Mit Tieren leben

Mit Tieren leben

Henry Mance

Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich auch darin, wie sie ihre Tiere behandelt.

Wir verwöhnen unsere Haustiere, und abends grillen wir Rindersteaks. Wir sehen uns Naturdokumentationen an und wissen gleichzeitig, dass die meisten Nutztiere ein elendes Leben führen, bis sie auf unseren Tellern landen. Henry Mance zeigt uns, wie wir diese Widersprüche auflösen und einen respektvolleren Umgang mit allen Arten dieses Planeten etablieren können.

Format

  • Henry Mance – Mit Tieren leben. Warum wir das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu definieren müssen
    Sachbuch

    Original: How to Love Animals

    Aus dem Englischen (UK) von Yamin von Rauch
    Hardcover
    480 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5853-8

    5. Oktober 2021
    27,00 EUR

  • Henry Mance – Mit Tieren leben. Warum wir das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu definieren müssen
    Sachbuch

    Original: How to Love Animals

    Ebook
    480 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9473-4

    5. Oktober 2021
    21,99 EUR

Leseprobe

Liebe ist die äußerst heikle Erkenntnis, dass etwas anderes als man selbst real ist. Liebe … ist die Entdeckung der Wirklichkeit. Iris Murdoch

Um in dieser Welt den Anschein gezielten Handelns aufrecht zu erhalten, muss man daran glauben, dass etwas falsch oder richtig ist. Joan Didion

Ich sah, wie die besten Köpfe meiner Generation von Katzenvideos zerstört wurden. Katzen, die über gebohnerte Fußböden schlittern, in Kartons springen oder den Abstand zum Dach des Nachbarhauses falsch einschätzen. Es waren die goldenen Jahre des Internets, bevor die Impfgegner und Anti-Anti-Faschisten aufgetreten sind und alles verdorben haben.

Diese Videos sagen etwas über uns aus. Wir halten uns für Tierfreunde. Wir verschlingen Naturdokumentationen und herzerwärmende Geschichten über die erstaunlichen Fähigkeiten von Tieren. Wir erwärmen uns für Politiker, die mit Tieren posieren – ihre Haustiere würden vermutlich eher wiedergewählt werden als sie selbst.

Doch unsere Tierliebe kommt mit Selbstzweifeln daher. Wir wissen, dass sich unsere Gesellschaft in eine andere Richtung bewegt hat. Wenn man uns drängt, werden wir zugeben, dass die meisten Nutztiere wahrscheinlich kein gutes Leben haben, und dass viele Wildtiere ihren Lebensraum verlieren. Wir würden es zwar lieber sehen, wenn die Situation eine andere wäre, doch das ist der Preis, den wir für unseren Wohlstand zahlen.

Also denken wir nicht viel über Tiere nach. Obwohl sie das Material für die meisten unserer Nahrungsmittel und Kleidungsstücke liefern, obwohl sie zum Aufstieg und Fall menschlicher Gesellschaften beigetragen haben, und obwohl sie wahrscheinlich noch immer hier sein werden, wenn wir verschwunden sind, machen wir uns kaum Gedanken über ihre Existenz.

Unser Planet scheint den Menschen zu gehören. Da ich in der Stadt lebe, wie ein Großteil der Weltbevölkerung es heute tut, kann ein ganzer Tag vergehen, an dem ich kaum ein Tier sehe. Ich gehe an einigen Tauben vorbei, verscheuche eine Fruchtfliege und hebe meine Katze Crumble behutsam von der Ecke der Zeitschrift, die ich gerade lesen will – und dann mache ich so weiter wie bisher. Tiere tauchen in klischeehaften Darstellungen und witzigen Logos auf, aber nicht als fühlende Wesen, die auf diesem Planeten in der Mehrzahl sind. Wir sind eine Gattung unter etwa 500 Primaten, 6 400 Säugetieren und grob geschätzt etwa sieben bis acht Millionen Tieren. Wie häufig wird uns das bewusst?

Wenn wir uns mit Tieren befassen, teilen wir sie in Arten und Gruppen auf: Kühe, Hunde, Füchse, Elefanten und so weiter. Und wir weisen ihnen einen Platz in unserer Gesellschaft zu: Kühe gehören auf den Teller, Hunde aufs Sofa, Füchse in die Mülltonne, Elefanten in den Zoo, und Millionen wilder Tiere bleiben irgendwo da draußen, bis sie hoffentlich in einer der nächsten Dokumentationen von David Attenborough auftreten werden. Diese Fähigkeit zur Kategorisierung hat sich als außerordentlich nützlich erwiesen: Sie hat es uns ermöglicht, uns mit Nahrung zu versorgen, Gefährten zur Unterhaltung zu finden und uns vor gefährlichen Tieren zu schützen. Sie hat verhindert, dass wir jedes Mal eine philosophische Debatte führen müssen, wenn wir ein Sandwich essen wollen. Sie hat uns davor bewahrt, uns schuldig zu fühlen, nur weil wir existieren.

