Schreibtisch mit Aussicht

Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben

Ilka Piepgras

Vom Glück des Schreibens und von dessen Preis, von Routine und Ritualen, von Vorbildern und Verzicht: 24 bedeutende Schriftstellerinnen erzählen davon auf sehr persönliche Weise.

Schreiben ist harte Arbeit, das gilt unabhängig vom Geschlecht, und es ist Synonym für allerhöchste Konzentration. Bislang sind Werkstattberichte von Frauen rar. Dieses Buch versammelt nun erstmals Beiträge über die Schnittstelle von Leben und Kunst. Mal ergreifend und offenherzig, mal pragmatisch und wirklichkeitsnah reflektiert jeder Text auf eigene Art weiblichen Schöpfergeist und räumt mit überholten Schriftstellerinnen- Klischees auf. Was bringt Schriftstellerinnen dazu, zu schreiben? Womit kämpfen sie im Alltag, was beflügelt sie, was lässt sie dranbleiben? Dieses Buch feiert die Vielfalt und Größe schreibender Frauen.

Format

  • Ilka Piepgras – Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
    Sachbuch

    Hardcover
    Format: 12,5 x 20,5 cm , 288 Seiten
    ISBN: 978-3-0369-5826-2

    3. November 2020
    23,00 EUR

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Leseprobe

ILKA PIEPGRAS

WIE ES BEGANN

Während eines Studienaufenthaltes in den USA stieß ich vor einiger Zeit auf Anne Tylers Essay Still just writing. Tyler verwebt darin scheinbar Belangloses aus dem Alltag mit existenziellen Lebensfragen: Wie wird man, wer man ist, und welche Rolle spielt die Herkunft? Still just writing (Ich schreibe nur) erzählt vom Bemühen seiner Autorin, dem Familienleben Schreibzeit abzutrotzen, der Titel geht auf die Schulhof- Frage einer anderen Mutter zurück: Ob sie schon Arbeit gefunden habe oder immer noch nur schreibe? Tyler spielt in diesem Essay mit ihrem Selbstbild als Schriftstellerin: Was ist das für eine seltsame Tätigkeit, Geschichten zu erfinden – und sogar dafür bezahlt zu werden? Wie unterscheiden sich die Bedingungen des Schreibens von Männern und Frauen? Ich habe den Text, der Ende der Siebzigerjahre entstand, etliche Male gelesen und jedes Mal Neues entdeckt, er ist ein Grundpfeiler meiner inneren Bibliothek. Am meisten verblüfft mich, wie zeitlos Tylers Beobachtungen sind. Heute wie damals stellt sich Schriftstellerinnen bei der Arbeit das Leben in den Weg. Warum bloß hat sich so wenig geändert?

Still just writing ist die Keimzelle des vorliegenden Buches. Der Text, hier erstmals in deutscher Übersetzung zu lesen, gab den Impuls, auch andere zeitgenössische Autorinnen aus Europa und den USA davon erzählen zu lassen, warum sie schreiben und wie sie geworden sind, was sie sind. Ziel der Anthologie ist es, die Situation schreibender Frauen zu erhellen – in bewusster Abgrenzung von Männern, die in diesem Buch nicht vorkommen, denn Schriftsteller gehen unter privilegierten Bedingungen an die Arbeit: Niemand fragt sie, ob sie schon Arbeit gefunden haben oder immer noch nur schreiben, ihr Selbstbild ist allgemein anerkannt. Genauso wenig will man von ihnen wissen, wer sich um die Kinder kümmert, wenn sie auf Lesereise sind. Und wenn sie sich in einem Roman für die Erzählperspektive eines Mannes entschieden haben, müssen sie sich nicht dafür rechtfertigen, Männerliteratur zu produzieren. Frauen schon. Ihr Geschlecht wird zwischen den Zeilen mitgelesen, es hat, lange bevor das erste Wort zu Papier gebracht worden ist, Konsequenzen für ihre Arbeit. Schriftstellerinnen sind unfreier als Männer, weil ihre Arbeit mit stereotypen Rollenklischees verbunden ist: Frauen seien mehr auf ihre unmittelbare Lebenswelt bezogen, heißt es, sie gingen mehr nach innen als nach außen und lieferten bestenfalls Bekenntnisliteratur. Von einer anerkannten Autorin habe ich kürzlich gehört, sie habe auf Anraten der Lektorin, unmittelbar bevor ihr sechster Roman in den Druck ging, die Perspektive der Ich-Erzählerin aus der Gegenwart in die Vergangenheit übertragen – als vorauseilende Maßnahme gegen den möglichen Vorwurf von »Betroffenheitsprosa«. Frauen denken beim Schreiben den Blick von außen instinktiv mit, sie zensieren sich selbst.

