Kreuzfahrt

Mireille Zindel

Meret und Dres, Jan und Romy. Zwei Paare, bei denen sich Ernüchterung eingestellt hat – bis sich Meret und Jan ineinander verlieben. Ein scharfsinniges, raffiniertes Kaleidoskop über alle Facetten des Liebens, das durch seine sprachliche Finesse und sein unvergleichliches Einfühlungsvermögen besticht.

Es war, als hätten wir schon immer gewusst, dass wir uns treffen würden.« Ein Sommer in Ligurien, Meret und Jan begegnen sich zum ersten Mal, beide sind verheiratet und haben kleine Kinder, beide haben ihre Familie am Strand zurückgelassen, um allein zu sein, da tun sich plötzlich neue Möglichkeiten auf. Als Jans gelangweilte Frau Romy dafür sorgt, dass sie immer mehr Zeit zu viert verbringen und, zurück in ihrer Heimatstadt, sogar Nachbarn werden, wird die gegenseitige Anziehung zwischen Meret und Jan zu einer Liebesgeschichte. Hat sich Romy das gewünscht, um Jan durch Merets Augen wieder begehren zu können? Hat Dres seine Frau unwiderruflich verloren? Was ist es, wonach die vier wirklich suchen? In einem langen Brief an Jan schreibt Meret ihre ganze Geschichte auf, die nicht länger als ein Jahr gedauert hat, und beginnt diese dabei immer besser zu verstehen.

Format

  • Mireille Zindel – Kreuzfahrt
    Roman

    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 288 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5737-1

    19,90 EUR

  • Mireille Zindel – Kreuzfahrt
    Roman

    eBook
    288 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9326-3

    15,99 EUR

Leseprobe


SOMMER

 

Jan, ich saß auf der Terrasse mit den steilen Klippen direkt unter mir und schaute über das Meer hinaus in die Ferne, als ich mich plötzlich umdrehte, aus keinem bestimmten Grund, wie mir war, und dich zum ersten Mal sah.
 

Die Küstenbrandung war so stark, dass ich dich nicht hatte kommen hören, ich hatte auch niemanden erwartet, nicht einmal den Kellner, denn nur zum Trinken war ich in dieses abgehalfterte Lokal gekommen, und das Glas hatte ich bereits vor mir stehen, kalten Wein, Meer und Wein, das erschlug mich so weit, wie ich es gerade noch ertragen und meine Sorgen dabei vergessen konnte, da standest du plötzlich auf der Terrasse, wir waren die einzigen Gäste, du kamst zu mir, als würden wir uns kennen, als hättest du keine Wahl trotz einem Dutzend freier Tische um uns herum, du sahst mich an, und das war schon alles, was es brauchte, um zu verstehen, Jan.
 

Du warst groß, hattest glattes, blondes Haar und außerordentlich helle, blaue Augen. Ich wunderte mich nicht über dich, über jeden anderen hätte ich mich gewundert,

der wie selbstverständlich an meinen Tisch kommt und mich bewegungslos, mit großen Augen anschaut, bei dir aber war es, als hätten wir schon immer gewusst, dass wir uns treffen würden, und du sahst, dass ich mich nicht wunderte, also setztest du dich, und so begann unsere Geschichte.
 

Es kam mir wie ein Verbrechen vor, mit dir am selben Tisch zu sitzen. Zu unseren Füßen ein Strand mit bunten Schirmen und unter einem dieser Schirme Dres und die

Kinder.

Ich war in dieses Lokal gekommen, um für mich zu sein, abseits der Familie. Dres und die Kinder waren am Strand geblieben, von wo aus sie das Restaurant sehen konnten, vielleicht auch uns sehen konnten, schemenhaft, klein, unerreichbar weit weg.
 

Du begannst zu reden. Rückblickend ist mir, als hätte ich dich gar nicht gehört, als hätte ich im Grunde nicht dich gehört, wenn du sprachst, sondern nur das Wasser, und trotzdem verstand ich alles, was du sagtest, denn was du sagtest, stimmte mit dem, was das Meer mir zu sagen hatte, überein, und das empfand ich als Glück, als alles einnehmendes Glück, ich verbrachte den glücklichsten Moment seit Langem mit dir in jenem Lokal, auf eine gewisse Weise umnachtet, umnachtet im grellsten Sonnenschein, denn das konstante Rauschen des Meeres hatte etwas Einschläferndes, und heute ist mir sogar, als hätte dieser Moment

mein ganzes Leben ausgemacht, denn wovon ich nachts träume, sind diese wenigen Augenblicke mit dir am Meer, und wie du reden konntest, ohne dass ich hinzuhören brauchte, weil ich bereits alles wusste. Und plötzlich wollte ich für immer da bleiben, in diesem unmöglichen italienischen Kaff, an dieser hässlichen Küste mit diesem lauten Meer, nur um bei dir zu sein, Jan.
 

