Giraffen

GI | RAF | FE, die; -, -n: Frauentypus, Ende 20. Jahrhundert bis heute, vermehrt zu finden an Orten des internationalen Jetsets. Lebt parasitär und in Co-Abhängigkeit mit wohl-situierten Exemplaren männlicher Spezies

Eva und Henry teilen die gleichen Vorlieben: Alkohol, lange Nächte und kurze Erinnerungen. Sie huldigen dem Exzess wie einer Religion, und sie glauben, der Rausch von Champagner in einer Hotelbar ist eleganter als der von billigem Fusel in einer Absteige. Sie halten sich für etwas Besseres als die Süchtigen, die verloren auf der Straße torkeln. Aber wo endet die Party, und wo beginnt der Absturz? Ein schockierender und betörender Roman über die falsche Liebe, die falschen Drogen und die falsche Party.

Format

  • Anne Philippi – Giraffen
    Giraffen

    Hardcover
    Format: 12,4 x 20,5 cm , 208 Seiten
    ISBN: 978-3-9540-3082-8

    19,95 EUR

  • Anne Philippi – Giraffen
    Giraffen

    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 224 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5963-4

    05.Mai 2017
    13,00 EUR

    Dieses Produkt ist momentan noch nicht verfügbar.
    Bitte informieren Sie mich, sobald der Titel erhältlich ist.

  • Anne Philippi – Giraffen
    Giraffen

    eBook
    208 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9362-1

    05.Mai 2017
    12,99 EUR

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Leseprobe

Eine Stunde unter der Dusche. Ich lehne an der Kachelwand, die Augen sind zu. Ich knie mich hin, drücke auf den Kaltknopf, umschließe die Knie. Der Strahl trifft mein Genick, ein ekliges Gefühl, schockartiges Aufwachen. Ein alter Trick, der angeblich aus dem Militär stammen soll. Ich bin ein Soldat, ich habe Disziplin, ich mache weiter. Ich erforsche alles. Bis es nicht mehr geht.
An meinem rechten Oberschenkel sehe ich einen fetten blauen Fleck. Bin ich heute Nacht hingeflogen? Der Fleck war gestern nicht da. Er gefällt mir nicht. Er starrt mich an. Er ist im Inneren gelb und hat einen dunkelblauen Rahmen. Ich kümmere mich jetzt nicht um den Fleck. Er kann bleiben. Ich schmiere Make-up über die Wangen, sie sind zu weiß. So will ich doch nicht aus dem Haus, die Katerhaut soll niemand sehen. Zu viel Rouge auf den Wangen. Ich sehe aus wie ein Clown. Für Durchblutung habe ich keine Zeit. Immer weniger. Ich liege, ich stehe auf, ich liege. Ist mir gar nicht mehr aufgefallen. Henry liegt auf dem Bett. Die Augen geschlossen. Er trägt das Hemd von gestern. Ich glaube, er hat keine Kraft, ein neues zu finden. Sein Talent ist es, selbst jetzt gut auszusehen. Nur wenn ich ganz nahe komme, sehe ich den Film auf seiner Haut. Ich will sie nicht küssen. Aus Henrys Haut kriecht die letzte Nacht. Wie komm ich überhaupt dazu? Meine Haut sieht genauso schlimm aus. Nur weil ich das Mädchen bin, sehe ich nicht weniger schrecklich aus. Wir haben es gut, keiner muss dem anderen vorwerfen, zu krass auszusehen.