Doch diese Kategorien sind instabil. Tatsächlich sind sie gerade da bei, sich aufzulösen. Fast täglich werden wir mit neuen Erkenntnissen über unsere Mitgeschöpfe konfrontiert. Von Tieren, die wir als Nahrungsmittel betrachten – vor allem Schweine und Kühe –, weiß man mittlerweile, dass sie mental und sozial komplexe Wesen sind. Tiere, die wir lange für entbehrlich gehalten haben – wie Wölfe und Biber –, haben sich als unverzichtbar für unsere Umwelt erwiesen. Tiere, die wir besonders schätzen – wie Jaguare und Orang-Utans –, sind durch den menschlichen Fortschritt heimatlos geworden.

Derartige Kategorien sagen mehr über uns selbst aus als über die Tiere. Je mehr wir die Tiere um ihrer selbst willen lieben, desto brüchiger werden unsere Kategorien. In der westlichen Welt sind wir größtenteils überzeugt, dass es falsch ist, wenn manche Japaner Wale, manche Südkoreaner Hunde und manche Kambodschaner Ratten es sen. Aber versuchen Sie mal zu erklären, warum es in Ordnung ist, Schweine und Kühe zu verspeisen anstatt Wale und Hunde, und Sie verirren sich in einem philosophischen Kaninchenbau – wie der Auftragskiller in Quentin Tarantinos Pulp Fiction, der argumentiert, ein Hund könne kein schmutziges Tier sein, da er »Persönlichkeit« besitze. Schweine haben auch Persönlichkeit. Warum ist es dann in Ordnung, 1,5 Milliarden Schweine im Jahr umzubringen, aber ein Frevel, einen Hund zu schlachten? Warum ist es in Ordnung, Schweine in kahlen Gehegen zu halten, nicht aber Hunde? Warum ist es moralisch falsch, ein Dutzend Wale zu jagen, nicht aber, Fischernetze zu verwenden, in denen sich hunderte Delfine verfangen?

Einfach gesagt: Weil die Tierliebe einer der Grundwerte der westlichen Gesellschaft ist, und das rationale Denken ein anderer. Doch unsere Behandlung von Tieren entspricht keinem dieser Werte; sie ist von Tradition und Trägheit geprägt. Niemand würde das drohende Massenaussterben wilder Tiere gutheißen, schon gar nicht die Tiere selbst. Wie sollen wir der nächsten Generation erklären, was direkt vor unseren Augen geschieht? Charles Darwin befand, dass schamhaftes Erröten die menschlichste aller Ausdrucksformen sei – was passend ist, denn wir haben genug Grund zum Erröten.

Bevor das Coronavirus uns befallen hat, haben Optimisten gesagt, dass wir in der besten Zeit leben, die es für den Menschen jemals gab – wenn man sich eine Zeit aussuchen könnte, in der man leben möchte, dann sollte es jetzt sein. Aber würden sich andere Lebewesen auch so entscheiden? Würden Sie heute als ein nichtmenschliches Säugetier geboren, wäre es sehr wahrscheinlich, dass Sie sich in einem Massentierhaltungsbetrieb wiederfinden würden, in einer beengten, unnatürlichen Umgebung. In einem großen Molkereibetrieb produziert eine Kuh vielleicht vier mal so viel Milch wie vor einem Jahrhundert, doch ihre Lebenserwartung ist deutlich gesunken. Als Wildtier wären Sie weit größerer Gefahr ausgesetzt als noch vor einigen Generationen, dass Ihr Lebensraum zerstört wird oder sich das Klima so sehr verändert, dass Sie sich nicht mehr anpassen können. Seit den 1970er-Jahren haben sich die Wildtierpopulationen im Durchschnitt um zwei Drittel verringert, wie der Living Planet Index (LPI) belegt. Und weil der Tierhandel vor allem in Asien stark zugenommen hat, bestünde außerdem die Gefahr, dass Sie in Gefangenschaft geraten und unter grausamen Bedingungen gehalten werden würden. Wir stellen uns vielleicht vor, wie ein Hund im heutigen Amerika zu leben, auf dem Sofa herumzulungern, Biokekse zu futtern und einen drolligen Instagram-Account zu haben, falls wir zufällig reinkarniert werden sollten, doch es ist mindestens zwanzig Mal wahrscheinlicher, dass wir als Hühner in einer Legebatterie enden. Wenn ein Tier sich eine Zeit aussuchen könnte, in der es leben wollte, würde es sich dann für heute entscheiden? Ich glaube kaum.

Was würde geschehen, wenn wir über Tiere nachdächten – über alle Tiere? Würde sich unsere Nahrungsversorgung, unser Umgang mit der Umwelt und unser Blick auf Tiere im Zoo verändern?