Die Texte auf den folgenden Seiten geben Einblick in den Entstehungsprozess literarischer Arbeit. Sie erzählen von Routine und Ritualen, vom Glück des Schreibens und von dessen Preis, auch von Vorbildern und Verzicht. Wie einsam ist das Schreiben und wie fange ich an? George Orwell hat sich diese und ähnliche Fragen 1946 in seinem Essay Why I write gestellt, ein Jahr, nachdem Farm der Tiere veröffentlicht wurde, seinem Durchbruch als Romanautor, heute ein Klassiker. Damals war er 43. Why I write erschien in der britischen Literaturzeitschrift Gangrel, einer kurzlebigen Publikation: Bereits im zweiten Jahr nach der Gründung war Schluss, insgesamt sind nur vier Ausgaben erschienen. Orwells Beitrag aber hat überlebt, er wird heute in Universitätsseminaren analysiert und unter Autoren diskutiert.

Er schreibe aus »reinem Egoismus«, behauptet Orwell in Why I write. Die Sehnsucht danach, sichtbar zu werden und zu bleiben, ist ein Motiv, das viele Autoren, ganz gleich welchen Geschlechts, antreibt. Als Journalistin, die häufig Schriftstellerinnen porträtiert, höre ich von Frauen oft weitere Gründe: Geschichten zu erfinden biete die Möglichkeit, Parallelexistenzen zu führen und auf diese Weise das eigene Leben zu verdichten. Schreiben, um herauszufinden, was man denkt, ist ein anderes zentrales Motiv. Oft habe ich bei meinen Interviews den Eindruck, Frauen schreiben um des eigentlichen Schreibens willen und weniger wegen des Ruhms oder der Öffentlichkeit.

Neben Orwell veröffentlichte Gangrel große Namen wie Henry Miller und Lawrence Durell, doch den Namen einer Frau sucht man in der Vierteljahresschrift vergeblich. Literatur war damals Männersache, wie Krieg und Politik, englische Clubs und Orchestermusik. Frauen traten als Autorinnen oder gar Meinungsmacherinnen kaum in Erscheinung – weil sie, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, öffentlich ihre Stimme kaum erhoben. Die Schriftstellerin jener Zeit hatte keine Plattform und wenig Mut.

Das hat sich zwischenzeitlich zum Glück gründlich verändert. Der Fortschritt ist an der Oberfläche gewaltig – aber wie sieht es innen aus? Ziehen Schriftstellerinnen auch was ihren Selbstwert betrifft mit den männlichen Kollegen gleich? Nach Orwells Why I write hat es noch ziemlich lange gedauert, bis auch eine Frau öffentlich Auskunft darüber gab, warum sie schreibt: Den Anfang machte 1976 Joan Didion, als sie sich in einem Vortrag als jemanden beschrieb, der die aufregendsten Stunden seines Lebens damit verbringt, Worte auf Papier herumzuschieben. Der Vortrag wurde später als Essay veröffentlicht, er trug den gleichen Titel wie der Text von George Orwell, auf den sich Didion ausdrücklich bezog.

Auch Deborah Levy nahm Orwells Essay als Ausgangspunkt, um über das Schreiben nachzudenken. In Things I don’t want to know (Dinge, die ich nicht wissen will), einem 2014 veröffentlichten Essayband, erklärt sie ihren Werdegang als Autorin autobiografisch. »Um Schriftstellerin zu werden, hatte ich lernen müssen, anderen ins Wort zu fallen, den Mund aufzumachen, ein bisschen lauter, schließlich aber nur mit meiner eigenen Stimme zu sprechen, die gar nicht laut ist.« Mit anderen Worten: Es reicht nicht aus, am Schreibtisch in Ruhe seine Arbeit zu erledigen. Um sich als Schriftstellerin zu behaupten, muss man Zurückhaltung aufgeben und in Tätigkeiten investieren, die nicht unbedingt mit dem eigenen Schreiben zu tun haben: Etwa auf Podien sitzen und lautstark Meinungen vertreten, auch wenn es Überwindung kostet.

