Das Leben hat Sus oft herausgefordert, so oft, dass jetzt sie das Leben herausfordert: In selbst auferlegten Tests lotet sie mal ihre eigenen Grenzen aus, mal die Grenzen anderer. Akribisch und schonungslos bereitet sie sich vor. Sus hat eine Mission. Jonas T. Bengtsson, Autor des SPIEGEL-Bestsellers Wie keiner sonst, leuchtet die menschlichen Abgründe meisterhaft aus und erzeugt so einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Trotz ihrer neunzehn Jahre sieht Sus immer noch aus wie ein Kind. Doch ihr Aussehen täuscht – sie ist Gelegenheitsdealerin, ihr Vater sitzt im Gefängnis, ihr Bruder liegt im Koma. Sus ist allein in dieser Welt, und sie ist es doch nicht. Aber sie ist ein Kugelfisch: eine Gefahr für jeden, der ihr zu nahe kommt. Eine harte und unverstellte Geschichte über die sozial benachteiligten Viertel unserer Städte, die zugleich auf mitreißende Weise davon erzählt, was das Menschsein ausmacht.

Format

  • Jonas T. Bengtsson – Kugelfisch
    Roman

    Original: Sus

    Aus dem Dänischen von Frank Zuber
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 192 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5764-7

    04. Oktober 2017
    18,00 EUR

  • Jonas T. Bengtsson – Kugelfisch
    Roman

    Original: SUS

    Aus dem Dänischen von Frank Zuber
    eBook
    192 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9365-2

    04. Oktober 2017
    14,99 EUR

Leseprobe

1.

Sus schläft unruhig und hat sich wieder im Laken verwickelt, sie fällt fast aus dem Bett, als sie sich aufsetzt. Sie zieht die Trainingshose an. Es klingelt noch einmal. Im Flur stolpert sie über die Schuhe. Verdammte Scheißstiefel.

Sie reißt die Tür auf. Draußen stehen zwei Polizisten, ein junger und ein alter. Der alte heißt Ivertssen, sie hat ihn lange nicht gesehen.

»Ist mein Bruder tot?«, fragt sie.

»Nein … nicht, dass wir wüssten«, sagt der junge Polizist.

»Wir sind nicht wegen Peter hier«, sagt Ivertssen. »Wir haben nur ein paar Fragen.«

»Und die muss ich beantworten?«

»Du kennst die Spielregeln«, sagt Ivertssen.

»Schon verstanden. Ich muss überhaupt nichts sagen, aber dann schleppt ihr mich aufs Revier und vergesst mich da, und dann glotze ich sechs Stunden lang die Wände an und sitze mir den Arsch wund.«

Ivertssen lächelt. »Ich sagte doch, du kennst die Spielregeln.«

»Wir wollen wirklich nur kurz mit dir reden«, sagt der junge Polizist. Man sieht ihm an, dass er sich das hier anders vorgestellt hat. Er tut Sus fast leid, aber auch nur fast. Sie hat ihn schon einmal gesehen, unten auf dem Parkplatz, wo er sich wie ein Kinderschänder herumdruckte. Wenn sie sich nicht irrt, hat er Ivertssens alten Job übernommen.

»Ihr wollt also nur ein bisschen reden?«

»Ja.« Der junge Polizist streckt die Hand aus, sie nimmt sie nicht. Er zieht sie zurück, lächelt aber weiter.

»Ich heiße Robert«, sagt er.

»Dann rede, Robert.«

»Dürfen wir vielleicht einen Augenblick reinkommen?«

Ivertssen sieht sie nur an, er muss es nicht sagen, sie kennt ja die Spielregeln. Sie konnte es ihnen ohne Weiteres verbieten, aber wenn sie reinwollen, kommen sie auch rein. Sie brauchen nur einen »begründeten Verdacht«. Und dann würden sie auch irgendwas finden, wenn sie die Wohnung auseinandernehmen. In diesem Viertel findet man immer irgendwas.

Sus dreht sich um und geht über den Flur. Sie hört, wie sie hinter ihr über die Schwelle treten. Wie Vampire, die in ein Haus eingeladen wurden und von da an kommen und gehen, wie es ihnen passt. Erst da fallen ihr die Messer ein. Sie hat viele. Das Jagdmesser oder der große Dolch, den sie neulich geschliffen hat, könnten noch auf dem Sofatisch liegen. Sie ist sich nicht sicher, ob sie legal sind. Auf die Straße dürfte sie jedenfalls nicht mit ihnen gehen. Alle sind über sieben Zentimeter lang, und die Klappmesser haben feststellbare Klingen, es klickt, wenn man sie öffnet, und manche sind Einhandmesser – ja, sie kennt die Gesetze ziemlich gut, aber sie weiß nicht, ob sie auch in der Wohnung gelten. Man darf ja wohl große Küchenmesser haben. So was musste sie wissen, sie musste die Spielregeln kennen. Wie konnte sie so blöd sein? Fuck, fuck, fuck, denkt sie und hofft, dass sie es nicht laut sagt. In letzter Zeit ist sie viel allein gewesen. Als sie ins Wohnzimmer geht, dämmert es ihr, dass die Messer vielleicht nicht ihr größtes Problem sind.

