Nach allem, was passiert ist

Nach allem, was passiert ist

Sophie Coulombeau

Vier junge Erwachsene rekapitulieren, was vor fünfzehn Jahren wirklich geschehen ist

Sie sind Nachbarn in der Chesterton Close, einer gewöhnlichen Vorstadtstraße. In jenem Jahr, zu Beginn der Sommerferien, formt sich ein Plan in ihren Köpfen: Damien, Lizzie, Nick und Rachel wollen gemeinsam ihre Unschuld verlieren. Fünfzehn Jahre später rekapituliert jeder für sich, weshalb das Vorhaben eine so katastrophale Wendung genommen hat. Aus Erinnerungen, Vorwürfen und Seitenhieben ergibt sich Stück für Stück eine zugleich widersprüchliche und sich ergänzende Darstellung der drastischen Ereignisse. Ein spannungsvoller Roman mit einem differenzierten Blick auf Moral, Sehnsucht, Liebe und die Relativität von Wahrheit.

Format

  • Sophie Coulombeau – Nach allem, was passiert ist
    Roman

    Original: Rites

    Aus dem Englischen von Simone Jakob
    Klappenbroschur
    Format: 12,6 x 20,6 cm , 256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5690-9

    17,90 EUR

  • Sophie Coulombeau – Nach allem, was passiert ist
    Roman

    Original: Rites

    Aus dem Englischen von Simone Jakob
    eBook
    256 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9267-9

