Rechts blinken, links abbiegen

Dorthe Nors

Die Geschichte einer Frau, deren Leben festgefahren ist und die sich tief in ihrem Inneren nach mehr Freiheit sehnt. Dieser Roman bewegte mit seinem leichten, aber literarischen Ton und seinem trockenen Humor zahlreiche Leser in Dänemark.

Als sich Sonja mit über vierzig endlich bei der Fahrschule anmeldet, verspricht sie sich davon mehr Freiheit. Nur bereitet ihr das Schalten größere Probleme als gedacht und überhaupt läuft ihr Leben gerade nicht rund. Immer mehr sehnt sie sich an die idyllischen Orte ihrer Kindheit zurück: Wilde Singschwäne und Zugvögel will sie sehen, keine Tauben und Plastikeulen auf Nachbarbalkonen! Doch was muss passieren, damit Sonja ihr Schicksal in die Hand nimmt?

Format

  • Dorthe Nors – Rechts blinken, links abbiegen
    Roman

    Original: Spejl, Skulder, Blink

    Aus dem Dänischen von Frank Zuber
    Hardcover
    Format: 12,1 x 19,0 cm , 192 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5747-0

    20,00 EUR

  • Dorthe Nors – Rechts blinken, links abbiegen
    Roman

    Original: Spejl, Skulder, Blink

    Aus dem Dänischen von Frank Zuber
    eBook
    192 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-9337-9

    15,99 EUR

Leseprobe


 

Sonja sitzt in einem Auto, und sie hat das Wörterbuch dabei. Es ist schwer und liegt in der Tasche auf dem Rücksitz. Sie ist halb fertig mit der Übersetzung des neuesten Gösta Svensson, dessen Niveau schon im vorigen Krimi am Sinken war. Jetzt kann ich es mir leisten, dachte sie, suchte im Internet nach Fahrschulen und meldete sich bei Folke in Frederiksberg an. Der Unterrichtsraum war klein, blau gestrichen und roch nach altem Rauch und Umkleide, aber sie hat die Theorie bestanden. Außer Folke saß nur noch einer in Sonjas Alter dort. Er hatte den Führerschein wegen Alkohol am Steuer verloren und blieb während des gesamten Kurses für sich, sodass Sonja zwischen all den Teenagern umso mehr hervorstach. Beim Erste-Hilfe-Kurs musste sie das Unfallopfer spielen. Der Kursleiter zeigte auf die Stelle an ihrem Hals, wo sie nachfühlen sollten, ob sie noch atmete. Seine Finger strichen ihr übers Gesicht und fuhren in ihren Kragen. Dann packte er sie um den Oberkörper und führte das Heimlich-Manöver an ihr vor. Sie erstickte fast, doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass sie die Übungen wiederholten. Es war demütigend, von einem Achtzehnjährigen in die stabile Seitenlage gebracht zu werden. Ihr wurde schwindlig, aber keiner sollte es merken. Du bist ein Fighter, hat Mutter immer gesagt, und das stimmt, Sonja gibt nie auf. Vielleicht sollte sie, aber sie tut es nicht. Dann drückt ihr dreißig Mal fest auf den linken Brustkorb und fühlt nach, ob sie wieder atmet, sagte der Kursleiter.
Atmen, dachte Sonja, darauf kommt es an, und bestand die Theorie. Sie hat mehr Probleme mit der Praxis, deshalb sitzt sie nun im Auto. Sie freut sich, dass sie so weit gekommen ist, doch es reicht nicht, sie braucht Übung. Sonjas Schwester Kate und deren Mann Frank haben den Führerschein in den Achtzigern gemacht. Daheim in Balling ließ man die Autoreifen qualmen und fuhr Stoppelfeldrennen in tiefergelegten Schrottwagen. Allen Gefahren, die Kate heute scheut, hat sie als Teenager ins Auge geblickt. Sie war Beifahrerin in ausrangierten Autos, Femme fatale beim Scheunentanz und der Mittelpunkt von Vereinsheimen und Turnwettkämpfen. Sicher war sie oft betrunken nach Hause gefahren. In Balling nimmt man nachts den Schleichweg hinter der Kirche. Sonja schleicht ebenfalls, aber nur, weil sie so schlecht fährt. Das Auto als Mechanismus ist ihr ein Rätsel, was die Fahrstunden problematisch macht. Das größte Problem jedoch sitzt neben ihr. Es heißt Jytte und ist Kettenraucherin. Die Wände der Fahrschule sind mit Zigarettenrauch galvanisiert, von dem ein Großteil durch Jyttes Lunge gezogen ist. Wenn Sonja kommt, sitzt Jytte in Folkes Büro, ist auf Facebook oder blättert in den Akten der Fahrschüler. Melanie, die mit dem Pferdeschwanz, hat kein Attest bekommen, ruft sie Sonja zu. Sie hat was mit den Nerven, wusstest du das ?
Sonja wusste es nicht. Auch sie hat kein Attest bekommen, weil mit ihren Ohren etwas nicht stimmt. Bei bestimmten Bewegungen kann sie die Balance nicht halten, das hat sie von ihrer Mutter geerbt. Lange glaubte sie, sie wäre davon verschont geblieben, bis ihr zum ersten Mal schwindlig wurde. Es nennt sich » Benigne paroxysmale positionale Vertigo «, doch das ist zu viel Latein für den Ort, aus dem Sonja stammt. Außerdem hat sie es im Griff. Es soll sie an nichts hindern, deshalb sitzt sie nun im Auto. Gösta liegt auf dem Rucksitz, und Jytte sitzt neben ihr.
Weil Jytte so viel auf dem Herzen hat, hat sie keine Zeit, Sonja das Schalten beizubringen. Seit sechs Monaten lernt Sonja bei Jytte, und sie findet noch immer nicht den richtigen Gang. Jytte nutzt die Gelegenheit und übernimmt das Schalten für sie, denn wenn sie für Sonja die Gänge wechselt, muss sie nicht das Thema wechseln : Ihr Sohn heiratet, ihre Enkel sollen irgendwelche furchterlichen Namen bekommen, ihre Schwiegertochter ist eine dumme Gans, und die Mutter ihres Schwagers hat einen neuen Mann, dessen Schwester gerade gestorben ist.
» Thailänder können kein Auto fahren. «
Sonja und Jytte halten an einer Ampel in Frederiksberg. Der Rauch der letzten Zigarette hängt noch im Auto und mischt sich mit dem Geruch von Sonjas Schweiß. Sie blinkt rechts, Jytte hat die Hand an der Gangschaltung, und Sonja hält nach Radfahrern Ausschau.

