Manche Menschen werden durch die Wahrheit schön, andere durch die Lüge. Als die unscheinbare Eisverkäuferin eines Tages ein Missverständnis zu einer Lüge formt, richten sich plötzlich die Augen der ganzen Stadt auf sie. Im hellen Licht der Kameras blüht sie auf, und mit ihr wächst und gedeiht die Lüge. Doch wie lange kann sich eine prachtvolle Pflanze halten, wenn ihre Wurzeln in sandigem Grund stecken? Ayelet Gundar-Goshen (Löwen wecken) legt die menschliche Seele bloß und lässt die Grenzen zwischen Richtig und Falsch meisterhaft verschwinden.

Es gibt Leute, die schlagen mit der Faust auf die Theke, und es gibt Leute, die stehen dahinter und fragen: »Und was darf es für Sie sein?« Die Eisverkäuferin Nuphar Schalev gehört eindeutig in die zweite Kategorie: An dem Gesicht des Mädchens bleibt kein Blick länger hängen als notwendig. Doch als sie eines Tages ein Missverständnis zu einer Lüge formt, ändert sich alles, und sie rückt ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Im hellen Licht der Kameras blüht Nuphar auf, und mit ihr wächst und gedeiht die Lüge, und mit der Lüge wächst und gedeiht die junge Liebe zu Lavie Maimon, der im vierten Stock über der Eisdiele wohnt. Doch die Liebe ist etwas sehr Zartes, und die Wahrheit kann sie zertrampeln wie ein wildes Rhinozeros.

Format

  • Ayelet Gundar-Goshen – Lügnerin
    Roman

    Original: Ha-Schakranit we ha-Ir

    Aus dem Hebräischen von Helene Seidler
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5766-1

    4. Oktober 2017
    24,00 EUR

  • Ayelet Gundar-Goshen – Lügnerin
    Roman

    Original: Ha-Schakranit we ha-Ir

    Aus dem Hebräischen von Helene Seidler
    eBook
    336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9367-6

    4. Oktober 2017
    19,99 EUR

Leseprobe

Erster Teil

 

1

Am Ende des Sommers stand die Hitze noch immer vor den Haustüren, eingerollt in die Zeitungen und genauso unheilschwanger wie sie. Als die Jahreszeit wechselte, hatten die Leute sich so fest in ihren klimatisierten Wohnungen verschanzt, dass sie den Herbst in der Luft gar nicht spürten. Hätte die langärmelige Kleidung, die plötzlich in den Schaufenstern auftauchte, ihn nicht angekündigt, wäre sein Kommen und Gehen womöglich vollkommen unbemerkt geblieben.

Vor einem solchen Schaufenster stand ein etwas kleines, etwas sommersprossiges Mädchen, sein Gesicht spiegelte sich im Glas. Durch die Scheibe starrten schöne ranke Schaufensterpuppen sie an, und vielleicht eilte sie deswegen weiter. Ein Taubenschwarm flatterte überrascht vor ihr auf. Sie murmelte eine Entschuldigung und setzte ihren Weg fort, die Tauben aber hatten den Schrecken rasch vergessen und ließen sich auf der nächsten Bank wieder nieder. Vor dem Geldautomaten der Bankfiliale hatte sich eine Warteschlange gebildet. Ein taubstummer Bettler streckte den Leuten die Hand entgegen, doch sie stellten sich blind. Für eine Sekunde trafen sich die Augen des Bettlers und des Mädchens, und wieder murmelte es eine Entschuldigung und eilte weiter, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Sie wollte gerade die Straße überqueren, als lautes Hupen sie erstarren ließ und ein mächtiger Bus an ihr vorbeirauschte. Von seinem Rückfenster aus wünschte ihr ein Werbeplakat ein gutes neues Jahr. Das jüdische Neujahrsfest stand zwar erst in einer Woche an, aber die Läden lockten schon mit vielversprechenden Sonderangeboten. Auf der anderen Straßenseite fotografierten sich drei Mädchen ihres Alters vor dem Springbrunnen. Das Gelächter hallte ihr von den Pflastersteinen entgegen, sie lauschte ihm aufmerksam und schärfte sich ein, dass es ihr überhaupt nichts ausmache, allein zu sein.

