Interessengebiet

Martin Amis

Können wir uns noch in die Augen blicken, nachdem wir gesehen haben, wer wir wirklich sind? Ein beunruhigender, meisterhaft geschriebener und unendlich trauriger Roman.

Es ist Liebe auf den ersten Blick, die Golo Thomsen wie ein Blitz trifft, als er Hannah Doll begegnet. Was wie eine oft erzählte Liebesgeschichte beginnt, nimmt einen ungewohnten Verlauf – denn Schauplatz ist Auschwitz, Thomsen ist SS-Offizier, und Hannah ist die Frau des Lagerkommandanten. Thomsen unterwirft sich seiner dreisten Obsession, auch wenn er die Folgen seines Strebens nicht absehen kann. »Interessengebiet« ist mehr als die Geschichte über eine unmögliche Liebe. Der Roman stellt sich der Frage: Was treibt Menschen zu unmenschlichen Taten an?

Format

  • Martin Amis – Interessengebiet
    Roman

    Original: The Zone of Interest

    Aus dem Englischen von Werner Schmitz
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 416 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5724-1

    25,00 EUR

  • Martin Amis – Interessengebiet
    Roman

    Original: The Zone of Interest

    Aus dem Englischen von Werner Schmitz
    Taschenbuch
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 368 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5953-5

    14,00 EUR

  • Martin Amis – Interessengebiet
    Roman

    Original: The Zone of Interest

    Aus dem Englischen von Werner Schmitz
    eBook
    416 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9312-6

    13,99 EUR

Leseprobe

 

 1. Thomsen:
 

ERSTER BLICK


Der Blitz war mir nicht fremd. Der Donnerschlag war mir nicht fremd. Beneidenswert erfahren in solchen Dingen, war mir der Wolkenbruch nicht fremd – der Wolkenbruch und dann die Sonne und der Regenbogen. Sie kam gerade mit ihren zwei Töchtern aus der Altstadt zurück, und sie waren schon wieder tief im Interessengebiet. Vor ihnen lag, wartend, eine Allee – fast eine Kolonnade, deren Zweige und gelappte Blätter sich zu einem Gewölbe schlossen. Ein später Nachmittag im Hochsommer, erfüllt von winzigen glitzernden Mücken … Auf einem Baumstumpf lag offen mein Notizbuch, in dem die Brise neugierig blätterte. Großgewachsen, breit und füllig, dabei aber leichtfüßig, bewegte sie sich zwischen Inseln flauschiger, hellbrauner löwenartiger Wärme. Sie trug ein weißes knöchellanges Gewand mit gezacktem Saum und einen cremefarbenen Strohhut mit schwarzem Band und schwang in der Hand eine Strohtasche (die Mädchen, ebenfalls in Weiß, trugen die gleichen Strohhüte und Strohtaschen). Sie lachte, den Kopf nach hinten geworfen, mit gestraffter Kehle. Ich folgte ihr parallel zur Allee, in maßgeschneidertem Tweedjackett und Drillichhose, Klemmbrett und Füllfederhalter in der Hand. Jetzt kreuzten die drei die Auffahrt zur Reitschule. Neckend umkreist von ihren Kindern, passierte sie die dekorative Windmühle, den Maibaum, den dreirädrigen Galgen, den lasch an die eiserne Wasserpumpe gebundenen Karrengaul und schritt weiter.In das Kat Zet – das Kat Zet I. Etwas war geschehen. Blitz, Donner, Wolkenbruch, Sonnenschein, Regenbogen – die Meteorologie des ersten Blicks. Ihr Name war Hannah – Frau Hannah Doll. Im Offiziersklub, auf einem Rosshaarsofa, inmitten von Pferdeskulpturen und Pferdegemälden, sagte ich bei einer Tasse Ersatzkaffee (Kaffee für Pferde) zu meinem lebenslangen Freund Boris Eltz: »Für einen Augenblick war ich wieder jung. Es war wie Liebe.« »Liebe?« »Ich sagte: wie Liebe. Verzieh nicht so das Gesicht. Wie Liebe. Ein Gefühl der Unausweichlichkeit. Du weißt schon. Wie der Beginn einer langen und wunderbaren Romanze. Romantische Liebe.« »Déjà-vu und das ganze übliche Zeug? Fahr fort, hilf meinem Gedächtnis auf die Sprünge.« »Also. Schmerzhafte Bewunderung. Schmerzhaft. Und Gefühle der Demut und Unwürdigkeit. Wie bei dir und Esther.« »Das ist was vollkommen anderes«, sagte er und hob einen waagrechten Finger. »Rein väterlich. Das wirst du begreifen, wenn du sie siehst.«

