Quality Time

Quality Time

Miika Nousiainen

Der finnische Bestseller über unser Streben nach Glück und das Unbehagen, das es meist auslöst.

Sami hat einen Traum: Er möchte unbedingt Vater werden. Doch seine biologische Uhr tickt mittlerweile so laut, dass er nicht hört, was seine Freundinnen dazu sagen. Als wieder eine Beziehung kläglich scheitert, trifft Sami eine Reihe verhängnisvoller Entscheidungen, die sogar eine Motorradgang gegen ihn aufbringen. Zum Glück gibt es den Blog Quality Time, der sämtliche Probleme mit Wald-Yoga, knusprigen Hirsekeksen und der richtigen Wandfarbe löst. Doch ist es wirklich so einfach?

Format

  • Miika Nousiainen – Quality Time
    Roman

    Original: Pintaremontti

    Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
    Hardcover
    Format: 11,6 x 18,5 cm , 336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5848-4

    13. Juli 2021
    22,00 EUR

  • Miika Nousiainen – Quality Time
    Roman

    Original: Pintaremontti

    Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
    Ebook
    336 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9477-2

    13. Juli 2021
    17,99 EUR

Leseprobe

Sami

»Mein Beileid.« »Danke. Vielen Dank.« Mein Vater war ein sportlicher Mann und hat immer betont: Dabei sein ist alles. Jetzt wird sein Mantra wahr. Alle sind dabei, niemand gewinnt.

Ich stehe mit meiner Mutter Asta, meiner Schwester Hanna und ihrem Mann Jonas in der Sommerhitze vor der Kirche und nehme die Beileidsbekundungen entgegen.Der Tod meines Vaters kam ohne Vorwarnung. Herzinfarkt.

Auf dem Friedhof versammeln sich Angehörige, Freunde und Kollegen. Alle, die dem Toten irgendwie nahestanden. Wie es zu sein hat bei Beerdigungen. Komischerweise kenne ich ziemlich wenige. Wenn ich nicht mal richtig weiß, wer meinem Vater nahestand – ist es da verwunderlich, dass ich auch zu anderen Leuten keine gute Verbindung aufbauen kann? Zum Beispiel zu meiner Freundin Jenna. Zur Beerdigung wollte sie nicht mit, so weit sind wir angeblich noch nicht. Keine Ahnung, ob das bedeutet, dass auch Hochzeiten und Taufen für sie nicht infrage kommen. Immerhin waren wir schon mal in Paris – und auch bei einer Einweihungsparty und sogar im Baumarkt, aber bis zu einer gemeinsam durchgestandenen Beerdigung ist es wohl noch ein weiter Weg.

Jetzt stehe ich allein hier rum und sehe in allen Gesichtern denselben Gedanken: Hat der Arme immer noch keine Freundin? Ich verstehe sie. In meinem Alter sollte man längst Familie haben. Und wieder drückt irgendein entfernter Verwandter meine Hand und legt die andere auf meine Schulter. »Herzliches Beileid.« »Danke.« »Euer Vater war ein guter Mann. Ich wünsche euch viel Kraft.« »Danke.« Eine lange Schlange bekümmert aussehender Menschen zieht an mir vorbei. »Martti war so ein feiner Kerl.« Das höre ich zig Mal.

Warum nur hat er das so gut vor uns verborgen? Wenigstens Mama hätte er seinen tollen Charakter hin und wieder zeigen können. Dazu hatte er vierzig Jahre Gelegenheit. Was bringt es uns, dass er nur zu anderen nett war? Uns hat er seine charmanten Seiten nie gezeigt. Okay, ein Arschloch war er auch nicht. Einfach ein typischer männlicher Vertreter seiner Generation. Trotzdem: Wenigstens einmal hätten wir dann doch gern gehört, dass er uns halbwegs in Ordnung fand.

Ich nicke der alten Cousine, die den Toten in den Himmel lobt, höflich zu und beobachte unauffällig meine Mutter. Schafft sie diese Veranstaltung? Aber ich muss mir wohl keine Sorgen machen. Sie hat eine lange Ehe mit einem schwierigen Menschen ertragen, da packt sie diesen Tag auch.

Heute steht sie zum ersten Mal seit der Hochzeit im Mittelpunkt. Sie ist jetzt Witwe, und alle schauen auf sie. Schluss mit dem Schattendasein. Sich wie sonst in die Küche zu verdrücken und hektisch ein paar Reste zu essen, um dann die Gäste im Esszimmer weiter zu bewirten, klappt nicht mehr. Heute ist sie diejenige, um die sich alle kümmern.

Endlich haben die Gäste in der Kirche Platz genommen. Still sitzen sie auf den Holzbänken und prüfen, ob sie die angekündigten Lieder kennen. Ah, doch, das alte Kirchenlied über die einsame Wanderung ist dabei, Marttis Lieblingslied. Logisch, dass wir das ausgesucht haben, das Lied passt, er war eigenbrötlerisch, sein Leben lang.

