Erhörte Gebete

Truman Capotes Abrechnung mit der Welt der Reichen und Schönen – das Buch, das den größten Literaturskandal seiner Zeit auslöste.

Es sollte sein Opus magnum werden, ein schonungsloses Sittenbild proustscher Dimension doch Capote konnte und wollte es nicht abschließen. Gleichwohl ist Erhörte Gebete sein konsequentestes Werk, eine giftgesättigte Abrechnung mit der feinen Gesellschaft. Hier schildert Capote die Reichen und Mächtigen, die Verrückten und Verruchten, all jene, die ihn jahrelang als ihr Schoßhündchen betrachtet hatten. Als das erste Kapitel des Schlüsselromans Mitte der Siebzigerjahre in Esquire abgedruckt wurde, erkannten Capotes Freunde, dass das Schoßhündchen durchaus auch zubeißen konnte: Plötzlich waren ihre intimsten Geheimnisse - vom Seitensprung bis zum vertuschten Mord - schwarz auf weiß nachzulesen. "Es ist sehr schwierig, Gentleman und Schriftsteller zu sein", hat W. Somerset Maugham einmal bemerkt. Mit Erhörte Gebete entschied sich Capote eindeutig für Letzteres.

Format

  • Truman Capote, Anuschka Roshani (Hg.) – Erhörte Gebete
    Roman

    Original: Answered Prayers

    Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5927-6

    11,00 EUR

  • Truman Capote, Anuschka Roshani (Hg.) – Erhörte Gebete
    Roman

    Original: Answered Prayers

    Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning
    eBook
    240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9255-6