»Bist du fertig ? Ich muss noch Zigaretten kaufen.«
»Ja.«
Ich nehme den Parka von der Garderobe, Henry schließt hinter mir die Tür ab. Wir reden nicht. Was gibt es zu sagen? Wir liegen gerade nicht auf einer Wellenlänge, Henry erinnert sich nicht an letzte Nacht, ich könnte alles aufzählen. Henry glaubt mir grundsätzlich nicht die Dinge, die ich ihm von den Nächten erzähle. Wir haben eine Weile versucht, die letzten Stunden der Nächte davor zu rekapitulieren. Wir lassen es. Es ist besser, wir würden uns irgendwann abstechen, wenn wir weitermachen. Wir sind die, die im Auto nach Rauch stinkend und mit müden Hundeaugen schweigend zur nächsten Party fahren. Das geht irgendwie immer. Das ist doch was. Ab in den gemütlichen Westen von Berlin. Goldene Türklinken. Rahmengenähte Schuhe, keine Neonfarben. Der Westen ist ein guter Ort, wenn man verkatert ist, er beruhigt dich. So
viele Ärzte, Zahnärzte, Gynäkologen, alle haben diese schönen Schilder. Hier ist Berlin in Ordnung. Hier schreit es dich nicht an, was du tun sollst. Wohl fühle ich mich hier nicht. Fünfter Stock. Jemand öffnet die Tür, Gesprächsfetzen, Rotweinflaschen im Flur, tatsächlich Kerzenwärme. Die Räume sind so anders im Westen. Sie sind luxuriöser, teurer. Ich hätte ein Kleid anziehen können, ich hätte mein Haar waschen können. Das hätte sicher niemanden gestört. Ich verliere langsam die Übersicht, wann es schick sein muss. Wann es egal ist, schick zu sein. Ich steige seit Monaten in dieselbe Jeans. Ich habe doch die ganzen teuren Fetzen im Schrank. Sie verlangen von mir Beschäftigung, Aufmerksamkeit. Ich sollte doch stolz sein, das alles zu besitzen. Doch die Liebe für mich ist größer, wenn meine Haut nicht strahlt. Daran halte ich mich und schminke mich nicht mehr.

Wir gehen jetzt rein. Henry lässt meine Hand los und geht schneller. Er wartet nicht auf mich. Ich lasse ihm das Vergnügen, als Erster den Raum zu betreten. Ich finde das nicht so schön, aber er braucht das für sein Selbstbewusstsein.
Ein paar Hände greifen seinen Arm. Marianne. Das war klar. Die Gastgeberin. Sie mag mich nicht, nur Henry. Sie ist eine von diesen Gesellschaftsfrauen, sie war mal attraktiv, nehme ich an, sie kann trinken wie zehn Russen und hat Einfluss in der Stadt. Meine Kurzanalyse, trotzdem kann ich sie nicht leiden.
»Schick, schick«, sagt Marianne und schaut mich von der Seite an. Ich lasse eine Umarmung sein, es wäre gelogen zwischen uns. Konversation mach ich später. Irgendwas wird mir schon einfallen. Mir ist nicht nach Gespräch, der Kater sitzt noch zu fest, der Körper sagt, leg dich hin, ruh dich aus, trinke Wasser, schaue den Tatort. Darauf gehe ich nicht ein. Ich weiß, wir mussten hier auftauchen, ich reiße mich für Henry zusammen. Das bin ich ihm schuldig.
Ich nehme mal ein Glas Weißwein vom Tablett. Ein Katerdämpfer, hinsetzen kann ich mich nicht. Dann schlaf ich ein. Ich laufe mal Richtung Küche, Henry hat sich mit ein paar Bankern in einer Diskussion über Golf festgebissen. Er kennt sich da bestens aus, weil er reich ist – und schlau. Ein echtes britisches »Trust Fund Baby«, ein Glücksgriff. Mal sehen, wer sonst noch da ist. Mal sehen, mit wem ich ein Katergespräch führen könnte. Eines über ein wenig unsinnige Dinge, über Anekdoten, über Supermarktverkäufer, die einen schlecht behandeln, über den Drink, den mir neulich X bei Y ausgegeben hat. Damit lässt sich eine halbe Stunde totschlagen. Mein Kopf hat sich an diese Art der Gespräche gewöhnt. Mein Gehirn muss nicht arbeiten. Es lässt sich von meinem Körper aushalten.
Blick in die Küche. Mariannes Küche ist berühmt. Sie ist großzügig, schön gemacht. Sie gehört in Magazine. Ich kenn die meisten in dieser Küche. Ich kenne die Geschichten der meisten, sie kennen meine Geschichte. Wir sind ein kleiner, luftdichter Kosmos. Nichts kommt hinein, nichts tritt hinaus, und süchtig sind wir alle. Wir sind nicht die Süchtigen aus der Fernsehserie, die verloren durch die Straßen wanken, bald von der Polizei aufgegriffen werden. Wir sind elegant süchtig, wir versuchen, gut auszusehen, wir kotzen nicht vor die Tür. Nur in ein Klo von Villeroy & Boch. Wir tun so, als hätten wir alles in der Hand. Wir können morgens aufstehen, alles scheint in Ordnung. Wir lügen uns an, seit Jahren, seit Jahrzehnten. Unsere Leber weiß nicht, wie ein Tag ohne Arbeit aussieht, unser Herz hat keinen Schimmer, was es ohne Substanzen den ganzen Tag machen soll. Es schlägt weder für uns noch für andere. Ich stehe nicht draußen, ich gehöre hierher, zu den Süchtigen. Ob mir das gefällt oder nicht.

