Komplizen

Wenn die Eltern alt werden, verändert sich das Gewicht des Lebens. Umso mehr, wenn die Strecke, die hinter einem selbst liegt, auch schon länger ist als die vor einem.

Alt sind immer nur die anderen, denkt man, bis man miterlebt, wie die eigenen Eltern, scheinbar auf ewig jung und schön, gebrechlich werden. Und sich plötzlich die Frage stellt, wie man die wurde, die man ist. Anuschka Roshani geht dafür in die Geschichte ihrer Eltern zurück, - und versucht zu rekonstruieren, was sie weiß: Von ihrem Vater kennt sie ja nicht einmal sein exaktes Geburtsdatum.

Format

  • Anuschka Roshani – Komplizen
    Roman

    Hardcover
    Format: 12,0 x 19,0 cm , 256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5782-1

    16. März 2018
    20,00 EUR

  • Anuschka Roshani – Komplizen
    Roman

    eBook
    256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9390-4

    16. März 2018
    16,99 EUR

Leseprobe

 

1

Manchmal staune ich über mich. Darüber, dass ich, obwohl nur durchschnittlich hübsch, das Alter als einzige Belästigung betrachte, während sich meine bildschönen Eltern so viel leichter mit dem sichtbaren Älterwerden taten, als sie so alt waren wie ich.

Mir dagegen fällt jedes neue Fältchen unmittelbar nach seinem Entstehen auf. Dem Plissee unter meinen Augen widme ich mich mit wissenschaftlicher Akribie und einem Vergrößerungsspiegel für den Heimgebrauch – und bei diesen Untersuchungen meine ich sogar, eindeutig festgestellt zu haben, dass meine rechte Körperhälfte wie durch eine besondere Form von schwarzer Magie schneller altert als die linke. Außerdem nerve ich meinen Mann in regelmäßigen Abständen mit der Frage, ob ich jünger aussehe als die gleichaltrige X oder Y. Ich verberge den flehenden Unterton gar nicht mehr vor ihm, wenn er mir um meines Seelenheils willen bestätigen soll, dass ich um Längen jünger aussehe. Selbst Ausrufe wie »gar kein Vergleich mit dir!« habe ich beschlossen, ihm gänzlich unironisch abzukaufen.

Noch mit Anfang dreißig wurde ich von älteren Leuten häufig für eine frischgebackene Abiturientin gehalten. Nannte ich ihnen daraufhin mein Alter, folgte unweigerlich der Satz: Später würde ich froh sein, so viel jünger geschätzt zu werden.

Ich hatte diesen Satz so oft gehört, dass ich anfing, ihn zu glauben, gefährlicher noch, ihn als normalen Umstand meiner noch sehr fernen Stunden zu betrachten. Was für eine naive Schnepfe war ich bloß, anzunehmen, daran würde sich nie etwas ändern?

Es muss mit meinem nicht in gleichem Maße gealterten Selbstbild zu tun haben, dass es mich beinahe bestürzt, wenn man seit Jahren auf die Nennung meines Alters höchstens mit freundlicher Kenntnisnahme reagiert. Niemand sagt mehr völlig entgeistert zu mir, was denn, so alt bist du schon?

Und ich sehe es selbst: Ich sehe aus wie eine Frau Anfang fünfzig.

Als ich mal mit meinem Mann ausging und auf die verspiegelte Wand hinter dem Bartresen schaute, passierte es mir, dass ich mich für den Bruchteil einer Sekunde wie eine Fremde musterte. Mir huschte die komische altmodische Redewendung »Eine Frau in mittleren Jahren« durch den Kopf.

Eine gleichaltrige Zürcher Freundin von mir formulierte die Bewandtnis unseres Alters schärfer: Sie schrieb mir aus ihren Ferien in Barcelona, dass sie sich dort endlich einmal nicht wie »ein Regenschirm« fühle, sondern als Frau wahrgenommen, auch wenn sie die viel beschworene Blütezeit hinter sich hat. Mir fiel dazu ein, dass die Autorin Birgit Vanderbeke in irgendeinem ihrer Romane geschrieben hatte, dass sie sich über Bauarbeiter, die ihr als junges Mädchen hinterhergepfiffen hatten, aufgeregt habe, um mit vierzig erschrocken dahinterzukommen, dass ihr diese zweifelhafte Anerkennung auf einmal abging.

