Lob der schlechten Laune

Andrea Gerk

Ohne schlechte Laune wäre das Leben halb so lustig. Die längst überfällige Rehabilitation einer zu Unrecht aus der Mode gekommenen Stimmung

Schlechte Laune ist viel besser als ihr Ruf. Sie ist die Grundtemperatur umtriebiger Schnelldenker, Inspirationsquelle für Künstler und Alltagsphilosophen, geistige Nahrung für Melancholiker und Romantiker. Gäbe es keine schlechte Laune, hätten wir keinen Schopenhauer, keinen Thomas Bernhard, keinen Dagobert Duck und keine Komödien mit Jack Nicholson. Andrea Gerk liefert ein buntes Potpourri aus unterhaltsamen und anregenden Beispielen rund um diese unterschätzte Gemütslage. Sie erkundet die Frage, warum mürrische Helden in Literatur und Film so unterhaltsam sind, fragt Psychologen wo die Grenze zwischen leisem Unmut, wildem Groll und ausgewachsener Cholerik verläuft, spricht mit Philosophen über die produktive Kraft der Übellaunigkeit, sieht professionellen Missmuts-Experten im Hotel bei der Arbeit zu, entdeckt eine Schimpfwortkünstlerin und stellt sich mit Hilfe eines Yoga-Gurus auf den Kopf, um dem Wesen der schlechten Laune auf die Spur zu kommen.

Format

  • Andrea Gerk – Lob der schlechten Laune

    Hardcover
    Format: 12,5 x 20,5 cm , 304 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5770-8

    5. September 2017
    24,00 EUR

  • Andrea Gerk – Lob der schlechten Laune

    eBook
    304 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9371-3

    5. September 2017
    19,99 EUR

Leseprobe

1. Knurrigkeit statt Zwangsoptimismus

 

»Jeder Mensch hat ein Recht auf schlechte Laune.
Man sollte das in die Verfassung aufnehmen.«

GEORGES SIMENON

 

Die letzten Sommerferien unserer Schulzeit verbrachten meine Freundin Eva und ich in der Gaststätte eines Badesees, um das Geld für unseren ersten elternfreien Urlaub zu verdienen. Während alle anderen ausschliefen, fuhren wir jeden Morgen auf unseren Mofas an den See, stopften die Haare unter hygienisch einwandfreie Kopftücher und gingen ans Werk. Eine half in der Küche, Hunderte von Schnitzeln zu panieren, die andere stand in dem zur Wirtschaft gehörenden Kiosk hinter der Theke. Am nächsten Tag wurde gewechselt.

Dieser Kiosk, in dem Badegäste und Campingplatzbewohner Süßigkeiten, kalte Getränke, einzelne Klopapierrollen und sonntagmorgens auch frische Brötchen kaufen konnten, war eine Art Gravitationszentrum negativer Energien. Hier entlud sich alles, was ansonsten, weil ja Ferien waren, unterdrückt werden musste. Womöglich bildeten sich auch wegen des kathartischen Potenzials dieses Ortes regelmäßig lange Schlangen vor dem kleinen Häuschen.

Welche Dramen sich unter den Wartenden abspielten, bekamen wir meist nur am Rande mit oder bei Totaleskalation, wenn es zu Handgreiflichkeiten kam.

Aber auch drinnen war in dieser Hinsicht genug los. Bestellte einer der Badehosenträger ein Bier, galt es etwa zehn Meter in den hinteren Teil des Kiosks zu gehen, die Flasche aus dem Kühlschrank zu nehmen und wieder zurückzulaufen. Kaum war das erledigt und kassiert, verlangte der Nächste ebenfalls ein Bier, und das Ganze wiederholte sich. Orderte nun ein bis dahin versteckter Dritter noch mal das Gleiche, begann es unter unseren blütenweißen Kopftüchern zu köcheln. Die Flasche knallte auf die Durchreiche, die Männer lachten, wir fauchten: »Könnt ihr nächstes Mal gleich zusammen bestellen?!«, was sie mit beschwichtigenden Grunzlauten quittierten. Manche äußerten ihre Wünsche auch absichtlich nacheinander und amüsierten sich über unseren anschwellenden Ärger.

 

Der Sommerkiosk war ein Zentrum schlechter Laune, die sich wellenartig hochschaukelte und zuweilen in wüsten Beschimpfungen und Unmutsbekundungen entlud. War diesbezüglich alles gesagt, gab man sich wieder seinen Urlaubsgefühlen hin, als wäre nichts gewesen. Was genau genommen ja stimmte. Auch wir fanden es nicht weiter schlimm, unsere Tage in diesem Missmutsinferno zuzubringen. Gut gelaunt waren wir nach Feierabend, und zwar ziemlich gut, schließlich hatten wir unseren Ärger bereits an den Badegästen ausgelassen. Die saßen nun ebenfalls entspannt vor ihren Zelten oder Wohnwagen, grillten Würstchen und waren froh, ihren latenten Groll bei uns losgeworden zu sein. Ohne etwas dicke Luft zwischendurch wären die penetrant schönen Sommertage unerträglich langweilig gewesen.

