An den Bruchstellen von Sehnsucht und Begehren

Gerda und Yann sind urbane Thirtysomethings und gerade in ein heruntergekommenes altes Haus am Stadtrand gezogen. Gerda ist arbeitslos, investiert ihre ganze Energie ins Einrichten – und in eine fixe Idee: Sie leistet sich eine imaginäre Affäre. Diese ist erst nur ein Spiel, doch dann beginnt sie, Gerda mit aller Macht zu verzehren. Yann lernt ein rätselhaftes Mädchen voller Forderungen kennen. Und die Nachbarin Valerie, Anfang fünfzig und Journalistin, steht nach einem folgenreichen One-Night-Stand plötzlich vor der Frage, ob das Leben für sie ausgerechnet jetzt noch einmal neu beginnt. Von drei möglichen Liebesgeschichten finden mindestens eineinhalb nur in der Fantasie statt. Doch dann kommt alles zusammen, und aus einem Zufall wird ein Unfall. Mit schonungslosem Blick, Witz und Melancholie seziert Simone Meier den schönen Schein moderner Existenzen und Beziehungen, bis nicht mehr nur die Fassaden bröckeln, sondern das ganze Fundament zu beben beginnt.

Format

  • Simone Meier – Kuss
    Literatur

    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5794-4

    04. Februar 2019
    22,00 EUR

  • Simone Meier – Kuss
    Literatur

    eBook
    256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9406-2

    04. Februar 2019
    17,99 EUR

Leseprobe

 