Wie viele andere Leute verliebte ich mich in Tiere, weil ich sie wunderbar fand. Meine Familie besaß einen Hund, und meine Eltern nahmen mich mit in den Zoo. Wir sahen uns das Grand-National-Pferderennen im Fernsehen an, und ich war verblüfft, dass Pferde ohne Reiter disqualifiziert wurden; war es nicht bemerkenswert, dass sie schneller liefen, wenn der Jockey heruntergefallen war? Auf der Universität war ich für eine kurze Zeit Vegetarier, aus Umweltschutzgründen, bis ich eines Tages in einem Drop-down-Menü die falsche Option auswählte und infolgedessen auf einem Langstreckenflug nur ein paar rohe Karotten zum Abendessen serviert bekam. In meinen Zwanzigern entdeckte ich die Fotografie. Ich war besessen davon, eine Hummel im Flug, einen Grashüpfer aus nächster Nähe und andere wundersame Tiere festzuhalten. Ganz im Geiste von George Best gab ich 90 Prozent meines Geldes für Kameralinsen aus, den Rest verplemperte ich einfach.

Tiere zu fotografieren lohnt sich besonders. Ein halbes Dutzend glänzender silberner Fische, die auf einem Dock liegen. Ein Orang-Utan auf Borneo, der lässig von Ast zu Ast schwingt. Ein junges Nilpferd auf einer Farm in Kolumbien, die früher dem Drogenbaron Pablo Escobar gehörte, der im Gegensatz zu mir rohe Karotten als Nahrung für die Seele ansah. Je genauer man unsere Mitgeschöpfe betrachtet, desto erstaunlicher erscheinen sie einem. Auf einem Fotoausflug stand ich einmal an Deck eines Boots und beobachtete die Papageientaucher, die sich gegen den Nordseewind stemmten, um zu ihren Nistplätzen zurückzugelangen, als ich hörte, wie ein kleiner Junge seinen Eltern mit ernster Miene zuflüsterte: »Ich liebe die Papageientaucher.« Ich liebe die Papageientaucher auch, dachte ich. Doch was hatte ich eigentlich für sie getan, außer Fotos zu machen? Hatte meine Bewunderung einen Nutzen für sie? Hatte ich ihnen irgendetwas zurückgegeben für das Vergnügen, das sie mir bereiteten? Ich war ein Tierfreund in der Theorie, aber vermutlich nicht in der Praxis.

Heutzutage gehen wir mit dem Wort Liebe sehr großzügig um, wir lieben alles mögliche, von unseren Eltern bis zu den neuen Tischsets. Iris Murdoch war der Auffassung, Liebe sei ein Leitbegriff der Moralphilosophie, eine Kraft, die uns unsere Ichbezogenheit überwinden lässt. Für sie beruhte Liebe vor allem auf der Fähigkeit, anderen unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Denn wenn wir das Wohlergehen anderer bedenken, werden wir uns ihnen gegenüber richtig verhalten. Obgleich Murdoch dabei an die Liebe zwischen Menschen dachte, lässt sich ihr Gedanke problemlos auf unseren Umgang mit anderen Lebewesen übertragen. Wir sind aufgefordert, Liebe nicht als etwas anzusehen, das wir bekennen, sondern das wir praktizieren, indem wir die Einzigartigkeit anderer Lebewesen achten und über unsere eigene Voreingenommenheit nachdenken.

Ich beschloss, mich selbst auf die Probe zu stellen. Ich wollte herausfinden, ob meine Tierliebe sich auch in meinem Verhalten niederschlug, oder ob sie eher theoretisch war – wie meine Vorliebe für Arthouse-Filme. Über die Wunder und die Schönheit der Tierwelt zu staunen, während man sich Naturdokumentationen ansieht, ist ja ganz nett, doch ich wollte etwas tun. Ich wollte ergründen, welchen Platz sie in unserer Welt einnehmen. Ich wollte mich mit der Realität von Bauern- und Schlachthöfen, Zoos und Tierhandlungen, Ozeanen und Wäldern konfrontieren. Verhielt ich mich Tieren gegenüber fair? Wenn nicht, konnte ich mich ändern? Das würde mein »Animal Test« sein. Diese Erfahrung sollte mich aus meiner Blase herausholen, und sie hat meine Lebensweise auf vielfältige Weise verändert. Ich glaube, das kann uns allen gelingen.

Doch zunächst müssen wir uns die Frage stellen, warum wir Tiere überhaupt fair behandeln sollten?

Autor

Henry Mance ist preisgekrönter Journalist bei der Financial Times, wo er neben einer wöchentlichen satirischen Kolumne auf lange Reportagen spezialisiert ist. Seine Texte sind auch ...

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spektrum.de

»Ein durch und durch empfehlenswertes Buch.«

DLF Kultur

»Weil er einer der Sachbuch-Autoren ist, die einfach wissen wie es geht.«