Gar nicht koscher

Gar nicht koscher

Beni Frenkel

Umwerfend komische Anekdoten aus dem jüdischen Alltag

Wenn Beni Frenkel von seinem Leben erzählt, beschönigt er nichts. Gnadenlos und mit viel Humor nimmt er in seinen Texten komplizierte Bräuche, sich selbst und seine Mitmenschen auf die Schippe. Für seine Kolumnen hagelt es regelmäßig harsche Kritik und Leserbriefe, nur dank der Fürsprache des Rabbiners wurde er nicht aus seiner jüdisch-orthodoxen Gemeinde ausgeschlossen. Doch glücklicherweise lässt sich Beni Frenkel nicht von der Meinung anderer beeinflussen und gibt seine eigene gerne weiterhin zum Besten.

Format

  • Beni Frenkel – Gar nicht koscher
    Vom täglichen Schlamassel, als Jude durchs Leben zu gehen

    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 192 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5925-2

    10,00 EUR

  • Beni Frenkel – Gar nicht koscher
    Vom täglichen Schlamassel, als Jude durchs Leben zu gehen

    eBook
    192 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9308-9

    9,99 EUR

Leseprobe

                                                                          Tutti Frutti in Dättwil
Ich bin in Dättwil aufgewachsen, einem kleinen Dörfchen. Einwohner: vielleicht fünfhundert, kleiner Dorfbach, ein Kindergarten, drei Großbauern, viele Bäume. Dättwil liegt neben Baden im Kanton Aargau, der Bus fährt im Viertelstundentakt. Wir wohnten in einer neuen Wohnsiedlung. Beim Hauseingang hat ein Künstler eine Steinskulptur aufgebaut. Sie ragt etwa sieben Meter in die Höhe. Unerfahrene Kinder, oder solche, die gerade zu Besuch kamen, verletzten sich häufig an der Skulptur. Die Steinblöcke sind messerscharf geschliffen.
Wir wohnten im dritten Stock. Im Erdgeschoss lebte Herr Fischer. Herr Fischer schrie immer »Saujude«, wenn ich am Sonntag den Fußball gegen seine Wand spielte. Dann riss er immer die Fenster auf, und seine Schlagadern quollen dick und rot an. Manchmal drohte er auch damit, alle Juden, uns eingeschlossen, zu vergasen. Über ihm wohnten Herr und Frau Maron. Die waren normal. Herr Fischer, nein, ich glaube, er hieß Herr Schneider, wurde mit den Jahren immer wütender. Irgendwann ging mein Vater mit ihm zum Friedensrichter. Herr Schneider versprach, mit dem Judenvergasen aufzuhören, und bezahlte uns hundert Franken. Wie mein Vater dies geschafft hat, weiß ich nicht mehr. Hundert Franken waren vor fünfundzwanzig Jahren eine große Summe. Herr Schneider verließ uns ein halbes Jahr später.
Mein Vater. Viel weiß ich nicht über ihn. Er ist in Zürich aufgewachsen. Seine Großeltern sind aus Grodno und Wilna in die Schweiz geflüchtet. Sein Vater war »Schmatteshändler«. Er ist mit den Schweizerischen Bundesbahnen überall herumgefahren und hat in Dörfern Tücher und Stoffreste verkauft. Das haben damals viele Juden gemacht. Sie haben sich beim Hauptbahnhof getroffen und sind in alle Richtungen gefahren, immer alleine. Mein Vater hat Wirtschaftswissenschaften studiert und früh geheiratet. Ich kann mich an keine Lebensphase erinnern, wo er viel Geld verdient hat. Es reichte halt immer. Die Firmen, in denen er tätig war, die gibt es heute gar nicht mehr. Ich glaube aber, dass ihm Geld nicht so wichtig war. Eigentlich weiß ich sehr wenig über ihn. Über seine Kindheit sprach er selten, das wenige, das ich weiß, habe ich von seiner Mutter erfahren. Die war aber schon dement.