1


Er starrte auf die Wand der Toilette. Sie war von einem appetitlichen Honig-Vanille-Gelb, und die Größe der einzelnen Kacheln erinnerte an quadratisch geschnittene Karamellbonbons. Bei einer Institutsfeier war er derart betrunken gewesen, dass er daran geleckt hatte, er erinnerte sich an den ätzenden Hauch von Putzmittel auf der Zunge. Jetzt war er nicht betrunken, nur erschöpft. Nicht zuletzt von der Frage, die sich seit Tagen in seinem Kopf festgekrallt hatte: Verwandelte sich etwa jede Hausfrau früher oder später aus Frust in eine perfektionistische Furie? Oder hatte er bloß zu viel schlechtes Fernsehen geschaut?
Yann und Gerda liebten Sendungen mit Auswanderern oder Hausfrauen. Sie liebten es, Menschen dabei zuzuschauen, wie sie ohne Geld, Sprachkenntnisse oder irgendeine andere Fähigkeit alles aufgaben, nur weil sie zu sehr träumten. Von einem Strand, einer eigenen Bar, endlich mehr Zeit, endlich neuen Tattoos. Meist war Mallorca ihr Ziel. Und nach ein paar Monaten mussten sie verschuldet, desillusioniert und tätowiert zurück in eine alte Heimat ohne weiteren Ausweg. Trotzdem hatten sie etwas gewagt. Wenn auch das Falsche.
Die Welt der Fernseh-Hausfrauen war traumlos und schlicht. Sie unterstützten ihre Töchter bei der Wahl des Hochzeitskleides oder verausgabten sich im Wettbewerb um die schönste Torte. Sie waren unausgefüllte Bestien der Biederkeit und entschädigten sich mit maßloser Pedanterie. Gerda war eine Hausfrau. Yann fragte sich, ob er daran schuld war. Ob er seine Unterschrift zu voreilig unter den Mietvertrag für das Haus gesetzt hatte. Ob er Gerda ins Hausfrauendasein hineingetrieben hatte. Schnell drückte er die Toilettenspülung und versuchte, die Frage zu entsorgen. Aber konnte man eine Frau, die nichts anderes tat, als sich mit dem eigenen Haus zu beschäftigen, etwa nicht als Hausfrau bezeichnen? Und wie kam er auf die Idee, Gerda sei frustriert? Vielleicht war sie ja glücklich.
Ihm war, als würden seine Gedanken Lärm machen. Sich durch die Tür der Toilette fräsen und kreischend in dem gelb gekachelten Raum kreisen. Sich im ganzen Institut verbreiten, bis alle wüssten: Yanns Frau macht keinen unbezahlten Urlaub, wie sie behauptet, Yanns Frau ist in Wirklichkeit arbeitslos, und weil sie für den Arbeitsmarkt nicht taugt, ist sie jetzt eben Hausfrau. Yanns Frau macht nichts, als seine Socken zu waschen, für ihn zu kochen, das Haus zu putzen, seinen Abfall und ihre Wünsche zu beseitigen. In Ermangelung
von Sinnvollerem. Hoffentlich wird sie bald schwanger, würden sich seine Institutskollegen denken, dann hätte sie wenigstens ein Kind. Dann könnte sie sich wenigstens als Mutter und Hausfrau bezeichnen.
Und wenn sie es schon jetzt dachten? Egal. Er liebte Gerda. Keinen Tag hatte er in den drei Jahren ihrer Beziehung daran gezweifelt. Sie war noch immer die bezauberndste Frau, die sich jemals in sein Leben verirrt hatte, ein Rätsel, doch ein lichtes Rätsel, nicht ganz durchschaubar, aber grundsätzlich von dieser sonnigen Unbeschwertheit, die junge Floristinnen oder Cafébesitzerinnen in romantischen Filmen ausstrahlten. Er war überzeugt, dass ihre Erwerbslosigkeit bald vorübergehen würde, weil er sie für geschickt hielt, für kompetent, wenn er eine entsprechende Stelle zu vergeben hätte, Gerda würde sie bekommen. Und obwohl sie schon ohne Job gewesen war, als sie im Sommer aus der Innenstadt in das Haus am Stadtrand gezogen waren, hatte er daran geglaubt, dass ihr Glück nun wachsen könne. Ein Glück so groß wie ein Haus, hatte er sich vorgestellt, dabei hatte das Haus genauso viele Quadratmeter wie seine alte Wohnung, nämlich zweiundachtzig. Auf zwei Stockwerke verteilt. Ein süßes kleines Haus, das letzte in einer von zwölf Reihen mit je acht Häusern. Eins von sechsundneunzig Häusern also. Wer zu Geld gekommen war, kaufte sich jetzt eins dieser alten Arbeiterhäuser, man konnte sich darin eins fühlen mit den Familien, die früher hier gewohnt hatten, den Fabrikarbeitern aus Italien, deren Kinder die Gärten und die gelben Kieswege belebt und mit Holzreifen und Bällen gespielt hatten. Jedenfalls stellte Yann sich dies gerne vor, denn das taten Arbeiterkinder doch immer auf alten Fotos. So ein Haus war eine Oase, nicht nur, weil das Grün und der Fluss nahe lagen, sondern auch eine Oase der Erinnerung an eine Zeit voller Genügsamkeit und Bescheidenheit. Die neuen Hausbesitzer richteten ihre Küchen mit handgefertigten Kacheln aus Portugal und Küchenzeilen aus England ein, und in den Gärten entstanden riesige Plateaus aus Echtholzbalken, schließlich konnte man einen dänischen Designerstuhl nicht einfach ins Gras stellen. In Gemüserabatten, die von Gartenarchitekten angelegt wurden, wuchsen ausschließlich vom Aussterben bedrohte Tomaten, weißbäuchige Auberginen und winzige, aromatische Kartoffeln, die aussahen wie altmodische Kommas.
Gerdas Komma-Kartoffeln würden gewiss die schönsten, obwohl sie das Beet selbst ausgesteckt und keine Ahnung von der gartentechnisch so unverzichtbaren Grundlagenforschung zur optimalen Sonneneinstrahlung hatte. Gerda war die virtuoseste Hausfrau, die er kannte. Als er am Morgen zur Arbeit aufgebrochen war, hatte sie im Wohnzimmer vor einer Ecke gestanden und gesagt: »Das ist ja nicht zum Aushalten!«
»Wie, nicht zum Aushalten?«, hatte er gefragt. »So Feng-Shui-mäßig?«
»Das vielleicht auch, aber die Raumproportionen stimmen nicht, da muss irgendwas hin, und zwar exakt auf dieser Höhe.« Sie zog mit ihrer Handkannte eine Linie von ihrem Schlüsselbein zur Wand.
»Ist das nicht zu tief für ein Bild?«
