Leute wie wir

Noa Yedlin

Kein Roman über Leute wie wir - sondern über uns

Als Osnat mit ihrem Mann Dror und ihren beiden Töchtern umzieht, ist sie überglücklich: endlich ein eigenes Haus, und in höchstens zehn Jahren ist dies das neue Trendviertel von Tel Aviv. Doch mit den Umzugskartons packt Osnat auch erste Zweifel aus. Wieso gibt der Alte von nebenan die Kuchenplatte nicht zurück? Was macht diese andere Familie eigentlich mit all den Kampfhunden? Und arbeitet Dror wirklich in seinem Zimmer, oder tut er nur so? Osnat muss sich entscheiden, ob es bloß eine neue Alarmanlage braucht oder gleich ein neues Leben.

Format

  • Noa Yedlin – Leute wie wir
    Roman

    Original: Anashim kamonu

    Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 368 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5841-5

    6. April 2021
    23,00 EUR

  • Noa Yedlin – Leute wie wir
    Roman

    Original: Anashim kamonu

    Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
    Ebook
    368 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9460-4

    17,99 EUR

Leseprobe

II


1.

Am Tag nach dem Umzug war sie bereits wieder zurück in ihrem Job in der Geschäftsleitung von Food Deal. Dror, den sie umgeben von Umzugskartonbarrikaden und der Nachhut der Handwerker zurückließ, hatte ihr vorwurfsvoll nachgesehen.
Aber sie hatte keine andere Wahl gehabt. Das heißt, hatte sie schon: Sie hätte auch zu Hause bleiben und gemeinsam mit ihm Kartons auspacken können. Vielleicht hätte sie es tun sollen. Ihn im Blick behalten in diesen Tagen, den ersten, in denen alles entschieden wurde. Formbare, konturlose Tage, in denen man einen Menschen nicht allein lassen durfte, denn dann fiel das Los gern auf die falsche Seite. Und ganz sicher bei Dror, der von Anfang an der ganzen Idee skeptisch gegenübergestanden war. Sie hätte bei ihm bleiben müssen, ihn an der Hand mit zum Minimarkt nehmen sollen, mit ihm aus dem Fenster schauen und ihm erklären müssen, was er sah, auch wenn sie es selbst nicht wusste.
Aber sie hatte keine Lust. Verspürte den Drang, mal nichts zu tun, hatte außerdem das Gefühl, das stünde ihr zu, nach dem endlos langen Sommer des Renovierens, Kistenpackens und der Kinderbetreuung in den großen Ferien. Also hatte 16 sie sich selbst und Dror vertraut, dass es funktionieren würde, vielleicht so, wie man Menschen vertraute, dass sie am Ende ihr Baby lieben würden. Denn weder sie noch Dror konnten jetzt noch zurück. Sie hatten das Haus gekauft. Hatten ein Haus in Drei-Fünf gekauft. Oder wie Dror gestern Abend gesagt hatte, in einem Anflug guter Laune: Im fucking Drei- Fünf-Viertel. Verstehst du?


