Lot

Lot. Geschichten einer Nachbarschaft

Bryan Washington

Ein Lieblingsbuch von Barack Obama

Ein junger Mann sucht seinen Platz in der Welt: Der Sohn einer schwarzen Mutter und eines Latino-Vaters wird in Houston erwachsen. Er arbeitet im Restaurant seiner Familie, trotzt den Schlägen seines Bruders, muss zusehen, wie sein Vater langsam verschwindet. Und er entdeckt, dass er Jungs mag. Seine Geschichte wird verwoben mit Erzählungen über das Leben anderer Menschen der Stadt: Eine Affäre zwischen einer verheirateten Frau und einem Weißen eskaliert im Einwandererviertel; der Besuch einer Cousine aus dem krisengebeutelten Jamaika stellt alles auf den Kopf; ein lokaler Drogendealer nimmt sich orientierungsloser Teenager an, und zwei junge Männer meinen, einen unglaublichen Fund am Straßenrand gemacht zu haben. Mit einfühlsamem Blick auf das, was eine Gemeinschaft ausmacht, geht Bryan Washington dem Leben in all seinen schonungslosen und unbeständigen Formen nach.

Format

  • Bryan Washington – Lot. Geschichten einer Nachbarschaft
    Original: Lot (Stories)

    Aus dem Englischen (USA) von Werner Löcher-Lawrence
    Hardcover
    240 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5869-9

    10. Mai 2022
    23,00 EUR

Leseprobe

LOCKWOOD

1.

Roberto war braun, und seine Leute wohnten nebenan, also bin ich natürlich am Wochenende immer rüber. Sie waren hundertprozentige Mexikaner. Was uns zu was Besserem machte. Mein Vater nutzte jede Gelegenheit, das zu sagen, wenn auch nicht ihnen ins Gesicht. Also übernahm Ma es, sie zu besuchen, fast jeden Abend. Sie hatte noch nicht viele Freundinnen in der Straße – für die Blancos waren wir zu dunkel, für die Schwarzen zu sehr Latino.

Aber Robertos Mutter mochte ihre Gesellschaft. Sie bat uns herein. Ihr Mann arbeitete im Straßenbau, den Grand Parkway betonieren, sie hatten keine Papiere, du weißt, was das heißt. Keiner stellte sie ein, und sie wollte kein Risiko eingehen. Also verbrachte sie ihre Tage damit, sich um Roberto zu kümmern.

Sie wohnten in diesem Shotgun-Haus mit undichten Rohren. Wer die Straße heraufkam und es sah, schüttelte den Kopf. Ma brachte ihnen Yuca mit Bohnen aus dem Restaurant, aber als mein Vater es mitkriegte, fragte er, wer das verfickt noch mal bezahlt hatte. Javi, Jan und ich sahen zu, wie die beiden um den Küchentisch kreisten, bis sich mein Vater eine Schüssel Reis schnappte und auf den Boden schmetterte. Er sagte, so fühlt es sich an zuzusehen, wie dein Geld aus dem Fenster geschmissen wird. Vielleicht dachte Ma ja mal nach, bevor sie auf ihre Familia schiss. Aber natürlich hielt sie das nicht auf – wenn überhaupt, ging sie jetzt noch öfter. Allerdings ließ sie das Essen zu Hause. Stattdessen nahm sie mich mit, etwas Kaffee und Kekse.

Roberto hatte eine platte Nase und Pickel überall dort, wo sie nicht sein sollten. Er trug seine Haare wie ein Whiteboy, und als ich ihn fragte, warum, sagte er, so wärs eine Sorge weniger. Seine Fam konnte sich keine normalen Haarschnitte leisten, weswegen der Friseur immer alles komplett abrasierte, wenn sie hingingen. Ich sagte, er sähe aus wie eine Ratte, wie die Blanquitos mit ihren Motorrädern überall in der Stadt, und Roberto sagte, das sei schon okay und ich ein fetter schwarzer Gorilla.