»Davon verstehst du nichts, geh Geld machen.«
Wenn er am Abend nach Hause kam, würde sich der Raum kaum wahrnehmbar verändert haben, sie hätte eine Wand leicht anders gestrichen, etwas aufgehängt, einen Tapetenstreifen geklebt, alles wäre stimmiger, anmutiger, aufregender. Und ohne es zu wollen, dachte er: Das also war es, was Großvater früher meinte, als er vom Feierabend schwärmte. Vom Heimkommen.
Trotzdem hätte er zu gern gewusst, was in ihr vorging, wenn sie sich stur vor eine Wand stellte oder wenn ihr über einem seiner vielen kleinen Häufchen – aus Zeitungsartikeln, Büchern, Sitzungspapieren – fast die Tränen kamen. Ob das vielleicht der Anfang einer Depression war? Er ließ sie dann lieber in Ruhe, sie dekorierte die Wand, verschob das Häufchen und wurde wieder zur normalen Gerda, die im Haus so viel Beschäftigung fand, dass sie sich keine Sorgen über ihre Lage machte. Wobei die Lage ja gar keine war. Er verdiente genug, und das Haus schien Gerdas Berufung zu sein. Es war bloß kein Modell, das man jetzt, nach rund einem Fünftel des einundzwanzigsten Jahrhunderts, noch zu vertreten wagte.
Er erinnerte sich sehr gut: Ein uralter Onkel hatte seiner Schwester zu ihrem achten Geburtstag einen Schal mit Ponys drauf geschenkt, die Schwester hatte sich gefreut und den Schal auseinander- und wieder zusammengefaltet, immer wieder, und der Onkel hatte gesagt: »Man muss den Weibern einfach was zum Aufräumen geben, damit sie zufrieden sind.«
Er hatte sich für den Onkel geschämt und sich neben seine Schwester gekniet und mit ihr den Schal minutenlang auf- und zugefaltet. Aber was, wenn der Onkel recht hatte? Nicht richtig recht natürlich, aber in Spurenelementen?
Yann war ein guter Mann, das nahm er für sich in Anspruch. Er war monogam, auch im Kopf, hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern, bezahlte noch immer Kirchensteuer, um seiner Familie einen Gefallen zu tun, und unterstützte die Frauenquote. Er aß am liebsten  Gerichte aus Ländern, die an Meere grenzten, schaute gerne skandinavische Serien und mochte alle Bücher von Haruki Murakami. Ikea fand er gut wegen der witzigen Werbung, H & M dagegen schlecht wegen der sexistischen Kampagnen und der Kinderarbeit. Trotz der gefährdeten Vögel befürwortete er die Windenergie. Die Vögel mussten sich eben wie jedes Lebewesen an die Windräder gewöhnen, die waren ja nicht dumm. Der Fortschritt kam schließlich auch ihnen zugute. Als Sohn eines Eisenwarenhändlers unterstützte er den Einzelhandel und das Handwerk. Er bewunderte Bauern und Bauarbeiter, aber nicht in einem konservativen Sinn. Viele dachten ähnlich wie er.
Yann war achtunddreißig. Er fühlte sich grundsätzlich unschuldig. Irgendwann wollte er Kinder. Doch diese Entscheidung würde am Ende nicht bei ihm liegen, sondern bei Gerda. Ein wenig hoffte er, dass sie den aktuellen Zeitpunkt für günstig hielt. Er wollte kein alter Vater werden. Aber wenn sie sich lieber in ihrem Job verwirklichte, würde er ihr nicht im Weg stehen. Falls sie denn wieder einen Job finden würde. Woran er nicht zweifelte. Die Notlüge mit Gerdas unbezahltem Urlaub war seinen Arbeitskolleginnen und -kollegen gegenüber unvermeidbar gewesen. Schließlich stand Yann für die Auflösung dessen, was Gerda gerade lebte. Eine Frau, vom Ernährer ausgehalten im Haushalt.
Vor Kurzem hatte er seine Eltern gefragt, was denn das Geheimnis ihrer stabilen, jahrzehntelangen Ehe sei. Der Vater hatte nichts geantwortet und zur Mutter geschaut, und diese hatte in einer ihrer blumigen Reden Zuflucht gesucht, bei denen Yann sich nie ganz sicher war, wie viel tatsächlich der gelebten Wahrheit und wie viel den Wünschen seiner Mutter entsprach.
»Eine Beziehung«, hatte sie gesagt, »ist wie eine Bibliothek voller Romane. Die einen sind Meisterwerke, die andern nicht, die einen sind leichter, die andern schwerer. Das sammelt und stapelt sich mit den Jahren, bei manchen hast du Lust, noch einmal darin zu blättern, und andere schmeißt du weg, weil du sie schon viel zu gut kennst und nicht mehr lesen magst.«
»Welchen hast du zuletzt weggeschmissen?«, wollte Yann wissen.
»Frag nicht«, sagte die Mutter und schwieg.
Natürlich hätte er es viel zu gerne gewusst. Was denn ein schlechter Roman zwischen zweien gewesen sein könnte, die seit so langer Zeit jeden Tag und jede Nacht miteinander verbrachten. Er versuchte sich zu erinnern, wann es in ihrer Ehe jemals eine Lücke gegeben hatte, in die etwas Störendes hätte eindringen können. Er wusste es nicht. Aber das Bild seiner Mutter gefiel ihm.
Er fragte sich, wie weit seine Beziehungsbibliothek in den drei Jahren mit Gerda schon gediehen war. Er sah einen riesigen Raum vor sich, mit hohen dunklen Regalen, die oben nach Art eines gotischen Kirchenfensters spitz zuliefen, und leer waren bis auf zwei schmale Bändchen, die er kaum finden konnte, weil sie sich zuunterst im hintersten Regal versteckten. Auf einem stand Gerda, auf dem andern Yann, und er fragte sich, ob darin die ineinander verschränkten Geschichten überhandnahmen oder eher die kurzen Einträge von zwei  Menschen, die einander gegenseitig beobachteten. Er schüttelte auch diesen Gedanken ab, drückte sicherheitshalber noch einmal die Klospülung und dachte kurz an das viel zu teure Abendessen mit der Institutsleiterin vom Vortag, an all das Geld, das er schon die diversen Toiletten hinuntergespült hatte. Dann öffnete er die Tür und setzte ein unverfängliches Lächeln auf, das knapp vor einem starren Grinsen endete. Gerade rechtzeitig, bevor er sich selbst im Spiegel über dem Waschbecken begegnete.

