Hört einander zu!

Elif Shafak

Ein Plädoyer für gegenseitiges Verständnis

Elif Shafak, eine der bedeutendsten Stimmen für Gleichberechtigung und freiheitliche Werte in Europa, zeigt mit viel Einsicht Wege auf, wie wir Demokratie, Einfühlungsvermögen und unseren Glauben an eine bessere und weisere Zukunft fördern können. Ihr Ansatz: Wir müssen endlich anfangen, uns gegenseitig Gehör zu schenken.

Format

  • Elif Shafak – Hört einander zu!
    Original: How to Stay Sane in a World of Division

    Aus dem Englischen (UK) von Michaela Grabinger
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 96 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5844-6

    16. März 2021
    14,00 EUR

  • Elif Shafak – Hört einander zu!
    Original: How to Stay Sane in a World of Division

    Aus dem Englischen (UK) von Michaela Grabinger
    Ebook
    96 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9464-2

    11,99 EUR

    Dieses Produkt ist momentan nicht verfügbar.
    Bitte informieren Sie mich, sobald der Titel erhältlich ist.

Leseprobe

Es war mein erster Tag in Istanbul, ein windiger Septemberabend vor vielen Jahren. Ich war damals eine junge Frau und angehende Schriftstellerin und war, einer Eingebung folgend, die ich weder erklären noch ignorieren konnte, in die Stadt gezogen, in der ich niemanden kannte. Nahe dem Taksim-Platz, im lebendigsten, weltoffensten Viertel, hatte ich mir eine winzige Wohnung gemietet. Sie lag in einer schmalen Straße, und tagsüber hörte ich das Geklapper der Backgammonwürfel auf den hölzernen Spielbrettern vom Teehaus gegenüber und das Geschrei der Möwen, die durch die Luft schossen, um ahnungslosen Passanten das Sandwich aus der Hand zu schnappen. Doch jetzt war es spät in der Nacht. Das Teehaus hatte geschlossen, und die Möwen hockten auf den Dachfirsten. Ich saß auf einem Karton voller Bücher und Unterlagen im fahlen Licht der Straßenlampe – an den Fenstern meiner Wohnung waren weder Vorhänge noch Jalousien angebracht – und lauschte den Geräuschen der niemals schlafenden Stadt. Dabei musste ich eingedöst sein, denn plötzlich wurde ich von lautem Gejammer geweckt.
Ich blickte aus dem Fenster, und da war sie: eine groß gewachsene Transfrau in kurzem Rock und Seidenbluse. Sie hielt einen High Heel mit abgebrochenem Stöckel in der Hand und humpelte wütend durch die Gasse, während sie den anderen Schuh verbissen anbehielt. Ich wusste, dass in dem relativ liberalen Stadtteil viele Angehörige sexueller Minderheiten wohnten, deren Leben und finanzielle Existenz jedoch ständig von gesellschaftlichen Vorurteilen und systematischer Diskriminierung überschattet waren. Da es für diese Menschen keine anderen Arbeitsmöglichkeiten gab, verdienten viele von ihnen ihr Geld entweder als Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter auf der Straße oder waren in den Bars, Klubs und Kneipen des Istanbuler Nachtlebens beschäftigt. Obwohl die Polizei sie aus einigen rasant gentrifizierten Ecken ganz in der Nahe brutal vertrieben hatte, bildeten sie in meiner Straße, der »Straße der Kesselflicker«, nach wie vor eine eng verbundene, stolze Community.
Während die Transfrau unter meinem Fenster vorbeiging, bekam ich einige Satzfetzen ihres Selbstgesprächs mit. Irgendwer – vielleicht ein geliebter Mensch, vielleicht die ganze Stadt – hatte sie ungerecht oder schlecht behandelt. Sie war traurig, doch ihre Traurigkeit wurde noch übertroffen von ihrer Wut.
Es begann zu regnen, und die Tropfen fielen immer schneller,
tropf, tropf, tropf.
Ein einzelner Stöckel hallte auf dem Kopfsteinpflaster,
klack, klack, klack.
Ich blickte ihr nach, bis sie am Ende der Straße um die Ecke gebogen war. Nie zuvor hatte ich eine Frau gesehen, die so beharrlich weitermachte, obwohl sie am Boden zerstört war. Ich hatte das Fenster öffnen und mit ihr reden, sie fragen sollen, ob alles in Ordnung sei, dachte ich mit schlechtem Gewissen und schämte mich, weil ich reflexhaft ein Stück tiefer in meine Wohnung zurückgewichen war, als könnte mich ihre Traurigkeit anstecken. Beides, die Ähnlichkeiten und die Unterschiede, brannte sich in mein Gedächtnis ein: ihre Einsamkeit, die mir meiner Einsamkeit ganz ähnlich zu sein schien, doch auch meine Ängstlichkeit im Gegensatz zu ihrer Tapferkeit. Sie hatte längst genug von Istanbul, der Stadt, die ich noch nicht einmal zu entdecken begonnen hatte. Am allerwichtigsten aber: Sie war eine Kämpferin, ich nur eine Beobachterin.
Seither sind viele Jahre vergangen, und ich lebe nicht mehr in Istanbul. Doch während ich hier an meinem Schreibtisch in London sitze und über unsere polarisierte, krisengeschüttelte Welt schreibe, erinnere ich mich an jenen Moment. Ich erinnere mich an die Frau, und denke nach über Einsamkeit, Wut und Schmerz.

Autorin

Elif Shafak, in Straßburg geboren, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie schreibt auf Englisch und Türkisch und veröffentlichte bisher 19 Bücher, darunter 12 ...

mehr zur Autorin

Presse

Falter

»Elif Shafak hat in ihren Romanen seit Jahren jenen eine Stimme gegeben, die sonst wenig bis nie gehört werden.«

Pro Zukunft

»Elif Shafak hält uns an, über unseren Tellerrand zu blicken, andere Meinungen zu hören, andere Geschichten anzuerkennen, kritisch mit den eigenen Denkmustern zu sein und gemeinsam den Mut aufzubringen, die Zukunft zu verändern.«

Bayern 2

»Eine elegant changierende, eingängige Mischung aus Lagebericht, Krisenanalyse, biografischen Rückblicken und Appell.«

Aachener Nachrichten

»Dass Elif Shafak eine wahrhaft begabte Geschichtenerzählerin ist, zeigt sich auch in diesem Essay.«

NZZ

»Elif Shafak ist eine leidenschaftliche Erzählerin.«

rbb Kultur

»Elif Shafak [...] gehört zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart.«

Badisches Tagblatt

»Eine Hommage an das Wort, an die Buchstaben.«

Deutschlandfunk Büchermarkt

»Die Grundausrichtung des Essays mag vielleicht suggerieren, dass es eine Streitschrift ist, aber letztlich will Elif Shafak den Leser dazu auffordern, mehr Empathie aufzubringen. Auch für Leute, die vielleicht nicht unsere Gesprächspartner erster Wahl sind.«

Neue Zürcher Zeitung

»Shafak selbst kann zuhören, das hat sie in ihren Romanen immer wieder bewiesen. Nun fordert sie diese Fähigkeit auch von anderen ein, um eine in Schieflage geratene Welt vor dem Kippen zu bewahren.«

Sachbuch-Bestenliste DIE ZEIT, ZDF & DLF Kultur

»Elif Shafak zeigt Wege auf, wie wir durch Einfühlungsvermögen unseren Glauben an eine bessere Zukunft zurückgewinnen können.«