»Ich heiße Meret.«

»Jan.«

Haben wir so etwas zueinander gesagt?
 

»Vom Meer aus gesehen müssen wir winzig klein sein, nichts als ein verschwindend kleiner Punkt.«

Ich wunderte mich über deine Perspektive: Vom Meer aus gesehen …

Ich schaute dich an und dachte nach.

Ich sah, wie sich an Bord weißer Schiffe elegante Passagiere dem Wind aussetzen, statt sich  vor ihm zu schützen. So heiß ist es. Tödlich heiß. Dann taucht hinter der Erdkrümmung ein Strand mit bunten Schirmen auf. Ein schwarzer Felsen unter blauem Himmel. Und auf dem

schwarzen Felsen? Nichts. Oder haben sie sich getäuscht? Ist da winzig klein … ein Lokal? Zwei Menschen? Schwierig zu sagen.
 

Du hattest einen Tick, du presstest die Augen zu, immer wieder, ich vermutete, um deinen Blick zu lockern, diesen Blick, der alles durchbohrte. Du trugst ein ärmelloses T-Shirt und Shorts, was dir eine lockere Erscheinung verlieh. Deine Augen aber strahlten etwas anderes aus, etwas Ehrgeiziges, Kühles.

Wir fanden heraus, dass wir in derselben Stadt und nur wenige Häuser voneinander entfernt in derselben Straße wohnten. Wir nahmen es zur Kenntnis, als wäre es nicht überraschend, als wäre die Welt ohnehin nicht größer als Zürich, unser Quartier, unsere Straße, als wären du und ich die Einzigen im Universum.
 

Aber Jan und Meret, das hätte noch keine Geschichte gegeben, wäre da nicht unter einem der Schirme noch Dres gewesen, Dres, der auf einem roten Strandtuch saß und auf dasselbe Meer hinausschaute wie du und ich, im selben Augenblick, aber mit anderen Sorgen. Jan, Meret und Dres, davon handelt diese Geschichte, Jan, Meret und Dres und außerdem noch Romy, und trotzdem dauert sie nicht lange, diese Geschichte.
 

»Seltsam, dass wir uns nie zuvor begegnet sind. Am Wochenende bin ich oft im Park.«

Nach einem winzigen Zögern fuhrst du fort: »Hast du Kinder?«

»Zwei Söhne. Sie sind drei und vier Jahre alt. Wir sind selten im Park. Früher ja. Aber jetzt nicht mehr. Es ist Schluss. Ich nehme sie mit in die Stadt. Wir gehen Kaffee trinken, Bücher kaufen … Wir tun Dinge, die mir gefallen.«

»Ich habe auch zwei Söhne, drei und fünf Jahre alt. Sie sind am Strand.«

»Ein scheußlicher Strand.«

Du folgtest meinem Blick über Liegestühle, Bars und Häuschen überall, schienst meine Verachtung aber nicht zu teilen. Natürlich, du warst Schwede, du warst unkompliziert, du warst zweifacher Vater von schätzungsweise erst fünfunddreißig Jahren, du warst …

Autor

Mireille Zindel, 1973 geboren, Germanistin und Romanistin, arbeitet als Autorin und lebt in Zürich. Ihre beiden ersten Bücher »Laura Theiler« und »Irrgast« wurden von Presse und Publikum begeistert aufgenommen und mit Preisen ausgezeichnet.

mehr zum Autor

Presse

Südostschweiz

»Am liebsten würde ich mit dem Lesen gleich nochmal von vorne beginnen[…]. Lesenswert auf jeden Fall!«

SRF 1

»Ein Brief, der die Liebe weiterleben lässt und ihr ein würdiges Denkmal setzt.«

buchrevier

» (...) in diesem Buch kann man herrlich schwelgen. In Gefühlen und vor allen Dingen in schöner Sprache.«

ZÜRITIPP

»Mit der Zeit versteht man, dass ›Kreuzfahrt‹ ebenso sehr ein Roman über das Erzählen ist wie über die Liebe.«

DIE WELTWOCHE

»Die Zürcher Schriftstellerin Mireille Zindel erzählt mit ›Kreuzfahrt‹ die berührende Geschichte einer alltäglichen Beziehungskiste.«

buchjournal

»Das ist ein Roman der einem nahegeht, weil er intelligent und mit großem Feingefühl von der Liebe in all ihren Facetten erzählt.«

Anschauliches