 

Autor

Simone Meier, geboren 1970 in Lausanne, ist Autorin und Journalistin – früher bei der »Wochenzeitung« und beim »Tages-Anzeiger«, heute bei »watson« – in Zürich. Sie hat diverse Preise und Stipendien gewonnen. Ihr Romanerstling »Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben« erschien im Jahr 2000. Simone Meier le [...]

mehr zum Autor

Presse

Schweiz am Wochenende

»Simone Meier zieht in ihrem Roman Kuss tief hinein in einen spleenigen Schlund.«

watson

»Kuss hat nichts zurechtgebogen, es zeigt die Menschen in ihrer ganzen speziesbedingten Schrägheit. Und diese bettet Simone Meier dann in feinsinnig gewobene Brokatkissen-Sprache. Eine rasend gute Schreiberin.«

taz

»In Kuss werden Beziehungsgeflechte und Netzwerke des Liebens überzeugend durchgespielt. In diesem Roman arbeitet die Autorin starke literarische Motive heraus.«

emotion

»Schon lange habe ich nicht mehr so pointenreiche und dabei pointierte Beobachtungen gelesen. Wie Meier hinbekommt, dass man all ihre Protagonisten genauso oft schütteln wie in den Arm nehmen möchte, ist grandios.«

St.Galler Tagblatt

»Im Roman Kuss schafft Simone Meier ein Netz von Figuren,die sich unterschiedlich recht und schlecht in einer genderdestabilisierten Welt durchschlagen.«

Tages-Anzeiger

»Simone Meier ist Expertin für alltagskulturelle Scheinwelten. Ihr Sittenspiegel aus dem Kreativmilieu hat Unterhaltungswert. Liest man gern.«

DONNA

»Entlarvend.«

Ruhr Nachrichten

»Humorvoll seziert die Autorin moderne Beziehungen und Lebensmodelle.«

petra

»Ganz starkes Stück Literatur.«

Buchkultur

»Ein gleichermaßen rasantes wie tiefgründiges Buch.«

Südwest Presse

»Simone Meier durchsteigt, was wir uns alle vorstellen, aber nie eingestehen.«

Welt am Sonntag Kompakt

»Die Stadtrandsiedlung als Beziehungshölle, das hat man schon häufig gelesen – jedoch selten mit so viel bissigem Witz, Wärme für die Figuren und Tempo.«

Spiegel Online

»Das Lesen macht Spaß, Simone Meier spielt mit Worten und Vorstellungen, schickt die Gedanken auf die Achterbahn und schafft eine feinstschleifpapiergeformte Atmosphäre, die schon von Beginn an gewaltig knistert.«

Republik

»Meier malt die urbanen Lifestyle-Kulissen ihrer Figuren kenntnisreich, genussvoll und mit Sinn fürs treffende Detail aus.«

TV Star

»Ein herrlich schonungsloser Roman über den Schein der Beziehungen – vergnüglich, ironisch, erfrischend, unterhaltsam und doch mit der nötigen Prise Leidenschaft und Sehnsucht.«

Focus

»Simone Meier schaut hinter die biedere Fassade eines Vorort-Häuschens. Es ist sehr lustig, dem jungen Heldenpaar dabei zuzuschauen, wie sie innerlich permanent ihr Selbstbild nachpolieren.«

Annabelle

»Simone Meier liefert den Schnappschuss einer Generation, die zwischen Schein und Sein, (Schwach-)Sinn und Facebook hin- und herstolpert. Amüsant und mit bitterbösem Ende.«

SRF 52 Beste Bücher

»Eine unterhaltsame und zugleich tiefsinnige Studie über die Blase in der wir leben. Kuss zeigt sehr gut die komplizierten Verhältnisse in Liebesfragen in unserer digitalisierten Welt.«

Republik-Buchclub

»Das Buch ist eine ironische Hymne an die Macht der Vorstellung. Ironisch, weil sie uns spüren lässt, was passiert, wenn es nur noch die Welt der Vorstellungen gibt.«