Meute mit Meinung

Meute mit Meinung

Arno Frank

Ein kritischer Essay über Shitstorms, Flashmobs und andere Phänomene der digitalen Meute.

Das Internet hat eine neue Form der Leserschaft hervorgebracht: kein Artikel, keine öffentliche Äußerung mehr ohne einen digitalen Schwarm, der im Kielwasser blind nach jedem Gedanken schnappt, der ihm nicht behagt. Und der Schutz der Anonymität nicht selten die Grenzen des Anstands überschreitet.

Format

  • Arno Frank – Meute mit Meinung
    Über die Schwarmdummheit

    Broschur
    Format: 10,5 x 17,0 cm , 72 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5654-1

    7,90 EUR

  • Arno Frank – Meute mit Meinung
    Über die Schwarmdummheit

    eBook
    64 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9233-4

    4,99 EUR

Leseprobe

VORREDE


»Die Verhältnisse waren kaputt, aber sie funktionierten.« Rainald Goetz


Leider war es technisch unmöglich, dieses Buch nicht in gedruckter, sondern in fortifizierter Form vorzulegen: mit doppeltem Stacheldraht, einem tiefen Wassergraben voller hungriger Krokodile, tückischen Sprengfallen und schmalen Schießscharten in den meterdicken Mauern, hinter denen der paranoide und üppig munitionierte Autor auf Bergen von Konservendosen sitzt, an den Fingernägeln kaut und durch den Sucher seines Präzisionsgewehrs nervös hinaus in die Finsternis späht. Denn dort lauern die Meuten.
Fahrlässig, wer heute noch schreibend seinen Lebensunterhalt verdienen und sich mit eigenen Gedanken an die Öffentlichkeit wagen will. Wer es auf eigene Faust versucht, wird nicht gehört. Wer von einem etablierten Podest herab veröffentlicht, zum Beispiel mit einem Verlag im Rücken, ist zum Abschuss freigegeben. Wahrlich, finster ists bestellt um das Verhältnis zwischen dem publizierenden und dem rezipierenden Teil der Menschheit. Was dem Schreibenden blüht, ist nichts Geringeres als die »Beteiligung der Leserschaft«, die zu einem großen und immer größer werdenden Teil aus Besserwisserei, Beleidigungen und Bedrohungen besteht. Gut, dass Kommunikation keine Einbahnstraße mehr ist, dass heute in beide Richtungen und auch querfeldein argumentiert werden kann. Schlecht, dass dies immer häufiger zu Unfällen führt, zur kommunikativen Vollsperrung durch ineinander verkeilte Diskurswracks.
Vor runden hundert Jahren wusste sich ein Journalist und Verleger wie Siegfried Jacobsohn noch gegen Anfeindungen seiner Leser zu helfen: »Sie beklagen sich über den Ton meines Blattes? Da weiß ich Ihnen ein sicheres Mittel: Befreien Sie mich von Ihrem Lesertum, und das schnellstens!« Aus einer solchen Haltung spricht weniger Arroganz, als es den Anschein hat. Gerade der aufgebrachte Leser erwartet eine Auseinandersetzung »auf Augenhöhe«, unternimmt aber nichts, um diese Augenhöhe zu erreichen. Es ist der Journalist, der sich beugen und dem Niveau seiner ätzendsten Kritiker entgegenkommen muss.
Das Problem ist nicht, dass den professionellen Autor und sein Publikum Welten trennen. Das Problem ist im Gegenteil, dass beider Welten im Netz immer mehr miteinander konvergieren. Das Problem ist nicht, dass der Publizist dabei an Macht verliert. Das Problem ist, dass das Publikum mit der ihm zufallenden Macht nichts anzufangen weiß. Und das ist mehr noch als ein Problem. Es ist eine Tragödie im klassischen Sinne, ein schicksalhafter Konflikt der Hauptfiguren, deren Lage sich nach Eintritt der Katastrophe dramatisch verschlechtert. Die Schlagzahl der Kritik ist zu hoch, ihr Niveau zu niedrig, ihr Sinn verloren. Es ist, als wäre man im Radio zwischen die Sender geraten und hörte nur noch ein aggressives weißes Rauschen, Meinungsgestöber in der Echokammer.