Der Aschenbecher ist voll mit Jointstummeln. Man könnte sie auch für Reste von selbstgedrehten Zigaretten halten, aber der Geruch ist eindeutig. Die Wohnung muss nach Hasch stinken, sie weiß nicht mehr, wann sie zuletzt gelüftet hat. Dass auf dem Tisch kein Zigarettenpapier, Alufolie oder ein paar Klumpen liegen, ist reiner Zufall. Sie schaut sich schnell um, es konnte schlimmer sein, und vielleicht ist es ihnen auch egal. Ivertssen hat noch nie jemanden für ein bisschen Piece eingelocht, sonst würde er nichts anderes tun.

Sus sinkt auf das alte Ledersofa. Ivertssen setzt sich auf den verbeulten Sessel gegenüber. Mehr Sitzmöbel gibt es nicht, der Polizist namens Robert bleibt stehen und sieht etwas verloren aus.

»Ich dachte, du arbeitest nicht mehr hier«, sagt sie zu Ivertssen und findet selbst, dass sie entspannt klingt.

»Tu ich auch nicht. Ich bin jetzt in der Sondereinheit Bandenkriminalität.«

»Gut, dass ihr mich endlich geschnappt habt, ich leite nämlich ein riesiges Drogenkartell, und das hier ist die Zentrale.«

»Ja, endlich haben wir dich.« Ivertssen grinst, und sie grinst mit ihm.

Als Sus noch ein Kind war, hat Ivertssen die Präventions- und Integrationsarbeit im Block geleitet. Er sollte mit den Jugendlichen zusammenarbeiten, eine Art Polizeipädagoge, der die Rowdys in den Griff bekommt, bevor sie zu Kriminellen werden. Für Sus war er eher ein Sheriff in einer dreckigen Westernstadt.

»Und was hast du wirklich hier zu suchen?«, fragt sie …

Autor

Jonas T. Bengtsson, geboren 1976, ist Preisträger des renommierten Per-Olov-Enquist-Preises und Autor von vier Romanen. Für Aminas Briefe (2005) wurde er mit dem Dänischen Debütantenpreis ausgezeichnet, es folgten Submarino (2007, adaptiert von Thomas Vinterberg) und der SPIEGEL-Bestseller Wie keine [...]

mehr zum Autor

Presse

Litteratursiden

»Jonas T. Bengtsson kann diese Figuren und Milieus so gut beschreiben wie kein anderer. Das schmerzt wie die Hölle, und es ist zutiefst glaubhaft.«

Nordjyske Stiftstidende

»Kugelfisch ist ein heftiger Adrenalinstoß und der Blick in das Leben eines Mädchens, das durchaus jemandes Realität sein kann. Dieser Roman sollte nicht verpasst werden.«

Die Presse

»Der Däne Jonas T. Bengtsson hat einen ehrlichen Roman geschrieben, ungeschönt und schnörkellos.«

rbb Fritz

»Kugelfisch erzählt von der Härte am untersten Rand der Gesellschaftsschicht und das so atemlos, dass man das Buch erst ganz zum Schluss wieder weglegt.«

Badische Zeitung

»Bengtssons Worte, klein und fest wie Kinderfäuste, trommeln unbeirrt auf uns ein: Und wissen beharrlich jene Stellen zu treffen, die am meisten schmerzen.«

Politiken

»Jonas T. Bengtsson ist ein Meister seines Fachs.«

Weekendavisen

»Dunkel und hard-boiled, geschrieben mit einer nüchternen Direktheit und einer pulsierenden Poesie.«

Jyllands-Posten

»Ein spannender und bewegender Roman über die untersten Schichten unserer Gesellschaft. Jonas T. Bengtsson wendet die Technik der Destillation an, des Minimalismus, und er überrascht den Leser ständig. Ein Roman, der im Kleinen funktioniert, aber auch große globale Themen wie soziale Verarmung streift. Kugelfisch ist nicht nur ein ausgezeichneter, sondern auch ein wichtiger Roman.«