Wir gehen in die erste Bank. Hinter uns sitzen Verwandte, Freunde und Nachbarn – je näher man dem Verstorbenen stand, umso weiter vorn haben sie sich niedergelassen. Ein guter Nachbar ist wichtiger als ein entfernter Verwandter, ein entfernter Verwandter wichtiger als ein Kollege oder Sportkumpel. Das kapiert jeder intuitiv.

Der Pastor erzählt, dass Martti an fleißige Arbeit, Gerechtigkeit und Gott geglaubt hat. Nun ja, wenn er meint … könnte schon stimmen. An Fakten hat er jedenfalls nicht geglaubt oder sich zumindest nicht von ihnen beeindrucken lassen. Dabei hat Mama es oft genug gesagt: Rauch nicht so viel. Streich die Butter nicht so dick.

Jetzt behauptet der Pastor, Martti hätte seine Mitmenschen auf Platz eins gestellt und sich selbst hintenan. Das ist nun wirklich Bullshit. Seine Frau hat er in die Küche verwiesen und seine Kinder regelmäßig daran erinnert, dass die Nachbarskinder toller sind. Aber woher soll der Pastor auch jedes einzelne verstorbene Gemeindemitglied kennen? Und selbst wenn – die Trauerfeier ist wohl nicht der Rahmen, in dem man seine Schäflein rückblickend noch mal ordentlich kritisiert. Vor Gott sind ja alle gleich.

Ehrlich gesagt fühle ich so gut wie nichts. Das sollte anders sein, schätze ich. Nicht mal der Trauermarsch dringt zu mir durch. Aber okay, in meinem Leben gibt es Wesentlicheres als den Tod eines nahen Angehörigen, der mir nicht nahestand. Ich bin fast vierzig, und von Nachwuchs fehlt jede Spur. Es wäre tröstlich, hier nicht allein stehen zu müssen. Mit Kindern an meiner Seite wüsste ich, dass alles irgendwie weitergeht. Na ja – es geht auch ohne Kinder weiter. So lange, bis Schluss ist.

Behutsam legen wir unseren Kranz auf den Sarg. Mama hat Papa ein letztes Mal Respekt gezollt, indem sie den zweit günstigsten Sarg ausgesucht hat. Das hat er uns stets eingeschärft: Kauf nie das Billigste. Kauf das Zweitbilligste. Nimm nie das Schlechteste. Das Zweitschlechteste reicht aus.

Am Sarg schluchzt Mama laut los. Ich hake sie unter und drücke ihren Arm. Für sie ist es ein harter Brocken: Der Mensch, der ihr dauernd Ratschläge gab, ist weg. Ab sofort muss sie selbst entscheiden. Ich kann mir den Schock kaum vorstellen; meine Beziehungen haben maximal ein Jahr gehalten.

Hanna liest den Gedenkspruch vor, den wir im Grunde nur ausgesucht haben, weil er von all den Sprüchen am wenigsten verlogen war: Nun ruht deine fleißige Hand, dein Haupt liegt in ewigem Schlaf. Relativ nichtssagend und daher irgendwie passend. Papa war ein Arbeitstier, er hat gern mit den Händen gearbeitet. Mit seinen großen Holzstapeln im Schuppen und seinen Schnitzereien hat er regelrecht angegeben.

Mein Schwager Jonas und ich nehmen Mama in die Mitte und gehen mit ihr zurück zu unserem Platz.Hanna reicht ihr frische Taschentücher und tätschelt ihr den Rücken. Sehr anständig von ihr, sogar ein Zugeständnis. Meine Schwester versteht sich nicht mit unserer Mutter. Als ich vor einiger Zeit mal nachgefragt habe, was eigentlich der Grund dafür ist, meinte sie, dass sie es nicht mehr aushält – die ewige Fragerei nach Enkelkindern. Wie gern Mama endlich Oma werden möchte und dass ihre beste Freundin Teresa ja auch längst Enkel hat.

Hanna findet, dass Mama übergriffig ist und im Ton absolut danebenliegt. Und durch ihr Verhalten alles kaputt macht. Trotzdem glaube ich, dass die Zeit es wieder richten wird. Die Zeit ist in unserer Familie schon immer ein wichtiger Faktor gewesen. Und Mama mag nervig sein, aber ein schlechter Mensch ist sie nicht.

Nach uns tritt Papas Bruder samt Familie an den Sarg. Danach Papas ältere Schwester mit ihren Kindern und Enkeln. Anschließend ist Papas jüngere Schwester mit ihrer Familie dran.

Das Ganze flutscht geradezu: Ein Grüppchen nach dem anderen erhebt sich, geht zum Sarg, legt Blumen oder einen Kranz nieder, spricht einen Vers, nickt dem Toten ein letztes Mal zu, ein mitfühlender Blick zu uns Hinterbliebenen, und schließlich gehts zurück in die Kirchenbank.