Eine der Katastrophen, mit der jede Tragödie erst bühnenreif wird, hat sich am 30. März 2013 ereignet. An diesem Tag veröffentlichte die New York Times einen Nachruf auf die Raketentechnikerin Yvonne Brill. Der Einstieg las sich so: »Sie kochte ein köstliches Boeuf Stroganoff, folgte ihrem Ehemann von Job zu Job und ließ ihre Arbeit acht Jahre ruhen, um ihre drei Kinder großzuziehen.« In der New York Times steht tatsächlich, was für eine tolle Köchin, Ehefrau und Mutter sie war? Eine bessere Empörungsvorlage für Empörungswillige konnte es nicht geben. Und mit heiligem Aufruhr machten sich auch die Leserinnen und Leser bemerkbar (»Ugh«, »Oy«, »Oh just fuck off«). Allerdings nicht die Leser der New York Times, sondern die zahlreicher Blogs und zahlloser Tweets, die den Nachruf gar nicht gelesen haben konnten, schon gar nicht auf Papier. Die Überschrift des Artikels: »Yvonne Brill, a Pionieering Rocket Scientist, Dies at 88«.
Abgesehen davon, dass es in grauer Vorzeit eine womöglich wirklich würdigenswerte Leistung dargestellt haben mag, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, gesellte sich zur selbstgerechten Geschichtsvergessenheit der Kritiker etwas noch Schlimmeres: die Unfähigkeit zu lesen. Bei diesem Einstieg handelte es sich um ein Stilmittel. Zu Beginn wird scheinbar Nebensächliches als Köder ausgelegt, um das wirklich Wichtige umso heller leuchten zu lassen. So schrieb der Autor weiter: »Yvonne Brill (…) erfand in den frühen Siebzigerjahren ein Antriebssystem, das Kommunikationssatelliten davon abhielt, aus ihrem Orbit zu rutschen. Das System wurde der industrielle Standard, und für diese Leistung zeichnete Präsident Obama sie 2011 mit der National Medal of Technology and Innovation aus.«
Es muss uns nicht bekümmern, wenn ein paar stets sprungbereite Zeitgenossen nicht lesen können, nicht lesen wollen. Es bekümmerte aber Margaret Sullivan, die für Leserreaktionen zuständige Ombudsfrau der New York Times. Sie schrieb nicht: »Befreien Sie mich von Ihrem Lesertum, und das schnellstens!« Nein, sie entschuldigte sich und ließ den Nachruf neu formulieren. Leute, die ohnehin nicht lesen, sollten daran keinen Anstoß mehr nehmen können. Wenn schon eine der wichtigsten Tageszeitungen der Welt vor Anschuldigungen einknickt, die wahllos aus der heißen Luft gegriffen sind, ist das kein allzu gutes Zeichen. Der Journalist Paul Carr brachte es schön auf den Punkt: »Es hat euch nicht gefallen, wie wir den Einstiegssatz formuliert haben? Ist es jetzt besser? Jetzt? Jetzt? Sollen wir vielleicht einfach ein Instagram-Bildchen auf die Seite 1 setzen? Um Gottes willen, bitte sagt uns, was wir tun müssen, damit ihr uns liebt !«
Eine der letzten wirklich ernst zu nehmenden Zuschriften eines Lesers erreichte mich im Sommer 2009. Der Brief umfasste nur eine DIN-A4-Seite, war auf einer Schreibmaschine getippt und bezog sich auf einen fehlerhaften Text, der zuvor in der taz veröffentlicht wurde: »Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr, mit großem Interesse habe ich den Artikel gelesen. Leider haben sich dort einige Fehler eingeschlichen, um deren Richtigstellung ich hiermit bitte. Zum einen wurde Herr Brandes nicht kastriert. Von einer Kastration spricht man, wenn die Hoden entfernt werden, das ist nicht der Fall gewesen. Die Bedingung von Herrn Brandes war es, dass ihm sein Geschlechtsteil abgetrennt wird und er selbst dieses verspeisen kann. Das war ausschließlich der Wunsch von Herrn Brandes und nicht meiner. In diesen Deal und Wunsch von ihm habe ich einwilligen müssen und nicht umgekehrt. Das Geschlechtsteil wurde von mir nicht verzehrt ...

Autor

Arno Frank hat, als Willy Brandt Kanzler war, das Licht der Welt durch die dichten Zweige des Pfälzer Waldes erblickt. An der Lahn studierte er Kunstgeschichte und Philosophie, an der Isar absolvierte er die Deutsche Journalistenschule DJS. Elf Jahre arbeitete er als Redakteur bei der »taz« an der S [...]

mehr zum Autor

Presse

Deutschlandradio Kultur

»Arno Frank schaut nach vorn und spricht sich dafür aus, dem mündigen Netzbürger in Zukunft mehr abzuverlangen, wenn er auf Augenhöhe mitreden will.«

ARD-Morgenmagazin

»Der Autor möchte aber vor allem der Hurra-Rhetorik der digitalen Revolution etwas entgegensetzen. Schwarm-Intelligenz, Netz-Gemeinde, das sind so suggestive Begriffe, die durchweg positiv konnotiert sind und einer genauen Prüfung nicht standhalten.«