Das ist interessant. Denn es führt zu der Frage, warum die Literaturwelt bis heute, knapp 75 Jahre nachdem Orwell Why I write geschrieben hat, eine Männerdomäne geblieben ist – obwohl Frauen inzwischen alle möglichen Plattformen zur Verfügung stehen und sie jede Freiheit haben, sich zu äußern. An vielen Stellen arbeitet man zurzeit statistisch auf, wie wenig gleichberechtigt Frauen in der Arbeitswelt noch immer sind. Es wird viel gezählt. Zwei Forschungsprojekte an den Universitäten Rostock und Innsbruck etwa haben das Volumen verglichen, in dem Literatur von Männern und Frauen rezensiert wird. Die Ergebnisse sind wenig überraschend: Frauen sind als Rezensentinnen und als Gegenstand von Rezensionen in den prestigeträchtigen Publikationen schockierend unterrepräsentiert. Ganz offensichtlich erwarten die Feuilletons mehr von den Werken männlicher Autoren. Und wo man Substanz voraussetzt, findet man sie eher als dort, wo man sie nicht vermutet. Es ist ein Teufelskreis: Je größer die Bereitschaft ist, bei Männern Bedeutung zu suchen, desto eher fallen Frauen durch den Rost. Und je weniger Beachtung die Literatur von Frauen findet, desto weniger wird auch danach gesucht.

Obwohl immer mehr Frauen Bücher veröffentlichen – und die Leserschaft nach wie vor mehrheitlich weiblich ist –, hat sich die Rezeption also kaum verändert. Es wird zwar viel darüber geredet, dass sich die Geschlechterrollen auflösen, aber in der Realität funktionieren sie immer noch prima. Nach wie vor wird die Arbeit von Schriftstellerinnen weniger ernst- und wahrgenommen als die von Schriftstellern. Für Debatten und Gesprächsstoff sorgen hauptsächlich Publikationen von Männern, auch daran hat sich wenig geändert.

Warum ist das so? Weil sich die Abwesenheit von Frauen in Kunst und Kultur über Jahrhunderte strukturell verfestigt hat und weniger leicht durchbrechen lässt, als wenn Männer damit beginnen, Kinderwagen zu schieben und Elternzeit zu nehmen. Selbst wenn man plötzlich die Quoten erhöhen und mehr Literatur von Frauen rezensieren würde – es würde wenig ändern. Denn die Ursache wurzelt tiefer, sie liegt in der unterschiedlichen Erwartungshaltung an die Geschlechter und geht der Veröffentlichung eines Kunstwerks lange voraus: Männer produzieren universal gültige Meisterwerke, Frauen stehen für Selbstbeschau, um nur ein paar der Vorurteile zu nennen, die die öffentliche Wahrnehmung prägen. Die ungleiche Ausgangsposition wird über die Vermarktung der Bücher äußerlich noch verstärkt: Die Cover von Frauen sind entsprechend den Geschlechterklischees gestaltet – mit suggestiven Bildern, warmen Farben und zurückhaltender Typografie.

In der Literaturgeschichte haben Frauen keine Tradition. Nahezu alle berühmten Romane wurden von Männern geschrieben und große literarische Frauenfiguren wie Anna Karenina oder Emma Bovary sind reine Männerfantasien. Ein allgemeingültiger Kanon weiblichen Schreibens existiert nicht – leichter könnte man einen Kanon der nicht veröffentlichten Frauenstimmen zusammenstellen, scheint es. Es fehlen Vorbilder und Ideale von Schriftstellerinnen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Ich selbst bin mit Literatur aufgewachsen, die von Männern geschrieben wurde, und auch meine Kinder lesen in der Schule Friedrich Schiller und Theodor Fontane, Peter Härtling und Bernhard Schlink. Als meine Patentochter achtzehn wurde, hat sie sich Shakespeare gewünscht.