Und trotzdem gelingt es mir ab und zu, die scheinbar über Nacht eintretenden Veränderungen in meinem Gesicht mit der Forscherfaszination meines früheren Zoologie-Professors anzuschauen, der über Jahrzehnte den Mikrokosmos Kuhfladen untersuchte. Oder über meine Derrick-Tränensäcke an manchen Morgen zu lachen, auch wenn Horst Tappert mit seinen wenigstens Geld verdiente. Mir das Lachen nicht zu verkneifen, obwohl sich die Haut dabei besonders unter den Lidern kräuselt, als wäre ich als kostbare Craquelé-Keramik wiedergeboren.

Als ich noch in dem Alter war, in dem mir das Alter weit weg erschien – alt immer nur die anderen waren –, da ging ich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit davon aus, dass meine Eltern, die seit jeher für ihre Schönheit bewundert wurden, sich als Diven aufführen würden, sobald die Jahre ihre Reize dahinschwinden ließen. Anzeichen dafür gab es genug.

Mein Vater muss schon an die siebzig gewesen sein, als er sich am Steuer seines Autos zu mir im Fond wandte und klagte: »Nach mir sehen sich mittlerweile nur noch Dreißigjährige um!«

Ich erwiderte lapidar: »Eigentlich ja nicht so schlecht für einen fast Siebzigjährigen.« Worauf mein damals ungefähr zwölfjähriger Halbbruder mit der Empörung eines Kindes, das eine kolossale Ungerechtigkeit wittert, ausrief: »Aber Papa ist doch nicht mal fünfzig!«

Er hegte nicht den leisesten Argwohn gegen seinen Papa. Denn er hatte schlicht keine Ahnung, dass der erst mit 58 Jahren sein Vater geworden war.

Mit seiner Ahnungslosigkeit befand sich mein Halbbruder in bester Gesellschaft. Weder die zweite Frau meines Vaters noch die Berliner Freunde kannten sein wahres Alter; sie alle dachten, er sei mindestens zwanzig Jahre jünger. (Wie in dieses zwanzig Jahre kürzere Leben so viel Leben gepasst hatte, fragte keiner.) Das Herrschaftswissen um sein wahres Alter teilten meine Mutter, meine Schwester und ich ...

Autor

ANUSCHKA ROSHANI ist 1966 in Westberlin geboren, studierte Verhaltensbiologie und besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule, bevor sie viele Jahre Redakteurin und Reporterin beim Spiegel war. Seit 2002 lebt sie mit ihrer Familie in Zürich, wo sie für »Das Magazin« arbeitet. Bei Kein & Aber hat si [...]

mehr zum Autor

Presse

chrismon

»Ein herzergreifendes, komisches und zugleich ernstes Portrait«

Madame

»Anuschka Roshani erzählt nicht nur brilliant von ihrer Kindheit in den Siebzigern, sondern reflektiert auch anrührend das Älterwerden der Eltern...und ihr eigenes.«

Brigitte

»Nach der ersten Seite erliegt man dieser begnadeten Erzählerin - und ihren charismatischen Eltern.«

Elke Heidenreich

»Was für ein kluges, warmherziges, zauberhaftes Buch, in diesem Frühling eines der schönsten.«

Tages-Anzeiger

»Es ist ein wirklich gutes Buch.«

NDR

»Das ist sehr liebevoll geschildert, teilweise auch sehr komisch.«

SPIEGEL

»Man folgt den präzise formulierten Sätzen wie der Entwicklung eines existenziellen Thrillers, in dem es weniger um einen speziellen Fall als vielmehr um alles geht. Anuschka Roshanis "Komplizen" ist ein Meisterwerk.«

Brigitte wir

»Anuschka Roshani hat ein bewegend-amüsantes Buch über ihre Eltern geschrieben. Und klärt darin die Frage, wie sie wurde, was sie ist.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

»Es gibt Bücher, die will man allein schon ihres Covers wegen mögen. Eine Geschichte, die um diese beiden Figuren kreist, kann gar nicht langweilig werden. Und sie wird es auch nicht.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

»Nicht jedes Leben ist für Fremde spannend, vor allem aber können nur sehr wenige so erzählen, dass es das wird. Genau das kann Anuschka Roshani.«