2.
In der Schule und im Kindergarten lief alles wie immer, Dror hatte ihr schon auf WhatsApp geschrieben, aber sie hatte sich ohnehin keine Sorgen gemacht. Sie hatten entschieden, Hamutal weiter in ihrer Schule und Hannah im alten Kindergarten zu lassen. Michal, von Michal und Jorge, das Paar, das sie hier im Viertel eingeführt hatte, hatte gemeint, sie machten einen Fehler. Dass die Mädchen niemals Anschluss finden würden, wenn sie weiterhin jeden Tag zwanzig Minuten pro Strecke führen, eine halbe Stunde mit Staus und allem, und wenn die Mädchen keinen Anschluss fänden, würden auch Osnat und Dror keinen finden. Jorge fragte, was denn angeschlossen werden sollte, und Michal erwiderte irgendwas auf Spanisch.
Mal davon abgesehen, dass die Schule hier einen Wahnsinnsschwenk hingelegt habe, dank der neuen, jungen Direktorin, die die Stadtverwaltung richtig auf Trab halte und Etatmittel lockermache, wie keine Schule im Norden von Tel Aviv sie habe, sei hier wirklich nichts mehr so wie früher, mit Vergewaltigungsecke und so, ich weiß ja nicht, was du so alles gehört hast. Osnat fragte, Vergewaltigungsecke? Und Michal sagte, aber du verstehst schon, wenn es irgendwo in 17 der Schule eine Ecke gibt, die Vergewaltigungsecke heißt, bedeutet das noch lange nicht, dass dort wirklich jemand vergewaltigt wird, oder? Niemand gehe in die Vergewaltigungsecke, um dort ein bisschen zu vergewaltigen, und Osnat fragte, aber warum heißt es dann Vergewaltigungsecke? Und Michal sagte, ich sag doch, es heißt schon nicht mehr Vergewaltigungsecke, außerdem bezweifle ich, dass man das überhaupt je gesagt hat, das ist bloß eine von diesen üblichen Horrorgeschichten, die Leute erzählen, um vor sich selbst zu rechtfertigen, warum sie ihre Kinder nicht in eine normale staatliche Schule in städtischer Trägerschaft gleich um die Ecke schicken, anstatt Unsummen für allen möglichen anthroposophischen Unsinn auszugeben oder was weiß ich, für dreitausendfünfhundert Schekel im Monat, nur damit ihre lieben Kleinen um Gottes willen nicht mit Kindern zusammen lernen, deren Eltern nicht so gebildet sind wie sie oder nicht so viel verdienen wie sie oder nicht dieselbe Hautfarbe
haben. Damit sie sich bloß nicht versehentlich anstecken, verstehst du? Nicht, dass du deinen königlichen Spross morgens in die Schule schickst und nachmittags ein kleines Analphabetenkind zurückbekommst.
In der einen Ecke des Raums knurrte ein Labrador. Michal hatte die beiden Gäste bei ihrer Ankunft gewarnt, ihn zu streicheln. Er tut keiner Seele was zuleide, hatte sie gleich darauf beschwichtigt, vielleicht, weil Osnat zurückgeschreckt war, denn Michals Ton war entschieden resolut gewesen, er tut sich nur einfach schrecklich schwer mit Fremden, und Fremde – jetzt lachte sie ein bisschen, grinste –, das sind alle, außer uns.
Der Hund schlief auf einem schönen Teppich, einem wunderschönen, wenn man ehrlich war, wenn auch voller Hundehaare und Sabber. Aber alles in diesem Haus war 18 schön, alles, was Osnats Augen zu erhaschen vermochten, als hätten diese Leute nichts zu verbergen. Selbst die Spielsachen und das gewisse Chaos, das die Kinder dem Haus aufzwangen, konnten ihm nichts anhaben, im Gegenteil. Osnat malte sich aus, wie sie in diesem Wohnzimmer mit den Kindern tobten, mit ihnen tanzten, bestimmt, sich auf dem Teppich niederließen, ohne je ein Anzeichen von Überdruss an den Tag zu legen. So sah offenbar die Liebe von Eltern aus, die Geduld hatten. Geduld und einen guten Geschmack, zwei Dinge, die ihr fehlten.
Aber Osnat war überhaupt nicht neidisch, diesmal nicht: Diese Menschen mussten ja außergewöhnlich sein, denn nur ihretwegen waren sie in dieses Viertel gezogen. Michal und Jorge waren der Beweis, den sie im Garten gefunden und vorsichtig in eine Klarsichthülle gepackt hatten, den sie präsentierten, einander und auch ihren Eltern, den Freunden, immer mehr junge Familien ziehen dahin, immer mehr, ist ja klar, es gibt keine andere Option, bei den absurden Preisen überall, in zehn Jahren ist das Viertel das neue Neve Tzedek. In fünfzehn, maximal. Es ist schließlich nur eine Viertelstunde vom Rothschild Boulevard weg. Na gut, zwanzig Minuten.
Kennt ihr das Stecknadel-Theater? Einige kannten es, die meisten nicht, ein winzig kleines Theater, aber mit irrem Anspruch, die spielen hauptsächlich in Museen, nein, nein, nur für Kinder, ganz ohne Musik, ohne Trara, so einfühlsame Stücke, Der Spatz? In der Haaretz hatte was darüber gestanden. Nein? Egal, die haben jede Menge Preise bekommen. Und das Paar, das das Theater gegründet hat, die wohnen dort. Mit ihren Kindern. Und manchmal fügte sie noch hinzu, ein Paar absolut wie wir, obwohl das nicht unbedingt stimmte. Die einzige Aufführung etwa, zu der Hamutal je bereit gewesen war zu gehen, war das Festigal, und Osnat hatte keine Kraft 19 für Diskussionen gehabt, sollte sie doch zu dieser durchkommerzialisierten Kindergesangsshow gehen. Und wenn schon.
Sie fragte, besteht denn nicht die Chance, dass die Stadt hier noch eine Schule aufmacht? Immerhin werden doch noch mehr … Sie zögerte, fuhr aber schließlich fort, Familien aus dem Stadtzentrum oder dem Norden herziehen, und die müssen irgendeine Lösung finden, worauf Michal sagte, es gibt schon eine staatliche Schule direkt vor der Haustür, melde du deine Kinder dort an, dann werden alle Familien aus dem Zentrum und dem Norden nachziehen, und bitte sehr, schon hast du eine Topschule. Oder wozu willst du eine eigene Schule? Für Kinder nicht von ausländischen Arbeitskräften? Für Kinder aus reichen Familien? Und Osnat sagte, wieso reich, wer ist schon reich. Wer hier herzieht, ist nicht reich. Doch Michal sagte, das ist alles relativ, und Osnat wusste, sie hatte recht und dass sie trotzdem ihre Töchter nicht dort anmelden würde.
Was sie dennoch tat, war, Hamutal zum Kunstturnen zu schicken, im Kultur- und Jugendzentrum gleich um die Ecke. Das schon. Im bisherigen Turnverein hatte die Kursleiterin Hamutal gegenüber Bemerkungen über ihr Gewicht gemacht, du musst weniger Kohlenhydrate zu dir nehmen, hatte sie gesagt, einfach so, es einem elfjährigen Mädchen an den Kopf geworfen, als hätte die Welt in den letzten dreißig Jahren stillgestanden. Natürlich hatte Osnat umgehend um ein Gespräch mit dieser Julia ersucht, der Kursleiterin. Sie können einem Mädchen so etwas nicht sagen, und Julia fragte,
warum nicht? Osnat blaffte, darum nicht, weil das total verletzend ist, weil das ein ganz heikles Thema ist, denn sie ist sich ihres Körpers ohnehin schrecklich bewusst, und Julia sagte, na und, also lieber warten, bis sie fünfzehn ist und noch dreißig Kilo mehr wiegt? Osnat war erschüttert, aber auch 20 fasziniert von dieser unmöglichen Ehrlichkeit, und sie sagte, ich will, dass sie weiterturnt und nicht damit aufhört, weil sie sich solche Bemerkungen anhören muss, und Julia sagte, ich will auch, dass sie weitermacht, weshalb ich möchte, dass sie Diät hält, damit sie die Übungen weiterhin schafft, und auch, damit ich ein passendes Kostüm für sie habe, denn ich kann ihr keins von den älteren Mädchen geben, weil sie nicht groß genug ist, und Osnat hatte diese Frau angeschaut, die nur wenig jünger war als sie selbst und vielleicht eigene Kinder hatte, und sie hatte gedacht, wenn Julias Kinder dick wären, würde sie wissen, was zu tun ist.
Eigentlich wollte Osnat, dass Hamutal das Kunstturnen endlich aufgäbe, für das sie sich seit der zweiten Klasse begeistert hatte, von allen Nachmittagskursen ausgerechnet diesen, von allen Mädchen ausgerechnet sie. Aber Hamutal wollte nicht damit aufhören, sie liebte es, und Osnat wusste nicht, ob sie gern dabei war, obwohl Bemerkungen fielen, und sie einfach darüber hinwegging, ihnen keine Beachtung schenkte, wie ein starkes Mädchen es ja tun sollte, oder ob im Gegenteil jedes Wort in sie hineinfloss und ihre Gedanken düngte.