Er war fünfzehn, ein paar Jahre älter als ich, und er erzählte mir von dem Bus, den er direkt von Monterrey genommen hatte. Sein Vater war erst allein nach Houston gekommen, bevor er auch den Rest der Familie hatte nachholen können, und als ich Roberto nach Mexiko fragte, sagte er, alles in Texas schmecke nach Sand.

Roberto ging nicht zur Schule. Er verbrachte den ganzen Tag damit, leise mit dem schrottigen Fernseher seiner Mutter Englisch zu sprechen. Es war das Jahr meiner endlosen Grippe, in dem ich für Javi nicht mehr existierte – er hatte sich einer der Gangs in der Gegend angeschlossen – was bedeutete, dass ich eine scheiß Ewigkeit nebenan verbrachte. Sie hatten einen Tisch und Kerzen und eine Matratze im Wohnzimmer. Wenn Robertos Vater sich nicht gerade irgendwo draußen abrackerte, lag er für gewöhnlich darauf und schlief.

Seine Mutter war immer völlig fertig. Heulte meiner Ma was vor. Sagte, dieses Land sei so viel rauer – alles sei so schwammig.

Ma riet ihr, abzuwarten. So kam einem Amerika erst mal vor. Sie würden sich dran gewöhnen, den Code knacken, aber sie müsste daran glauben.

Währenddessen gingen Roberto und ich an den Rand von Lockwood, wo das East End aufhört und die Lagerhallen anfangen. Wir warfen Steine auf die Autos auf der Woodvale. Machten uns über die Betrunkenen auf ihren Verandas an der Sherman lustig und beobachteten die Gangs beim Kush-Rauchen auf der Congress. Ich sah Javi bei ihnen, aber er kuckte nicht mal rüber. Nachts dann rüttelte er mich in unserem Etagenbett wach und zischte, er würde mich umbringen, wenn ich was sagte. Er roch säuerlich und verbrannt, wie was Totes von der Straße. Ich dachte daran, Roberto zu warnen, besser den Mund zu halten, bis mir klar wurde, dass er keinen hatte, dem er was verraten konnte.

Einmal fragte ich Roberto, ob es ihm in Texas gefiel. Er sah mich eine Ewigkeit an. Sagte, es sei ein Ort wie jeder andere.

Könnte schlimmer sein, sagte ich. Du könntest wieder zu Hause sein.

Zu Hause ist immer da, wo du gerade bist, sagte Roberto.

Das ist Gerede. Das heißt gar nichts. Würde es, sagte er, wenn du wüsstest, dass du keins hast.

Das erste Mal, als wir uns gegenseitig einen runterholten, schlief sein Vater neben uns. Sie hatten die Ausfahrt von der 610 fertig betoniert, und er stand ohne Job da. Es war still, bis auf die Fliegen über uns und Ma draußen auf der Veranda mit seiner Mutter, wie sie ihr versprach, sie würden eine Lösung finden.

Als Roberto endlich loskeuchte, hielt ich ihm mit meiner freien Hand den Mund zu. Wir horchten an der Fliegentür, aber draußen war alles wie vorher. Nur unsere schluchzenden Mütter und das Schnarchen, das sie übertönte, und Cumbia aus den Chevys vom Grundstück gegenüber.

Er hatte alles auf die Jeans gekriegt, und wir konnten uns kaum halten vor Lachen – es war die einzige Hose, die er hatte. Da gabs keine andere.

An dem Abend erzählte meine Mutter meinem Vater, in was für einer Lage sie waren. Sie sagte, wir sollten ihnen helfen. Schließlich waren wir hier auch mal neu gewesen. Aber klar, sagte mein Vater, wir können ihnen was leihen, und dann können sie auch gleich ein paar Teller aus unserem Schrank haben. Wir borgen ihnen ein paar Stühle. Und das Schlafzimmer. Jan lachte aus ihrer Ecke, und Ma sagte, das sei nicht witzig, und wir wussten genau, was sie meinte – wir verdrehten ihre Worte.

