Keine Experimente

Keine Experimente

Markus Feldenkirchen

Schonungslos und humorvoll schildert Markus Feldenkirchen die innere Zerrissenheit seines Helden, der seine festgefahrenen Prinzipien privat wie politisch immer stärker infrage stellen muss

Der konservative Bundestagsabgeordnete und Familienpolitiker Frederik Kallenberg stammt aus einem zerrütteten Elternhaus im katholischen Sauerland und möchte alles besser machen als seine Eltern. Er heiratet seine Jugendliebe Julia, bekommt mit ihr zwei Kinder, und als er mit Anfang dreißig auch noch in den Bundestag gewählt wird und nach Berlin aufbricht, scheint sein Glück perfekt. Doch mitten in seiner ersten Legislaturperiode verschwindet er plötzlich, zurück bleiben eine mysteriöse Notiz und viele Fragen. Weshalb wurde er von der Kanzlerin persönlich vorgeladen? Hat die emanzipierte, unabhängige Liane, mit der er sich ganz gegen seine moralischen Grundsätze auf eine Affäre eingelassen hat, mit Frederiks Verschwinden zu tun?

Format

  • Markus Feldenkirchen – Keine Experimente
    Roman

    Hardcover
    Format: 12,5 x 19,2 cm , 400 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5671-8

    22,90 EUR

  • Markus Feldenkirchen – Keine Experimente
    Roman

    eBook
    400 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9238-9

    11,99 EUR

Leseprobe

EINS

Die Notiz, die Kallenberg hinterlassen hatte, war eine Unverschämtheit. Sie sorgte nicht für Gewissheit, sondern warf nur noch mehr Fragen auf.
Alles hat seine Zeit.
Ein Rätsel aus vier Worten, zurückgelassen auf feinstem Büttenpapier der Größe DIN A4. Er hatte es, daran bestand nach der grafologischen Untersuchung kein Zweifel mehr, mit der eigenen Hand geschrieben, und zwar mit seinem Lieblingsfüller der Marke Mont Blanc. Alles, was Frederik Kallenberg seit seinem 18. Geburtstag zu Papier brachte, schrieb er mit diesem Mont Blanc. Dass er für seine letzten oder vorerst letzten Worte keine Ausnahme machte,
leuchtete ein. Er war sich also treu geblieben, wenigstens in dieser Hinsicht. Die Treue war das große, wenn nicht gar verhängnisvolle Thema seines 36-jährigen Lebens.
Seine Büroleiterin, die den Briefbogen auf seinem penibel aufgeräumten und nahezu leeren Schreibtisch fand, hatte den Polizisten bereits am Telefon erzählt, dass Kallenberg den Füller fein säuberlich auf den oberen Rand des Papiers gelegt habe, und zwar genau unter den Bundesadler und seinen Namenszug:
· Frederik Kallenberg, Mitglied des Deutschen Bundestags ·
Bei ihrer Ortsbesichtigung fand die Polizei später sogar heraus, dass der Füller auf den Millimeter parallel zur oberen Blattkante lag. Sie hatten es nachgemessen, angeblich versteckte sich hinter solchen Kleinigkeiten bisweilen eine Botschaft. Bei Kallenberg war das eher unwahrscheinlich. Dass er akkurat war, wussten die, die ihn kannten, schon lange.


ZWEI

Der traurigste Tag in Frederik Kallenbergs Kindheit begann mit der Beichte seiner Mutter, die Schützenjacke sei nicht fertig geworden. Er war gerade erst zwölf Jahre alt geworden, was ihn endlich dazu berechtigte, beim Schützenumzug mitzumarschieren. Seit er denken konnte, hatte Frederik auf dieses Ereignis hingefiebert. Voraussetzung für die Teilnahme aber war der Besitz einer Schützenjacke, die Satzung kannte da kein Pardon. Und nun, am Morgen des großen Tages, wenige Stunden bevor der Zug sich in Bewegung setzen würde, erfuhr er, dass seine Mutter es vermasselt hatte.
Das ganze Dorf hatte sich schön gemacht an diesem Frühsommertag Ende der Achtziger. Seit Wochen hingen die grün-weißen Fahnen der Schützenbruderschaft in den Vorgärten, am Straßenrand, vor der Kirche, und wer mastlos
war, ließ seine Fahne wenigstens aus dem Fenster baumeln. Der Wirt der Gaststätte »Zum Bus« hatte bereits Stehtische aus Plastik auf den kleinen Platz zwischen Eingang und Bushaltestelle getragen, was immer ein sicheres Zeichen dafür war, dass es bald losgehen würde.
Eine Stunde vor dem offiziellen Beginn zogen zwei Mitglieder des Schützenvorstands los, um unter den Ortsschildern einen Pappkarton zu befestigen, der die Durchreisenden vor einem zwei Tage währenden Ausnahmezustand warnte: »Achtung Schützenfest!« Die kleinen Kinder des Dorfes rannten daraufhin mit dem begeisterten Ausruf »Es geht los! Es geht los!« durch alle vier Straßen Waldhagens. 
Als Frederik die aufgeregten Kinder hörte, dachte er, die Welt habe sich gegen ihn verschworen. Was er kaum hatte erwarten können, erfüllte ihn nun mit Traurigkeit. Gleich würde es anfangen, und wieder war er nicht dabei. Gemeiner konnte das Leben nicht sein.
Er hatte schon häufiger unter der Unzuverlässigkeit seiner Mutter gelitten, etwa wenn er als einziges Kind nicht von einer Geburtstagsfeier abgeholt wurde und von anderen Eltern nach Hause gebracht werden musste. Bisweilen genehmigte sich Elvira Kallenberg Auszeiten von den täglichen Pflichten. Einer solchen Auszeit musste nun seine Schützenjacke zum Opfer gefallen sein, obwohl seine Mutter erst vor zwei Wochen mit einem Band seinen Oberkörper vermessen und ihm versichert hatte, er werde der stolzeste Schützenjunge des ganzen Festes sein. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie wohl tatsächlich daran geglaubt.
»Nicht traurig sein«, sagte sie nun, als sie im Hausflur standen, Frederik mit Anorak statt Schützenjacke, seine Mutter in ihrem schönsten Kleid, dem geblümten, das sie sonst nur an Sonntagen trug. »Nächstes Jahr ist auch wieder ein Fest«, sagte sie. Sie warteten darauf, dass Frederiks Vater vom Frühschoppen aus der Gaststätte »Zum Bus« zurückkam, mit dem die Männer des Dorfes jedes Jahr das Schützenwochenende einläuteten. Danach holten sie ihre Familien zu Hause ab, um gemeinsam zur großen Versammlung unter dem Maibaum in der Dorfmitte zu laufen ...

Autor

Markus Feldenkirchen, 1975 in Bergisch Gladbach geboren, studierte in Bonn und New York und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Seither arbeitet er als Redakteur und Reporter in Berlin, zunächst beim »Tagesspiegel«, seit 2004 beim »Spiegel«, mittlerweile als Autor für Deutsche Po [...]

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Presse

Die Zeit

»Max Weber hätte seine Freude an dem Mann, von dem der kürzlich erschienene Roman des Spiegel-Reporters erzählt.«

WDR4

»KEINE EXPERIMENTE ist ein schonungsloser, aber auch berührender Roman um einen innerlich zerrissenen Helden und seinen Kampf um seine Werte - ein spannender Roman zur perfekten Zeit.«

WDR 1LIVE

»Eine richtig witzige, aber auch kluge und einfühlsame Tragikomödie.«

SZ

»Die hochamüsante Lebensgeschichte eines konservativen Bundestagsabgeordneten.«

Anschauliches