Hastig überquerte sie den Platz. In den Boutiquen flöteten rothaarige Verkäuferinnen »Das steht Ihnen aber ausgezeichnet« und »An Ihrer Stelle würde ich gleich zwei nehmen«, wobei sie verstohlen auf die Uhr schauten, weil ihnen die Blase zu platzen drohte und sie die Pause herbeisehnten. Hinter dem Verkaufstresen stand ein hübscher Jüngling, und seine Finger, die vor wenigen Stunden noch durch das Haar eines Geliebten spaziert waren, tippten nun eifrig Preise in die Kasse. Traten die Leute aus den Läden, rieben sich die Einkaufstüten geräuschvoll aneinander, und dieses urbane Rascheln verkündete den Herbst nicht weniger als das Rascheln fallender Blätter.

In der benachbarten Eisdiele angekommen, stellte das Mädchen mit den Sommersprossen sich hinter die Glastheke. Den Kunden, die erst mal nur kosten wollten, reichte sie gefüllte Plastiklöffelchen, in dem Bewusstsein, dass die großen Ferien bald vorbei waren, ohne dass jemand von ihr gekostet hatte. Sie würde weiterhin die einzige Jungfrau in ihrer Klasse sein, und wenn im nächsten Sommer die Felder gelb würden, müsste sie bereits in die olivgrüne Uniform der israelischen Armee steigen.

Jetzt streckte sie einem Kind sein Eis hin und bemühte sich zu lächeln, als sie zum tausendsten Mal »Bitte sehr« sagte.

Der nächste Kunde rückte zu ihr auf und wollte das Feigensorbet probieren. Nuphar wusste gleich, dass er das Feigensorbet nicht wirklich wollte, sondern am Ende, nachdem er zehn weitere Sorten probiert hatte, Schokoladeneis verlangen würde. Dennoch schabte sie das Gewünschte auf das Plastiklöffelchen und schielte dabei rasch zur Uhr über der Theke. Nur noch sieben Stunden.

Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür, und sie spazierten herein. Den ganzen Sommer lang hatte Nuphar auf diesen Augenblick gewartet, hatte ihn in ihrem Heft sogar ausführlich beschrieben: Jotam betritt die Eisdiele und ist überrascht, sie hinter der Theke stehen zu sehen. Sie bietet ihm ein Eis auf Kosten des Hauses an, und er schlägt als Gegenleistung vor, sie auf seinem Moped nach Hause zu bringen. Sie sagt, sie sei hier erst in einigen Stunden fertig, und er antwortet, einige Stunden warte er gerne. Aber als dieser Augenblick nun endlich eintraf, drei Tage vor dem Ende der Sommerferien, kam Jotam nicht allein in die Eisdiele. Er hatte eine ganze Clique dabei. Auch Schir gehörte dazu, Schir, die bis vor vier Monaten noch Nuphars Freundin gewesen war. Nuphars einzige Freundin, um genau zu sein. Zu fünft standen sie da, und obwohl keiner von ihnen für sich genommen besonders gut aussah, erschienen sie Nuphar, so vor der Theke, doch unglaublich attraktiv ...

Autor

Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, lebt und arbeitet als Autorin und Psychologin in Tel Aviv. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman, »Eine Nacht, Markowitz« (2013), dem der renommierte Sapir-Preis für das beste Debüt Israels zu [...]

mehr zum Autor

Presse

p.s.