Autorin

Noa Yedlin ist eine israelische Schriftstellerin und Trägerin des Sapir-Preises. Ihre Werke werden regelmäßig verfilmt, zuletzt ihr Roman Stockholm, der 2021 als Unter ...

mehr zur Autorin

Presse

Studiosus Intern

»Eine sehr lebendig geschriebene, oft lustige, dann wieder tragische Darstellung eines Selbstfindung und eines gesellschaftlichen Integriert-Werdens.«

Stern

»Dieses Buch ist nicht bequem. Aber sehr heilsam.«

Film, Sound & Media

»Noa Yedlin, die in Israel als Bestsellerautorin gilt und deren Werke regelmäßig verfilmt werden, zeigt mit feiner Klinge, wie divergent die Gesellschaft ist.«

Buchkultur

»Bitterböser israelischer Zynismus und Szenen, bei denen unsere inneren Denunzianten Luftsprünge machen.«

Hörzu

»Geniales Psychogramm über ein Mittelschichtspaar in Turbulenzen. Schmerzhaft komisch!«

Deutschlandfunk Kultur

»Dies ist ein gemeines Buch. Es kneift und zwickt und tut weh. Und hört nicht auf, wehzutun. Dabei springt es einem nicht ins Gesicht oder stößt vor den Kopf. Nein, es ist behutsam und feinfühlig und kriecht ganz langsam unter die Haut. Und plötzlich juckt es überall und das hört nicht auf und man weiß nicht wieso.«

SWR2

»Noa Yedlin trifft in Leute wie wir den Zeitgeist. Sie entlarvt im Roman den großen Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Individualität, nach Freiheit und der gleichzeitigen Suche nach Sicherheit und Geborgenheit in den eigenen vier Wänden. Damit hält sie ihrer Leserschaft gekonnt den Spiegel vor. Ihre Stilsicherheit und ihr Witz, der sich auch in der brillanten Übersetzung von Markus Lemke vermittelt, machen den Roman zu einem großen Lesevergnügen.«

rbb Inforadio

»Ein zeitgenössisches Lehrstück weit über die Grenzen von Tel Aviv hinaus. [...] Es geht gar nicht um so viel. Und dabei doch um alles.«