    Alter Preis 13.99€ | 18.00CHF
    4,99 EUR

Leseprobe

Day

Als ich vierzehn war, habe ich etwas Schreckliches getan. Wenigstens behaupten das einige. Andere wiederum halten es für halb so schlimm. Oder sie glauben vielmehr, dass es eine Erklärung dafür gibt, was es in ihren Augen anscheinend irgendwie besser macht.
Gelegentlich sind sich diese beiden Gruppen nicht darüber einig, was genau passiert ist. Es gibt zwar noch die Hardliner, die einen oder mehrere von uns der Lüge bezichtigen, aber das sind Extremisten. Die meisten sind sich über das Was durchaus einig, kriegen sich allerdings über das Weshalb und Warum in die Haare. Daran führt kein Weg vorbei. Es ist unvermeidlich. Denn, so meine persönliche Theorie: Diese beiden Fraktionen hassen sich ohnehin wie die Pest und brauchen einen Vorwand, um sich streiten zu können. Falls Sie nicht wissen, zu welcher Gruppe Sie gehören: Mein Verbrechen ist ein praktischer kleiner Lackmustest. Womöglich überraschen Sie sich ja selbst?
Was mich persönlich damals am meisten überrascht hat, war die Bewunderung, die man mir entgegenbrachte. Es ist schon verdammt komisch, wofür man heutzutage bewundert werden kann, nicht? Erinnern Sie sich an Raoul Moat, der eine Schar Unschuldiger umgenietet und sich anschließend den Kopf weggepustet hat? Wieso genau, habe ich vergessen. Hatte wohl ein Problem mit seiner Hypothek oder dachte, seine Frau treibts mit dem Briefträger oder so. Jedenfalls, dieser Mann hatte Fans. Keine Apologeten, sondern Fans. In allen seriösen Tageszeitungen erschienen larmoyante Leitartikel, die ihn zur Symbolfigur des entmannten, arbeitslosen, glatzköpfigen, feisten Unterschichtmannes ernannten. Irgendein grässliches Frauenzimmer mit käsigem Gesicht hat sogar eine Facebook-Gruppe ins Leben gerufen und ihr einen sinnträchtigen Titel wie »ROUAL MOAT DU BIST LEGÄNDE« gegeben. Gelegentlich kommt mir der Verdacht, dass man heutzutage mit allem prominent werden kann. Allem, außer Unauffälligkeit, versteht sich.
Und ebenso wie Raoul Moat fand ich an unerwarteten Stellen Unterstützung.
Natürlich hat es damals niemand so offen ausgedrückt. Zu meinem Leidwesen gab es keine Online-Supportgroup namens »DAY DU BIST LEGÄNDE LOL«. Ich wurde nie öffentlich zur Symbolfigur des pickeligen, sexuell frustrierten, einkommensschwachen Verhältnissen entstammenden Unterschicht-Teenagers deklariert, was ich, um ehrlich zu sein, ziemlich genossen hätte. Allerdings gab es damals, in den vorsintflutlichen Zeiten, als man Briefe noch per Hand schrieb und E-Mails als exotisch galten, weder Facebook noch Twitter oder dergleichen. Vielleicht hätten meine Fans dasselbe für mich getan, wenn sie die entsprechende Technologie zur Verfügung gehabt hätten. Doch sie fanden auch so Mittel und Wege, mir ihre Bewunderung zu zeigen. Für den Rest meiner Jugend haftete mir gewissermaßen eine Aura verstohlener Berühmtheit an. Ich konnte sie spüren, wenn ich einen Raum betrat oder verließ. Wie ein kollektives Atemanhalten. Gruppen von Mädchen stießen sich gegenseitig an, tuschelten und warfen mir provozierende Blicke zu. Typen, die mich vorher nie beachtet hatten, grölten neuerdings He, Brady, was geht?, und kickten mir Fußbälle zu wie erbärmliche, deplatzierte Unterpfande der Freundschaft. Ein Kioskbesitzer schenkte mir plötzlich regelmäßig Zigaretten – obwohl aufgrund des üblen Vorfalls publik geworden sein dürfte, dass ich entschieden zu jung dafür war.
Als ich aus Manchester wegzog, war ich erstaunt, wie sehr mir all das fehlte. Es war seltsam, sich normal zu fühlen. Frei von meiner Geschichte, losgelöst von meinem Verbrechen, trieb ich herum. Ich glaube, jeder braucht etwas, das ihn erdet. Daher kam ich zurück.
Als ich siebzehn war, winkte mich mein damaliger Englischlehrer – der bald einen neuen Job an einer anderen Schule annehmen würde – in einem Pub zu sich heran. Er wirkte angetrunken, überdreht und hatte dieses unberechenbare Strahlen eines Mannes, der am Abgrund der Befreiung steht. Day, sagte er zu mir, mit Speichel auf den Lippen. Jetzt kann ich dich ja fragen, ich geh sowieso bald weg. Hast du’s getan?
Was getan, Sir?, fragte ich, obwohl ich sofort Bescheid wusste.
Na ja, du weißt schon. Diese Sache damals.
Ich sah ihn an. Sein Blick schweifte unablässig durch den Raum, während es still wurde und sich eine Art Anspannung über die Gruppe im Pub legte. Ich hatte den Mann nie leiden können. Er war ein schmieriger Typ mit vorstehenden Zähnen, weibischem Hintern und abstoßend plump-vertraulicher Art. Außerdem schien er mir zu den Leuten zu zählen, die sich ihre Kicks am Spielfeldrand holen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Stolze Spieler ultrabrutaler Videospiele voll spritzender Eingeweide, die bei jedem echten Kampf das Weite suchen. Treue Abonnenten von Spezial-Pornomagazinen für Männer,
die darauf stehen, wenn Frauen in die Nase masturbiert wird, die aber selbst nie flachgelegt werden. Ich hasse Menschen, die sich – eine bessere Umschreibung fällt mir nicht ein – nie die Hände schmutzig machen. Aber noch schlimmer war, dass seine Unterrichtsstunden aus tragikomischen Symbolik-für-Dummies-Farcen und bleiernen Vorträgen über »Figurencharakterisierung« bestanden. Das war sein Hauptvergehen. Man sollte jeden, der Hamlet auf einen Anfang, einen Hauptteil und einen Schluss reduzieren und mit einem schwachen »unentschlossen« oder einem meckernden »sexistisch« abtun kann, vierteilen und seine Überreste den Kondoren zum Fraß vorwerfen, statt ihn in Unternehmungen von großer Tragweite und Bedeutung einzuweihen.
Er wollte offensichtlich, dass ich es getan hatte; ich sah, dass er sich an die Stelle meines jugendlichen Selbst wünschte, sich den Kitzel, die Erregung, den köstlichen Reiz des Verbotenen ausmalte. Nein, natürlich nicht, antwortete ich. Das habe ich doch schon damals gesagt, oder etwa nicht? Ich setzte meine beste zutiefst gekränkte Miene auf. Das macht mir so leicht keiner nach. Für Bescheidenheit muss ich mich anstrengen, und mit meiner Reue gewinne ich keinen Blumentopf, aber gekränkt? Kein Thema. Natürlich war er angemessen geknickt, geradezu peinlich berührt. Er stotterte etwas wie, es sei ja nur ein Scherz gewesen, und spendierte mir einen Drink, den ich mit Märtyrerblick entgegennahm.
Wie so viele wollte er, dass ich entweder mit der Sache angebe oder beschämt den Kopf senke. Aber warum hätte ...

Autor

Sophie Coulombeau wuchs in Manchester auf. Die 28-jährige Autorin studierte Literaturwissenschaften am Trinity College in Dublin, in Oxford und an der University of Pennsylvania. Derzeit promoviert sie in York. »Nach allem, was passiert ist« ist ihr erster Roman.

mehr zum Autor

Presse

Maxi

»Sophie Coulombeau zeigt in ihrem aufwühlenden Debüt, wie schwierig es ist, Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden.«

Bücher Magazin

»Ein spannender, fordernder und zugleich mitreissender Roman, der die eigene Sicht auf die Welt infrage stellt.«

WDR5

»Ein erstaunliches Erstlingswerk, das man bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legen will!«

Bayerischer Rundfunk

»Sophie Coulombeau hat ein fantastisches Buch über Wahrheit, Sitten und Sünde geschrieben. Es ist ein faszinierendes, kluges, dramaturgisch brillant geschriebenes Buch.«