»Ein packender, feinfühliger Roman, der die heutige Zeit realistisch darstellt.«

Deutschlandfunk Kultur

»Ayelet Gundar-Goshen besitzt eine geschulte, scharfe Beobachtungsgabe. Ihre Erzählhaltung ist von einem tiefen Wissen um menschliche Verletzbarkeiten geprägt.«

NDR Kultur

»In diesem Roman bekommen Leser Gelegenheit, auf hohem Niveau über das Lügen nachzudenken.«

Coopzeitung

»Wie die Autorin die Annäherung der zwei Teenager und ihre Beziehung zur Familie beschreibt, ist meisterhaft.«

SRF Literaturclub

»Ich habe selten eine Buch gelesen, das so gut ist in seiner Umsetzung.«

Elke Heidenreich, WDR

»Das ist ganz großartig geschrieben.«

Literatur Spiegel

»Ein Vergnügen zu lesen, wie Ayelet Gundar-Goshen mit psychologischer Gnadenlosigkeit die Bedürfnisse ihrer Protagonisten entlarvt und dabei durchaus Sympathien für Lügnerinnen erkennen lässt.«

Tagesanzeiger

»Der zupackende, streckenweise satirische Stil der Autorin sorgt dafür, dass man Nuphars Geschichte mit Vergnügen liest.«

ZDF aspekte

»Ayelet Gundar-Goshen führt uns in Versuchung. Literarisch.«

Radio Schalom

»Ein wunderbarer Schreibstil, der selbst die einfachsten Sätze erstrahlen lässt. Wir erleben eine sehr zarte und ermutigende Liebesgeschichte.«

stern

»Ein tiefgründiger Roman, der entlarvt, wie sehr Lügen unser Leben bestimmen.«

ZEIT ONLINE

»Ein großartiges psychologisches Buch über ein junges Mädchen, das ein Missverständnis nicht aufklärt und daraus eine riesengroße Lüge macht.«

Die Presse

»Mit viel Ironie, großem Scharfsinn und sprachlicher Raffinesse breitet sie die großen Folgen einer kleinen Lüge vor dem staunenden Leser aus.«

»Weltempfänger« Bestenliste

»Ein psychologisch fein erzählter Roman über jugendliche Selbstzweifel , Liebessehnsucht sowie die Oberflächlichkeit und Verklemmtheiten unserer medialisierten Gesellschaft.«

Nürnberger Zeitung

»Ihr trockener Humor durchzieht die Erzählung, die in raffinierten Voraus- und Rückblicken eine süffige Dramaturgie entwickelt.«

Die Presse

»Die Autorin verurteilt ihre Figuren nicht.Sie sind austauschbar – denn die Menschen lügen, alle. Was zählt, sind die Geschichten. Insbesondere, wenn sie so großartig erzählt werden wie von ihr.«

Tagesanzeiger

»Ein intelligenter, geschickt gebauter und wegen der zahlreichen Wendungen bis zum Ende spannender Roman.»

Bremen zwei

»Die Autorin schafft es die ganze Zeit, den Spannungsbogen zu halten. Immer wieder verstrickt sie die Protagonistengeschichten miteinander, ohne verwirrend zu wirken und den Leser zu überfordern.«

SWR 2 lesenswert

»Das ist toll geschrieben.«

WOZ Die Wochenzeitung

»In ihrem neuen Roman beweist Gundar-Goshen einmal mehr ihre bestechende Fähigkeit, die Grenze zwischen Gut und Böse ins Unkenntliche zu verwischen und so den LeserInnen eine Offenheit gegenüber menschlichen Makeln mitzugeben.«

Brigitte

»So hart die Fälle sind, die Gundar-Goshen beschreibt, so leichthändig schreibt sie diese auf.«

Nürnberger Nachrichten

»Ayelet Gundar-Goshen versteht es meisterlich, Abgründe auszuleuchten.«

Oberösterreichische Nachrichten

»Ein Buch, das nicht nur durch seine Geschichte und lebendige Erzählsprache begeistert, sondern uns auch über das Lügen nachdenken lässt.«

emotion

»Ihre Protagonisten sind auf eine eigene Art realistisch, Goshen zeigt ihre Abgründe ebenso genau wie ihre Gründe. Das ist manchmal düster, aber immer sehr unterhaltsam.»

Anschauliches