Autor

Anne Philippi schrieb u.a. für die Berliner Seiten der »FAZ« und die »Vogue« und bis 2009 für die »Vanity Fair« als Reporterin über die Glamour- und Jetset-Gesellschaft. Danach zog sie nach Los Angeles und begann für die »Süddeutsche Zeitung« und »GQ« Hollywood-Interviews zu führen. Derzeit lebt sie [...]

mehr zum Autor

Presse

Interview Magazine

»Ein wildes Drogen-Party-Monster«

GQ

»Anne Philippi seziert eine Beziehung basierend auf Rausch und Geld im Moloch Berlin.«

WDR 1LIVE Klubbing

»Dieses Buch macht Hoffnung! Hoffnung darauf, dass man selbst dann, wenn man sich völlig verloren und aus der Erdumlaufbahn geschossen hat, doch noch mal Boden unter den Füßen finden kann.«

bild.de

»Harter Tobak«

culturmag

»Schonungslos und provokant«

Jolie

»Über die unheilvolle Beziehung zweier Menschen, die gemeinsam im Alkohol ertrinken, schreibt Journalistin Anne Philippi.«

Deutschlandradio

»›Giraffen‹ von Anne Philippi ist das perfekte Buch für den Moment, wenn noch ein Glas Wein geht, oder zwei, oder drei …«

Radio SRF 3

»Die Geschichte über den Verlust einer Liebe. Dagegen hilft kein Wodka dieser Welt.«

Missy Magazine

»Der Roman liest sich sehr unterhaltsam, weil die Erzählerin so nonchalant ihre Abgründe seziert und einen überaus sarkastischen Humor pflegt.«

MDR artour

»Ein Roman über das vermeintlich glitzernde, schillernde Partyleben einer Frau Mitte 30... immer wieder Party und Drogen und immer wieder der Absturz.«

Radio eins, rbb

„Das zu lesen ist furchtbar, aber auch betörend verstörend … Anne Philippi hat ein Monster gefunden und so gut beschrieben, wie es seine Opfer kriegt, das habe ich schon lange nicht mehr so gelesen.“

BZ

»Fesselnd bis zur letzten Seite«

FluxFM

»Kompromisslos, schonungslos«

ARD/WDR Morgenmagazin

»Ein dunkler Liebesroman voller Betrug, Eifersucht, Drogen und Lebensgier … Anne Philippi kann schreiben!«

Berliner Zeitung

»Anne Philippis kühler Absturzroman aus der Berliner Koks-Klasse – Dieses Buch handelt ... von denen, die ›elegant süchtig‹ sind, die niemals vor die Tür, sondern in die Toilette von Villeroy & Boch kotzen.«

Die Welt

»In kühler Prosa erzählt Philippi die Geschichte des radikalen Schmerzes über den Verlust einer Liebe. Dagegen hilft kein Wodka dieser Welt.«

WDR 1LIVE

»Sprachlich roh und unmittelbar, lässig und abgefuckt … das beste Buch des Frühlings!«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

»›Giraffen‹ erzählt so vom Kater, dass sich einem der Magen zusammenkrampft und das Herz leer wird. Dass eine Autorin, die selbst für Hochglanzmagazine schreibt, die bitterste Farce über deren Welt formuliert, ist erstaunlich und bisher kaum gewürdigt.«

Welt am Sonntag

»Die Reflexion einer Koabhängigkeit, leicht und klug geschrieben, die endet wie viele Berlin-Mitte-Nächte: mit einem Kater – und voll Hoffnung.«

KulturSpiegel

»Mit schön bösem Strich wird hier das Sittenbild einer nicht mehr jungen Boheme aus coolen Kaputtniks gepinselt.«