Eine Stimme mit einer unnachahmlichen Originalität: Alexandra Kleemans Welt ist verstörend grell, umwerfend lustig und einmalig verführerisch.

Eine junge Frau kommt kostümiert auf eine Party, die keine Kostümparty ist. Eine andere folgt am Tag ihrer Verlobung einem fremden Schönling in ein Meer voll Quallen. Und hat sich eigentlich schon mal jemand gefragt, warum sich Wattebällchen und weiße Kaninchen so ähnlich sehen? Alexandra Kleeman hat einen besonderen Blick auf die Welt, und besonders in ihren Kurzgeschichten leuchtet dieses Talent auf - gleißend und grell. Sie sind in ihrer Eigenart unwiderstehlich, sie verführen zu einer neuen Perspektive, sie erforschen das gesamte menschliche Leben von Anfang bis Ende.

Format

  • Alexandra Kleeman – Kunstblut
    Erzählungen

    Original: Intimations

    Aus dem Amerikanischen von Guntrud Argo
    Steifbroschur
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5768-5

    5. September 2017
    18,00 EUR

  • Alexandra Kleeman – Kunstblut
    Erzählungen

    Original: Intimations

    Aus dem Amerikanischen von Guntrud Argo
    eBook
    256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9369-0

    5. September 2017
    14,99 EUR

Leseprobe

 

Ein Märchen

 

Ich saß an einem festlich gedeckten Tisch. Ein großer Krug Wasser stand dort, mit verziertem Griff, der aussah, als wäre er aus echtem Silber, da waren Gabeln und Löffel. Es gab Äpfel und kleine, runde Appetithäppchen und eine große, gebratene, tote Gans. So viele Dinge waren da, dass der Tisch unter ihnen verschwand; die sichtbaren Objekte verdeckten noch darunterliegende Speisen, darunterliegendes Tafelgeschirr.

Meine Mutter und mein Vater saßen Seite an Seite am Kopfende der Tafel, und ein Mann, den ich nicht erkannte, saß neben ihnen. Ich saß allein am Ende gegenüber.

Ich betrachtete all die Dinge und versuchte, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen. Warum diese Tafel, warum genau jetzt? Warum diese Dinge und nicht andere? Viele der Sachen waren rund. Nur die Gans nicht. Ich versuchte, ein Objekt nach dem anderen zu betrachten: Gabel, Butter, Spinat, Hand, Serviette, Apfel, Tasse.

In dem Augenblick bemerkte ich, dass von den anderen Tischgästen niemand auf die Tafel oder die Dinge darauf schaute. Sie schauten alle mich an. Sie schauten mich die ganze Zeit an, und es wirkte nicht so, als würden sie demnächst mal woandershin schauen. Sie hatten alle so einen bestimmten Blick. Besonders der Mann. Er sah aus, als würde er einfach nie genug davon bekommen, mich anzuschauen. Seine Augen waren wie zwei identische kleine Steine, das Minimum eines Gesichts, gerade so viel, dass man ein zweites Mal hinsah, um sich zu vergewissern, dass wirklich eins da war. Du wolltest gerade deine Verlobung bekannt geben, half mein Vater mir auf die Sprünge.

Wem?, fragte ich.

Ich hatte ein seltsames Gefühl von Eigentümerschaft über all diese Dinge auf der Tafel, wollte sie aber gar nicht für mich beanspruchen.

Uns allen, sagten sie. Und mit wem?, fragte ich.

Nur mit mir, sagte der unbekannte Mann in dem bis oben zugeknöpften Hemd.

Ich finde es zunehmend schwierig, einfach so über meine Gefühle zu sprechen.

Ich gebe meine Verlobung mit dir bekannt?, fragte ich und zeigte dabei auf ihn. Ja, genau, sagte er und sah glücklich und zufrieden aus. Anscheinend war es unmöglich, die Frage so zu formulieren, dass sie eine vollkommen unzweideutige Antwort zur Folge hätte. Mit wem bin ich verlobt?, fragte ich.

Mit mir, sagte er und sah nicht mehr glücklich und zufrieden aus.