Autor

Dorthe Nors wurde 1970 in Herning, Dänemark, geboren und studierte Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Aarhus. Sie ist die Autorin mehrerer Romane, Kurzgeschichten und Novellen. Auf Deutsch erschien 2014 ihr international gefeierter Erzählband »Handkantenschlag«, im selben J [...]

mehr zum Autor

Presse

Emotion

»Eine Heldin, wunderbar unmodern […], rührend in ihrer Ehrlichkeit«

Deutschlandfunk

»Sehr behutsam überführt die dänische Autorin Dorthe Nors ihre boulevardeske Ausgangslage in ein existenzielles Drama der Zwischentöne. Bei aller Komik, die der Text bietet, nimmt er die Nöte seiner Hauptfigur ernst.«

Die Presse

»In Nors' bedeutsamem Roman sind die Schattenseiten zu spüren, die ungebundene Menschen mitunter erleben.«

HR2 Kultur

»Eine wunderbar eigensinnige Geschichte der Selbstfindung und Standortbestimmung.«

Altmühl-Bote

»Eine feine, warmherzige Erzählung.«

herzpotenzial.de

»Lustig, berührend und voll sprachlicher Schönheit.«

Style

»Ein kleines grosses Buch voller Poesie und Charme.«

Literaturzeitschrift.de

»Dorthe Nors gilt als Dänemarks große Literaturhoffnung, wahrscheinlich die größte weibliche Hoffnung seit Tania Blixen.«

Ostthüringer Zeitung

»Wie schon in ihrem hochgelobten Erzählungsband »Handkantenschlag«, der 2014 auf Deutsch erschien, taucht die dänische Autorin tief in das Seelenleben ihrer Figuren.«