    8,49 EUR

Leseprobe

Irgendwo auf dieser Welt lebt eine außergewöhnliche Philosophin namens Florie Rotondo.
Neulich stieß ich auf eines ihrer Denkergebnisse, und zwar in einer Zeitschrift, die vornehmlich das abdruckt, was Schulkinder schreiben. Es lautete: Wenn ich was machen dürfte, würde ich in die Mitte unseres Planeten Erde reisen und nach Uran, Rubinen und Gold suchen. Auch nach Unverdorbenen Ungeheuern. Dann würde ich aufs Land ziehen. Florie Rotondo, acht.
Florie, Schatz, ich weiß genau, was du meinst – auch wenn du es nicht so genau weißt: wie solltest du auch, mit acht?
Denn ich bin in der Mitte unseres Planeten gewesen; habe jedenfalls die Strapazen durchgemacht, die solch eine Reise mit sich bringt. Ich habe nach Uran, Rubinen und Gold geschürft und unterwegs andere beobachtet, die sich derselben Jagd verschrieben hatten. Und weißt du, Florie – ich bin ihnen begegnet, den Unverdorbenen Ungeheuern! Verdorbenen auch. Doch die unverdorbene Unterart ist die große Ausnahme: weiße Trüffel im Vergleich zu den schwarzen; bitterer Wildspargel im Gegensatz zu dem in Beeten angepflanzten. Das Einzige, was ich nicht getan habe: ich bin nicht aufs Land gezogen.
Übrigens schreibe ich das auf YMCA-Briefpapier, in einem YMCA in Manhattan, der mich den letzten Monat über in einer Zelle ohne Aussicht im zweiten Stock beherbergt hat. Ich würde den sechsten Stock vorziehen – denn wenn ich mich dazu entschlösse, aus dem Fenster zu klettern, wäre das ein lebenswichtiger Unterschied. Vielleicht wechsle ich das Zimmer. Steige auf. Wohl eher nicht. Ich bin ein Feigling. Aber nicht so feige, den Sprung nicht zu wagen.
Ich heiße P.B. Jones und bin mir nicht ganz einig – ob ich Ihnen jetzt gleich etwas über mich mitteilen soll oder ob ich damit warte und die Angaben in den Text der Erzählung einstreue. Ich könnte Ihnen auch gar nichts über mich mitteilen oder nur sehr wenig, denn ich betrachte mich in dieser Angelegenheit als Berichterstatter, nicht als aktiven Teilnehmer, jedenfalls keinen, auf den es ankommt. Aber vielleicht ist es einfacher, doch mit mir anzufangen.
Wie gesagt, ich heiße P.B. Jones; ich bin entweder fünfunddreißig oder sechsunddreißig Jahre alt: der Grund für diese Ungewissheit ist, dass niemand weiß, wann ich geboren wurde oder wer meine Eltern waren. Wir wissen nur, dass ich als Baby im zweiten Rang eines Varietés in St. Louis zurückgelassen wurde. Das geschah am 20. Januar 1936. Katholische Nonnen zogen mich in einem asketischen Waisenhaus auf, einem roten Backsteinbau am Ufer des Mississippi.
Die Nonnen hatten mich gern, denn ich war ein aufgewecktes Kind und eine Schönheit; sie haben nie gemerkt, wie hinterhältig ich war, wie doppelzüngig, oder wie sehr ich ihre Kargheit verachtete, ihr Aroma: Weihrauch und Spülwasser, Kerzen und Kreosot, weißer Schweiß. Eine der Schwestern mochte ich, Martha, sie unterrichtete Englisch und war derart überzeugt, dass ich ein Talent zum Schreiben hatte, dass ich am Ende selbst davon überzeugt war. Trotzdem hinterließ ich ihr, als ich aus dem Waisenhaus ausbüxte, keine Nachricht und habe mich auch seitdem nie wieder bei ihr gemeldet: ein typisches Beispiel für meinen Opportunismus und meine Abgestumpftheit.
Ohne ein bestimmtes Ziel im Kopf winkte ich Autos zu und wurde von einem Mann mitgenommen, der ein weißes Cadillac-Kabrio fuhr. Ein stämmiger Bursche mit gebrochener Nase und rotem, sommersprossigem, irischem Teint. Keiner, den man für schwul halten würde. Aber er war es. Er fragte, wohin ich wollte, und ich zuckte nur die Achseln; er wollte wissen, wie alt ich war – ich sagte, achtzehn, obwohl ich in Wahrheit drei Jahre jünger war. Er grinste und sagte: »Na, ich will doch nicht die Moral eines Minderjährigen untergraben.«
Als ob ich Moral gehabt hätte. Dann sagte er feierlich: »Du siehst wirklich gut aus.«
Was stimmte: ein bisschen klein geraten, eins siebzig (später eins dreiundsiebzig), aber kräftig und gut gebaut, mit lockigen, braun-blonden Haaren, grün gesprenkelten braunen Augen und einem dramatisch kantigen Gesicht; mich selbst im Spiegel zu betrachten, war immer eine Selbstvertrauen spendende Erfahrung. Als Ned sich also über mich hermachte, meinte er, mir die Unschuld zu rauben. Ha-ha! Schon früh, ungefähr im Alter von sieben oder acht Jahren, hatte ich angefangen, mit etlichen älteren Jungen und mehreren Priestern sowie einem hübschen farbigen Gärtner die ganze Skala durchzuspielen. Genau genommen war ich eine Art Schokoladenriegelnutte – für ein Stückchen Schokolade tat ich so ziemlich alles.
Ich habe zwar mehrere Monate mit ihm zusammengelebt, aber ich kann mich nicht an Neds Familiennamen erinnern. Ames? Er war der Chefmasseur eines großen Miami-Beach-Hotels – eines dieser eiscrèmefarbenen Paläste mit jüdischer Klientel und französischem Namen. Ned brachte mir das Handwerk bei, und nachdem ich ihn verlassen hatte, verdiente ich mir meinen Lebensunterhalt als Masseur in einer ganzen Reihe von Miami-Beach-Hotels. Ich hatte auch viele Privatkunden, Männer und Frauen, die ich massierte und denen ich Übungen für die Figur und das Gesicht beibrachte – obwohl Übungen für das Gesicht reiner Quatsch sind; die einzig wirksame ist Schwanzlutschen. Kein Witz, es gibt nichts Vergleichbares, um die Kinnpartie zu straffen.

 

Autoren

Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren; er wuchs in den Südstaaten auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen zu sich nach New York holte. Mit neunzehn Jahren erhielt er für seine Kurzgeschichte Miriam den »O.-Henry-Preis«. 1948 erschien sein Roman »Andere Stimmen, andere Räume«, der als da [...]

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Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren; er wuchs in den Südstaaten auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen zu sich nach New York holte. Mit neunzehn Jahren erhielt er für seine Kurzgeschichte Miriam den »O.-Henry-Preis«. 1948 erschien sein Roman »Andere Stimmen, andere Räume«, der als da [...]

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Presse

Die Welt

»Das kaltblütige Meisterwerk des Klatsches.«

Nürnberger Nachrichten

»Capote zwängt sich quasi durch die Tür und guckt, was sich dahinter abspielt – voller exzellenter Beobachtungsgabe und stilistischer Feinheit.«

Los Angeles Times Book Review

»Das Geschenk eines ungezügelten Genies. Fesselnd, unwiderstehlich.«