Die ganze Situation fühlte sich so unwirklich an, so entzündlich und gefährlich, wie es nur ging. Sie schien die Kraft aus meinen Worten zu ziehen. Je mehr ich diese Situation annahm, in sie hineinredete, ohne sie anzuschreien, desto mehr machte sie mich zu der Person, nach der sie verlangte.

Hat schon jemand die Gans tranchiert?, fragte ich. Wir sollten sie besser zerlegen, bevor sie kalt wird. Oder zäh. Bevor sie umkippt. Wir sollten etwas tun, bevor sie sich verändert.

Bleib beim Thema, Liebes, und versuch bitte, höflich zu sein, erwiderte meine Mutter. Wir haben gestritten, und es ist nur ein Familienstreit, wenn du mitmachst.

Es gab kein Entrinnen. Türen waren weit entfernt und am Rand des Blickfelds. Ich finde nicht, dass ich vom Thema abweiche, sagte ich, und es ist auch nicht unhöflich. Eine oder beide dieser Thesen werde ich beweisen, sagte ich.

Mein Verehrer blickte auf seine Uhr.

Ich finde, du verkomplizierst hier alles, entgegnete meine Mutter. Ich glaube, du solltest dich jetzt hinsetzen und die Ankündigung, die du begonnen hast, zu Ende bringen. Es gibt hinterher Eiscreme, und die ist schon in den Schälchen und schmilzt.

Es klingelte, und ich ging zur Tür.

Draußen stand ein Mann, der mir fast komplett unbekannt vorkam, wie jemand, den ich vielleicht ein einziges Mal zufällig getroffen hatte. Hi, sagte er. Oh, sagte ich. Wer bist du?, wollte ich fragen. Stattdessen guckte ich ihn nur an, seinen mittelgroßen Mund, seine sehr große Nase, sein normal großes Gesicht.

Ich bins, dein Freund, half er mir auf die Sprünge und streckte mir eine Handvoll Blumen entgegen.

Ich wollte eigentlich genauer nachfragen, aber stattdessen fühlte ich, wie sich meine Bewegungen plötzlich verlangsamten, als wäre ich bis oben hin mit nassem Sand gefüllt worden. Ich dachte an den Menschen nebenan, der sich als mein Verlobter ausgab, und fragte mich, ob ich dafür gemacht war, in dieser Situation zu funktionieren oder sie sonst irgendwie aufzulösen.

Ich erinnere mich an ein Sprichwort, das jemand in die Rinde eines alten Baums geritzt hatte: Ob das Messer in die Melone fällt oder die Melone ins Messer, die Melone zieht den Kürzeren ...

Autor

Alexandra Kleeman, geboren 1986 in Boulder, Colorado, ist Schriftstellerin und Philologin. Sie ist Autorin des Romans A wie B und C, der 2016 mit dem Bard Fiction Prize ausgezeichnet wurde. Ihre Kurzgeschichten und Essays sind in Zeitschriften wie »The New Yorker«, »The Paris Review«, »Zoetrope«, »G [...]

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Presse

Kritische Ausgabe

»Erzählungen und Kurzgeschichten, die voll von Farbe und Energie und Originalität sind und eine enorme sprachliche Kraft entwickeln.«

VOGUE

»Das Beunruhigende ist nicht das Fantastische, sondern das Gefühl von Realität, das noch die aberwitzigsten dieser penibel erzählten Szenen von Selbstauflösung vermitteln.«

Berliner Zeitung

»Ist das Horror oder Humor? Kleemans Kurzgeschichten zeichnen surreal nach, womit die Generation Beziehungsunfähig ganz real zu tun hat.«

vivre avec des livres

»Extravagant, skurril, fantasiereich, anders, unerwartet, reisserisch, provozierend, verwirrend, angsteinflössend, poetisch.«

St. Galler Tagblatt

»Ihr Stil: messerscharf wie eine Glasscherbe, funkelnd wie dieselbige im Sonnenlicht. Da ist nichts zu viel, jeder Satz sitzt, manchmal schmerzhaft tief.«