Die Tradition, dass die großen Kulturschöpfungen von Männern stammen, können weibliche Künstler nur schwer durchbrechen. Die Frau habe kein Werk, sagt Jelinek in ihrem Beitrag für das vorliegende Buch. »Mir fehlt in der Debatte um weibliche Kunst und Weiblichkeit im Öffentlichen immer ein einziges Wort: Verachtung.« Nicht die abwesende Frau ist im Literaturbetrieb also das Problem, sondern die vermeintliche Überlegenheit des Mannes. Gäbe es tatsächlich einen Unterschied in der Leistungsfähigkeit der Geschlechter, wären die Berliner Philharmoniker auch heute noch ein reines Männerorchester. Es hat zwar hundert Jahre gedauert, bis 1982 die erste Geigerin aufgenommen wurde, aber es funktioniert. Frauen musizieren heute nicht besser oder schlechter als vor hundert Jahren, sie wurden lediglich nicht gehört.

Das gilt, wie die 23 Beiträge dieser Anthologie zeigen, auch für die Literatur. Alle in diesem Buch vertretenen Autorinnen haben sich im Literaturbetrieb über die Qualität ihrer Texte durchgesetzt, man misst sie an ihrem handwerklichen Können. Wie hoch der Preis ist, den dieses Handwerk dem Leben abfordert, hat George Orwell in seinem Aufsatz Why I write übrigens so formuliert: »Ein Buch zu schreiben ist ein schrecklich anstrengender Kampf, vergleichbar mit einer schmerzhaften Krankheit.« Schreiben ist Kampf, das gilt für Männer genauso wie Frauen unabhängig vom Geschlecht, und es ist Synonym für allerhöchste Konzentration. Diese Konzentration aufzubauen und zu halten ist ein empfindlicher Prozess. Die Impulsivität von Kindern kann Konzentration zerschneiden, auch digitale Kommunikation oder Ablenkungen anderer Art. Rigoroses Abschotten ist heute mehr denn je Voraussetzung für jede Form von geistiger Arbeit. Sähe der Arbeitsalltag von Schriftstellerinnen anders aus, wären sie ein Mann? Ich glaube schon, denn es fällt Frauen schwerer, kompromisslos abzutauchen und sich nicht zuständig zu fühlen für das, was hinter der geschlossenen Tür des Arbeitszimmers geschieht, auch davon erzählt dieses Buch. Katharina Hagena etwa hält Zeit-am-Stück zum Schreiben für den größtmöglichen Luxus, Antonia Baum vergleicht Schreiben mit einem extrem durchgetakteten Turbo-Hochleistungssport. Und bei Hilary Mantel kann man lesen, sie werde oft gefragt, ob sie regelmäßig jeden Tag schreibe oder nur dann, wenn eine Eingebung komme. Die Frage empört sie, verständlicherweise. Denn natürlich arbeitet jede ernsthafte Schriftstellerin jeden Tag. Schreiben ist schließlich kein Hobby. Sitzen bleiben und weitermachen höre ich von Autorinnen oft als Ratschlag fürs Schreiben. Durchhalten. Einem guten Buch merkt man die Schwerstarbeit nicht an, unter der es entstanden ist. Für Leser ist schwer nachzuvollziehen, wie komplex die Arbeit an einem Roman ist – wie viele Schichten abgetragen werden, immer tiefer, bis der Kern herausgeschält ist. Eva Menasse vergleicht den Mut und die Willenskraft, die es dafür braucht, in ihrem Essay mit der Vorstellung, durch einen brennenden Reifen zu springen.

Von den vielen guten Gründen, trotz widriger Umstände zu schreiben, erzählt dieses Buch. So gesehen hat es sein Ziel erreicht: Es bricht das klischeehafte Bild der zeitgenössischen Schriftstellerin und zeigt ihre Kunst als das, was sie tatsächlich ist: harte Arbeit.

Autorin

Ilka Piepgras, geboren 1964, studierte in München Politische Wissenschaften und begann, 1991 als Reporterin bei der Berliner Zeitung zu arbeiten. Nach einem Studienjahr in ...

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Presse

myself

»Überhaupt zeigt die von Ilka Piepgras toll kuratierte Storysammlung, dass das Schriftstellerleben alles andere als glamourös ist, erst recht wenn man Kinder hat.«