 

Damals, als die politischen Blöcke noch klar erkennbar waren, man mit der Jugendgruppe zur Friedensdemo nach Bonn fuhr und die Eltern Franz Josef Strauß wählten, schien niemand schlechte Laune besonders schlimm oder überhaupt bemerkenswert zu finden. Man nahm sie hin wie den institutionalisierten Frohsinn im »Komödienstadl«, »Ohnsorg-Theater« oder im heimischen Partykeller und war dankbar, dass es Orte gab, an denen sie gut aufgehoben war wie am Badesee, im Bierzelt, am Stammtisch, bei der Arbeit oder im Kreis der Familie.

»Die Väter, Gastwirte, Lehrer, Handwerker und Landwirte, waren in dieser Zeit brummelige schweigsame Männer, die immer arbeiteten und kaum Verständnis für die Konsum- und Freizeitwünsche ihrer Kinder zeigten. Sie ›bruddelten‹ eigentlich nur den ganzen Tag, das heißt, sie schimpften ständig schlecht gelaunt vor sich hin, das Beste war, man ging ihnen so gut wie möglich aus dem Weg«, erinnert sich die Musikerin Christiane Rösinger in ihrem autobiografischen Buch Das schöne Leben. Womöglich war Fernsehvater Alfred Tetzlaff alias Ekel Alfred deshalb so erfolgreich, weil sich die halbe Nation darüber amüsierte, einen Doppelgänger ihres Ehemanns, Vaters oder Kollegen auf dem Bildschirm herumnörgeln zu sehen, der noch dazu in größtmöglichem Kontrast zu Stimmungskanonen wie Heinz Schenk, Willy Millowitsch und Peter Alexander stand.

Autor

Andrea Gerk arbeitet als Autorin und Moderatorin für öffentlich-rechtliche Radiosender und hat 2015 das Buch Lesen als Medizin bei Rogner & Bernhard veröffentlicht. Sie hat viele Jahre in Wien verbracht und lebt in Berlin, was sie als Expertin für schlechte Laune besonders qualifiziert.

mehr zum Autor

Presse

BR

»Ein schönes Buch, ein kluges Buch!«

WDR

»Man kann aus schlechter Laune ziemliche Funken schlagen.«

WAZ

»Selten hat miese Laune mehr Lesefreude bereitet.«

Falter

»Gerk hat eine spitze Feder und einen schwungvollen, ironischen Stil.«

MDR Kultur

»Das Buch ist eigentlich vieles: eine Recherche, eine Kulturgeschichte, eine Alltagsgeschichte und alles in allem eine herrlich-hemmungslose Hommage an die schlechte Stimmung.«

radioeins

»Die Journalistin und Autorin Andrea Gerk bricht in ihrem neuen Buch die Lanze für die schlechte Laune und zeigt, was für ein produktives Potenzial manchmal in ihr steckt, welche Schönheit und welch grandioses Unterhaltungspotenzial.«

Sonntagsblick

»Gerk lebt in Berlin, was sie als Expertin für schlechte Laune besonders qualifiziere, meint sie. [...] Der Wohnort hat zu einem erfreulichen Buch geführt, das mit Beispielen aus Literatur und Film voll gespickt ist und zwischen Psychologie und Philosophie hin- und herpendelt.«

Deutschlandfunk Kultur

»Im Rahmen ihrer Recherche entdeckte Gerk, wie viele schöne Seiten die schlechte Laune hat: Witzig, unterhaltsam, geistreich seien solche Menschen, von Schopenhauer bis hin zu Donald Duck.«

myself

»Ein detailreiches Plädoyer für das Granzeln und Zicken, das aufs Schönste zeigt: Pessimisten haben mehr vom Leben.«

ZEITmagazin

»Andrea Gerk erforscht in ihrem amüsanten Buch, warum es manchmal so gut tut, schlecht gelaunt zu sein.«

SRF 2 kultur

»Das Buch ist ein Füllhorn mit Zitaten und Anekdoten und kann ein Stück weit auch Lebenshilfe sein.«

annabelle

»Andrea Gerk erkundet unterhaltsam und gut gelaunt die schillernden Seiten dieser unterschätzten Gemütslage.«

Freie Presse

»Andrea Gerks Buch ist ein Loblied auf die schlechte Laune. Die Quellen dafür sind opulent, und gut lesbar ist ihre unterhaltsame Hommage auch.«

Deutschlandfunk Büchermarkt

»Andrea Gerk hat damit die dialektische Meisterleistung vollbracht ein Plädoyer für die schlechte Laune zu schreiben, das beinahe zwangsläufig gute Laune erzeugt.«

3sat Buchzeit

»Wenn Sie bessere Laune haben wollen und wissen wollen, warum man schlechte Laune hat, warum es manchmal nicht gut ist schlechte Laune zu haben, aber manchmal genau richtig - Lesen!«

Falter

»Gerk hat eine spitze Feder und einen schwungvollen, ironischen Stil, und sie forscht ihrem Thema an vielen Orten nach.«

Bayern 2

»Es ist ein durch und durch lustiges Buch, nicht trotz, sondern weil es auf höchst witzige, ironische Weise aus der schlechten Laune fast eine Art Elixier für ein gelungenes Leben macht.«

kulturtipp

»Mit Witz und Schwung geschrieben.«

Gerk

»Eine erhebende Abhandlung über Stimmungsumschwünge bis zu rabenschwarzen Seelenzuständen.«