Nach der Verwandtschaft ist Papas Arbeitgeber an der Reihe. Ja, er hatte wirklich nur einen einzigen, sein ganzes Leben lang. Ein Chef, eine Frau, keine Patchworkkinder – ein simples Leben. Für Männer seiner Generation war alles einfach. Sicherlich nicht lustig oder glanzvoll, aber einfach. Dann kam der Herzinfarkt, und das wars.

Papas ehemaliger Chef ist richtig traurig. »Danke für die vielen gemeinsamen Jahre und deinen großartigen, unermüdlichen Einsatz. Wir werden dich nie vergessen, Martti. Deine Kollegen von der Blechschmied-AG Jokinen.« Papa war richtig gut im Bauen konkreter Gegenstände. Nur für Gefühle blieb wenig Zeit.

Jetzt sind meine zwei engsten Kindheitsfreunde dran, die früher viel bei uns zu Hause waren. Markus und Nojonen, den alle nur mit Nachnamen anreden. Markus hat seine drei Töchter dabei, er ist seit Kurzem alleinerziehend. Seine Frau hatte die Schnauze voll vom Familienalltag und ist abgehauen. Natürlich spielt auch ihre Depression stark mit rein. Jetzt strampelt Markus sich alleine ab.

Seine jüngste Tochter möchte nicht zum Sarg gehen und bleibt heulend auf halber Strecke stehen. Die Älteste liest brav den Abschiedsvers vor und versucht, das Gebrüll der Kleinen zu übertönen. Die Mittlere rennt los Richtung Sakristei, da muss Markus hinterher. Bis er sie eingefangen hat, sind drei Stühle und eine Kerze umgekippt.

Kinder gelten als Reichtum. Aber mein alleinerziehender Freund Markus sieht das derzeit garantiert anders. In Situationen wie dieser entscheidet man sich vielleicht lieber für Armut. Nojonen springt Markus bei, indem er zu der jüngsten Tochter geht und sie tröstet, bis sie nicht mehr heult und bereit ist, sich dem Sarg ein Stück zu nähern. Nach gefühlten zehn Minuten stehen auch Markus und seine mittlere Tochter wieder am Sarg. Atemlos von dem Gerenne, liest Markus einen weiteren Abschiedsspruch vor, der wohl erheitern soll: »Wenn ihr jetzt alle lieb und brav seid, dürft ihr nachher Computer spielen. In warmem Ge denken an Martti Heinonen. Markus und Familie.« Markus verbeugt sich zum Sarg hin, nickt mir, Hanna und Mama zu und kehrt mit den Kindern an seinen Platz zurück. Die Mittlere hat vom Chaos noch nicht genug und singt spontan ein selbst gedichtetes Lied: »Irgendwann ist Schlu-huss, irgendwann ist Schluss! Juchhuu, juchhuu, juchhuu!«

Markus reckt den Hals in meine Richtung und sieht mich entschuldigend an. Als seine Tochter nicht aufhört mit ihrem Lied, zerrt er alle drei Mädchen nach draußen vor die Kirche.

Nun ist Nojonen dran. Seine Eltern sind die ältesten Freunde meiner Eltern, aber weil sowohl seine Mama als auch sein Papa ziemlich krank sind, kommt Nojonen allein. Langjährige Krankheit wiegt im Zweifelsfall schwerer als langjährige Freundschaft. Nojonens Stimme zittert beim Lesen seines Zettelchens. »In ehrenvollem Gedenken an unseren guten Freund und Nachbarn Martti Heinonen. Von der ganzen Familie Nojonen.« Er kniet nieder und legt den Kranz an den Sarg. Weil sein Jackett kurz geschnitten ist und seine Anzughose niedrig sitzt, zeigt er der gesamten Trauergemeinde seine Arschritze.

Einige grinsen. Andere schauen verschämt zu Boden. Warum? So hat Gott uns erschaffen. Und mein Freund Nojonen hat sicher schon Drastischeres erlebt, als ein paar schwarz gekleideten Leuten seine Kimme gezeigt zu haben. Im Job ist er ein gefragter IT-Experte, gerade wenn es in großen Firmen brenzlig wird. Zuletzt hat er leider vor allem im Privaten Feuer löschen müssen. Und seine pflegebedürftigen Eltern sind anspruchsvoller als Computer. »Menschen sind leider sehr viel anfälliger als Technik«, hat er neulich geseufzt

Autor

Miika Nousiainen, geboren 1973, schreibt scharfe, sanfte und tragikomische Romane über überraschende Themen wie Langstreckenlauf, den Wunsch, schwedisch zu sein, und Zahnmedizin. Auf Deutsch erschienen ...

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Presse

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