Was wir gerne machten: In Dättwil wurde in den 80er-Jahren pausenlos gebaut. Mit dem Ergebnis, dass das Dörfchen jetzt wie ein fettes Hängebauchschwein aussieht. Mit meinem Vater ging ich sonntags, nachdem ich Herrn Schneider geärgert hatte, immer auf die Baustellen. Damals wurden noch keine Zäune um die unfertigen Bauten gezogen. Man konnte einfach reinspazieren. Wir nahmen Plastiktaschen von zu Hause mit und füllten sie bei der Baustelle mit den leeren Flaschen, die die Arbeiter dort liegen gelassen hatten. Essensreste, also zum Beispiel Schokoladestückchen, schoben wir in den Mund. Manchmal schüttete ich volle Flaschen noch aus, um an das Leergut heranzukommen. Mein Vater lehrte mich schon früh, jegliches Unrechtsgefühl abzuschütteln. Es gab dann Tage, an denen ich mit den leeren Flaschen zwanzig Franken verdiente. Im kleinen Dorfladen, wo eine alte Frau die alte Kasse bewachte, wurden mir einmal die Flaschen nicht vergütet. Ich würde sie von den Baustellen stehlen, warf mir die alte Hexe vor. Mein Vater konnte das zum Glück regeln.
Eigentlich beherrschte mein Vater das Verhandeln aber überhaupt nicht. Wenn er mal wütend wurde, dann konnte er sich in einen Herrn Schneider verwandeln. Dabei verschloss er seine Lippen und hielt die Luft an. Nach ein paar Sekunden lief sein Gesicht natürlich rot an. Der Wutausbruch, der darauf folgte, war allerdings harmlos. Er kniff mich mit Daumen und Zeigefinger. Interessanterweise mache ich das Gleiche mit meinen Kindern. Bevor man Kinder kriegt, überlegt man sich, wie man sie später einmal züchtigen soll. Ins Gesicht schlagen darf man nicht, das versteht sich von alleine. Auf die Hand schlagen ist 19. Jahrhundert. Also bleibt eigentlich nur noch Kneifen übrig.
In den achtzehn Jahren, in denen ich bei meinen Eltern lebte, wurde ich aber nur etwa sechsmal gekniffen. Immer mit gutem Grund. Mit dreizehn hatte ich eine religiöse Erweckungsphase. Mein Vater ist zwar jüdisch, aber nur mäßig observant. In die Synagoge ging er jedoch einmal in der Woche. Hilflos blätterte er im Gebetbuch und freute sich auf das Ende des Gottesdienstes. Als ich dreizehn wurde, wollte ich religiöser werden als meine Eltern. Zum Beispiel am heiligen Schabbat keine Fernsehsendung mehr gucken. Leicht war das nicht, denn am Schabbat liefen damals die besten Sendungen: Wetten, dass …, Traumhochzeit und etwas später am Abend Tutti Frutti. Häufig versuchte ich, meinen Vater von der Erhabenheit des jüdischen Schabbats zu überzeugen. Ich fühlte mich moralisch schuldig, wenn ich meine Eltern nicht zu höherer Weihe leiten konnte. Einmal lud michan einem Samstag ein Rabbiner zu sich nach Hause ein. An diesem Abend lief die Sendung Concours Eurovision de la Chanson. Was tun? Soll ich mit dem Rabbi die heilige Bibel studieren, während mein Vater diese ruchlose Sendung anguckte? Aus Sorgen um die Unbeflecktheit meiner Eltern entfernte ich die Fernbedienung. Jetzt konnten meine Eltern den Concours nur noch lautlos verfolgen. Eine gute Tat. Am Sonntagmorgen erklärte ich meinen Eltern, die die Fernbedienung immer noch in der ganzen Wohnung suchten, dass ich sie versteckt hatte – zu ihrem Seelenwohl natürlich. Mein Vater kniff mich. Dieses Mal tat es weh.

Autor

Beni Frenkel, geboren 1977, arbeitete als Grundschullehrer und schrieb als freier Kolumnist regelmäßig für die NZZ am Sonntag und die Jüdische Allgemeine. Ab Herbst 2014 hat er eine wöchentliche Kolumne beim Magazin des Tages-Anzeiger. Beni Frenkel lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Zür [...]

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