»Wie auch immer. Dann ging es vorbei, und ich … Und ich begann mich zu fragen, wie sie ohne alle ihre Kleider aussehen würde.« »Da haben wir’s ja. Ich frage mich nie, wie Esther ohne alle ihre Kleider aussehen würde. Wahrscheinlich wäre ich entsetzt. Ich würde mir die Augen zuhalten.« »Und vor Hannah Doll, würdest du dir vor ihr die Augen zuhalten, Boris?« »Hm. Wer hätte gedacht, dass der alte Säufer so was Gutes abbekommen würde.« »Ja. Unglaublich.« »Der alte Säufer. Überleg nur mal. Gesoffen hat er bestimmt schon immer. Aber alt war er nicht immer.« Ich sagte: »Die Mädchen, wie alt sind die? Zwölf, dreizehn? Also ist sie in unserem Alter. Oder etwas jünger.« »Und als der alte Säufer sie geschwängert hat, war sie – achtzehn?« »Als er in unserem Alter war.« »Na schön. Ihn zu heiraten war wohl verzeihlich«, sagte Boris achselzuckend. »Achtzehn. Aber dass sie ihn nicht verlassen hat, das lässt sich nicht so leicht abtun.« »Ich weiß. Das ist schwer zu …« »Hm. Sie ist mir zu groß. Und genau genommen ist sie auch für den alten Säufer zu groß.« Und wieder fragten wir uns: Wie kommt jemand dazu, Frau und Kinder hierher mitzunehmen? Hierher? Ich sagte: »Diese Umgebung ist eher was für Männer.« »Ich weiß nicht. Manche Frauen stören sich nicht daran. Manche Frauen sind genau wie die Männer. Denk an deine Tante Gerda. Die würde sich hier wohlfühlen.« »Tante Gerda dürfte grundsätzlich damit einverstanden sein«, sagte ich. »Aber wohlfühlen würde sie sich hier nicht.« »Ob Hannah sich hier wohlfühlen wird, was meinst du?« »Sie sieht nicht so aus, als ob sie sich hier wohlfühlen wird.« »Allerdings. Aber vergiss nicht, sie ist glücklich mit Paul Doll verheiratet.« »Hm, dann lebt sie sich bestimmt gut ein«, sagte ich. »Ich hoffe es zumindest. Mein physisches Erscheinungsbild wirkt besser auf Frauen, die sich hier wohlfühlen.« »… Wir fühlen uns hier nicht wohl.« »Stimmt. Aber Gott sei Dank haben wir einander. Das ist schon eine Menge.« »Stimmt, Junge. Du hast mich, und ich hab dich.« Boris, mein beständiger Vertrauter – rigoros, unerschrocken, attraktiv wie ein kleiner Cäsar. Kindergarten, Kindheit, Pubertät und dann, später, unsere Radtouren durch Frankreich und England und Schottland und Irland, unsere dreimonatige Wanderung von München nach Reggio und weiter nach Sizilien. Erst im Erwachsenenalter geriet unsere Freundschaft in Schwierigkeiten, als die Politik – als die Geschichte – in unser Leben einbrach. Er sagte: »Weihnachten bist du hier raus. Ich bleibe bis Juni. Warum bin ich nicht im Osten?« Er trank mürrisch und machte sich eine Zigarette an. »Im Übrigen, Bruder, hast du keine Chance. Wo, zum Beispiel? Sie ist viel zu auffällig. Und sieh dich vor. Der alte Säufer mag ein alter Säufer sein, aber er ist auch der Kommandant.« »Hm. Trotzdem. Es sind schon seltsamere Dinge geschehen.«

Autor

Martin Amis, geboren 1949 in Swansea, ist einer der bedeutendsten englischen Gegenwartsautoren. Er ist der Verfasser von vierzehn Romanen, sechs Sachbüchern und zwei Kurzgeschichtensammlungen. Für sein Romandebüt »Das Rachel-Tagebuch« (1973) erhielt er den Somerset Maugham Award. Zu seinen bekanntes [...]

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Presse

Tilman Hoffer, ARTTV.ch

»Viele Leute haben behauptet, Martin Amis sei ein Zyniker. Ich möchte an dieser Stelle festhalten: Das ist falsch! Wenn überhaupt, dann ist Martin Amis ein großer Realist. Und genau darum ist Interessengebiet ein Meisterwerk.«

Christine Westermann, Das Literarische Quartett

»Ich habe dieses Buch unglaublich gern gelesen – es ist ganz außergewöhnlich.«

Denis Scheck

»Interessengebiet wagt sich in die Tabuzone der literarischen Darstellung des Holocaust. Erstaunlicherweise gelingt es Martin Amis mit Interessengebiet einen höchst anrührenden Liebesroman in Form einer bitterbösen Satire zu schreiben.«

NZZ

»Während sich in jedem Werk (Pfeil der Zeit) das Augenmerk des Erzählers – und auch des Lesers – noch stark auf die ungewöhnliche Erzählstruktur richtete, konfrontiert Amis uns in Interessengebiet unmittelbarer mit dem Schrecken. (...) Die vom versierten Amis-Übersetzer Werner Schmitz vorgelegte Übertragung ins Deutsche trifft den Sardonischen Ton des Autors vorzüglich.«

Tages-Anzeiger

»Interessengebiet ist eine überwiegend intelligente und kaltblütig erzählte Auseinandersetzung mit der Banalität des Bösen und zweifellos Amis’ bester Roman seit langem.«

Süddeutsche Zeitung

»Amis hat das Realitätsfremd-Abstruse des nationalsozialistischen Programms komisch auf den Punkt gebracht. Diese Partien seines Buches sind intelligente Meisterstücke britischen Humors.«

Die Zeit

»Amis schildert das Skandalon des alltäglichen Mörderlebens  dass die Täter ihre Büros und ihre Routinen hatten, ein Arbeits- und Privatleben.«

Kölnische Rundschau

»Amis fängt die lebensgefährliche Lächerlichkeit der Nazi-Gewaltigen perfekt ein.«

NDR Kultur

»Sprachlich virtuos, Amis rechtfertigt seinen Ruf als begnadeter Stilist. Und gerade deshalb ist das Buch so verstörend.«

Focus

»Amis hat den Mut, auch die menschlichen Seiten unmenschlicher Verbrecher zu zeigen.«

Daniel Cohn-Bendit

»Was sind Nazis? Für mich sind Autoren wie Martin Amis die Einzigen, die mir das erklären können.«

Christine Westermann

»Ich habe dieses Buch unheimlich gern gelesen – es ist spannend, und, ich traue es mich kaum zu sagen, ich habe zwischendrin gelacht. Die Figuren waren mir unglaublich nah.«

Denis Scheck

»Ein großartiger Roman und ein verstörendes, ein betörendes Buch.«