seite gelesen und das Buch erst zweihundert Seiten später, mitten in der Nacht, wieder weggelegt.«

NZZ

»Das Schöne an diesem Roman: Hier sind die Helden zum Heulen menschlich.«

Brigitte

»Absolut bemerkenswerter Erstlingsroman.«