Nach und nach verschwanden die Sachen aus Robertos Haus. Ich weiß es, weil ich da war und sah, wie sie aus der Tür spazierten. Seine Familie hatte immer noch keine Kohle für regelmäßiges Essen. Roberto fing an, Frühstück und Mittagessen auszulassen, und das ist der Punkt, an dem ich sagen sollte, dass meine Familie ihnen unsere Speisekammer öffnete, doch wir taten nichts in der Richtung.

Wovon wir uns nicht aufhalten ließen. Wir machten es im Park an der Rusk. Bei den Müllcontainern an der Lamar. Neben der Apotheke an der Woodleigh und auf den Bänken dahinter. Einmal machten wir es auf der Matratze seiner Eltern, als seine Mutter zum Heulen rausgegangen war, und wir waren gerade fertig, da hörten wir ihren Schlüssel in der Tür.

Irgendwann fragte ich Roberto, ob wir vielleicht was Schlimmes taten und seine Leute für unsere Sünden bestraft würden, und er fragte mich, ob ich ein Brujo, ein Wahrsager oder sonst ein Scheiß sei.

Ich sagte: Halt die verdammte Fresse. Aber du bist doch der, der hier von Verdammung redet, sagte Roberto.

Ich weiß nicht, sagte ich. Nur so, es könnte an uns liegen.

Roberto meinte, er würde sich da nicht auskennen. Er sei noch nie in der Kirche gewesen.

2.

Sie verschwanden schließlich über Nacht und ohne Vorwarnung. Ich ahnte nur, was los war, weil Ma mich nicht wie jeden Morgen geweckt hatte.

Ich drückte ihre Tür auf, die Matratze lag auf dem Boden, aber ihre Lampen, ihr Tisch und ihre Einkaufstüten waren weg. Sie hatten sogar die Schrauben von den Türklinken mitgenommen. Und die Glühbirnen. Ich fand nur ein paar Socken im Badezimmerschrank.

Mein Vater sagte, wir seien alle Zeugen eines Gleichnisses geworden: Wer nicht bleibt, wo er hingehört, fliegt wieder raus.

Ma seufzte. Jan nickte. Javi grinste übers ganze Gesicht. Er hatte gerade seine erste Messerstecherei überstanden, mit Schnitten an den Ellbogen, die es bewiesen, und wenn es nach ihm ging, könnte Robertos Familie ruhig auf den Mond ziehen.

Am Morgen davor hatte mir Roberto eine Falte in meiner Handfläche gezeigt. Wenn man die Hand auf eine bestimmte Art zusammendrückte, sah sie aus wie ein Stern. Eine Lady im Bus von San Antonio hatte es ihm vorgemacht. Loca hatte er sie genannt, aber jetzt dachte er, dass er womöglich nicht kapiert hatte, was sie meinte.

Seine Eltern waren nicht da gewesen, und wir hatten uns in seinen Schrank gequetscht. Seine Shorts lagen oben auf meinen, es waren die letzten im Haus. Er sagte mir nicht, dass er weggehen würde. Er befühlte nur mein Kinn. Rieb meine Hände. Formte dann seine zu einer Schale und fragte, ob ich in meinen das Milagro sehen könnte.

Ich sah überhaupt nichts, nur den Rand seines Schattens, aber wir drückten unsere Handflächen aneinander, und ich nannte es unglaublich.

Autor

Bryan Washingtons Prosatexte und Essays erschienen u. a. in der New York Times, dem New York Magazine, Buzz Feed und One Story. Sein Schreiben wurde ...

mehr zum Autor

Presse

Papierstau Podcast

»Eine unfassbare Tiefe an menschlichen Charakteren, an verschiedenen Bevölkerungsgruppen, Ethnien, ihr Miteinander und auch einer ganzen Stadt [...] Fast schon episch!«

DLF Kultur

»Es ist vorzüglich geschrieben, da ist kein Adjektiv zu viel. Es ist eine Short-Story-Sprache, knapp, lakonisch und man kommt jetzt nicht auf eine süßliche Spur. […] Indem das jetzt allerdings nicht tränenselig geschildert wird, ist es umso nachdrücklicher.«